Selbstloses Handeln
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Hikmet Isik

Widerspricht es der Vernunft, selbstlos zu handeln? Wo liegt das rechte Maß der Logik beim selbstlosen Handeln?

Selbstlos ist ein Mensch dann, wenn er einen Teil seiner persönlichen Wünsche und Ambitionen, einen Teil seiner an Besitz oder Vermögen gekoppelte Zukunftspläne, ja sogar bestimmte mit der eigenen Ehre und Würde verknüpfte Werte aufgibt zugunsten übergeordneter erhabenerer Ziele. Wer in seinem Leben zu solchem Verzicht fähig ist, darf als ein selbstloser Mensch gelten.

Wenn jemand zum Beispiel durch individuelles oder kollektives Bemühen unermüdlich danach strebt, etwas für Glauben und Spiritualität zu tun, wenn er beim Aufbau von Bildungszentren und -instituten mitwirkt, wenn er Schulen gründet oder Wohnheime und Jugendzentren eröffnet, die den Bedürfnissen und Anforderungen der jüngeren Generationen gerecht werden, oder wenn jemand entsprechende Projekte durch Spenden oder ehrenamtliche Mitarbeit unterstützt, dann kann sein Handeln als ein Opfer bezeichnet werden. Solange er damit keine andere Absicht verfolgt, als einem erhabenen Ziel zu dienen, das ihm wichtiger ist als sein eigenes Ego, kann es keinen Zweifel daran geben, dass es sich hier um einen selbstlosen oder opferbereiten Mensch handelt.

Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass es keinen Widerspruch zwischen Selbstlosigkeit und Vernunft gibt. Mit anderen Worten: Selbstlosigkeit oder Opferbereitschaft sind keineswegs rein emotionale Ausdrucksformen, die der Vernunft zuwiderlaufen. In Wahrheit rechtfertigt Vernunft selbstloses Handeln nicht nur, sondern erfordert es auch. Auf den ersten oberflächlichen Blick mag man einen Widerspruch zwischen den beiden sehen. Nehmen wir beispielsweise die vielen selbstlosen Menschen, die große Opfer bringen, während sie sich unermüdlich in Bildungseinrichtungen und -kampagnen engagieren, obwohl sie doch genau wissen, dass ihre aufrichtigen Anstrengungen kurzfristig kaum Früchte abwerfen werden. Trotzdem widmen sie ihr ganzes Leben und ihre Gesundheit diesem Bemühen, und man gewinnt den Eindruck, dass Gott ihnen Seine besondere Gunst gewährt; denn ihre Arbeit erweist sich als wesentlich effizienter und produktiver als die Vernunft es normalerweise gestatten würde. Und indem sie von dieser Gunst Gebrauch machen und ihr Bemühen damit noch verstärken, entsteht so etwas wie ein positiver Kreislauf. Für Außenstehende, die sich über solche Dinge nur wenig Gedanken machen, mag die Haltung dieser Menschen jeder Vernunft entbehren. Sich selbstlos für etwas einzusetzen und Tausende anderer Wahrheiten um einer einzigen Wahrheit willen zu opfern, ist ihrer Ansicht wahrscheinlich ein Verhalten, dass völlig unnötigerweise mit der Vernunft kollidiert.

Wenn aber das Herz Einblicke in die innere Funktionsweise des Universums gewonnen hat, dann empfindet man eine andere Art von Wertschätzung. Einem Menschen, der begreift, dass alles in der Schöpfung dem Jenseits entgegen strebt, und dessen Gewissen von der unwiderstehlichen Schönheit des Schönen Einen Gottes fasziniert ist, können Tausende von glücklichen Jahren in dieser Welt nicht eine einzige Minute des Lebens im Paradies ersetzen und Tausende von Jahren im Paradies nicht einen einzigen Augenblick des Anblicks der Schönheit Gottes des Allmächtigen. Verglichen mit den Freuden des immerwährenden Jenseits werden ihm die flüchtigen Vergnügen dieser Welt nicht einmal so viel wert sein wie ein einziger Flügel eines winzigen Insekts. Ein Mensch mit einer solchen Tiefe und Weitsicht wird auf beste Weise von seinem Verstand Gebrauch machen und bereitwillig scheinbare Opfer bringen, deren wahrer Lohn ihm aus den transzendenten Sphären zufließen wird.

Zu unseren Lebzeiten wurden bereits Raumschiffe in den Weltraum geschickt, die ausloten sollten, ob man dort vielleicht neue Städte gründen kann. Nehmen wir diese vage Möglichkeit einmal als Realität an und stellen uns einen Moment lang vor, man hätte einen entsprechenden behaglichen Ort bereits entdeckt. Große Geldsummen würden dafür ausgegeben, die Menschheit an diesen Ort zu transportieren. Aber das Leben dort würde unserer Art zu leben in keiner Weise ähneln, wir würden es nicht verstehen. In diesem Fall würden manche Menschen mit Sicherheit verkennen, welche Chance sich da bietet, und die Motive für dieses Unternehmen in Frage stellen; einfach aus dem Grunde, dass sie nicht vertraut mit diesen Welten sind und dass ihnen das Ziel kaum greifbar erscheint. Bestimmt würden Einwände dagegen erhoben mit Argumenten wie: „In Afrika verhungern die Menschen, ihr aber reist nur um des Abenteuers wegen mit Raumschiffen ins All und verschwendet dafür Unsummen von Geld.“


