Start Wissenswertes Häufige Fragen zu Islam und Muslime Wo verläuft für gläubige Menschen der Mittelweg zwischen einem Leben als ganz gewöhnlicher Mensch und dem Verfolgen ehrgeiziger Ziele?
Wo verläuft für gläubige Menschen der Mittelweg zwischen einem Leben als ganz gewöhnlicher Mensch und dem Verfolgen ehrgeiziger Ziele?
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Ein Mensch mit Selbstvertrauen gilt für gewöhnlich als jemand, der sich ganz auf seine persönlichen Fähigkeiten, Mittel und Wege verlässt, der mit sich selbst und seiner Umwelt im Frieden lebt und der im Großen und Ganzen mit den eigenen Leistungen zufrieden ist. Der Begriff Selbstvertrauen hat durchaus auch positive Aspekte, weil er uns dazu anspornt, das Leben positiv zu sehen. Doch steht er andererseits für ein Konzept, dessen Grundprinzipien und Beiklänge kaum mit universellen menschlichen Werten in Einklang zu bringen sind. Er bringt eine Sichtweise zum Ausdruck, die einer stark ichbezogenen Grundhaltung geschuldet ist.

Wer seine Talente und Fähigkeiten weiterentwickeln will, muss natürlich auch seinen Charakter nach außen hin zeigen. Man sollte sich aber davor hüten, einzelnen Menschen zu sehr zu schmeicheln und sie den Strudeln ihrer Ichbezogenheit zu überlassen. Man sollte aufpassen, dass man niemanden in die Position eines Alleswissenden drängt, und auch niemanden dazu verleiten, sich anmaßend zu verhalten. Außerdem sollte man möglichst dafür sorgen, dass nicht Kapazität, Kraft und Wille einzelner Individuen über wichtige Angelegenheiten entscheiden.

Wenn jemand bei jedem Thema stets nur die eigenen Talente, Kräfte und Kapazitäten in den Vordergrund stellt und immer nur „Ich!“ ruft, dann muss er unweigerlich zum Egozentriker werden. Er wird sein Ego mit all seinen Taten und Leistungen füttern und geradezu zwangsläufig überheblich werden. Genauso unvermeidlich ist allerdings aber auch, dass dieser Mensch schon beim kleinsten Misserfolg oder Fehlschlag tief stürzen und an sich selbst verzweifeln wird. Denn seine Gedanken kreisen ausschließlich um die eigene Person. Er wird also nichts finden, was ihm Halt geben könnte, und kaum dazu in der Lage sein, sich wieder aufzurichten.

Die Befähigung und das Bedürfnis, Selbstvertrauen zu entwickeln, sind fest im Wesen eines jeden Menschen verwurzelt. Doch wer nicht genau weiß, auf wen er sich eigentlich verlassen kann, und wer den wahren Quell des Beistands nicht kennt, wird sich schließlich in einen handfesten Egoisten verwandeln. Außerdem wird er für alles, was ihm widerfährt, nur sich selbst verantwortlich machen. Vermutlich wird er sich sogar einige Sichtweisen aneignen, die zum Unglauben führen. Er könnte zum Beispiel - Gott verbiete es! - soweit gehen zu sagen: „Ich habe dies oder das hervorgebracht…“, oder: „dies oder das hat dieses und jenes hervorgebracht“. Solche Menschen entwickeln sich zu Narzissten, zu selbstverliebten Bewunderern ihrer eigenen Person, ihres Handelns, ihres Auftretens und ihrer äußeren Erscheinung. Sie neigen dazu, alle Gedanken, Maßstäbe und Lösungsvorschläge, die nicht von ihnen selbst stammen, zu kritisieren und zurückzuweisen.

Wir vertrauen auf Gott

Insofern erscheint es mir angebracht, dass Menschen, die wirklich an Gott glauben, den Begriff des Selbstvertrauens durch das Grundprinzip ersetzen, zu tun, was in den Bereich ihres freien Willens fällt, und dann auf Gott zu vertrauen. Wir Menschen sind mit einem besonderen Geschenk gesegnet - unserem freien Willen. Daneben hat uns Gott der Allmächtige unsere Sinne und Gefühle als Kapital mit auf den Weg gegeben. Es ist unsere Pflicht, diese zu nutzen. Was aber das Resultat und den Lohn unserer Bemühungen betrifft, so dürfen wir lediglich darauf hoffen, dass Er sie uns zuteilwerden lässt.

Im Koran und durch das Vorbild des Propheten Muhammad werden wir immer wieder darauf hingewiesen, dass nichts und niemand außer Gott unser uneingeschränktes Vertrauen verdient. Denn Er ist es, der alle Dinge erschafft und Sich aller Angelegenheiten annimmt. Wenn wir die Potenziale, die unserem Wesen wie Samenkörner eingepflanzt wurden, ausschöpfen, wenn wir sie in Zielvorstellungen umwandeln und darauf vertrauen, dass Gott diese Zielvorstellungen Wirklichkeit werden lässt, dann gewährt uns der Allmächtige dazu die nötige Kraft und die Fähigkeit. Wenn wir etwas tun möchten und uns ernsthaft darum bemühen, so eröffnet uns der Schöpfer des Universums die Möglichkeit, unser Ziel zu erreichen. Dies gilt unabhängig davon, ob wir diese Kraft als Willenskraft bezeichnen, ob wir davon ausgehen, dass wir unsere Gedanken und Handlungen mit Hilfe unseres Willens lenken, oder ob wir der Meinung sind, dass Gott unserem freien Willen in der Sphäre der Ursachen einen Gefallen erweist. Auch spielt dafür keine Rolle, wie wir das, was in den Bereich unseres freien Willens fällt (das erwähnte Grundprinzip), definieren.

