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Prof. S. Yildirim/W. Willeke
Unter Soziologie versteht man das Studium von Ereignissen, Trends und Beziehungen innerhalb menschlicher Gesellschaften. Durch soziologische Studien erfahren wir mehr über die Prinzipien, auf die sich Gesellschaften gründen. Wir lernen diejenigen Faktoren kennen, die den Entwicklungsprozess von Gesellschaften beeinflussen, die sie stärken oder schwächen.
Der Koran, der den Menschen die Weisungen Gottes bekannt macht, verleiht den sozialen Dimensionen des menschlichen Lebens höchste Priorität. Aus diesem Grund haben sich muslimische Gelehrte schon lange bevor die Soziologie in Europa als eine formale Disziplin anerkannt war soziologischen Themen gewidmet. Auch die vom Islam vorgeschriebenen Handlungen des individuellen Gebets haben soziale bzw. kollektive Aspekte. Sie fördern ganz offensichtlich das Leben in der Gemeinschaft, weil sie gegenseitige Fürsorge und Solidarität, Identität und Zusammenhalt stärken.
Das Gebet
Der Koran gebietet dem Menschen zu beten. Hinter dieser Aufforderung zum Gebet verbirgt sich auch das Bestreben nach Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung; denn die Individuen werden dahingehend geschult, dass sie dem Einen Gott gegenüber absolut ergeben sind. Das koranische Konzept des Gebets ist umfassend, es beinhaltet, Anordnungen zu befolgen und Verbote zu beachten. Jeder Aspekt des Lebens eines Muslim steht in einer Wechselbeziehung zu jedem anderen und orientiert sich am Gebet. Die folgenden Verse der Sure Al-Baqara (Die Kuh) rufen die Menschen auf, Gott durch ihr Gebet zu dienen:
„O ihr Menschen, dienet anbetend eurem Herrn, Der euch erschuf und diejenigen, die vor euch waren; vielleicht seid ihr ja gottesfürchtig. Der euch die Erde zu einem Bett gemacht und den Himmel zu einem Baldachin und vom Himmel Wasser hernieder sandte und dadurch aus den Früchten für euch Nahrung hervorbrachte. Schreibt also Allah keine Partner zu, während ihr doch wisst.“ (Der Koran, 2:21-22)
Die Universalität des Gebets reflektiert die Universalität der Attribute Gottes; von ihnen hängt das Leben des Menschen ab, ihrer bedarf er in jeder Lebenslage. Das wird in der großartigen Eröffnungs-Sure des Koran, der Al-Fatiha besonders deutlich. Bevor wir „Dir dienen wir, und zu Dir rufen wir um Hilfe“ sagen, preisen und rühmen wir Gott als Herrn und Erhalter aller Geschöpfe und der gesamten Schöpfung, als Erbarmer und Barmherzigen und als Herrscher am Tage des Gerichts.
Wie der Koran in vielen Versen betont, verleiht das Gebet dem Bewusstsein Stärke und Reife und leitet es auf individueller genauso wie auf sozialer Ebene zum Guten an. Ohne Gebet können die islamischen Tugenden nicht zum Bestandteil des Charakters eines Muslims oder einer islamischen Gemeinschaft werden. Ein Blick auf die Lage von Muslimen in der Welt von heute zeigt, dass deren Zahl zwar sehr groß ist, dass ihre Familien und Gesellschaften aber immer dann von gegenseitigem Misstrauen, Zwistigkeiten, Manipulationen von außen und Bürgerkriegen bedroht sind, wenn das Gebet vernachlässigt wird.
Gebet beschert uns Zufriedenheit in dieser Welt und im Jenseits. Es bringt unsere Bestrebungen und Handlungen für diese Welt mit denen für die kommende Welt in Einklang. Im Gebet finden wir ein kräftiges und ehrenvolles Band, das uns mit unserem Herrn genauso verbindet wie mit unseren Mitmenschen, die ja ebenfalls Geschöpfe des Einen und Ewigen Gottes sind. So wie Menschen, die in einem anerkannt guten renommierten Unternehmen arbeiten, stolz darauf sind, ihre Zugehörigkeit zu dieser Firma zu verkünden, erklären praktizierende Muslime gern ihre Verbundenheit mit Gott, indem sie mit den Worten Inna lillah zu ihm beten - wir sind für Gott bestimmt, wir gehören zu Ihm.
