|
Woher wissen wir eigentlich, wann unsere Gesprächspartner ihre Ausführungen beendet haben und wir selbst das Wort ergreifen können? Direkt zum Sprechen aufgefordert werden wir ja schließlich nur im Ausnahmefall. Eine Sprachwissenschaftlerin der holländischen Universität Leiden ist dieser Frage nachgegangen und hat herausgefunden, dass vor allem dann, wenn in vollständigen Sätzen gesprochen wird, der Sprachmelodie eine entscheidende Rolle bei der Markierung des Endes von Äußerungen zukommt.
Auch die Unterhaltungen zwischen gebildeten und höflichen Menschen bestehen nicht ausschließlich aus druckreifen Sätzen. Die Gesprächspartner halten oft kurz inne, z.B. um nach dem richtigen Wort zu suchen. Manchmal beenden sie ihre Sätze auch gar nicht grammatikalisch korrekt. Wenn zwei oder mehrere Menschen miteinander sprechen, finden also viele verschiedene sprachliche Vorgänge statt. Eigentlich grenzt es schon fast an ein Wunder, dass sich die Menschen nicht ständig ins Wort fallen, sondern relativ genau den Moment abpassen, in dem sie das Wort ergreifen können.
Im Rahmen einer Studie an der Universität Leiden wurden Probanden Ausschnitte aus Konversationen vorgespielt. Dann bat man sie anzugeben, ob sie zu bestimmten Gelegenheiten das Wort hätten übernehmen dürfen oder nicht. Wenn Sätze unvollendet im Raum standen, sahen die Versuchspersonen (unabhängig von der Sprachmelodie) seltener die Möglichkeit zur Redeübernahme als bei vollständigen Sätzen. Bei ausformulierten Sätzen, nach denen der Sprecher nur kurz pausierte, um dann fortzufahren, spielte die Sprachmelodie jedoch die entscheidende Rolle: Will der Sprecher nur kurz Luft schöpfen, hebt er den Ton der letzten Silbe vor der Äußerungspause. Dies ist auch der Moment, wo sein Gesprächspartner instinktiv ‚hmm‘ sagt, weil er fühlt, dass sein Gegenüber gleich weiterreden will.
|