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Was genau zeichnet eigentlich den menschlichen Geist aus und wie beeinflusst er uns?
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H. Isik

Unterschiedliche Welten wie die Welt der Pflanzen, die Welt der Tiere, die Welt der Menschen und die Welt der Dschinn (Geistwesen) existieren nebeneinander. Unsere Welt, die materielle Welt, teilt sich unseren Sinnen mit. Sie ist die Sphäre, in der Gott, der Allmächtige, Leben erschafft, gestaltet, erneuert, umformt und sterben lässt. Mit den Phänomenen dieser Welt beschäftigt sich auch die Wissenschaft.

Über dieser Welt befindet sich die immaterielle Welt der Gesetze und Gebote Gottes. In ihr ist der Geist zu Hause. Wenn wir etwas über diese Welt erfahren möchten, müssen wir beachten, dass in ihr die Bedeutung eine entscheidende Rolle spielt: Kein Buch kann ohne Bedeutung existieren. Wie hochwertig der Druck oder die Papierqualität eines Buches auch sein mögen, die Bedeutung ist in jedem Fall seine wichtigste Komponente.

Die Essenz des Lebens und das Gesetz des Keimens veranlassen einen Baum dazu, unter der Erde Schösslinge auszutreiben, die sich dann ebenfalls zu einem Baum entwickeln. Würde es diese Schösslinge nicht geben, gäbe es auch keine Bäume.

Die Menstruation bereitet die Gebärmutter allmonatlich auf die Befruchtung vor und folgt damit einem (biologischen) Gesetz. Millionen von Spermien bemühen sich darum, die weibliche Eizelle zu befruchten, aber nur einer gelingt es schließlich. Ein anderes biologisches Gesetz sorgt dafür, dass die Menstruation nach der Befruchtung bis nach der Geburt aussetzt. Und ein weiteres bewirkt, dass sich der Embryo zu einem Menschen entwickelt. Der Koran sagt:

Und wahrlich, Wir erschufen den Menschen aus einer Substanz aus Lehm. Alsdann setzten Wir ihn als Samentropfen an eine sichere Ruhestätte. Dann bildeten Wir den Tropfen zu einem Blutklumpen; dann bildeten Wir den Blutklumpen zu einem Fleischklumpen; dann bildeten Wir aus dem Fleischklumpen Knochen; dann bekleideten Wir die Knochen mit Fleisch; dann entwickelten Wir es zu einer anderen Schöpfung. So sei dann Allah gepriesen, der beste Schöpfer. (23:12-14)

Dieser Prozess wird von drei Finsternissen verhüllt: Er erschafft euch in den Schößen eurer Mütter, Schöpfung nach Schöpfung, in drei Finsternissen. (39:6) Diese drei Finsternisse sind Unterleib, Gebärmutter und Membrane. Die drei Regionen der Fötalmembrane bzw. der Decidua sind die decidua basalis, die decidua capsularis und die decidua parietalis. Dieser Vers beinhaltet also all diese Bedeutungen.

Gesetze wie diese leiten wir aus den Prozessen ab, die sich nahezu unverändert ständig wiederholen. Wenn wir die uns umgebenden natürlichen Phänomene beobachten, enthüllen uns diese weitere Gesetze: die Gesetze der Anziehungskraft und der Schwerkraft oder die Gesetze des Gefrierens bzw. des Verdampfens von Wasser usw..

Auch der Geist ist ein einzigartiges lebendes und bewusstes Gesetz, das der Welt der Gesetze und Gebote Gottes entstammt: Sprich: „Die Seele ist eine Angelegenheit meines Herrn!“ (17:85) Besäße der Geist weder Leben noch Bewusstsein, wäre er ein ‚gewöhnliches‘ Gesetz. Besäße ein ‚gewöhnliches‘ Gesetz hingegen Leben und Bewusstsein, würde es zu einem Geist werden.

Von der Unfähigkeit der Wissenschaft, den Geist zu fassen oder zu definieren

Materie besteht aus Atomen und Atome setzen sich aus noch kleineren Partikeln zusammen. Der Geist jedoch ist eine unzerlegbare nicht zusammengesetzte Einheit, die zwar selbst unsichtbar ist, die man aber anhand ihrer Manifestationen in dieser Welt erkennen kann. Zwar kennen wir das Wesen der Einheit nicht, unsere Unkenntnis in diesem Punkt spricht aber nicht gegen ihre Existenz. Wir akzeptieren die Existenz dieser Einheit, weil wir sehen, worin sie sich manifestiert.

