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Hikmet Isik
Das Leben des Menschen auf Erden wird von zwei sehr ungleichen Kräften dominiert - vom Geist und vom Fleisch. Diese beiden Kräfte können durchaus harmonieren. In der Regel streiten sie jedoch miteinander und tragen ihre Konflikte so aus, dass aus dem Sieg der einen Kraft automatisch die Niederlage der anderen resultiert. Der Geist eines Menschen, der keine Gelegenheit auslässt, seinen körperlichen Gelüsten nachzugeben, wird umso schwächer, je bereitwilliger er sich diesen Gelüsten unterwirft. Wer jedoch gegen die Macht seiner körperlichen Gelüste ankämpft, wer seinem Geist Vorrang vor dem Fleisch einräumt und seinem Herzen (dem Sitz des spirituellen Intellekts) Priorität vor dem Verstand, der wird ewiges Leben erlangen.
Ewiges Leben für den Geist
In geistiger Hinsicht bankrotte Länder ähneln Friedhöfen, egal wie viele hundert Triumphbögen und Statuen ihre Straßen auch schmücken mögen. Die meisten Bewohner solcher Länder sind in Wirklichkeit blind und unglücklich. Eine Welt, die nicht auf der gestaltenden Kraft des Geistes aufbaut, ist lediglich ein Spielball menschlicher Brutalität. Und eine Kultur, der es nicht gelungen ist, ein Ethos hervorzubringen, das den Menschen moralische Werte einhaucht, gleicht einer bösen Zauberin, die die Menschheit in einen Hinterhalt gelockt hat. Gefühllose, unsensible Menschen, denen es ausschließlich um ihr eigenes Vergnügen geht, werden das allerdings niemals zugeben. Sie wollen nicht wahrhaben, dass ihr Leben untrennbar mit dem Wohlergehen und Glück ihrer Mitmenschen verknüpft ist. Ach, würden sie doch nur spüren, welches Mysterium ihrer eigenen Sterblichkeit innewohnt; dann besäßen auch sie noch die Chance, in den Genuss eines ewigen Lebens des Geistes zu kommen.
Ein vom Geist dominiertes Leben, das der Essenz des menschlichen Wesens die Ewigkeit zuteilwerden lässt, können nur Menschen führen, deren Herz von erhabenen Idealen und der Liebe zur Menschheit durchdrungen ist. Diese Glücklichen lassen ihre fleischlichen Begierden hinter sich, schulen ihr geistiges Gewahrsein und setzen sich über die Befehle ihres Selbst hinweg. Nur sie, die ihr Selbst bezwingen, dürfen mit Recht siegreich genannt werden. Jene Unglücklichen hingegen, die nicht dazu in der Lage sind, sich aus den Fängen ihres Selbst zu befreien, gehören definitiv zu den Verlierern, auch wenn sie die ganze Welt erobern. Ihre Eroberungen sind keine wahren Siege, weil es ihnen nicht gelingt, in den Ländern, in die sie eingedrungen sind, ein bleibendes gutes Andenken zu hinterlassen.
Sieger und Verlierer
Napoleon verfiel dem Wahnsinn zu glauben, er sei der unumschränkte Herrscher der Welt. Ich frage mich, ob er wohl erkannt haben mag, dass er in dem Moment scheiterte, als er einen Philosophen ins Gesicht schlug. Diese Entgleisung war bitterer und demütigender für ihn als seine Niederlage bei Waterloo. Denn mit seinem Hieb traf er nicht nur diesen einen Philosophen, sondern zugleich auch Wissen und Anstand. Mustafa Pascha auf Merzifon hatte den Kampf bereits verloren, bevor seine Armee vor den Toren Wiens in die Flucht geschlagen wurde. Diese erste Niederlage in der osmanischen Geschichte war schon am Geist des Obersten Heerführers abzulesen gewesen und nahm dann unter seinen Soldaten ihren Lauf. Sein persönliches Versagen kostete nicht nur ihn selbst den Kopf, sondern mündete schließlich darin, dass die erfolgreichste Armee, die die Welt je gesehen hatte, eine äußerst bittere Erfahrung machen musste. Yildirim Khan, Beyazid I., wurde nicht in Cubuk besiegt, sondern an dem Tag, als er seinen Gegner herabwürdigte und sich selbst als Gebieter der Erde rühmte. Natürlich ist dies nur eine kleine Auswahl von Verlierern.
Es gibt aber auch positive Beispiele. Tariq ibn Ziyad triumphierte mit einer Handvoll aufopferungsvoller Kämpfer über die 90.000 Mann starke Armee der Westgoten. Seinen größten Sieg errang er allerdings, als er vor den Reichtümern und Schätzen des Königs stand und sagte: „Sei vorsichtig, Tariq! Gestern noch warst du ein Sklave. Heute bist du ein siegreicher Oberbefehlshaber. Und schon morgen wirst du unter der Erde liegen.“ Salahuddin Ayyubi behandelte Richard Löwenherz überaus großzügig und brachte den stolzen Befehlshaber dadurch in Verlegenheit. Alp Arslan trat dem byzantinischen Herrscher Romanus IV. Diogenes friedfertig und barmherzig gegenüber. Kilic Arslan ließ alle Kreuzritter frei, die in der Schlacht um die Burg von Antalya gefangen genommen worden waren. All diese Beispiele menschlichen und noblen Verhaltens sind Triumphe eines erhabenen Geistes.
