|
B. Yilmaz
Die Zukunft der Biologie ist sehr eng mit der Zukunft der Molekularbiologie und der Genetik verknüpft. In diesen Bereichen haben neue technologische Fortschritte in letzter Zeit für atemberaubende Entwicklungen gesorgt. Nun sind Wissenschaftler und Ethiker gefordert, sich auf Vorgehensweisen zu einigen, damit uns nicht spätere Generationen Vorwürfe machen, weil wir zu sorglos mit dem neu erworbenen Wissen umgegangen sind.
Bevor wir über die Zukunft der Biologie nachdenken, möchte ich die wichtigsten Entwicklungen der 90er Jahre kurz skizzieren. Hier ist an erster Stelle die Möglichkeit des Klonens von Tieren zu nennen, die der Weltöffentlichkeit durch das Schaf Dolly bekannt wurde. Diese Errungenschaft wird nach wie vor kontrovers diskutiert. Denn obwohl hier von technischer Seite keine großen Probleme bestehen, kommen Einwände sowohl von religiöser als auch von ethischer Seite: Einerseits wird behauptet, die Wissenschaftler wollten Gott spielen, indem sie Leben ‚erschaffen‘, andererseits befürchtet man, dass demnächst menschliche Klons als lebende Ersatzteillager für Organe missbraucht werden könnten.
Klonen
Was genau versteht man unter ‚Klonen‘? Als Klonen bezeichnet man den Prozess, in dem durch ungeschlechtliche Vermehrung ein gewöhnlicher Zellkern in eine Eizelle mit einem leeren Kern übertragen wird. Wissenschaftler haben Versuche in dieser Richtung schon seit Jahren an Fröschen durchgeführt. Erst als sie ihre Tests auf Säugetiere ausdehnten, nahm die Öffentlichkeit davon Notiz. Das Klonen ist aber nicht mit der Erschaffung von Leben gleichzusetzen, denn man nutzt ein bereits existierendes Gen, das in einem bereits existierenden Zellkern mit einer natürlichen (wenn auch leicht modifizierten) Eizelle verschlüsselt ist. Der daraus resultierende Organismus ist also nichts als eine Kopie jenes Organismus, der vom Schöpfer erschaffen wurde.
Mit anderen Worten: Zu klonen heißt zu kopieren. Wenn man ein Buch kopiert, käme niemand auf die Idee zu behaupten, das Kopiergerät hätte ein neues Buch geschaffen; auch dann nicht, wenn es einige Abwandlungen gegenüber dem Original gäbe, wenn z.B. die Tinte blasser wäre oder andere Farben benutzt würden etc.. Selbst wenn Wissenschaftler eines Tages einen Teil des Gens modifizieren würden, bevor sie mit dem Prozess des Klonens beginnen, und der auf diese Weise entstehende Klon ein anderes physisches Erbgut besäße, würden sie doch nur kleinere Veränderungen an einem großen Kunstwerk vornehmen, das bereits vor langer Zeit perfekt entworfen und erschaffen wurde.
Die ethische Seite des Klonens darf ebenfalls nicht vernachlässigt werden. Warum sollte ein Mensch sich oder andere überhaupt klonen wollen? Mehrere Gründe könnten hier ausschlaggebend sein: z.B. der Wunsch des Menschen, ewig zu leben. Dies ist aber ausgeschlossen. Selbst wenn es gelänge, einen perfekten Klon zu erzeugen, wäre dieser doch eine vollkommen ‚neue‘ Person, die eine eigene Persönlichkeit besäße. In ihrer Entwicklung wäre sie vor allem von ihrer Umwelt beeinflusst.
Ein zweiter Grund könnte sein, den Klon aus dem einen oder anderen Grund als Ersatzteillager für Organe zu verwenden. Die Organe seines Klons würden nämlich vom Immunsystem des Empfängers nicht zurückgewiesen. Einen menschlichen Klon ins Leben zu rufen, nur um seine Organe zu plündern, sollte aber genauso als Mord betrachtet werden, wie das Töten irgendeines anderen Menschen, um an dessen Organe zu kommen. Heutzutage ist das Klonen von Menschen zwar noch ein Prozess, der unterschiedliche technische Probleme aufwerfen würde, in nur wenigen Jahren jedoch könnte die Biomedizin so große Fortschritte erzielen, dass es sehr leicht möglich und für wohlhabende Menschen ohne weiteres bezahlbar wäre.
Festzuhalten bleibt, dass es sich beim Klonen nicht um einen Prozess handelt, in dem eine neue Person geschaffen wird. Ethische Fragen wie die hier vorgestellten bleiben aber bestehen. Um die öffentliche Meinung zu beruhigen und um Bedenken auszuräumen, sollten die Wissenschaftler ganz klar sagen, dass ‚Klonen‘ und ‚Erschaffen‘ nicht einander gleichzusetzen sind.
