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Muhammet Mertek und Harun Odabasi
Wer war Jesus Christus?
Wer schon länger Leser der Fontäne ist, wird sich vielleicht erinnern - bereits in Heft 15 hatten wir einen Artikel über Jesus Christus veröffentlicht. Denn zweifellos war Jesus ein Prophet, der nicht nur für Islam und Christentum, sondern für die ganze Menschheit von großer Wichtigkeit ist. Daran hat sich natürlich bis heute nichts geändert, oder vielleicht doch? Unserer Meinung nach hat Jesus nach einem schwierigen Jahr 2003 mit vielen Konflikten weltweit noch an Bedeutung gewonnen. Auf der Schwelle zum neuen Jahr wollen wir uns ihm deshalb hier erneut aus einer etwas anderen Perspektive widmen.
Der Dialog der Religionen hat zwar erst gerade begonnen, aber Eines scheint schon jetzt klar: Wenn wir als Menschen friedvoll zusammenleben möchten, ist es nun an der Zeit, dass wir uns an Persönlichkeiten wie Abraham und besonders auch Jesus orientieren, dass wir aus ihrem Handeln und aus ihrem Umgang mit den Menschen lernen. Dies gilt unserer Meinung nach für alle Menschen, unabhängig von ihrem Glauben und ihrer Nationalität. In diesem Artikel werfen wir einen Blick aus islamischer Perspektive auf Jesus.
Das Christentum basiert ganz entscheidend auf dem Glauben an die Person Jesu und dessen Wirken. Er steht im Mittelpunkt dieser Religion und wird dort als Mensch und Sohn Gottes vorgestellt (eine Vorstellung, die der Islam strikt ablehnt). Die vier Evangelien des Neuen Testaments behandeln im Allgemeinen das Leben Jesu.
Die Hauptquelle, aus der Muslime etwas über Jesus erfahren, ist der Koran. Auch er liefert wertvolle und zum Teil sehr detaillierte Informationen, z.B. über die Begleitumstände seiner Geburt, die jedoch nicht zwangsläufig mit den Aussagen der Bibel übereinstimmen müssen:
Und erwähne im Buch Maria. Als sie sich von ihrer Familie nach einem östlichen Ort zurückzog und sich vor ihr abschirmte, da sandten Wir Unseren Engel Gabriel zu ihr, und er erschien ihr in der Gestalt eines vollkommenen Menschen; und sie sagte: „Ich nehme meine Zuflucht vor dir beim Erbarmer, (lass ab von mir,) wenn du Gottesfurcht hast.“ Er sprach: „Ich bin der Bote deines Herrn. (Er hat mich zu dir geschickt,) auf dass ich dir einen reinen Sohn beschere. Sie sagte: Wie soll mir ein Sohn (geschenkt) werden, wo mich doch kein Mann (je) berührt hat und ich auch keine Hure bin?“ Er sprach: „So ist es; dein Herr aber spricht: ‚Es ist Mir ein Leichtes, und Wir machen ihn zu einem Zeichen für die Menschen und zu Unserer Barmherzigkeit, und dies ist eine beschlossene Sache.‘“ Und so empfing sie ihn und zog sich mit ihm an einen entlegenen Ort zurück. Und die Wehen der Geburt trieben sie zum Stamm einer Dattelpalme. Sie sagte: „O wäre ich doch zuvor gestorben und wäre ganz und gar vergessen!“ Da rief er ihr von unten her zu: „Sei nicht traurig. Dein Herr hat dir ein Bächlein fließen lassen; und schüttele den Stamm der Palme in deine Richtung, und sie wird frische reife Datteln auf dich fallen lassen. So iss und trink und sei frohen Mutes. Und wenn du einen Menschen siehst, dann sprich: ‚Ich habe dem Erbarmer zu fasten gelobt, darum will ich heute mit keinem Menschen reden.‘“ Dann brachte sie ihn auf dem Arm zu den Ihren. Sie sagten: „O Maria, du hast etwas Unerhörtes getan. O Schwester Aarons, dein Vater war kein Bösewicht, und deine Mutter war keine Hure.“ Da zeigte sie auf ihn. Sie sagten: „Wie sollen wir zu einem reden, der noch ein Kind in der Wiege ist?“ Er (Jesus) sagte: „Ich bin ein Diener Allahs; Er hat mir das Buch gegeben und mich zu einem Propheten gemacht. Und Er gab mir Seinen Segen, wo ich auch sein möge, und Er befahl mir Gebet und Zakat, solange ich lebe; und ehrerbietig gegen meine Mutter (zu sein); Er hat mich nicht gewalttätig und unselig gemacht. Und Friede war über mir an dem Tage, als ich geboren wurde, und (Friede wird über mir sein) an dem Tage, wenn ich sterben werde, und an dem Tage, wenn ich wieder zum Leben erweckt werde.“ Dies ist Jesus, Sohn der Maria - (dies ist) eine Aussage der Wahrheit, über die sie uneins sind. Es geziemt Allah nicht, Sich einen Sohn zu nehmen. Gepriesen sei Er! Wenn Er etwas beschließt, so spricht Er nur: „Sei!“, und es ist. „Wahrlich, Allah ist mein Herr und euer Herr. So dient Ihm! Das ist ein gerader Weg.“
Jesus kam zu einer Gesellschaft, die sehr weltlich orientiert war. Die Menschen kümmerten sich vor allem um ihren eigenen Vorteil. Viele waren sehr pessimistisch, andere wiederum eher lethargisch und hatten sich mit den herrschenden Verhältnissen abgefunden. Jesus jedoch brachte ihnen eine Botschaft, die sie aufrüttelte, die sie zu neuem Leben erweckte. Natürlich hatte er nicht nur Freunde. Vor allem diejenigen, die ihre gehobene gesellschaftliche Position nicht aufs Spiel setzen wollten, begegneten ihm mit offener Feindschaft. Jesus aber wehrte sich gegen ihren Hass mit Sanftmut, indem er sagte: „Wenn dich jemand ohrfeigt, dann halte ihm auch deine andere Wange hin!“ Jesus war ein Siegertyp.
