|
Hakan Turan
I. Sehnsucht nach Einheit
Die Sehnsucht nach dem Eins-Sein mit der Welt ist eines der antreibendsten Gefühle, die der Mensch kennt. Es spiegelt eine Seite unserer Seele wieder, die uns von allen anderen Geschöpfen abhebt. Das Gefühl eines existenziellen Getrennt-Seins von Dingen, mit denen wir uns eins fühlen möchten, prägt nahezu jeden Schmerz, den wir in uns fühlen. Vielleicht ist es unsere Suche nach Vereinigung mit der Umwelt, die Kultur und Wissenschaft, aber auch Krieg und Vernichtung hervorbringt. Ist es aber nicht seltsam, dass wir uns des Getrennt-Seins so gewiss sind? Etwas in unserer Seele weiß um unsere Einsamkeit in der Schöpfung. Aber ebenso lockt es uns mit dem Versprechen nach mehr, nach etwas Besserem, das unsere Schwäche und Vergänglichkeit zu überdauern vermag; nach etwas, das uns in einer Welt der Vernunft und der klaren Sinne die Geborgenheit der früheren Kindheit zurückgibt. Geleitet von den süßen Stimmen in uns, die uns ein Ende der Durststrecke in der Wüste des Vergänglichen verheißen, begeben wir uns oft in ein Ringen um Erfolg und um Anerkennung durch unsere Mitmenschen. Denn wir meinen, dass es gerade diese Dinge sind, die uns noch fehlen. Wenn wir dann aber nach oft jahrelanger Arbeit Anerkennung finden, äußern wir uns vielleicht ähnlich wie viele andere Menschen, die am Gipfel des Erfolges angekommen zu sein scheinen: „Kann das wirklich alles gewesen sein?“ Von wegen Anerkennung als Erlösung vom Schmerz der Trennung! Der Schmerz bleibt, und die Suche nach dem Sinn und der großen Einheit geht weiter.
Warum täuschen wir uns in unseren Zuneigungen und Idealen so oft? Wohl weil wir an erster Stelle das Sinnliche und somit Vergängliche, und nicht das Seelische und somit Beständige suchen; weil unser Wunschdenken unsere Augen blind für die Falschheit und Augenscheinlichkeit vergänglicher Ideale macht. Wir suchen zu oft an der Oberfläche. Einfache Worte und Gesten und kurze Momente vermeintlichen Triumphes werden uns zum höchsten der Gefühle. Der Prophet Abraham machte in seiner Auseinandersetzung mit den Götzendienern nacheinander auf die Sterne, den Mond und die Sonne aufmerksam, die trotz ihrer materiellen Schönheit nicht die Eigenschaften unvergänglicher Ideale aufweisen.1 Denn selbst von der Sonne ist nachts nichts mehr zu spüren. Auch wir lassen uns von materiellen Idealen und ihrer ersten Schönheit blenden und versprechen uns von ihnen ein neues Zuhause, das Sinne und Verstand befriedigt. Erst wenn uns die Sterne, der Mond und die Sonne unseres eigenen Lebens der Reihe nach untreu werden und einer nach dem anderen verblassen, und wir unserer Enttäuschung mit den Worten des Propheten Abraham „‚ich will nicht das Vergängliche!“ Ausdruck verleihen, kommen wir zur Besinnung, die uns direkt in den Schoß des Tauhid, des existenziellen Einheitsbekenntnisses, führt. Abraham wollte mit dieser Äußerung den Götzendienern seiner Zeit die Sinnlosigkeit der Vergöttlichung des Materiellen vor Augen führen. So endet seine Auseinandersetzung mit ihnen mit einem klaren Bekenntnis: „Ich wende mein Angesicht Demjenigen zu, der Himmel und Erde geschaffen hat!“ Denn diese Macht, die Himmel und Erde schuf, ist es, die hinter unserer Welt und all ihren Facetten steckt. Diese Macht ist es, die unsere Sterne zum Leuchten und anschließend wieder zum Erlischen bringt. Fordert der Koran uns nicht auf: Werft euch nicht vor der Sonne anbetend nieder, und auch nicht vor dem Mond, sondern werft euch anbetend vor Allah nieder, der sie erschuf?2 Nicht die Schönheit der Welt verdient unsere Verehrung, sondern die Macht, die diese erschafft und beständig macht. Wie viele Sterne haben wir uns erdichtet und anschließend, angewidert von ihrem trügerischen Glanz, wieder verworfen? Wenn unsere Seele nach einer Einheit mit etwas Großem dürstet, dann kann dieses Etwas nur etwas sein, das die Vergänglichkeit unserer sterblichen Welt überdauert.
