Start Wissenswertes Häufige Fragen zu Islam und Muslime Warum ist das ungerechtfertigte Töten eines einzigen unschuldigen Menschen genauso schlimm wie das Töten der ganzen Menschheit?
Warum ist das ungerechtfertigte Töten eines einzigen unschuldigen Menschen genauso schlimm wie das Töten der ganzen Menschheit?
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Hikmet Isik

Gottes Worten, auf die in der Frage angespielt wird, folgt die Versicherung, dass der Erhalt eines Menschenlebens im Gegenzug genauso verdienstvoll ist wie der Erhalt des Lebens der ganzen Menschheit. (5:32) Unmittelbar vor diesen unmissverständlichen Aussagen fordert Gott Seinen Gesandten auf: Und verlies ihnen in Wahrheit die Geschichte von den zwei Söhnen Adams. (5:27) Der Prophet sollte den Gläubigen also von dem ersten Mord berichten, der auf der Erde begangen wurde.

Der erste Mord in der Geschichte der Menschheit

Die meisten Koraninterpreten sind der Auffassung, dass es sich bei den zwei Söhnen Adams wohl um Kain und Abel handelt, und zitieren auch einige Details aus dem Leben dieser beiden Brüder. Allerdings werden Kain und Abel nur in den älteren Heiligen Schriften namentlich erwähnt, nicht aber im Koran. Gleichwohl haben die muslimischen Gelehrten in der Regel nichts dagegen einzuwenden, wenn die zwei Charaktere, von denen im Koran die Rede ist, Kain und Abel genannt werden. Einige Gelehrte gehen jedoch davon aus, dass die zwei Söhne Adams zwei beliebige Männer aus dem Volk Israel sein können. Doch unabhängig davon, wer hier im Recht ist, denke ich, dass man die Identität der Brüder nicht unbedingt kennen muss, um aus diesem Gleichnis eine Lehre zu ziehen. Entscheidend ist vielmehr, dass sich ihre Geschichte tatsächlich wie beschrieben ereignet hat, und dass es sich hier keineswegs nur um einen Mythos handelt. Denn um genau dies zu unterstreichen, werden in dem Vers die Worte in Wahrheit verwendet.

Der Koran gibt Auskunft darüber, dass beide Brüder Gott ein Opfer darbrachten, aber nur eines der beiden Opfer von Ihm angenommen wurde. Der Bruder, dessen Opfer zurückgewiesen wurde, sagte zu dem anderen Bruder: Wahrhaftig, ich schlage dich tot. Obwohl er doch wissen musste, dass das Töten eines anderen Menschen und insbesondere natürlich ein Brudermord eine schwere Sünde darstellt, vergoss der Mörder das Blut seines unschuldigen Bruders, weil er von Neid übermannt wurde. Sein Opfer versuchte nicht einmal, sich zu wehren. Er war seinem Bruder immer nur ein friedfertiger Gefährte gewesen.

Der erste Mord auf Erden, dessen Ausführung in Vers 5:30 mit dem Satz Doch er erlag dem Trieb, seinen Bruder zu töten; also erschlug er ihn und wurde einer von den Verlierern geschildert wird, erwies sich als der Ausgangspunkt eines unheilvollen Weges, der in die ewige Verdammnis führt. Ein Damm war gebrochen, und nun brach sich eine gewaltige Flut Bahn. Deshalb kommentierte der Gesandte Gottes diesen Vorfall so:

Adams Sohn trägt eine Teilschuld am Blut jedes Menschen, das ungerechtfertigt vergossen wird. Denn er war derjenige, der mit dem Töten begonnen hat.