In welcher Weise aber trägt das Gebet zur Zufriedenheit des Menschen auf Erden bei? Verglichen mit anderen Geschöpfen zeichnet sich der Mensch durch seine feinen und komplexen Sinne und Fähigkeiten aus. Er ist in einem positiven Sinne wählerisch, er ist sehr gewissenhaft und hat die angeborene Neigung, rechtschaffen zu leben und nach Vollkommenheit zu streben. Von Natur aus verabscheut er alles, was schlecht, hässlich und ordinär ist. Sein Hang zur Perfektion beinhaltet jedoch auch, dass er fast grenzenlose Bedürfnisse hat. Um allein die für sein Überleben entscheidenden Bedürfnisse - nämlich nach Nahrungsmitteln, Kleidung und Unterkunft (Sicherheit) - befriedigen zu können, muss er mit seinen Mitmenschen zusammenarbeiten. Daher ist der Mensch ein soziales Wesen.
Drei Grundfähigkeiten - Denken, Wünschen und Bereitschaft zur Anwendung von Gewalt zur Durchsetzung von Zielen - zeichnen alle Menschen aus. Weil einzig und allein der Mensch dazu verpflichtet ist, die Schöpfung zu verwalten und zu bewahren, hat Gott der Entwicklung dieser drei Fähigkeiten keinerlei Beschränkungen auferlegt. Infolgedessen schlummert im Menschen ein großes Potenzial an Ungerechtigkeit, widerspenstigem Benehmen und Bereitschaft, sich an seinem eigentlich doch guten Wesen zu versündigen und selbstsüchtig auf Kosten und unter Missachtung anderer zu leben. Gemeinschaftsleben erfordert jedoch ein gewisses Maß an Disziplin seitens der Mitglieder einer Gesellschaft, sonst kann sie nicht effektiv funktionieren und die Grundversorgung aller sicherstellen.
Obwohl es wahrscheinlich niemanden gäbe, der sich dem Ruf nach Gerechtigkeit nicht anschließen würde, versteht doch jeder Mensch unter diesem Begriff etwas Anderes. Eine Reihe von Faktoren wie zum Beispiel kulturelle Herkunft, Bewusstsein, Erfahrung, Interessen und Beziehungen spielen bei der persönlichen Einschätzung von Gerechtigkeit eine große Rolle. Es existiert aber auch ein Bedürfnis nach einer übergeordneten Autorität, deren Befehlsgewalt auf Grund ihrer Universalität und Unparteilichkeit akzeptiert wird. Auf der Suche nach dieser Autorität werden wir in der Religion fündig. So wie die auf Befehl Gottes erlassenen Gesetze der Physik in ihrem Wirken (was den Eingriff des Menschen in die Welt der Natur betrifft) konstant, unparteiisch und neutral sind, lässt sich Gleiches auch von den Geboten der Religion (den Gesetzen menschlicher Beziehungen und der Beziehungen zu Gott) sagen.
Bevor der Mensch einwilligt, den Geboten der Religion Folge zu leisten, muss er die Macht Gottes, die ihn und alle Dinge erschaffen hat, anerkennen. Er muss die Prinzipien des Glaubens verstehen und sich ihrer bewusst sein. Vor allem muss er verinnerlichen, dass er in diese Welt geschickt wurde, um geprüft und vervollkommnet zu werden. Er sollte wissen, dass der Eine, der ihn auf die Welt geschickt hat, ihn fortwährend beobachtet, dass Er sein innerstes Wesen kennt und jede seiner Bitten hört. Das Gebet ist das effektivste Mittel, sich dessen bewusst zu sein und es nicht zu vergessen.
Das Gebet rüttelt das Bewusstsein auf und sorgt dafür, dass die Menschen in ihren sozialen Beziehungen ehrlich sind und ihre Pflichten erfüllen. Durch ihre sozialen Aspekte erhöht das Gebet die Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen. Regelmäßiges Beten ermöglicht das Zusammentreffen mit anderen Muslimen in der Moschee; das Fasten - wenigstens einen Monat im Jahr - erinnert die Wohlhabenden und wohl Genährten an die Lebensumstände der weniger Glücklichen und vereint alle in gemeinsamer Disziplin; die Verpflichtung zur Zahlung der Armensteuer erfordert das Bemühen, Wohlstand zu schaffen und diesen zu teilen; auf diese Weise trägt sie dazu bei, Ungleichheit innerhalb einer Volkswirtschaft auszugleichen und einen Ausgleich zu schaffen; die große Pilgerfahrt nach Mekka schließlich versammelt die verschiedenen Volksstämme und Nationen der Muslime in einer großartigen öffentlichen Demonstration der Einheit und Solidarität zu Gunsten des Einen Gottes. Es fällt mir schwer, mir ein wirksameres Mittel zur Förderung sozialer Harmonie und gegenseitiger Verantwortung als das Gebet im Islam vorzustellen.