Diese Suche über die konkreten Dinge hinaus führt uns zu dem, was der Tauhid als Glaubensgrundsatz besagt - nämlich dass die überwältigende Vielfalt in der Welt einer einzigen Hand entspringt. Die koranische Lehre sagt uns, dass diese Hand ‚die Hand‘ Gottes ist. Sie gibt dem Sein Existenz und Leben. Aus dieser Perspektive heraus schrumpfen die Dinge, an die wir uns oft binden, zu kleinen Wegweisern zusammen. Sie verlieren ihren Eigenwert, da sie nur die Abbilder von etwas viel Größerem darstellen. Dadurch, dass sie auf Allah hinweisen, erhalten sie andererseits aber einen neuen, indirekten Wert. Die Welt ist eine riesige Theaterbühne, auf der sich wahrlich Ehrfurcht Einflössendes abspielt. Aber nur wer das Spiel durchschaut, sieht, dass alles Werden und Vergehen uns von der Allmacht und Barmherzigkeit eines ewigen Gottes berichtet. Warum sollten wir uns mit Vergänglichem zufrieden geben? Warum sollten wir erst viele Jahre ins Land gehen lassen, bis wir uns fragen, ob die Verwirklichung materieller Ideale wirklich alles gewesen sein kann? Warum sich nicht gleich auf die Macht hinter den Dingen besinnen?
Allerdings erfordert dieser Schritt mehr als jene Begeisterung, die für andere Dinge genügt. Schließlich geht es hier darum, eine neue Liebe, die tiefste aller Lieben, zu ergründen. Insbesondere in einer Zeit, in der unser ganzes Denken und Fühlen zu Gunsten materieller Oberflächlichkeiten arbeitet, kommt man nicht darum herum, sich innerlich zu erneuern und die eigene Seele neu zu formen. Nur dies erlaubt die letzte und größte Hingabe, die einem Menschen möglich ist.
II. Der Ramadan als Formung der Seele
Die Neu-Formung der Seele und die Hingabe (arabisch: al-islam) des sich Gott Hingebenden (arabisch: al-muslim) an Gott finden alljährlich im Monat Ramadan, der im Koran zum Fastenmonat bestimmt wurde, ihren Höhepunkt. In diesem Jahr beginnt der Ramadan am 6. November und dauert bis zum 4. Dezember. Da er ein Monat des Mondkalenders ist, durchläuft er in einem Zeitraum von 33 Jahren alle Jahreszeiten. Der Ramadan ist nicht nur der Monat der ersten Offenbarung des Koran an den Propheten Muhammad, sondern auch die Zeit, in der der Muslim spirituell in höchstem Maße reifen kann. Der Ramadan vereinigt Fasten, Gottesdienste, Gemeinschaft und Spendengaben unter einem Dach. Die große Herausforderung des Fastens besteht darin, vom Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang auf jede Form von Essen, Trinken und anderen Stoffen (Nikotin etc.) zu verzichten. Auch geschlechtlicher Kontakt ist untersagt. Der Muslim soll das Fasten auch auf seinen Geist ausweiten, indem er sich von schlechten Gedanken aller Art fern hält. Trotz alledem soll er seinen Alltag aber auf gewohnte Art und Weise fortsetzen. Gesundheitlich Verhinderte - Kranke, Schwangere, Altersschwache, Reisende, aber auch Kinder - sind vom Fasten entbunden, werden aber zu anderen Handlungen wie Spenden angehalten. Ein Fasten, das der Gesundheit schadet, entspricht nicht der Absicht des Ramadan und ist zu vermeiden.
Das Fasten im Ramadan vermag die Fesseln materieller Bindungen zu sprengen, weil es an einem existenziellen Punkt ansetzt, nämlich an der Befriedigung körperlicher Bedürfnisse. Der Verzicht auf Dinge, von denen der Muslim sonst zu jeder Zeit Gebrauch machen darf, lässt zunächst Hunger, Durst und Ungeduld aufkommen. Dann liegt es an der Haltung des Fastenden, ob es dabei bleibt, oder ob das Fasten seine Wirkung auf seinen Geist entfalten kann. Nur wer vom Ramadan lernen will, hat Aussicht auf das, was der Koran als Ziel des Fastens anführt, nämlich auf das Erlangen von Gottesfurcht.3
Der fastende Muslim zieht an den materiellen Freuden wortlos vorbei. Er lebt bis zum Abend inmitten von Dingen, die ihm sonst durchaus gefallen; aber er wird sie noch nicht einmal anrühren. Er spürt, wie in seinem Innern mehr und mehr neue Regungen erwachen, die seinen Hunger und Durst zu überdecken beginnen. Nur wer fastet weiß, wie sehr uns das Essen und Trinken an die Welt bindet und wie sehr es unsere seelische Seite schwächt. Der Verzicht auf den Genuss jeglicher Nahrung weckt im Geiste vieles, was sonst vor sich hin schlummert: Es wird möglich, nicht nur um die Nähe und Allgegenwärtigkeit Gottes zu wissen, sondern sie auch zu spüren. Gedanken, die sonst im Tumult des Materiellen untergehen, können sich entfalten und die Aufmerksamkeit auf das Wesentliche lenken. Der Fastende fühlt durch den Schleier der Materie hindurch verschiedene Aspekte Gottes, die im Islam als seine Namen bezeichnet werden. Die ganze Welt erscheint ihm immer deutlicher als ein großes Werk, das von den Namen Gottes durchzogen ist - so wie ein Gemälde von den Farben des Künstlers durchzogen ist. Die Neu-Formung der Seele des Fastenden manifestiert sich darin, dass er sich allmählich der künstlichen Bedürfnisse und der übertriebenen Körperlichkeit unserer Zeit entledigt. Und sind nicht gerade sie es, die es uns schwierig machen, über die Welt und ihren Ursprung nachzudenken?