Wir sehen mit unseren Augen. Unser Hauptsehzentrum liegt im Gehirn. Das Gehirn selbst sieht jedoch nicht. Wir sagen nicht „Mein Gehirn sieht.“, sondern „Ich sehe.“ Was aber verbirgt sich hinter diesem ‚Ich‘? Verfügt es über ein Gehirn, ein Herz oder andere Organe und Gliedmaßen? Warum können wir uns nicht mehr bewegen, wenn wir gestorben sind, wenn doch noch alle Organe und Gliedmaßen vorhanden sind?

Auch Fabriken funktionieren nicht selbstständig, d.h., aus eigenem Antrieb, sondern erhalten von außen, z.B. durch Elektrizität, Impulse. Wird einer Fabrik der Strom abgeschaltet, kann sie nicht länger arbeiten.

Lässt sich dieses Beispiel auf die Beziehung zwischen Geist und Körper übertragen? Wenn der Tod die Verbindung zwischen diesen beiden Einheiten trennt, muss sich der Geist entfernen, bevor der Körper verwest und zerfällt.

Der Geist ist aber keine elektrische Kraft, sondern ein bewusstes kraftvolles Etwas, das lernt, denkt, fühlt und folgert. Durch Lernen und Nachdenken, Glauben und Anbetung Gottes entwickelt er sich auf spiritueller und mentaler Ebene ständig weiter. Normalerweise geschieht dies im Einklang mit der physischen Entwicklung des Körpers. Der Geist bestimmt den Charakter, das Naturell und die Identität des Menschen. Daher ist jeder Mensch einzigartig, obwohl alle Menschen aus den gleichen Elementen erschaffen wurden.

Der Geist ist auf den Körper angewiesen

Um sich manifestieren und funktionieren zu können, muss sich der Geist materieller Hilfsmittel bedienen. Der Körper kann keinen Kontakt zur Welt der Symbole und der immateriellen Formen knüpfen. Der Geist hingegen braucht Herz, Gehirn, Körperorgane und andere Gliedmaßen, die zwischen ihm und dieser Welt vermitteln. Er agiert durch Nerven, die Zellen und andere Elemente. Wenn es dem Körpersystem oder bestimmten Organen also schlecht geht, droht der Geist abgeschnitten zu werden, und ist im Extremfall nicht mehr in der Lage, den Körper zu dirigieren. Sollten eine Krankheit oder ein Unfall die Verbindung zwischen Körper und Geist vollständig trennen, stirbt der Mensch. Indem man bestimmte Regionen im Gehirn stimuliert, kann man Hände oder Finger dazu veranlassen simple Bewegungen auszuführen. Diese Bewegungen sind jedoch rein mechanische Reaktionen des Körpers. Um bedeutungsvolle Bewegungen hervorzubringen, braucht der Körper den Geist, der bewusst ist und über einen freien Willen verfügt.

Psychoanalytiker bemühen sich darum, Träume zu deuten. Es wäre jedoch falsch zu behaupten, dass Träume nur aus den Aktivitäten des Unterbewusstseins bestehen. Fast jeder Mensch hatte schon einmal einen Traum, der Wirklichkeit geworden ist. Viele wissenschaftliche und technologische Entdeckungen wurden im Traum vorhergesehen. Träume weisen auf etwas hin, was sich in uns befindet und - während wir schlafen - die Dinge auf andere Art und Weise sieht: auf unseren Geist. Zwar stimmt es natürlich, das der Mensch mit den Augen sieht, mit der Nase riecht, mit den Ohren hört usw.. Es gibt aber auch Menschen, die mit ihren Fingern oder mit ihrer Nasenspitze sehen und mit ihren Absätzen riechen.

Der Geist und unser Gesicht

Psychologen bestätigen, dass fast alle Bewegungen des Menschen etwas über seinen Charakter aussagen. Insbesondere unser Gesicht offenbart unseren Charakter, da es über unsere innere Welt Auskunft gibt. Die Eigenschaften unseres Gesichts werden vom Geist gesteuert.

Unsere Körperzellen erneuern sich kontinuierlich. Tag für Tag sterben Millionen von Zellen und werden durch neue ersetzt. Biologen haben herausgefunden, dass im Laufe eines halben Jahres alle Zellen des Körpers ersetzt werden. Trotzdem bleiben die Haupteigenschaften des Gesichts erhalten. Wir identifizieren Menschen anhand ihrer unveränderlichen Gesichtszüge und über ihre unverwechselbaren Fingerabdrücke. Die Zellen der Finger werden ausgetauscht, der Fingerabdruck hingegen ändert sich nie. Der einzigartige Geist des Individuums trägt zum Erhalt dieser unveränderlichen Kennzeichen bei.

