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Hikmet Isik
Wenn der Islam doch eine Einheit bildet, warum weist er dann so viele verschiedene Richtungen auf? Warum unterscheiden sich selbst die Gefährten des Propheten so stark voneinander?
In der Terminologie des klassischen Islam wird der Begriff Pluralismus definiert als die unterschiedliche Wahrnehmung von Details. Als entscheidend galt damals, dem Ursprung und der Wahrheit treu zu bleiben, Gottes Willen hinsichtlich unserer Angelegenheiten auf eine Art und Weise zu verstehen, die Ihm angemessen ist, und gleichzeitig unterschiedliche Vorstellungen und Gedanken zu haben.
Viele Wege führen zu Gott. Wie jemand zu Ihm findet, hängt z.B. vom Umfeld und von der Kultur des einzelnen Menschen ab oder auch davon, in welchem Maße die Schönen Namen Gottes dort manifestiert sind. Auch andere Faktoren mögen eine Rolle spielen. Von daher ist die Existenz unterschiedlicher Gruppen und unterschiedlicher gesellschaftlicher Systeme nichts Ungewöhnliches.
Ali ibn Abi Talibs Denkweise, in der sein ihm angeborener Charakter zum Ausdruck kommt, kann beispielsweise nicht mit der Abu Bakrs verglichen werden. Auch die Charaktere von Umar ibn Khattab und Abu Dharr waren grundverschieden. Beide waren gleich mutig und unerschrocken; doch Umars Stärken waren sein Organisationstalent und sein perfektes Verständnis von Dingen, die die Bereiche Verwaltung und Staatsführung betrafen, während Abu Dharr eher ein Einzelgänger war.
Insofern existierte ein solcher Pluralismus auch schon zu Lebzeiten des Propheten Muhammad - zu einer Zeit, in der die Muslime eine vollkommene, harmonische Gemeinschaft bildeten. Unterschiede sind ganz natürlich. Eine Vereinheitlichung der verschiedenen Wege, die zu Gott führen, würde gegen die Naturgesetze verstoßen; denn die Menschen sind nun einmal mit unterschiedlichen Persönlichkeiten und Wesensarten ausgestattet und können gar nicht auf eine einzige Art zu denken festgelegt werden.
Wer unterschiedliche Charaktere unbedingt vereinheitlichen will, wird diese Feinheit nicht begreifen, weil er die inneren Wahrheiten des menschlichen Verhaltens nicht versteht und deshalb nicht erkennt, dass jedem Menschen bestimmte Fähigkeiten angeboren sind. Da Gott uns allen einzigartige Eigenschaften verliehen hat, damit wir uns so verhalten können, wie Seine Weisheit es vorsieht, ist eine Welt ohne Pluralismus nicht vorstellbar. Pluralismus heißt ganz einfach, über unterschiedliche Wege zu verfügen, ein und dieselbe Wahrheit zum Ausdruck zu bringen. Unterschiedliche Fähigkeiten manifestierten sich in der islamischen Geschichte auch in den verschiedenen Rechtsschulen der Gelehrten Hanafi, Schafi’i, Maliki, Hanbali, Evzai, Sawri und Zuhri.
Bereits seit der Offenbarung des Koran haben unterschiedliche Lehrsysteme existiert, die alle - jedes auf seine Weise - den Seelen, Sinnen, Herzen und Gefühlen der Menschen zu Gute kamen. Andere gute Beispiele für ganz unterschiedliche Fähigkeiten berühmter Persönlichkeiten liefern uns Sufyan as-Sawri, Ibrahim ibn A’tham, Bayazid al-Bistami, Dschunayd al-Baghdadi, Abd al-Qadir al-Dschilani, Schah Naqschband, Muhyi ad-Din al-Arabi und Imam Rabbani.
Mit anderen Worten: So lange die Welt existiert, wird es auch unterschiedliche Methoden und Arten, den Islam auszudrücken, geben. Aber: Trotz all dieser unterschiedlichen Mittel und Wege sollte man sich darum bemühen, dass in Bezug auf Ziel und Zweck Einigkeit herrscht. Auch wenn es unterschiedliche Sprachen gibt - die Wahrheit, die sie verkünden, ist eine einzige. Ein arabischer Dichter formulierte es einmal so:
„Unsere Erklärungen sind vielgestaltig und kompliziert, aber Deine Schönheit ist eine einzige Schönheit. Und all unsere Erklärungen zeigen auf Deine Schönheit.“
Nach diesen einleitenden Bemerkungen können wir nun dazu übergehen, bestimmte Faktoren zu diskutieren, die für eine Einheit und Kooperation im wahren islamischen Sinne von Bedeutung sind:
Vereinigung, Verständigung und eine Bündelung der unterschiedlichen Ansätze und Charaktere können auf den Ebenen der Gefühle, des Denkens und des Herzens stattfinden. Übereinstimmende Gefühle z.B. können unterschiedliche Gruppen zusammenführen, wenngleich ein Zusammenschluss auf ihrer Basis meist oberflächlich und brüchig bleibt. Mehr Stabilität dagegen weisen Bündnisse und Zusammenschlüsse auf, die auf Vernunft und/oder Liebe basieren.