Wer fastet, sieht die Sterne Abrahams schneller verblassen und wendet sich eher der Macht hinter der Welt zu. Wer jedes körperliche Bedürfnis sofort befriedigt, verliert das Bewusstsein für den tieferen Sinn der Gaben um uns herum. Er bleibt den Sternen verhaftet und ergötzt sich wieder und wieder an ihnen, ohne vielleicht einen einzigen Schritt in die Richtung des Tauhid zu machen - in die Richtung der Erkenntnis also, dass hinter allem ein und die selbe Macht steckt, die die Welt zu einem Meer an Gaben macht.
Das Fasten zeigt uns unsere Grenzen auf. Wir besinnen uns zurück auf unsere Schwäche und Abhängigkeit von Gott. Wir spüren unsere Endlichkeit vor der Unendlichkeit der Macht Gottes am eigenen Leibe.
Während der Muslim tagsüber die Macht Gottes und seine eigene Spiritualität entdeckt, zeigt sich ihm am Abend zum Fastenbrechen eine andere Seite Gottes, nämlich Seine Eigenschaft als Ernährer der Lebewesen. Natürlich ist Gott auch außerhalb des Ramadan ar-Razzaq (arabisch: der Ernährer); doch ist man sich dieser Tatsache im Ramadan viel bewusster. Das Fastenbrechen wird auch dann zu einem Festmahl, wenn man nur wenig isst. Nicht selten spüren vor allem reiche Menschen erst im Ramadan, wie es ist zu hungern.
Der Islam ist jedoch nicht nur eine Religion des Spirituellen. Dem Tauhid, dem Prinzip der Einheit, zufolge schließt das religiöse Empfinden des Muslims auch die soziale Seite mit ein. Der Fastende ist dazu angehalten, den Fastentag am Abend gemeinsam mit seiner Familie oder Freunden zu beenden. Es gilt, vor allem arme Familien einzuladen und zusammen zu essen. Auch die Armensteuer und weitere Spenden werden zumeist im Ramadan geleistet. Seinen Höhepunkt findet die soziale Seite des Fastenmonats im Ramadanfest im Anschluss an den Fastenmonat. Freunde und Bekannte besuchen sich gegenseitig. Jüngere werden beschenkt, Älteren wird Respekt gezollt. Alles in allem befindet sich die ganze islamische Welt in einer feierlichen Atmosphäre, die nichts von ihrer Natürlichkeit eingebüßt hat. In diesem Jahr wird das Ramadanfest vom 5. bis zum 7. Dezember gefeiert.
III. Der Dialog zwischen den Kulturen im Ramadan
Zahlreiche auf einen Dialog ausgerichtete Fastenbrechen-Abende führen heute in Deutschland und weltweit mehr und mehr dazu, dass der Ramadan auch zu einer Phase des interkulturellen und interreligiösen Dialoges wird. Die bittere Notwendigkeit, den Islam nach außen hin so zu präsentieren, wie er wirklich ist, findet oft gerade an den Fastentagen ihre Umsetzung. Muslime, Christen und auch nicht religiöse Menschen finden sich zusammen, um anlässlich des Fastenmonats die Freundschaft zwischen den Anhängern der Religionen zu betonen und andere Religionen näher kennen zu lernen. Besonders interessant waren die Fastenbrechen-Abende zu Weihnachten und an den Adventstagen. Wer will da noch behaupten, religiöses Bewusstsein stände einer Kommunikation im Wege?
Lassen wir den Ramadan auch dieses Jahr wieder zu einer Zeit der Besinnung auf Freundschaft und Dialog werden. Versuchen wir, sowohl mit Muslimen als auch mit Menschen aus anderen Glaubenskreisen zusammenzukommen. Beweisen wir unsere positive Haltung zum pluralistischen Deutschland praktisch. Und vergessen wir bei all dem nicht, worin der Sinn des Ramadan besteht: im Aufbau einer tiefen Beziehung zu Gott, in der Suche nach der Einheit mit Ihm und im Ringen nicht um materielles Glück, sondern um das Wohlgefallen der Schöpfermacht, die uns aus dem Nichts ins Dasein erhob und uns Verstand und Gesundheit gab, damit wir uns heute Gedanken über diese Dinge machen können.
(Aus der Zeitschrift Fontäne, Ausgabe 18, 2002)
1 siehe: Der Koran, 6:74 ff.
2 siehe: Der Koran, 41:37
3 siehe: Der Koran, 2:183
|