Diese Haltung ist aber das Ergebnis oberflächlichen Denkens. Denn was wäre, wenn so eine Welt tatsächlich irgendwann entdeckt würde? Was würde passieren, stieße man eines Tages eine glücklichere Welt, die uns von diesem verschmutzten und verworrenen irdischen Leben befreien könnte? Was würde passieren, wenn wir auf irgendeine Weise alle dorthin gelangen und mit Gottes Gnade über viele Jahre glücklich dort leben könnten? Dann würde ganz gewiss die Zeit kommen, wo jedem klar wird, dass all die vorangegangenen Anstrengungen gut und wertvoll für die Menschheit und sicherlich auch vernünftig waren.

Die uns angeborene Fähigkeit, weitsichtig und mehrdimensional zu denken, sprengt die Grenzen unserer Logik; und dennoch - wenn wir die Fesseln unserer fünf Sinne abstreifen, sollte es uns auf Basis dieser Logik klar ersichtlich sein, dass jedes Opfer, das für diesen Zweck gebracht wird, absolut notwendig ist. Insofern kann das Bemühen, größere Ziele zu erreichen, die noch weit in der Zukunft liegen, keinesfalls als unlogisch betrachtet werden.

Das Streben eines Gläubigen lässt sich damit gut vergleichen. Um ein Leben in wahrer Glückseligkeit im Paradies zu erlangen, um mit dem Privileg ausgezeichnet zu werden, dem Propheten zu begegnen, und um sich von der Schönheit Gottes des Allmächtigen bezaubern zu lassen, nehmen diese Menschen alle erdenklichen Anstrengungen auf sich, bringen selbstlos jedes Opfer. All dies aber sind nichts anderes als logische und unumgängliche Investitionen.


Die meiste Kritik an diesen opferbereiten Menschen wurzelt in einem ähnlich oberflächlichen Denken wie oben dargestellt und basiert auf gehaltlosen Argumenten. In der Regel ist solche Kritik darauf zurückzuführen, dass die Welt aus zwei völlig unterschiedlichen Blickwinkeln wahrgenommen wird. Hasan al-Basri hat diese unterschiedlichen Blickwinkel einmal sehr weise beschrieben: „Hättet ihr die Gefährten des erhabenen Propheten mit eigenen Augen gesehen, so würdet ihr sie ‚verrückt‘ nennen. Und hätten sie euch gesehen, so würden sie zögern und sich fragen: ‚Sind das wirklich Gläubige?‘“

Heute ist das nicht anders. Manche Menschen mögen all jene, die Opfer bringen, als verrückt bezeichnen und sich selbst die Frage stellen, warum sie hart arbeiten sollten, wenn doch kein materieller Profit dabei für sie abfällt. Diese Wahrnehmung ist sehr aufschlussreich und enttarnt diejenigen, die bei allem, was sie tun, nur an ihren persönlichen Lohn und Nutzen denken. Mit anderen Worten: Menschen, die die sprichwörtliche Denkweise „Was ist dabei für mich drin?“ verkörpern, können nicht verstehen, warum ein älterer oder gebrechlicher Mensch nicht aufhören möchte zu arbeiten; warum er sich zum Beispiel beim Bau eines Gebäudes oder beim Sammeln von Spenden engagiert, oder warum jemand für diese Anliegen seine ganzen körperlichen und/oder geistigen Kräfte mobilisiert. Menschen, die so denken, können in der Tat nicht verstehen, dass jemand all diese Opfer wirklich nur deshalb bringt, weil er das Wohlgefallen Gottes finden möchte. Aufgrund dieses Defizits hören sie nicht auf, unzutreffende Überlegungen anzustellen und selbstlose Bemühungen dieser Art zu Unrecht zu kritisieren.

Für diejenigen unter uns hingegen, die mit der Einsicht gesegnet sind, über den materiellen Aspekt der Dinge hinausschauen zu können, ist selbstloses Handeln etwas völlig Selbstverständliches; der intelligenteste Mensch ist in ihren Augen der, der bereit ist, allen Besitz aufzugeben und Gott dadurch zu dienen, dass er der Menschheit dient. Und wenn jemand mit einem so weiten und tiefen Herzen sein Vermögen nicht auf einen Schlag opfert, dann wird er höchstwahrscheinlich den edlen Gedanken hegen: „Ich werde einen Teil meines Vermögens noch zurückhalten, sodass ich es investieren und mehren kann, um es dann für die Sache Gottes auszugeben.“

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass grundsätzlich kein Widerspruch zwischen Selbstlosigkeit und Vernunft besteht. Ich darf mit aller Sicherheit und Überzeugung behaupten, dass es vernünftig ist, Opfer zu bringen. Jeder, der diesen feinen Punkt durchschaut hat, wird mit Hilfe seines Verstandes versuchen, immer größere Opfer zu bringen.

(Aus der Zeitschrift Fontäne, Ausgabe 52, 2011)

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