Im Anschluss an die Schilderung dieses traurigen ersten Mordes in der Geschichte der Menschheit verankert Gott ein entsprechendes Prinzip. Um zu zeigen, wie schwer die Sünde des Mordes wiegt und welch hohen Wert das menschliche Leben besitzt, befiehlt Er:

Deshalb haben Wir den Kindern Israels verordnet, dass, wenn jemand einen Menschen tötet, ohne dass dieser einen Mord begangen hätte, oder ohne dass ein Unheil im Lande geschehen wäre, es so sein soll, als hätte er die ganze Menschheit getötet; und wenn jemand einem Menschen das Leben erhält, es so sein soll, als hätte er der ganzen Menschheit das Leben erhalten. Und Unsere Gesandten kamen mit deutlichen Zeichen zu ihnen; dennoch, selbst danach begingen viele von ihnen Ausschreitungen im Land. (5:32)

Ungerechtfertigtes Töten und Vergeltung

In diesem Vers heißt es, das Töten eines einzigen Menschen sei gleichbedeutend mit dem Töten der ganzen Menschheit. Diese Aussage besitzt sich jedoch nur dann Gültigkeit, wenn jemand getötet wird, ohne dass dieser einen Mord begangen hätte, oder ohne dass ein Unheil im Lande geschehen wäre. Wenn jemand das Blut unschuldiger Menschen vergießt, dann darf Vergeltung geübt werden und dann kann gegen den Mörder eine Strafe verhängt werden, die dem, was er selbst getan hat, ähnelt. Wenn jemand Unheil im Lande stiftet, dem viele Menschen zum Opfer fallen, wenn das Töten kein Ende nimmt, ohne dass sich der Täter darum schert und ohne dass die Opfer überhaupt wissen, warum sie sterben müssen (was heute in einigen Ländern der Welt an der Tagesordnung ist), dann darf der für diesen Zustand der Anarchie Verantwortliche durchaus getötet werden. Gleiches gilt auch, wenn eine ganze Gruppe von Tätern die Schuld an dieser Entwicklung trägt. Menschen, die Krieg gegen Gott und Seinen Gesandten führen, die nichts als Unheil anrichten, die aus Gewohnheit Menschenleben zugrunde richten, sich den Besitz anderer Menschen aneignen, die Würde ihrer Mitmenschen mit Füßen treten, die Ordnung der Gesellschaft untergraben und die Jugend korrumpieren, sollten, je nach Schwere ihrer Verbrechen, entweder hingerichtet oder ins Exil geschickt werden.

Wenn diese Leute ihre Taten aber wirklich aufrichtig bereuen, kann auf die Vollstreckung der beiden Strafen verzichtet werden. In dem Fall bleibt die Verletzung persönlicher Rechte: Die Verwandten des Ermordeten oder jenes Menschen, dessen Besitz zerstört wurde, können den Tätern vergeben. Sie können aber auch Vergeltung oder eine Entschädigung für den angerichteten Schaden einfordern. Um es in modernere rechtswissenschaftliche Begriffe zu fassen: Es kann Anklage erhoben werden, die Anklage kann aber auch fallen gelassen werden. Prinzipiell lautet die Strafe für einen vorsätzlichen Mord im Diesseits Vergeltung. Die Erben des Toten haben jedoch die Möglichkeit zu verlangen, dass der des Mordes Angeklagte nicht mit dem Tod bestraft wird, sondern stattdessen eine Entschädigungszahlung leistet. Und selbst diese können sie ihm erlassen. Aber: Wenn der Mörder seine Tat nicht bereut und ihm Gott keine besondere Gnade erweist, dann wird er im Jenseits unweigerlich mit dem ewigen Aufenthalt im Höllenfeuer bestraft werden.

Mancher mag ein ewiges Büßen für einen Mord für übertrieben halten. Doch ein Mord ist eines der schwersten Verbrechen überhaupt. Denn wie ja bereits erwähnt wurde: Einen Menschen ermordet zu haben, der weder ungerechtfertigt Blut vergossen noch Unheil im Lande angerichtet hat und der auch nicht in solch extremem Maße verderblichen Einfluss ausgeübt hat, dass dies seine Tötung zwingend erforderlich machen würde, ist genauso verwerflich, wie der Mord an der ganzen Spezies Mensch. Jeder Mord verletzt das Recht auf Leben, welches Gott, der Allmächtige, allein gewährt. Mit jedem Mord wird das Verbot, Blut zu vergießen, übertreten. Jeder Mord ist eine furchtbare Tat. Hinzu kommt: Jeder Mord weist anderen Menschen den Weg, etwas Ähnliches zu tun, ja ermuntert sie sogar dazu.  

