Fragen wie diese sollte nur jemand stellen, der den aufrichtigen Wunsch hat, zu ergründen, was Gott mit der Existenz dieser Unterschiede bezweckt. Wer die Anordnungen Gottes in Frage stellt und damit ein anderes Ziel verfolgt, sündigt.
Gott gewährt materiellen Reichtum, wem Er will und wie Er will. Ähnlich verhält es sich auch mit der Armut. Reichtum kann zum Beispiel durch Vererbung von einem Familienmitglied auf das andere übergehen, sodass es jemandem, der vorher arm war, dann besser gehen mag. Andererseits sind bestimmte Fähigkeiten oder persönliche Charakterzüge wie Intelligenz, Aufnahmefähigkeit, Geschäftstüchtigkeit usw. genetisch vererbt. Und doch gibt es auch Menschen, die vielleicht in der Lage wären, mit Reichtum und Ansehen umzugehen und günstige Gelegenheiten zu nutzen, die aber auf Grund ihrer Lebensumstände erst gar nicht mit diesen in Berührung kommen.
Vom Propheten wird berichtet, er habe gesagt, dass Gott die Güter dieser Welt so verteilt, wie Er es für richtig hält, dass Er aber denen, die Ihn darum bitten, Wissen, Ilm, gewährt. Dieser Hadith ist, wenn auch fehlerhaft überliefert, äußerst aussagekräftig. Es liegt auf der Hand, dass materielle Besitztümer nicht zwangsläufig in jedem Fall als etwas Gutes, Khair, betrachtet werden können. Gelegentlich gewährt Gott denjenigen die Ihn darum bitten, materielle Sicherheit und materielles Glück, manchmal tut Er es aber auch nicht. Ganz sicher liegt aber irgendetwas Gutes in allem, was Er gewährt, sei es nun Reichtum oder Armut. Für einen gläubigen Menschen, der rechtschaffen handelt und mit dem, was ihm gegeben wurde, gutherzig umgeht, ist der Reichtum ein Instrument, das ihm erlaubt, Gutes zu tun. Ein Mensch jedoch, der über einen schwachen Glauben verfügt und vom Pfad der Rechtschaffenheit und Wohltätigkeit abgekommen ist, wird mit seinem Reichtum Schlechtes anrichten. Analog dazu kann die Armut für einen Menschen, der den Pfad der Rechtschaffenheit verlassen hat, zu einem Werkzeug des Unglaubens, Kufr, werden und dafür sorgen, dass er innerlich und äußerlich Tag für Tag gegen Gott rebelliert. Wer auch immer sein Herz, seinen Verstand und seine Seele nicht ganz und gar Gott unterwirft und nicht aufrichtig versucht, den Lehren des Islam gemäß zu handeln, wird herausfinden, dass ihm sein Reichtum, wie groß er auch sein mag, nur zur Last fallen und ihn einer strengen und schwierigen Prüfung unterziehen wird:
Und wisset, dass euer Gut und eure Kinder nur eine Versuchung sind und dass bei Allah großer Lohn ist.(8:28)
An dieser Stelle sollten wir uns erneut einen Ausspruch des Propheten in Erinnerung rufen:
Unter euch gibt es Menschen, denen Allah, wenn sie nur ihre Hände heben und bei Ihm schwören, alles gewährt, was sie sich wünschen und die Er niemals etwas Falsches schwören lässt. Zu diesen Menschen gehört Bir’a ibn Malik.1
Bir’a ibn Malik, der jüngere Bruder von Anas, lebte in vollkommener Armut auf dem untersten Existenzniveau und hatte weder viel zu essen noch einen Platz zum Schlafen. Doch trotz ihres armseligen und zerlumpten Äußeren werden Menschen wie Bir’a auf Grund ihrer aufrichtigen Frömmigkeit sehr geschätzt und verehrt. Sie sind es, die angesprochen sind, wenn der Prophet Menschen erwähnt, welche im Rang derer stehen, die Gott niemals einen falschen Eid schwören lässt und für deren Versprechen Er Sich Selbst verbürgt. Sie sind es, die der Prophet lobt und deren Handeln er sehr schätzt.
Es wird überliefert, dass Umar, als er bei Gelegenheit das Zimmer des Propheten betrat, auf dessen Rücken Spuren der rauen Matte sah, auf der er geschlafen hatte. Da traten Umar Tränen in die Augen, und er fragte den Propheten, wie es denn sein könne, dass die Herrscher von Byzanz und Persien in solchem Pomp und Luxus lebten, während der Gesandte Gottes auf einer so harten Matte schlafe. Der Prophet entgegnete ihm: Akzeptierst du nicht, dass sie das Diesseits haben sollen und wir das Jenseits?2Genau deshalb führte Umar auch einige Jahre später während seines Kalifats, als die Reichtümer der byzantinischen und persischen Reiche bereits in die Schatzhäuser der Muslime flossen, ein äußerst bescheidenes Leben und stellte keine großen Ansprüche.
Nicht die Armut selbst ist etwas Gutes, sondern vielmehr der Geisteszustand, der das weltliche Selbst (Nafs) diszipliniert (und besiegt) und den Blick auf das ewige Leben richtet. Die Armut kann uns in der Tat dabei unterstützen, diesen Geisteszustand zu erreichen. Bei einigen Menschen jedoch ruft Armut Verzweiflung, Verbitterung und Undankbarkeit gegenüber Gott hervor, birgt also die Wurzel des Unglaubens in sich. Wohlstand und materielle Sicherheit können ihrerseits bestimmte Menschen zu unangebrachten Gefühlen des Stolzes und der Selbstüberschätzung verleiten, wodurch sie die Bedürfnisse ihrer Mitmenschen aber auch ihre Pflichten Gott gegenüber vernachlässigen. Die Arroganz und Undankbarkeit dieser Menschen bergen ebenfalls die Wurzel des Unglaubens in sich.
Am sichersten ist ein Gläubiger also dann, wenn er versteht, dass alles, was Gott gegeben hat, der Vervollkommnung des Individuums dient. In welchen Verhältnissen ein gläubiger Mensch auch leben mag - in jedem Fall sollte er danach streben, das Wohlergehen seiner Mitmenschen zu steigern, und innerlich wie äußerlich dem Allmächtigen und Barmherzigen vertrauen. Die ideale Haltung gegenüber den Umständen dieser Welt, die ja lediglich eine Haltestelle auf dem Weg zu unserer immer währenden Bestimmung ist, ist in dem folgenden kurzen Gedicht sehr gut zum Ausdruck gebracht:
Ich akzeptiere, o mein Gott, alles, was Du mir zukommen lässt,
Denn alles, was Du mir zukommen lässt, ist gut;
Ob dies ein Ehrengewand oder ein Totenhemd ist,
Ob ein scharfer Dorn oder eine liebliche blühende Rose,
Wenn es mit Deinem Segen kommt, ist es etwas Gutes für mich.
(Aus dem Buch „Fragen an den Islam“ 1, 2005, S. 159)
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