Die gewaltige Armee von Mehmed II. (dem Eroberer) verdankte ihren Sieg der Kraft des Glaubens und des Geistes. Er selbst verließ sich nie allein auf physische Stärke, sondern vertraute auf seine Geisteskraft und sein militärisches Genie. Sonst hätte sich sein Einmarsch in Istanbul kaum von dem Cäsars in Rom unterschieden. Mehmed II. betrat die Hauptstadt des Byzantinischen Reichs in einem Geist von Vergebung, Toleranz und Gerechtigkeit und folgte damit dem Beispiel des Propheten Muhammad, der genau so in Mekka eingezogen war.
Selim I. betrachtete die Welt als zu klein für zwei Herrscher. Sein wahrer Sieg bestand aber nicht darin, diesen oder jenen König gekrönt oder entthront zu haben; vielmehr errang er ihn, indem er stillschweigend nachts, als die Menschen schliefen, in die Hauptstadt einmarschierte, um ihrem leidenschaftlichen Empfang und ihrem Beifallssturm für seine Siege auszuweichen. Und er triumphierte auch, als er verfügte, das Gewand, das vom Pferd seines Lehrers mit Schlamm beschmutzt worden war, über seinen Sarg zu legen, weil es in Ehren gehalten wurde. Der römische Befehlshaber Cato besiegte die Karthager. Einen Platz im Gedächtnis der Menschen sicherte er sich aber dadurch, dass er dem römischen Imperator sein Pferd und den Oberbefehl übergab und sagte: „Ich habe gekämpft, um meinem Volk zu dienen. Nun ist meine Mission erfüllt, und ich werde in mein Dorf zurückkehren.“ Zur gleichen Zeit zog seine Armee im Triumphzug in Karthago ein, die Hauptstadt der Feinde und Rivalen Roms.
Egoismus überwinden
Der Verzicht auf manchen Genuss weltlicher Freuden hat für die Entwicklung des Menschen die gleiche Bedeutung, wie die Wurzeln für das Wachstum eines Baumes haben. Ein Baum wächst gesund und kräftig in die Höhe, so weit es ihm die Gesundheit und Kraft seiner Wurzeln gestatten. Der Mensch wiederum reift zu einem vollkommenen Wesen, indem er sich von seinem Egoismus befreit und stattdessen für andere Menschen lebt.
Auch was dies betrifft, werden wir auf der Suche nach Vorbildern in der Geschichte fündig. Der Kalif Umar ibn al-Khattab zum Beispiel pflegte sich in aller Öffentlichkeit einen Sack Mehl auf die Schultern zu laden, sobald er auch nur ein wenig Stolz in seinem Herzen verspürte. Und wie viele große Persönlichkeiten haben bei Tage Armeen geführt und Länder regiert, während sie die Nacht im Gedenken an Gott verbrachten. Diese Glücklichen, die sich ihr geistiges Leben bewahrt haben, obwohl ihre Pflichten unendlich schwer wogen, stehen alle in einer gemeinsamen verbindenden Tradition.
Die Überwindung des fleischlichen Selbst ist für jeden Menschen sehr wichtig. Dieser ‚größere Dschihad‘, dieser Kampf gegen das fleischliche Selbst wirkt auf unser ganzes Verhalten ein. Er lehrt uns, wie wir unser Selbst niederringen. Nur Menschen mit einem starken Geist sind dazu in der Lage, es mit allen materialistischen Mächten des Universums aufzunehmen, während all jene, die sich von ihrem Selbst verführen lassen, letztlich auf der Verliererseite stehen werden und sogar dann als unglücklich gelten dürfen, wenn sie die ganze Welt unterjochen. Die Helden, von denen hier die Rede ist, unterscheiden sich von jenen, die man gemeinhin als Helden bezeichnet. Diese wahren Helden und erfolgreichen Befehlshaber erringen ihre Siege, indem sie mit ihrem Geist über ihr Selbst triumphieren.
Abschließend möchte ich betonen, dass eigentlich niemand, der keine Ideale besitzt und sein persönliches Vergnügen über alles andere stellt, als Sieger bezeichnet werden darf. Vorübergehende Erfolge münden leider nur allzu oft in immerwährende Niederlagen. Umgekehrt lassen sich scheinbare Niederlagen nur dadurch in immerwährende Siege verwandeln, dass man dem Geist zum Sieg über das Fleisch verhilft. Die gekrönten Häupter der Zukunft werden diejenigen sein, die durch die Triumphe ihres Geistes Glückseligkeit erlangt haben.
(Aus der Zeitschrift Fontäne, Ausgabe 50, 2010)
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