Wenn jemand einen Unschuldigen tötet, dann sagt dies bereits sehr viel über ihn aus. Es zeigt eindeutig, dass er Blutvergießen und Mord nicht abgeneigt ist, dass er potenziell alle Menschen töten würde. Seine Persönlichkeit ist die eines Mörders, ja sogar eines mehrfachen Mörders. Wer einmal einen Mord begangen hat, dem wird der zweite Mord schon leichter von der Hand gehen; bereits nach wenigen Morden wird das Töten für einen solchen Menschen etwas ganz Alltägliches geworden sein. Und genau aus diesem Blickwinkel betrachtet, darf ein Mensch, der einen Unschuldigen getötet hat, als Mörder der ganzen Menschheit gelten.

Ein Leben erhalten…

Wer einem anderen Menschen das Leben erhält, indem er ihn von einem Mord abbringt, indem er ihm vergibt, indem er auf das eigene Recht auf Vergeltung verzichtet, indem er ihn aus einer Gefahr errettet (ihn z.B. vor dem Ertrinken oder vor dem Verbrennen bewahrt) oder indem er ihm hilft zu überleben - ein solcher Mensch wird beurteilt, als hätte er das Leben aller Menschen gerettet und seine Gunst der ganzen Menschheit erwiesen. Der Verzicht auf Vergeltung, aber auch auf das Töten sowie die Errettung von Menschen aus Notlagen - all das fällt unter den Begriff am Leben erhalten, der in dem Vers oben verwendet wird. Zu beachten ist jedoch, dass der Eine und Einzige Besitzer des Lebens Gott ist. Er ist der Spender allen Lebens. Streng genommen hat niemand außer Ihm die Macht, Leben zu erhalten oder zu nehmen. Menschen können in diesem Zusammenhang immer nur die Rolle von Werkzeugen oder Medien spielen. Nie sind sie die wahre Ursache dafür, dass ein anderer am Leben bleibt. Im Koran sagt Nimrod zwar Ich bin es, der lebendig macht und sterben lässt (2:258), aber dieses Lebendigmachen (arabisch: Ihya) bedeutet lediglich, dass er davon absieht, zu töten und zu morden.

Aus dieser Perspektive betrachtet darf man einem Menschen, der einem anderen Menschen das Leben erhalten hat, getrost unterstellen, dass er auch das Leben der gesamten Menschheit erhalten würde, wenn er denn dazu in der Lage wäre. Mit anderen Worten: Wo auch immer er ein Unrecht erkennt, wird er sofort eingreifen und versuchen, es zu verhindern.

Das spirituelle Lebendigmachen wird in diesem Vers zwar nicht explizit erwähnt; aber wenn ein Mensch, der an Gott, Seinen Gesandten und das Jenseits glaubt, über Gott und Seinen Gesandten spricht und seinen Glauben an andere Menschen weitergibt, dann darf auch dies als Ihya bezeichnet werden. In Versen wie O ihr, die ihr glaubt, hört auf Allah und den Gesandten, wenn er euch zu etwas aufruft, das euch Leben verleiht… (8:24) wird ebenfalls das Wort Ihya gebraucht, um damit Menschen zu charakterisieren, die das Leben der Tiere hinter sich gelassen haben und zu den Höhen des spirituellen Lebens aufgestiegen sind. Wenn ein gläubiger Mensch also jemandem, der ein Sklave seiner fleischlichen Begierden ist, hilft, sein rein materialistisch orientiertes Leben um ein spirituelles Leben zu bereichern, dann darf von ihm zu Recht behauptet werden, dass er jenem Materialisten Leben verliehen hat. Auch ein gläubiger Mensch, der sich bemüht, seine Mitmenschen so zu inspirieren, dass diese den Glauben annehmen, und sich selbst so zu einem Werkzeug für deren Erlösung macht, darf im Hinblick auf sein potenzielles Ziel als jemand betrachtet werden, der dazu bereit ist, die ganze Menschheit am Leben zu erhalten.