Genmanipulation
Das zweite Feld, auf dem noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden muss, ist die Manipulation genetischer Codes von Organismen, vor allem von Embryos. Manipulationen dieser Art wurden schon bei vielen Arten vorgenommen, so z.B. bei Bakterien und Viren, bei Hefe, bei Fröschen, Hühnern, Schweinen, Affen und Mäusen. Wissenschaftler können die Gene der Organismen im embryonalen Zustand mit Leichtigkeit so verändern, dass diese später besondere Eigenschaften aufweisen. Auf diese Weise versuchen die Forscher, sich ein besseres Verständnis der unterschiedlichen zu Grunde liegenden biologischen und Stoffwechsel-bezogenen Prinzipien anzueignen.
Solche Bemühungen wurden bislang bei menschlichen Embryos noch weitgehend unterlassen. Sie sind jedoch nicht gänzlich verboten. Die Methode der ‚In-Vitro-Fertilisation‘ (die künstlich herbeigeführte Versc hmelzung einer menschlichen Eizelle mit einer Samenzelle außerhalb des Körpers der Frau) erfordert beispielsweise die Trennung von menschlichen Eizellen, die in ihrer mitochondrialen DNS beschädigt sind, von ihrem Mitochondrium (faden- od. kugelförmiges Gebilde in menschlichen, tierischen u. pflanzlichen Zellen, das der Atmung und dem Stoffwechsel der Zelle dient). Obwohl die genetische DNS des so ins Leben gerufenen Embryos unverändert bleibt, wird seine mitochondriale DNS modifiziert. Dieser Vorgang kann bis zu einem gewissen Grade als genetische Manipulation bezeichnet werden.
Zwei Fragen bleiben zu klären: Sollte man die Genmanipulation menschlicher Embryos erlauben? Würde dies nicht bedeuten, Menschen zu erschaffen? Angenommen, ein Paar kann keine gesunden Kinder bekommen, weil irgendwelche schweren Erkrankungen vorliegen. Nun könnte man die Eltern davon überzeugen, sich trotzdem für ein Kind zu entscheiden, sobald die Genmanipulation von Embryos erst einmal legal wäre. Im Fall schwerer genetisch bedingter Erbkrankheiten und AIDS-Infektionen, die einer Geburt vorangingen, könnte die Genmanipulation von Eizellen oder Embryonen in Zukunft eine wirksame Methode darstellen. Dies hätte jedoch weit reichende Konsequenzen.
Konsequenzen
Zunächst einmal besitzen wir nicht die erforderliche Technologie, die eine vollkommen sichere genetische Manipulation gewährleisten würde. Vorstellbar ist jedoch, dass wir innerhalb eines Jahrzehnts so große technologische Fortschritte machen, dass die notwendigen Voraussetzungen getroffen werden könnten.
Zweitens: Obwohl diese Technologie in erster Linie entwickelt würde, um Krankheiten unter Kontrolle zu bringen bzw. ihnen vorzubeugen, bestünde durchaus die Gefahr, dass man sie auch nutzen würde, um auf physische oder intellektuelle Fähigkeiten von Embryonen einzuwirken. So könnte man z.B. versuchen, ihre Intelligenz zu steigern oder auch nur ihre Augenfarbe zu verändern. Natürlich würde diese neue Technologie zuerst reichen Menschen zur Verfügung stehen; deren Kinder hätten dann die Chance, geschickter und lernfähiger zu werden. Man kann nun zwar argumentieren, dass dies gegen ethische Prinzipien verstoßen würde; aber würde sich das wirklich so sehr von bereits existierenden Umständen unterscheiden, unter denen reichen Menschen bestimmte Medikamente oder chirurgische Verfahren vorbehalten sind, die nur sie sich leisten können?
Drittens: Kann man hier vielleicht schon von ‚Erschaffung von Leben‘ sprechen? Nein, sicherlich nicht, denn der Wissenschaftler manipuliert einen bereits existierenden Code dahingehend, dass er im ebenfalls bereits existierenden Empfänger eine bestimmte neue Form annehmen wird. Selbst wenn es sich hier um neue Codes handelt, wurden diese nach den Prinzipien verschlüsselt, die vom Höchsten Schöpfer verankert wurden.
Fazit
Wenn eine Technologie weiterentwickelt wird, wirft dies immer neue ethische Fragen auf, die die öffentliche Meinung beschäftigen. Andererseits lernt man ständig neue Verfahren kennen, die der Menschheit Wissen über die Funktionsweise des Universums vermitteln. Molekularbiologie und Genetik sind wichtige Wissenschaftszweige, die sich zurzeit schneller entwickeln als viele andere. Generell sollten alle Fortschritte, egal worum es sich bei ihnen nun im Einzelnen handelt, der Öffentlichkeit klar und deutlich erklärt werden, damit Missverständnisse gar nicht erst aufkommen können.
|