Der Geist ist es, der uns einzigartig macht

Ununterbrochen macht unser Körper alle möglichen Veränderungen durch. Physisches Wachstum und physische Entwicklung machen ihn bis zu einem gewissen Punkt immer stärker und vollkommener. Ist der Wachstumsprozess erst einmal beendet, beginnt der Verfall. Auch auf der geistigen Ebene können wir wachsen, wenn wir lernen und uns weiterbilden. Gleichzeitig können wir aber auch spirituell oder intellektuell verfallen. Diesen Prozess des Wachstums bzw. des Verfalls können wir theoretisch jederzeit stoppen und in eine andere Richtung lenken. Unsere moralische, spirituelle und intellektuelle Erziehung ist von unseren körperlichen Veränderungen weitgehend unabhängig.

Unsere physische Struktur wirkt sich nicht wesentlich auf unsere moralischen, spirituellen und intellektuellen Eigenarten aus. Obwohl wir aus den gleichen Elementen bestehen wie andere Menschen, sind wir in moralischer und intellektueller Hinsicht einzigartig. Welchem Teil von uns kommt eine moralische und intellektuelle Erziehung zu Gute? Welcher Teil wird physisch geschult? Steht physische Schulung in irgendeiner Beziehung zu moralischer und intellektueller Erziehung? Sind körperlich gut durchtrainierte Menschen intelligenter als andere? Falls dies nicht der Fall ist, und wenn das Körpertraining bzw. die körperliche Entwicklung den wissenschaftlichen, moralischen und intellektuellen Bereich nicht berührt, müssen wir doch eigentlich die Existenz des Geistes akzeptieren. Wie können wir das Lernen und die moralische und intellektuelle Erziehung den biochemischen Prozessen im Gehirn zuschreiben?

Die physischen Veränderungen, die wir durchlaufen, rufen nicht gleichzeitig Veränderungen unseres Charakters, unserer Moral oder unseres Denkens hervor. Wie aber können wir diese Tatsache anerkennen, ohne den Geist und seine Funktionen als das Zentrum unseres Denkens und Fühlens, unserer Auslesen und Entscheidungen, unseres Lernens, unserer Meinungsbildung und unserer Vorlieben zu akzeptieren, welches gleichzeitig auch Charakterunterschiede erzeugt?

Unser Geist fühlt, glaubt und lehnt ab

Jeder Menschen hat vielschichtige Gefühle: Liebe und Hass, Glück und Trauer, Hoffnung und Verzweiflung usw.. Wir lieben und hassen, schätzen und verachten und erfahren Furcht und Angst genauso wie Ermunterung und Enthusiasmus. Wir bereuen, regen uns auf und sehnen uns nach bestimmten Dingen. Wir haben Hunderte von Wörtern, die diese Gefühle beschreiben. Aber wir fühlen nicht alle auf die gleiche Art und Weise.

Wenn wir über unsere Umwelt und über die Schönheit der Schöpfung nachdenken, entwickeln wir uns dadurch weiter, dass wir lernen, vergleichen und schlussfolgern und deshalb an den Schöpfer glauben. Ihn anzubeten und Seine Gebote zu befolgen bringt uns moralisch und spirituell weiter und vervollkommnet uns. Womit wollen wir diesen Umstand erklären, wenn nicht mit einem bewussten Geist? Wäre es unter Umständen doch möglich, diese Entwicklungsprozesse biochemischen Prozessen im Gehirn zuschreiben?

Wenn wir nicht mehr als eine physische Einheit wären und all unser Handeln auf solche biochemische Prozesse zurückführen würden, warum sollten wir uns dann an Gesetze halten? Da sich der Körper ja alle sechs Monate komplett regeneriert, wäre der folgende Dialog absolut logisch:

Richter: „Wann haben Sie den Verstorbenen ermordet?“

Angeklagter: „Vor einem Jahr.“

Jury: „Der Mord wurde also vor einem Jahr begangen. Die Körperzellen des Angeklagten einschließlich der Zellen jener Finger, die den Abzug der Pistole betätigt haben, wurden inzwischen ausgetauscht. Da der tatsächliche Mörder also nicht mehr bestraft werden kann, plädiert die Jury auf Freispruch.“

Ein Mensch kann unmöglich als eine Einheit bezeichnet werden, deren Handeln, Gefühle, Gedanken, Glaubensüberzeugungen und Entscheidungen allein auf biochemischen Prozessen basieren. Diese Behauptung ist nicht haltbar. Der Hauptbestandteil unseres Seins ist unser lebender und bewusster Geist, der fühlt, denkt, glaubt, will, entscheidet und den Körper einsetzt, um seine Entscheidungen in die Tat umzusetzen.