Die schlimmste Art von übler Nachrede

Es ist bekannt, dass Gott gewisse Dinge in einer Gruppe anderer Dinge versteckt: den bedeutendsten Seiner Namen (Ism al-A’tham) in der Gruppe der Schönen Namen Gottes, die Akzeptanz der Gebete (Waqt al-Idschaba) in der Gruppe der Freitage, die allseits verehrten rechtschaffenen Menschen unter den gewöhnlichen Menschen, die Nacht der Bestimmung unter den letzten 10 Tagen des Ramadans, den Tag des Jüngsten Gerichts innerhalb der Lebensspanne des Universums und den Moment des Todes innerhalb der Lebensspanne des Menschen. Unter den Sünden insgesamt wiederum lauern schwere Verbrechen, die den Menschen von einer Sekunde auf die andere ins Unglück stürzen können. Damit möchte Gott die Gläubigen wohl dazu animieren, stets auf der Hut zu sein und Zuflucht bei Ihm zu suchen. Jedenfalls gibt es einige ganz unterschiedliche Arten von Sünden, die den Zorn Gottes so stark auf sich ziehen, dass er den Sünder anspringt wie eine Giftschlange.

Jeder von uns weiß, was unter dem Begriff üble Nachrede (Ghiyba) zu verstehen ist: nämlich das Sprechen über einen Menschen hinter dessen Rücken und die Verwendung von Worten, die diesem Menschen garantiert nicht gefallen würden - wenn er sie denn überhaupt zu hören bekommt. Wenn das, was gesagt wurde, wenigstens der Wahrheit entspricht, handelt es sich ‚nur’ um üble Nachrede. Ist es darüber hinaus sogar erfunden und erlogen, dann handelt es sich um üble Nachrede in Verbindung mit Verleumdung, was noch um einiges schlimmer ist. Abgesehen davon existieren unterschiedliche Abstufungen der üblen Nachrede, und damit ähnelt sie einer Treppe, deren Stufen immer tiefer hinab in den Abgrund führen. Wer Gott sehr nahe steht, für den fällt selbst ein böser Gedanke in diese Kategorie - als eine üble Nachrede des Herzens. Auch mit dem Finger auf jemanden zu zeigen oder jemanden zu verspotten, indem man ihm Fratzen zieht, ist eine Art übler Nachrede. Wenn man über jemandem sagt, er sei zu klein geraten, oder seine Jacke stehe ihm überhaupt nicht, dann ist auch das eindeutig üble Nachrede und damit eine Sünde. Alle Arten von übler Nachrede beschmutzen die Makellosigkeit dieses Lebens und werden uns über das Grab hinaus Probleme bereiten.

Eine Art üble Nachrede ist jedoch gefährlicher und destruktiver als alle übrigen. Sie stellt eine so schwere Sünde dar, dass in einem Hadith sogar gesagt wird, sie sei 20-mal schlimmer als Ehebruch. Gemeint ist die üble Nachrede gegen eine Person, die eine Gruppe, eine Gemeinschaft oder eine Bewegung repräsentiert. Denn das Schicksal einer solchen Person ist untrennbar mit der Gemeinschaft, die sie repräsentiert, verknüpft. Wer schlecht über die Person spricht, spricht also schlecht über eine ganze Gemeinschaft.

Wenn diese üble Nachrede außerdem nicht einen gewöhnlichen Menschen trifft, sondern einen Menschen, der Gott sehr am Herzen liegt, wie beispielsweise den Sufischeich al-Dschilani, wenn sie nicht eine gewöhnliche Bewegung trifft, sondern eine Gemeinschaft wie den Naqschbandiya-Sufiorden, und wenn diese üble Nachrede dann auch noch über die Massenmedien verbreitet wird und zu einer großen Verleumdungskampagne anwächst, dann kann diese extrem schwere Sünde die Öffentlichkeit sogar dazu verleiten, am Glauben zu zweifeln und ihn abzulegen. Im Übrigen sind in jeder noch so kleinen Sünde Wege angelegt, die zum Unglauben führen. Wer in unserem Beispiel seine üble Nachrede gegen Scheich Naqschbandi richtet, beleidigt damit die goldene Kette des Naqschbandiya-Sufiordens. Und diese verdienstvollen Menschen, haben mit dem Licht, das sie einst von ihrem ersten Scheich empfangen haben, unsere Welt bis in unsere Tage erhellt. Stets waren sie spirituelle Ratgeber der Menschen. Wie schändlich wäre es, dieses Licht zu löschen!

