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Esme Akargöl
1. Die soziale Struktur Deutschlands
1.1. Welche Ausländer leben in Deutschland?
Wenn vom „Zusammenleben“ von ausländischen und deutschen Mitbürgern die Rede ist, ist es zunächst von größter Bedeutung, dass wir uns erst einmal anschauen, wer hier überhaupt warum mit wem zusammenlebt. Zweifellos leben hier zu Lande unterschiedliche Kulturen, Völkergruppen bzw. MitbürgerInnen aus verschiedenen Ländern, die aus sehr unterschiedlichen Gründen nach Deutschland ausgewandert sind. So lassen sich die hier lebenden ausländischen MitbürgerInnen je nach Migrationsgründen in drei Gruppen aufteilen:
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ausländische Arbeitnehmer
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Flüchtlinge
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(Spät-)Aussiedler
1.2. Ausländische Arbeitnehmer
Zur größten Gruppe der Migranten gehören die ausländischen Arbeitnehmer, die seit 1955 mittels Anwerbeabkommen als wirtschaftliche Arbeitskräfte, so genannte „Gastarbeiter“, nach Deutschland eingereist sind. Das erste Abkommen wurde 1955 mit Italien unterzeichnet, in den folgenden 13 Jahren wurden weitere Anwerbeverträge mit Griechenland, Spanien, der Türkei, Marokko, Portugal, Tunesien und dem ehemaligen Jugoslawien geschlossen.
Diese für eine befristete Zeit, nämlich für nur fünf Jahre engagierten „Gastarbeiter“ wurden schon nach kurzer Zeit sesshaft. Neben sozialen und familiären Gründen gab es vor allem wirtschaftliche Gründe, die diese Arbeiter in Deutschland bleiben ließen. Für die deutschen Arbeitgeber war es nämlich recht mühsam, zeitaufwendig und kostspielig, den ausländischen Arbeitnehmern, die zumeist über nur unzureichende Deutschkenntnisse verfügten, die Arbeitsprozesse in den Betrieben beizubringen. Einmal angelernte Arbeiter ließ man daher nur ungern wieder ziehen. Aufenthalts- und Arbeitserlaubnisse wurden schon bald auf unbefristete Zeit verlängert. Da die meisten dieser Gäste mittlerweile seit über 25 Jahren mit ihren Familien auf deutschem Boden leben, kann man heute kaum noch von „Gastarbeitern“ sprechen.
1.3. Flüchtlinge
Ursprünglich nannte man die nach dem zweiten Weltkrieg aus Ostpreußen, Schlesien und Pommern vertriebenen Deutschen Flüchtlinge. Heute handelt es sich bei den Flüchtlingen insbesondere um Menschen aus Kriegs- bzw. Bürgerkriegsgebieten wie z.B. dem Balkan. In den 80er Jahren wurde der Begriff „Asylant“ eingeführt, der eigentlich ebenfalls Flüchtlinge bezeichnen sollte, jedoch eine negative Konnotation hat. Je nach Stand und Ergebnis der Asylverfahren ist heute in der Verwaltung von Asylbewerbern, Asylberechtigten oder Bürgerkriegsflüchtlingen die Rede.
1.4. Aussiedler
Aussiedler, d.h. deutschstämmige Migranten aus Osteuropa und der ehemaligen UdSSR, erhalten mit der Anerkennung ihres Aussiedlerstatus alle Bürgerrechte. Trotzdem haben auch diese Migranten individuelle und soziale Probleme, die sich denen der anderen ausländischen Mitbürger ähneln.