Der Geist ist die Basis des menschlichen Lebens

Gott wirkt in dieser Welt durch Ursachen. In vielen anderen Welten aber (z.B. in der Welt der Ideen, der Symbole und immateriellen Formen, der inneren Dimension der Dinge und der Geistwesen) handelt Er direkt. Materie oder Ursachen existieren dort nicht. Der Geist wird dem Embryo eingehaucht, der dadurch zu einer direkten Manifestation von Gottes Namen ‚der Lebende‘ wird. Der Geist ähnelt den Naturgesetzen insofern, als dass er aus der gleichen Sphäre wie sie stammt. Auch der Geist ist selbst unsichtbar und zeigt sich erst in seinen Manifestationen.

In dieser Welt entwickelt sich die Materie zu Gunsten des Lebens immer weiter. Ein lebloser Körper ist einsam, passiv und statisch. Das Leben ermöglicht es sogar einer Biene, mit der ganzen Welt in Kontakt zu treten und zu sagen: „Diese Welt ist mein Garten, und die Blumen sind meine Gesprächspartner.“ Je kleiner ein lebender Körper ist, desto aktiver, erstaunlicher und kraftvoller lebt er. Man vergleiche nur eine Biene, eine Fliege oder einen Mikrokosmos mit einem Elefanten. Je subtiler Materie ist, desto aktiver und kraftvoller ist auch der zu ihr gehörende Körper. Brennendes Holz beispielsweise produziert Flammen und Kohlenstoff. Erhitztes Wasser verdampft. Wir können die Energie atomarer und subatomarer Welten nicht mit eigenen Augen sehen, wir wissen aber, dass es sie gibt, und wir wissen um ihre Energie, da sie sich manifestiert.

Deshalb beschränkt sich die Existenz nicht nur auf diese Welt. Diese Welt ist vielmehr die sichtbare, veränderliche und unbeständige Dimension der Existenz, hinter der die reine und unsichtbare Dimension liegt, die die Materie nur benutzt, um gesehen und erkannt zu werden. Da der Geist zu jener Sphäre gehört, ist auch er rein und unsichtbar.

Die folgenden Argumente für die Existenz des Geistes weisen ebenfalls auf die Existenz eines Schöpfers hin:

  • So wie unser Körper den Geist braucht, damit dieser ihn führt und lenkt, braucht das Universum Gott, um von Ihm hervorgebracht, geführt und gelenkt zu werden.
  • Jeder Körper hat einen Geist, der ihn lebendig macht und verwaltet. Daher muss dieses Universum von einem Einzigen Gott, der keine Partner hat, erschaffen und dirigiert werden. Sonst sind Chaos und Unheil unvermeidlich.
  • Der Geist ist im Körper nicht genau zu lokalisieren. Er ist sogar in der Lage, den Körper zu verlassen. Im Schlaf beispielsweise hält er die Verbindung zum Körper nur über eine ‚Schnur‘ aufrecht. Auch Gott, der Allmächtige, lässt sich weder vom Raum noch von der Zeit eingrenzen. Er ist ständig überall und nirgends präsent. Der Geist hingegen gehört zum Körper und ist Raum und Zeit unterworfen.
  • Es gibt nur eine Sonne, und die Erde ist weit von ihr entfernt. Mit ihrer Wärme und ihrem Licht ist die Sonne aber allgegenwärtig. Durch die Reflexion ihrer Strahlen scheint sie in allen durchsichtigen Dingen. Daher sagt man, dass sie den Dingen näher ist, als sie selbst es sind. Im gleichen Verhältnis steht der Geist zum Körper und zu den Zellen. Diese Analogie hilft uns vielleicht, die Beziehung zwischen Gott und der Schöpfung besser zu verstehen. Er kontrolliert und dirigiert alle Dinge gleichzeitig, als seien sie ein einziges Ding. Obwohl wir unendlich weit von Ihm entfernt sind, ist Er uns näher, als wir selbst es sind.
  • Der Geist ist unsichtbar und sein Wesen ist uns nicht bekannt. Weil wir Seine Essenz nicht kennen, können wir uns nicht vorstellen wie Gott wirklich ist. Wir wissen aber dass wir Gott - ähnlich wie den Geist - durch die Manifestationen Seiner Namen, Attribute und Seiner Essenz kennen lernen können.

(Aus der Zeitschrift Fontäne, Ausgabe 17, 2002)

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