Noch schlimmer ist es, wenn man diejenigen, die man verleumdet, als ‚-isten‘ bezeichnet. [Kommunisten, Islamisten, Faschisten etc.] Denn dann wird man kaum ins Paradies eintreten dürfen, ohne jedes einzelne Mitglied der betreffenden Gemeinschaft um Verzeihung gebeten zu haben. Der Gesandte Gottes sagte einmal:

Übt keine üble Nachrede, denn üble Nachrede ist schlimmer als Ehebruch. Wenn jemand die Ehe bricht und bereut (verspricht, es nicht wieder zu tun) akzeptiert Gott, der Allmächtige, seine Reue. Aber die Sünde der üblen Nachrede wird erst dann vergeben, wenn derjenige, den man damit angegriffen hat, sie verzeiht.

Zwar ist es nicht ausgeschlossen, dass Gott, der Barmherzige, den Sündern die Chance gibt, den von ihnen Geschädigten von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten, und dass Er den Geschädigten dann empfehlen wird: Vergib diesem Meinem Diener! Aber ein solches Glück wäre ein Gunstbeweis, auf den man sich auf keinen Fall verlassen sollte. Denn der Dienst an Gott gründet nicht auf solchen besonderen Gunstbeweisen.

Um kein schreckliches Ende fürchten zu müssen, sollten gläubige Menschen versuchen, sich von allen Arten übler Nachrede fernzuhalten. Sie sollten sämtliche Schimpfwörter von ihrer Zunge verbannen und ihren Geist von verwerflichen Gedanken und Gefühlen reinigen. Um ein Unglück abzuwenden, das verhängnisvoller wäre als ein Ehebruch, sollten sie selbst die banalsten negativen Ausdrücke verschmähen. Denn nur das schützt sie davor, unversehens, ohne es selbst zu bemerken, die schlimmsten Sünden zu begehen. Wer sich den Zaqqum-Baum der Hölle ersparen möchte, sollte immer wieder Zuflucht bei Gott suchen und das Unheil fürchten, was seine Zunge anzurichten imstande ist.
 

Fitna

Ähnliches lässt sich auch über das Thema Fitna sagen. Das Wort Fitna trägt so unterschiedliche Konnotationen wie Verführung, Verwirrung des Verstandes, Verschiedensein, auf etwas hereinfallen, sündigen, Unglaube, blendende Schönheit, Besitz und Kinder, Prüfung, Folterung, Unglück oder Ärger. Fitna bzw. ein anderes Wort, das aus der gleichen arabischen Wurzel gebildet wird, kommen im Koran in fast 60 Versen vor. Schon eine Meinungsverschiedenheit zwischen zwei Menschen kann als Fitna bezeichnet werden. In erster Linie aber werden Bestrebungen, die darauf abzielen, den Unglauben zu verbreiten, die Menschen vom Weg Gottes abzubringen oder Angst und Schrecken in der Gesellschaft zu verbreiten, als Fitna eingestuft. Auch dafür zu sorgen, dass zwei Menschen einander nicht ausstehen können, gilt als Fitna. Eine andere Art Fitna ist aber so verwerflich, dass sie den Zorn Gottes anzieht wie ein Magnet. Schlimmer als alle anderen Arten von Fitna ist sie deshalb, weil sie einen Menschen ganz plötzlich in die tiefsten Abgründe der Hölle stoßen kann und ihn allen Glücks in beiden Welten beraubt. Um uns auch vor dieser Gefahr zu schützen, sollten wir von Beginn an jede noch so geringfügige Form von Fitna meiden und Abstand von allen Worten und Handlungen nehmen, aus denen Fitna erwachsen könnte.