Das Prinzip des Sich-Bemühens
Eins der von Gott im Universum errichteten Gesetze ist das des Wirkens oder des Sich-Bemühens. Gott, der stets Selbst aktiv ist (siehe Der Koran, 85:16), befiehlt den Menschen, ebenfalls aktiv zu sein und sich zu erneuern. Die gesamte Schöpfung ist daher unablässig damit beschäftigt, Gott zu rühmen und zu preisen (59:1). Die ganze Welt lebender Organismen ist im Rhythmus der Arbeit aktiv: Viele Koranverse (z.B. 16:12-15) teilen uns mit, dass Tag und Nacht, Sonne, Mond und Sterne usw. in den Dienst der Menschen gestellt wurden, um alle Dimensionen menschlichen Lebens unterstützen.
Das Sich-Bemühen ist ein so großer Bestandteil der Struktur des Universums, dass man sich ihm viel leichter anschließen kann, als ihm Widerstand zu leisten. Ein Mensch, der den ganzen Tag im Bett liegt und keinerlei Aktivitäten unternimmt, ist daher weniger glücklich als jemand, der ständig auf Achse ist und sich immer bemüht, etwas zu tun.
Das Prinzip der Beständigkeit in der Wahrheit
Der Koran teilt uns mit, dass Gott denjenigen helfen will, die beständig an ihrem Glauben festhalten und sich für ihn einsetzen:
„Und verliert nicht den Mut und seid nicht traurig! Und ihr seid die Obsiegenden, so ihr denn Gläubige seid.“ (Der Koran, 3:139)
Gott verspricht uns zu helfen, stellt aber zwei Bedingungen: Im Prinzip existieren zwei Scharias (Gesetze Gottes): eine natürliche und eine offenbarte, bzw. das Buch das Universums und die Offenbarungsschrift (der Koran). Vergeltung für Gehorsam oder Ungehorsam gegenüber den im Koran aufgeführten Gesetzen wird hauptsächlich im Jenseits erfolgen, wohingegen eine Belohnung für die Befolgung der im Universum herrschenden Gesetze meist schon in dieser Welt erstattet wird. Der Lohn für unsere Standhaftigkeit bei der Einhaltung der Gesetze der Religion wartet im Jenseits auf uns, während wir schon auf dieser Welt ins Elend abgleiten, wenn wir nicht in der Lage sind, uns der Naturgesetze zu bedienen. Ein wahrheitsliebender Mensch kann durchaus erfolglos sein, wenn er auf die falschen Mittel setzt, ein verlogener Mensch dagegen kann sehr erfolgreich sein, wenn er nur die richtigen Mittel auswählt.
Im Idealfall sollte ein Muslim in seiner Person alle islamischen Tugenden vereinen, die Realität sieht jedoch anders aus: Es kann durchaus sein, dass ein Nicht-Muslim eine bestimmte islamische Tugend besser verkörpert als ein Muslim. Daher kann ein Nicht-Muslim, der über islamische Tugenden verfügt, auch über einen Muslim, der die islamischen Grundsätze missachtet, triumphieren.
Waren Völker vergangener Jahrhunderte primitiv?
Soziologische und anthropologische Theorien im Westen vertreten nach wie vor die Auffassung, die Menschen und ihre Gesellschaften seien zu Beginn der Menschheitsgeschichte ‚primitiv‘ gewesen, hätten dann schrittweise Fortschritte gemacht und sich schließlich zu ‚zivilisierten‘ Gesellschaften der Neuzeit entwickelt. Ein solches Verständnis von ‚Primitivität‘ ist dem Koran fremd. Er lehrt vielmehr, dass alle Menschen vom Propheten Adam (dem die Namen aller Dinge gelehrt wurden) und seiner Frau Eva abstammen. Der Koran bezeichnet weder deren Art zu leben, noch ihre Beziehungen untereinander oder ihre religiöse Handlungen als primitiv.
