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Der Islam - die missverstandene Religion
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James A. Bill

Der Islam, eine der drei führenden monotheistischen Weltreligionen, wird von über 1.2 Milliarden Menschen in aller Welt praktiziert. Er ist die am schnellsten wachsende Religion und inzwischen in aller Welt beheimatet. In Deutschland gibt es ca. 2600 Moscheen, in den USA ca. 1500 und in Großbritannien 1000. Dort verfügt die islamische Gemeinde sogar über ihr eigenes nationales Parlament.

Die vier größten islamischen Gemeinschaften befinden sich in Asien, und zwar in Indonesien, Bangladesch, Indien und Pakistan. Allein in Indonesien leben mehr Muslime als in Ägypten, Irak, Syrien und Saudi Arabien zusammen. Die Zahl der Muslime in Malaysia wiederum übertrifft die der Länder Jordanien, Libanon und Kuwait. Sogar in China leben 25 Millionen Muslime.

Wohin man auch schaut, überall gewinnt der Islam an Boden. Vor allem Menschen, die entwurzelt, schutzlos und entfremdet sind, suchen die Geborgenheit des Islam. In einer Welt, die von Gewalt, Ungleichheit, politischer Verfolgung, Korruption und zerrütteten Familien geprägt ist, finden die Ideale des Islam bei den Entrechteten, Unterdrückten und Besitzlosen großen Anklang. Während sich die meisten Muslime darum bemühen, ihre Lebensbedingungen mit friedlichen Mitteln zu verbessern, greifen einige islamische Randgruppen auch zur Gewalt. Zu betonen ist aber, dass dies keineswegs ein islamisches Phänomen ist; denn auch in Christentum und Judentum fanden sich immer wieder und finden sich nach wie vor extremistische Gruppen, die ihre Ziele mit Gewalt durchsetzen wollen.

Manche Medien, aber auch unverantwortliche Politiker charakterisieren die Muslime im Allgemeinen oft als Militante, Fanatiker und Radikale. Ihnen zufolge ist der Islam die Religion des Schwertes, sind muslimische Aktivisten Terroristen und Staaten, die sich der Vorherrschaft des Westens nicht beugen wollen, Terrorstaaten.

Der islamische Blickwinkel

Die Sichtweise der Muslime unterscheidet sich erheblich von dieser Weltsicht. Muslime betrachten sich eher als Opfer, denn als Täter. Sie fühlen sich in die Defensive gedrängt und sehen sich als Opfer von Gewalt, nicht als deren Initiatoren.

Um dieser Sichtweise der Ausdruck zu verleihen und um zu beweisen, dass sie durchaus nicht unbegründet ist, möchte ich den Leser auf eine kurze Weltreise entführen, die in Bosnien beginnen soll. Hier wurden in den frühen 90er Jahren ca. 200.000 Muslime von serbischen Christen getötet und 22.000 muslimische Frauen vergewaltigt.1

In Tschetschenien griff die russische Armee ein muslimisches Volk an, das sich zwar mit äußerstem Einsatz zur Wehr setzte, aber dennoch Tausende von Toten zu beklagen hatte. Aus der westlichen Welt waren nur sehr zaghafte Proteste zu hören.2

In Kaschmir wurde eine große Zahl von Muslimen jahrzehntelang von den Truppen der indischen Besatzungsmacht unterdrückt, inhaftiert und hingerichtet. Diese Verbrechen wurden bis heute nicht gestoppt.3 Im Dezember 1992/Januar 1993 richteten fanatische Hindus in Bombay ein Blutbad an, dem 800 Muslime zum Opfer fielen. 5000 Häuser von Muslimen wurden zerstört und 200.000 Muslime waren gezwungen, aus der Stadt zu fliehen. Auch in Xin-Jiang, einer westlichen Provinz Chinas wird die einheimische muslimische Bevölkerung von der chinesischen Zentralgewalt teilweise brutal unterdrückt.4

Selbst in vielen Ländern im Mittleren Osten sind gläubige Muslime Verfolgung und Repressionen ausgesetzt. Im Irak zum Beispiel führte der Diktator Saddam Hussein einen Krieg gegen die Schiiten, die einen Großteil der Bevölkerung im Süden des Landes stellen. In Palästina gehen schwer bewaffnete Soldaten schon seit Jahrzehnten gegen Kinder vor, die allenfalls mit Steinen und Steinschleudern ausgerüstet sind.