Doch was zeichnet jene schlimmste Art von Fitna aus? Im Koran wird gesagt:

Denn die Verführung (zum Unglauben) ist schlimmer als Töten. (2:191)

 Nicht jede Fitna ist eine so schwere Sünde wie ein Mord. Doch diese eine Art Fitna ist noch schlimmer als ein Mord: Zu ihr gehören Bemühungen wie beispielsweise den Unglauben mit brutaler Gewalt zu verbreiten, Muslime von ihren wahren Werten zu entfremden oder auch junge Menschen zu Fremden gegenüber ihren eigenen spirituellen Werten zu machen und sie damit schrecklichen Qualen in beiden Welten auszusetzen. All dies sind extrem schwere Sünden, weit gefährlicher noch, als einen unschuldigen Menschen zu töten.

In einigen Mordfällen verschmelzen Fitna und Mord. Nehmen wir einmal an, jemand ermordet eine wichtige Persönlichkeit, taucht anschließend unter, und ein Unschuldiger oder eine ganze Gruppe wird für den Mord verantwortlich gemacht. Die Lage eskaliert, und eine blutige Auseinandersetzung nimmt ihren Lauf, unter der sowohl die Angehörigen des Opfers als auch die zu Unrecht beschuldigte Gruppe leiden. In dem Fall kann keine Rede davon sein, dass der Mord auf eine einzige Handlung beschränkt bliebe. Ihm folgen immer neue gegenseitige Anfeindungen und Attacken, und er bläht sich zu einer großen Fitna auf. Schließlich wird eine unaufhaltsame ‚Kettenreaktion’ von Fitnas ausgelöst, kurze Zeit später herrschen anarchische Zustände, und Tausende von Morden werden begangen.

Leider hat es solche Arten von Fitna in der Geschichte durchaus gegeben, und entsprechende Morde erwiesen sich letztendlich als weit schlimmer als ein einzelnes Tötungsdelikt. Der Mord an dem zweiten Kalifen Umar ibn al-Khattab beispielsweise war weit mehr als ein ‚einfacher’ Mord. Umso mehr, als dass Hudhayfa al-Yamani berichtet, Umar sei ein ‚Tor’ gewesen, das die Fitna gewissermaßen aussperrte. Mit seinem Märtyrertod aber wurde das Tor geöffnet, oder besser gesagt: niedergerissen. Deshalb möchte ich im Folgenden etwas ausführlicher auf dieses Ereignis zu sprechen kommen.

Eines Tages fragte Umar ibn Al-Khattab Hudhayfa, mit welchen Worten genau der Gesandte Gottes die Fitna als ein Aufwallen, vergleichbar mit den Wellen des Meeres, beschrieben hatte. Hudhayfa antwortete ihm: „Mein Oberhaupt der Gläubigen, dir droht keine Gefahr von dieser Fitna. Denn zwischen dir und ihr ist ein geschlossenes Tor.“ Als Umar wissen wollte, ob sich dieses Tor öffnen oder ob es niedergerissen werde, entgegnete ihm Hudhayfa: „Es wird niedergerissen werden.“ Umar sagte: „Danach wird es sich bis zum Ende der Welt nicht mehr schließen.“ Als Hudhayfa von einem seiner Freunde zu diesem Tor befragt wurde, erklärte dieser ihm: „Umar selbst ist dieses Tor.“

Insofern war der Mord an Umar ganz gewiss kein gewöhnlicher Mord. Mit ihm wurde das Tor zur Fitna niedergerissen und der Weg frei zu allen weiteren Fitnas bis zum Ende der Welt. Wenn es im Koran heißt, dass der Mörder eines unschuldigen Menschen für immer in der Hölle bleiben wird, dann gilt dies insbesondere für Mörder wie jenen von Umar. Das jedenfalls folgt laut Ibn Abbas und einigen Imamen der Generation, die auf die Generation der Gefährten des Propheten folgte, aus dem folgenden Koranvers, der gerade solchen Mördern eindeutig mit einem ewigen Aufenthalt in der Hölle drohe:

Und wer einen Gläubigen vorsätzlich tötet, dessen Lohn ist Dschahannam [das Höllenfeuer], worin er auf ewig bleibt. Allah wird ihm zürnen und ihn von Sich weisen und ihm eine schwere Strafe bereiten. (4:93)