Der Koran berichtet uns davon, dass sich die menschlichen Gemeinschaften im Laufe der Zeit immer mehr von ihrem Urzustand entfernten und den Einen Gott immer weniger anerkannten und anbeteten. Daher wurden Propheten und Gesandte auf die Erde geschickt um die Menschen Rechtschaffenheit zu lehren und sie auf den rechten Weg zurückzuführen. Immer wieder kam es vor, dass Gesellschaften und Nationen so genannter ‚hoch entwickelter Zivilisationen‘ auf Grund ihrer spirituellen und moralischen Dekadenz vernichtet wurden. Davor erzählt der Koran an vielen Stellen, gleichzeitig warnt er uns. Islamische Herrschaft über die unterschiedlichsten Völker dieser Welt war im Allgemeinen von Toleranz, Geduld und Assimilierung von Gegensätzen geprägt, während westliche Herrschaft in der Regel ungeduldig, brutal und zerstörerisch war. Dies mag zum Teil darauf zurückzuführen sein, dass der Islam jene Völker nicht gleich als primitiv abstempelte. Jeder Zivilisation und jeder Kultur wird genauso wie jedem Individuum vorbehaltlos eine gewisse Lebensdauer und Daseinsberechtigung zugebilligt:
Und für jedes Volk ist eine festgelegte Zeit. So seine festgelegte Zeit gekommen ist, kann es sie nicht eine Stunde aufschieben und nicht vorverlegen.(Der Koran, 7:34)
Vergleich mit der westlichen Zivilisation
Der Koran hat den christlichen Völkern das Angebot unterbreitet, nach einer gemeinsamen Basis zu suchen und eventuell bestehende Differenzen zwischen den Religionen dem Willen Gottes zu überlassen (siehe z. B. Der Koran, 3:64). Dieses Ansinnen wurde jedoch im Großen und Ganzen zurückgewiesen.
Auch wenn man es sich heute kaum vorstellen kann: Als sich der Islam im 7. Jahrhundert n. Chr. auszubreiten begann, waren die Länder des südlichen Mittelmeerraumes in intellektueller, kultureller und ökonomischer Hinsicht weitaus wohlhabender als der Rest der christlichen Welt. Nachdem die Mehrzahl dieser Länder von den Muslimen erobert worden waren und immer mehr Christen den Islam angenommen hatten, entwickelten viele christliche Kleriker eine irrationale Angst vor der neuen Religion und äußerten sich ihr gegenüber sehr abfällig. Darstellungen des Islam im Westen lieferten zumeist ein verzerrtes Bild und entbehrten nicht selten jeder Grundlage. Den absoluten Tiefpunkt der Beziehungen zwischen christlichen und islamischen Staaten markierten dann die Kreuzzüge im 11.-13. Jahrhundert.
Zwar wurde der furchtbare Feldzug gegen den Islam formell vor sieben Jahrhunderten beendet. Doch leider setzten sich in den Köpfen der Menschen zu jener Zeit Vorstellungen fest, die in Kultur und Sprache der europäischen Völker bis heute überdauert haben. Das negative Bild von Muslimen und dem Islam im westlichen Bewusstsein zu ändern, ist ein äußerst zähflüssiger Prozess, der noch längst nicht abgeschlossen ist.
Mit der Renaissance distanzierte sich die europäische Kultur von der christlichen Religion. Der Siegeszug von Materialismus und Humanismus begann. Griechische Philosophie und am römischen Vorbild orientierte politische und administrative Verwaltung lösten den christlichen Glauben als Inspirationsquelle ab. Die islamische Kultur, die Hüterin der Offenbarung Gottes an die Menschen, wurde während Renaissance und Aufklärung als bedrohendes Element und Rivalin betrachtet. Nachdem dann jedoch das militärische und ökonomische Gleichgewicht zwischen Ost und West in Folge der industriellen Revolution in Europa zum Nachteil der islamischen Welt aus den Fugen geraten war, begannen die Europäer, eher voller Verachtung als angstvoll auf die Muslime herab zu schauen.
Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, haben einige führende Persönlichkeiten im Westen davon gesprochen, dass sie den Islam für den größten Feind westlicher Zivilisation halten. Um diese Einschätzung beurteilen zu können, lohnt es sich einmal zu überprüfen, worin sich westliche und islamische überhaupt unterscheiden.