Wie also kann die Gemeinschaft Muhammads an jenen Platz zurückkehren, der ihr seit jeher gebührt? Zunächst einmal müssen wir Muslime alle Anstrengungen gutheißen, die auf dem Weg der Wahrheit unternommen werden, und nicht nur diejenigen, die wir ausdrücklich befürworten. Wir sollten uns sagen: „Wer den Namen meines Herrn lobt und preist und meinen Propheten respektiert, ist mein Bruder bzw. meine Schwester!“, und andere Menschen so akzeptieren, wie sie sind.
Es kommt nicht darauf an, welchem Weg wir folgen; denn wir alle folgen einem einzigen Gott, einer einzigen Schrift (dem Koran), einem einzigen Propheten, einer einzigen Qibla (Gebetsrichtung), einem einzigen Pfad und von daher auch einer einzigen Methode, die sich in nichts von der anderer Menschen unterscheidet. Unsere Einheit sollte nicht subjektiv sein, d.h., nicht ausschließlich auf Gefühlen bestehen, sondern objektiv, d.h., sich auf Vernunft und Verstand gründen.
Außerdem dürfen wir nie jemanden zwingen, unserem Weg zu folgen. Der Weg des Koran besteht darin, allen Menschen gegenüber Toleranz und Akzeptanz zu bekunden. Wer anderen freundlich und offen begegnet, verhindert damit, dass in der Zukunft Probleme entstehen. Pluralismus sorgt dafür, dass jeder Mensch dem Koran und dem Islam so dienen kann, wie er es für richtig hält, und auf diese Weise große Leistungen vollbringt, die z.B. unsere Gesellschaft oder auch unsere Wirtschaft voranbringen. So wurde es - mit einigen Abstrichen - unter den Abbasiden gehandhabt, und wir sollten ihrem Beispiel folgen. Wir sollten die gleichen Bewertungsmaßstäbe anlegen wie die Ahl as-Sunna (die Anhänger des Propheten); wir sollten fallen lassen, was besser fallen gelassen wird, und bewahren, was sich zu bewahren lohnt. Mit einer neuen Synthese können wir eine neue Welt gestalten. Bemühen wir uns doch, deren Gründer und Pioniere zu sein!
Ein Beispiel: Zwei Gruppen, die nie Mitglieder der Ahl as-Sunna waren, die Mu’tazila und die Dschabariya, haben sich stets gegenseitig bekämpft. Während die Mu’tazila davon ausgeht, dass der Mensch volle Handlungsvollmacht besitzt, behauptet die Dschabariya das Gegenteil, nämlich dass der Mensch in seinem Handeln von vornherein festgelegt ist. Auf Grund dieser unterschiedlichen Überzeugungen widersprachen sich ihre Vorstellungen von der Willenskraft des Menschen und seiner freien Wahlmöglichkeit wie auch von der Schöpfung Gottes in nahezu allen Punkten. Heute denken viele Rationalisten wie die Mu’tazila.
Die Ahl as-Sunna jedoch eigneten sich von beiden Gruppen ein Samenkorn an und brachten eine Synthese hervor. Ihre Angehörigen entgegneten den Mu’taziliten, dass jeder Mensch eine Wahl hat, wie aus den folgenden beiden Koranversen hervorgeht:
...und dass dem Menschen nichts anderes zuteil wird als das, wonach er strebt. (53:39)
Und ihr werdet nicht wollen, es sei denn, dass Allah will, der Herr der Welten. (81:29)
Sie erklärten den Dschabariten, dass ihre Haltung quasi bedeuten würde, einen Menschen ins Meer zu werfen und ihm zu sagen: „Pass auf, dass du nicht nass wirst!“ Die Synthese, die sie entwickelten, lautete, dass Gottes Wille ein wichtiger Faktor ist, der nicht vernachlässigt werden darf. Unser Wille hingegen vermag so wenig Einfluss auszuüben, dass der Unterschied zwischen seiner Existenz und seiner Nichtexistenz äußerst gering ist. Dennoch gibt es ihn, und er entscheidet über Sünde und Verdienst, über Strafe und Belohnung.
Alle Grundsätze und Prinzipien des Koran sind richtig und zutreffend, authentisch und gerecht. Der Islam ist eine Sammlung von Regeln, die Einigkeit schaffen - und das in jeder Hinsicht. Wir dürfen die Vielzahl von Details, die Gott erschaffen hat, und die Realität des ‚angeborenen‘ Wegs der Schöpfung aber nicht ignorieren. Und es wird uns auch nicht gelingen, das Wasser, das aus vielen unterschiedlichen Quellen hervortritt, zusammenzuführen und in einem einzigen Flussbett fließen zu lassen. Daher sollten wir uns nicht zu viel mit anderen beschäftigen. Stattdessen ist jeder dazu aufgerufen, die Wahrheit des Koran und des Islam in seinem eigenen Bereich widerzuspiegeln.
Auch wenn wir uns in bestimmten Punkten nicht einigen können, sollten wir nicht zu viel streiten oder einander gar ablehnen. Wir müssen lernen, jedem Muslim, der die Worte ‚Allah‘ oder ‚Gott‘ ausspricht, Beifall zu zollen. Mit einer solchen Einstellung werden wir schon in kurzer Zeit eine Einheit bilden können.
(Aus der Zeitschrift Fontäne, Ausgabe 23, 2004)
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