Anteilnahme und Mitgefühl gehören zu den Haupteigenschaften Jesu. Dies wird in folgendem Koranvers deutlich:
Wenn Du sie bestrafst, sind sie Deine Diener, und wenn Du ihnen verzeihst, bist Du wahrlich der Allmächtige, der Weise. (5:118)
Hier bittet Jesus Gott mit eindrucksvollen Worten, Gnade vor Recht ergehen zu lassen und den Menschen zu vergeben. Nach islamischer Auffassung wurde der Prophet Jesus zwar einem bestimmten Volk zu einer bestimmten Zeit gesandt. Doch trotzdem ist er auch für uns Menschen heute ein unverzichtbares Vorbild.
Muslime erkennen Jesus neben Noah, Abraham, Moses und Muhammad als einen der fünf großen Propheten an, deren bedeutende Rolle für die Geschichte der Menschheit unbestritten ist. In insgesamt 93 Versen in 15 Suren wird Jesus namentlich oder mit seinen Eigenschaften erwähnt. Besonders in den Suren al-Imran, al-Ma‘ida und Maryam wird ausführlich auf die frohe Botschaft von seiner Geburt, die Geburt selbst, seine Wundertaten, seinen Tod und seine Erhebung in den Himmel eingegangen. Hier liefert uns der Koran einige Darstellungen, die auch bisher unbekannte Seiten Jesu ans Tageslicht bringen.
Schon seit langer Zeit haben Christentum und Islam Probleme miteinander. Eroberungen und Kreuzzüge haben Vorurteile entstehen lassen bzw. noch verstärkt. Durch die Verbreitung des Islam in Arabien wurde das Christentum eingeschränkt. Das Aufkommen des Islam verhinderte, dass sich die christliche Religion ungehindert in Zentralasien und im Fernen Osten, aber auch in Afrika entfalten konnte. In späteren Zeiten trugen die Vormachtstellung des Islam in Andalusien und die osmanische Herrschaft noch dazu bei, dass sich in der christlichen Welt eine harte Haltung dem Islam gegenüber verfestigte. Dank einer negativen Propaganda, die in erster Linie auf politischen und strategischen Motiven beruhte, wurden die Beziehungen dieser beiden Religionen untereinander immer schwächer. Die Kreuzzüge sorgten dann für einen ersten unrühmlichen Höhepunkt. Sowohl in historischer als auch in geographischer Hinsicht gab es auch viele Gemeinsamkeiten; diese wurden jedoch leider immer mehr überlagert. Neutrale Einschätzungen zur jeweils anderen Religion fand man nur sehr selten. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelte sich ganz allmählich wieder die Bereitschaft zum Dialog (ab dem 2. Vatikanischen Konzil). Doch trotz vieler positiver Entwicklungen seitdem bestehen nach wie vor Unsicherheiten und Zweifel auf beiden Seiten.
Jesus kann ein Symbol des Dialogs und des Friedens sein
Nicht zuletzt speisen sich diese Unsicherheiten und Zweifel aus theologischen und philosophischen Streitigkeiten über diverse einzelne Punkte wie die Trinität, den Tod oder die Auferstehung Jesu. Unserer Meinung nach bietet die Person Jesu - ausgehend von beiden heiligen Schriften - jedoch viel mehr Verbindendes als Trennendes für die Anhänger der beiden Religionen. In der Person Jesu wird deutlich, dass wir alle eine gemeinsame Verantwortung für unsere Welt tragen. Um diese gemeinsame Verantwortung für Gesellschaft und Umwelt übernehmen zu können, sollten wir Raum für persönliche Kontakte schaffen. Diese erfordern vor allem Vertrauen und Aufrichtigkeit. Ein Beispiel für eine Plattform, die eben dies verwirklichen möchte, ist die türkische ‚Stiftung der Journalisten und Schriftsteller‘, die internationale Veranstaltungen zu verschiedenen Themen durchführt, an denen führende Persönlichkeiten der großen Religionen aus aller Welt teilnehmen. Eines ihrer Projekte war ein Symposium zum Thema Abraham: Symbol und gemeinsamer Urvater der Menschheit. Im Mai 2004 wird sie in Mardin, Türkei, erneut eine große internationale interreligiöse Veranstaltung organisieren.
Wir brauchen Symbole wie Abraham und Jesus, die durch die Jahrtausende hindurch den Menschen Kraft gaben und das Wort des Geistes und der Vernunft gegen alles Schlechte und alle Ungerechtigkeit setzten. Die Tatsache, dass sich sowohl Christen als auch Muslime in der Vergangenheit wirkungsvoll gegen Kommunismus, Atheismus und Unmoral engagiert haben, spricht dafür, dass auch gemeinsamen Unternehmungen der beiden Religionen in der Gegenwart und in der Zukunft durchaus Erfolg beschert sein kann.
(Aus der Zeitschrift Fontäne, Ausgabe 23, 2004)
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