Ja sogar in Ländern, in denen sich die Führungsschicht zum Islam bekennt, werden Muslime bedroht und schikaniert. In Ägypten etwa inhaftiert die Regierung Mubaraks Regimegegner und verurteilt sie zum Tode.

Dies ist nur eine Auswahl an Ländern, in denen Muslime Repressalien ausgesetzt sind. Natürlich endet die Liste nicht hier. Weitere Beispiele in aller Welt finden sich zuhauf: Malaysia, Türkei, Algerien, Usbekistan und Bahrain - um nur einige zu nennen.

Die meisten Muslime sind sich dieser gegen ihre Religion gerichteten Aktivitäten durchaus bewusst. Warum werden sie, so fragen sie sich, immer wieder kritisiert und verachtet, wo sie doch in Wirklichkeit selbst zumeist Leid Tragende und Opfer sind?

Oft genug haben gerade auch die USA befreundete Regierungen dazu aufgefordert, mit aller Härte gegen islamische Bewegungen vorzugehen. Diese Haltung führte jedoch vor allem dazu, dass sich die eigentlich gemäßigte einheimische Bevölkerung, mit den immer radikaler werdenden Bewegungen solidarisierte, während außerdem immer mehr Menschen im Elend versanken. Ein Teufelskreis aus Missverständnissen, Differenzen, fehlgeleiteter Politik und zunehmender Gewaltbereitschaft wurde so in Gang gesetzt.

Was also ist zu tun?

Muslime und Nicht-Muslime sind nun dazu aufgefordert, zu verhindern, dass dieser Prozess außer Kontrolle gerät. Ein notwendiger erster Schritt wäre es, vereinfachende Stereotypen abzubauen. Außerdem ist militärische Gewalt nicht unbedingt ein effektives Mittel, um Ideengebäuden zu begegnen. Die Flamme des Islam wird sich nicht durch Geschosse oder Raketen auslöschen lassen. Besonders wichtig ist, dass sich Muslime wie Nicht-Muslime ein Bild davon machen, was der Islam eigentlich will und wie er sich in der Gegenwart darstellt. Die Unterdrückung und Verfolgung von Muslimen in aller Welt muss beseitigt werden, damit radikale Organisationen nicht noch mehr Zulauf bekommen und an Einfluss gewinnen. Wenn die 1.2 Milliarden Muslime die Möglichkeit erhalten, ihre Persönlichkeiten zu entfalten und ihre Religion friedlich zu leben, wird der Islam in Zukunft genauso wenig als ‚Religion des Schwertes‘ bezeichnet werden wie Judentum und Christentum. Denn die maßgeblichen Quellen dieser Religion, der Koran und die Sunna des Propheten, rufen die Menschen dazu auf, friedlich zusammenleben und einander zu respektieren.

(Aus der Zeitschrift Fontäne, Ausgabe 16, 2002)


1 Auch nachdem die USA und die UNO die Unabhängigkeit Bosniens anerkannt hatten und obwohl klar war, dass sich die meisten Waffen und Waffenfabriken in Jugoslawien befanden, hielten die USA ihr Waffenembargo auch für Bosnien aufrecht. Diese Entscheidung nahm den bosnischen Muslimen die Chance zur Selbstverteidigung.

2 Seitdem Tschetschenien 1991 seine Unabhängigkeit erklärt hat, sind wiederholt russische Truppen in das Land eingedrungen. Während der Kampfhandlungen, die 1994 einsetzten, wurden die Infrastruktur und die Wirtschaft Tschetscheniens weitgehend zerstört und viele Menschen starben. In den Medien wird über diesen Konflikt jedoch nur sehr selten berichtet.

3 Kaschmir ist der einzige Bundesstaat Indiens mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung. Seit 1947 stand er im Brennpunkt von drei Kriegen Indiens gegen Pakistan. 1989 marschierten erneut Bundestruppen nach Kaschmir ein, was mit dem wachsenden Einfluss Pakistans begründet wurde. Die Unruhen und Aufstände gegen die indische Zentralgewalt halten bis heute an. Auch über diese bürgerkriegsähnlichen Zustände liest man selten in der Presse.

4 In der entlegenen Provinz Xin-Jiang geht die Zentralregierung scharf gegen Uigurische Muslime vor, deren Anliegen es ist, regionale Autonomie zu erlangen und ihre islamische Identität zu bewahren. In den vergangenen drei Jahren wurden über 200 Uiguren hingerichtet.

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