Die Verfügbarkeit von Ressourcen wie Erdöl und Erdgas genießt im Westen oberste Priorität. Staaten, die solche Ressourcen besitzen und von ihnen profitieren, unterliegen der Kontrolle durch westliche Staaten. Notfalls werden westliche Interessen mit Gewalt durchgesetzt. Konflikte mit Staaten, die sich den eigenen Interessen widersetzen, sind vorprogrammiert, werden aber oftmals dadurch abgeschwächt, dass jenen Staaten kleine Zugeständnisse gemacht werden. Auch innerhalb westlicher Gesellschaften kommt es immer wieder zu Konflikten zwischen Individuen oder gesellschaftlichen Gruppen. Im besten Fall sind die Machtverhältnisse innerhalb von und zwischen unterschiedlichen Gruppen ausbalanciert, sodass mögliche Konflikte nicht offen ausbrechen. Solidarität innerhalb der Gruppe äußerte sich oftmals als Abgrenzung gegenüber anderen. Schwächere Völker jenseits der eigenen Grenzen wurden und werden ausgebeutet und als tiefer stehende Wesen betrachtet, die weder gleiche Rechte und Privilegien verdienen, noch einen gerechtfertigten Anspruch auf die Schätze dieser Welt haben. Konsequenz dieser Einstellung war und ist eine ständige Spannung zwischen den Völkern, die sich nicht selten in offenen oder verdeckten Kriegen entladen hat. Innerhalb der einzelnen westlichen Gesellschaften existieren ebenfalls Konflikte unterschiedlichster Art, so z.B. zwischen ökonomischen Klassen oder zwischen den Geschlechtern. Diese äußern sich etwa in Entfremdung und Angstzuständen. Die Tendenz geht dahin, dass der Mensch aus seinem Leben in der Gemeinschaft und der Familie keine Kraft mehr bezieht. Der einzelne Mensch wird auf seine Funktion als Verbrauchereinheit, als Konsument, reduziert. Einziger Zweck seines Daseins ist der Konsum. Die Gesellschaft hält weder Trost noch Zuspruch für ihn bereit.
Ganz anders verhält es sich mit den Prinzipien des Koran. Sein oberster Grundsatz ist, dass sowohl das individuelle als auch das gemeinschaftliche Leben zunächst dem Streben nach dem Wohlgefallen Gottes unterworfen ist. Gott ist der Erbarmer und Barmherzige, das Streben nach Seinem Wohlgefallen impliziert das Streben nach Tugendhaftigkeit und Zufriedenheit. Die Erweiterung der eigenen Macht und die Jagd nach Unterhaltung und die rücksichtslose Jagd nach Zerstreuung haben in diesem Konzept keinen Platz. Die islamische Gesellschaft basiert auf Zusammenarbeit und Solidarität, nicht auf Konflikt. Nicht Rasse oder Nationalität formt aus einem Volk eine Gemeinschaft, sondern der gemeinsame Status der Individuen als Diener des Einen Gottes. Aus diesem Grunde standen in der islamischen Welt früherer Jahrhunderte gegenseitige Unterstützung und Hilfsprogramme für die sozial Schwachen stets im Vordergrund. Extremer Reichtum einzelner Personen, wie er heute keine Seltenheit mehr ist, wurde dort nur relativ selten angetroffen. In den westlichen Ländern machen Aufwendungen für soziale Programme heute nur einen Bruchteil des gesamten Volksvermögens aus. Positive Ansätze sind darüber hinaus ständig bedroht, denn das Grundmotiv dieser Programme ist nicht die gegenseitige Fürsorge, sondern die Vermeidung des Klassenkampfes: Wenn den Gesellschaften (wie es im Moment der Fall ist) das Geld auszugehen droht, sind es immer zuerst die Ausgabe für die sozial Schwachen, die reduziert werden.
Trotz vieler ausgezeichneter Errungenschaften ist die westliche Zivilisation auf Grund der Schwäche ihrer obersten Grundsätze nicht dazu in der Lage, die Menschen glücklich zu machen. Allenfalls kann sie einer kleinen Bevölkerungsschicht Zugang zu materiellem Reichtum und Gelegenheiten, diesen zu verschwenden, bieten. Der Koran dagegen fordert ein ausgewogenes Wachstum und eine ausgeglichene Entwicklung aller Bereiche. Er definiert die Menschen individuell und kollektiv als dieser Welt und dem Jenseits zugehörig. Nach seiner Definition sind alle Menschen gleichermaßen ihrem Einen Schöpfer gegenüber verantwortlich.
Den Islam als Aggressor zu bezeichnen, der die friedliebenden westlichen Staaten bedroht, geht also völlig an der Realität vorbei.
Die Verfügbarkeit von Ressourcen wie Erdöl und Erdgas genießt im Westen oberste Priorität. Staaten, die solche Ressourcen besitzen und von ihnen profitieren, unterliegen der Kontrolle durch westliche Staaten.
(Aus der Zeitschrift Fontäne, Ausgabe 19, 2003)
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