Aus diesem Grunde dürfen wir uns stets auf Gott verlassen und auf Sein Wirken bauen. Wahre Gläubige vertrauen sich in jeder Angelegenheit zunächst einmal Gott an und machen dann von den Fähigkeiten Gebrauch, die Er ihnen verliehen hat. Darüber hinaus schreiben sie ihre Leistungen nicht sich selbst, sondern der Vorherbestimmung Gottes zu. Sie wissen, dass ihnen all ihre Leistungen und Errungenschaften von Gott beschieden wurden, und zweifeln nicht daran, dass es in Seiner Macht steht, ihnen auch zukünftig Erfolg zuteilwerden zu lassen. Diese Menschen können als reiche Menschen bezeichnet werden. Sie sind sich nämlich der Tatsache bewusst, dass sie aus den Schatzkammern der Barmherzigkeit Gottes ernährt werden. Sie haben die Tatsache verinnerlicht, dass „der Glaube sowohl Licht als auch Kraft ist. Wer sich einen wahren Glauben erwirbt, vermag das Universum herausfordern.“ (Said Nursi; Die Worte, Einundzwanzigstes Wort) Das gibt ihnen den Mut, es mit der ganzen Welt aufzunehmen. Die Festung, in der sie Zuflucht nehmen, und das Schwert, das sie führen, ist die Wahrheit der Formel „Es gibt keine Macht außer bei Gott.“

Wahre Gläubige ziehen aus ihrem freien Willen, den Gott ihnen gewährt hat, den größtmöglichen Nutzen. Daneben beten sie aber auch: „O Gott, bitte lass mich nicht allein mit meinem sinnlichen Selbst, nicht einmal ein Augenzwinkern lang!“, und vertrauen nicht auf sich selbst, sondern auf Gott den Allmächtigen. Sie betrachten ihr sinnliches Selbst und ihre fleischlichen Gelüste als ihre Erzfeinde und erwählen sich Gott allein zu ihrem Freund, Helfer und Beistand. Bei jedem Geschehnis, mit dem sie sich konfrontiert sehen, flüstern sie: Gott ist uns genug, und was für ein Sachwalter voll Gnadenfülle ist Er! (3:173) Und sie verkünden die Wahrheit: O unser Herr! Du bist es, in den wir unser Vertrauen gesetzt haben, und Du bist es, zu dem wir uns in größter Aufrichtigkeit und Hingabe wenden, und zu Dir ist die Heimkehr. (60:4)

Wie selbstverständlich befolgen sie Gottes Gebot: Und setze dein Vertrauen in Gott. Gott genügt als derjenige, dem vertraut wird (und auf den alle Angelegenheiten zurückgeführt werden). (33:3) Ihr Leitprinzip lautet: Gott genügt mir. Es gibt keine Gottheit außer Ihm. In Ihn setze ich mein Vertrauen, und Er ist der Herr des Erhabenen Throns (als unumschränkter Herrscher und Erhalter des Universums und der gesamten Schöpfung, die Er versorgt und beschützt). (9:129)

Wenn heutzutage jeder bei jedem Thema „Ich!“ ruft, dann ist es kein Wunder, dass die Menschen inzwischen egoistischer und überheblicher sind als je zuvor. Die Ichbezogenheit ist so weit verbreitet, dass die meisten Menschen mit den Erfolgen, die ihnen von der Vorherbestimmung Gottes zugeteilt werden, ihre Egos füttern und ihre Überheblichkeit befriedigen. Die Mehrzahl derer, die sich so viel auf ihr Selbstvertrauen einbilden, wird im Laufe der Zeit von der Seuche der Eitelkeit infiziert. Ein Gefühl der Überlegenheit macht sich in ihnen breit und stiftet sie dazu an, bei jeder Gelegenheit von sich selbst zu sprechen. In diesem Sinne lässt sich der Begriff Selbstvertrauen kaum mit der Haltung eines wahren Gläubigen vereinbaren. Vom Standpunkt des Glaubens aus betrachtet, handelt es sich hier um einen sehr unnatürlichen Begriff, der Herz und Geist verführt, ähnlich wie andere zweifelhafte Begriffe es auch tun. Mit einer Einstellung, die auf den grundlegenden Werten des Glaubens basiert, sollten wir alle beten: „Stütze mich, o Gott, stütze mich! Ohne Dich bin ich hilflos!“

(Aus der Zeitschrift Fontäne, Ausgabe 48, 2010)

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