Einige Koraninterpreten liefern jedoch eine andere Interpretation: Geradeso wie ein Mörder verdiene, für sein Verbrechen getötet zu werden, müsse auch jemand, der die ganze Menschheit getötet hat, die gleiche Strafe erhalten. Eine schwerere Strafe gebe es nicht. Und geradeso wie die Strafe für jemanden, der einen Menschen ermordet hat, das ewige Höllenfeuer sei, müsse auch jemand, der die ganze Menschheit getötet hat, die gleiche Strafe erhalten. Deshalb bestehe kein Unterschied zwischen jemandem, der einen einzigen Menschen getötet hat, und jemandem, der die ganze Menschheit getötet hat.

 

Zwar begrenzt der Vers Wahrlich, Allah wird es nicht vergeben, dass Ihm Götter zur Seite gestellt werden; doch Er vergibt das, was geringer ist als dies, wem Er will. Und wer Allah Götter zur Seite stellt, der hat wahrhaftig eine gewaltige Sünde begangen (4:48) die Aussage des oben zitierten Verses. Wenn wir jedoch den Gegenstand als Ganzen betrachten, werden wir erkennen, dass es, selbst wenn nicht jeder Mörder auf ewig im Höllenfeuer bleiben wird, auf jeden Fall zumindest eine bestimmte Art von Mord geben muss, dessen Täter ewig wird büßen müssen.

Fazit

So wie es unterschiedlich schwere Sünden wie zum Beispiel üble Nachrede und Fitna gibt, gibt es auch unterschiedlich schwerwiegende Morde, abhängig von der Identität und dem Status des Opfers und von den Konsequenzen, die der Mord nach sich zieht. Jeder Mord ist ein schweres Verbrechen, aber die Tötung eines Oberbefehlshabers einer Armee oder eines Staatsoberhauptes unterscheidet sich hinsichtlich seiner Folgen von einem Mord an einem gewöhnlichen Bürger.

Ein in der Heiligen Moschee in Mekka begangener Mord, ein Mord also an einem Ort, an dem es sogar verboten ist, Insekten zu töten oder Blätter von einem Baum abzureißen, unterscheidet sich gewiss von einem Mord, der an einem beliebigen anderen Ort begangen wurde. Deshalb betrachtete Ibn Abbas auch nur das Töten eines Propheten oder eines Oberhauptes der Gläubigen als gleichbedeutend mit dem Töten der ganzen Menschheit. Wer einen Menschen tötet, dessen Schicksal fest mit dem Schicksal eines ganzen Volkes verbunden ist, der unterzeichnet damit einen Tötungsbefehl für das ganze Volk seines Opfers. Wer einen Menschen vergiftet, der dem Wohl der ganzen Menschheit verpflichtet ist, vergiftet damit ebenfalls ein ganzes Volk. Ja, man könnte sogar behaupten, ein solcher Mensch vergifte gewissermaßen den Propheten Muhammad und seine Gefährten. Und das ist eine so schwere Sünde, dass der Täter, selbst wenn er ein gläubiger Mensch sein sollte, niemals den Weg ins Paradies finden wird, bevor ihm nicht die gesamte Menschheit verziehen hat.

Um also gar nicht erst in die Gefahr zu geraten, ein so schweres Verbrechen zu begehen, müssen wir uns von jeder Art von Mord distanzieren. Das gilt für die heutige Zeit und die Menschen der Gegenwart genauso wie für die Vergangenheit und unsere Vorfahren. Als Hasan al-Basri einmal gefragt wurde, „Besitzt dieses Prinzip auch für uns noch Gültigkeit?, antwortete er: „Ich schwöre bei Gott, dem Allmächtigen, außer dem es keine anderen Gottheiten gibt, dass es in der Tat so ist. Denn das Blut des Volkes Israel ist nicht mehr wert als unser Blut.“

Abhängig von Zeit und Ort oder Identität und Status des Opfers gibt es unterschiedlich schwerwiegende Morde. Letztlich sind aber alle Morde an unschuldigen Menschen in jedem Fall als schwere Sünden einzustufen.

(Aus der Zeitschrift Fontaene, Ausgabe 37, Juli-September 2007)

 

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