Nach Angaben des Statistischen Jahrbuch 2000 haben an die 7,4 Millionen ausländische Mitbürgerinnen und Mitbürger ihren ständigen Wohnsitz in Deutschland. Diese Zahl entspricht knapp 10% aller in Deutschland lebenden Menschen. Natürlich sind diese Menschen nicht nur Arbeitskräfte oder Hilfe Suchende, sondern Menschen mit eigenen Persönlichkeiten, eigenen Wert- und Lebensvorstellungen und eigenen Weltanschauungen. Sie unterscheiden sich in mancher Beziehung von den Deutschen und pflegen oft einen eigenen „Way of Life“, der von der Kultur, aus der sie stammen, geprägt ist. Naturgemäß kommen sie aber auch in vielen Lebensbereichen wie z.B. am Arbeitsplatz, im Sportverein, in der Verwaltung usw. mit der deutschen Gesellschaft und deutschen Sitten und Gebräuchen in Kontakt. Diese Begegnung unterschiedlicher Kulturen führt im Alltag oft zu Problemen und Missverständnissen. Um zu verstehen, wie diese Probleme entstehen und wie sie zu beseitigen sind, sollten wir uns zunächst einmal fragen, was unter dem Begriff „Kultur“ denn eigentlich zu verstehen ist.
2. Begriffsbestimmung „Kultur“
Die meisten von uns verstehen unter Kultur so etwas wie Lebensart und Lebensgewohnheiten. Was „Kultur“ aber genau bedeutet, lässt sich gar nicht so einfach bestimmen. In der Literatur der Kulturanthropologie stößt man auf bis zu 200 verschiedene Definitionen. Beispielhaft möchte ich hier zwei Definitionen vorstellen, die unterschiedlichen Aspekten von Kultur Beachtung schenken.
Kultur ist die Art, wie die Beziehungen einer Gruppe strukturiert und geformt sind; aber sie ist auch die Art, wie diese Formen erfahren verstanden und interpretiert werden.(Bundeszentrale für politische Bildung 1997, S.15)
In dieser Definition wird der dynamische Charakter der Kultur betont, die kein starres System ist, sondern von den Individuen individuell interpretiert wird. Die zweite Definition gibt eher darüber Auskunft, was in einer Gesellschaft unter Kultur zu verstehen ist, deren Mitglieder aus verschiedenen Ländern stammen:
Die Kultur einer Gruppe oder Klasse umfasst die besondere und distinkte (klare und deutliche) Lebensweise einer Gruppe oder Klasse, die Bedeutungen, Werte und Ideen, wie sie in den Institutionen, in den gesellschaftlichen Bedeutungen, in Glaubenssystemen, in Sitten und Bräuchen, im Gebrauch der Objekte und im materiellen Leben verkörpert sind. Kultur ist die besondere Gestalt, in der dieses Material und diese gesellschaftliche Ordnung des Lebens Ausdruck findet.(Bundeszentrale für pol. Bild. 1997, s.o.)
Die Kultur ist eine stabile Mixtur, die sich aus einer ganzen Reihe von fundamentalen Elementen wie Sprache, Erziehung, Traditionen und Künsten zusammensetzt, welche die Strukturen und Lebensweisen eines Volkes bestimmen. Diese fundamentalen Elemente haben - den jeweiligen Völkern, zu denen sie gehören, entsprechend - spezielle eigentümliche Charakteristika, unterschiedliche Charaktere und verschiedene Temperamente (und sollten sie auch haben). Diese Realität zu ignorieren, würde von einer gewissen Blindheit zeugen. Ein Volk, das mit seinen essenziellen kulturellen Werten gebrochen hat, wird zwangsläufig seine Identität verlieren und nicht länger eine unverwechselbare Gesellschaft bilden. Dass jedes Volk eine unverwechselbare, einzigartige Kultur hat, bedeutet nicht, dass es keine Wechselbeziehungen zwischen Völkern und keine Interaktionen zwischen ihren Kulturen gibt (bzw. geben sollte). (F. Gülen, Kriterien, S. 56, 1998)
Kultur ist also eine alltägliche, jedem zugängliche Lebenswelt bzw. Orientierung für das eigene Leben. In der Menschheitsgeschichte fand immer ein „Geben und Nehmen“ von Traditionen und Normen statt. Deshalb ist es auch falsch, von einer national-spezifischen Kultur zu sprechen. Jeder Mensch entwickelt außerdem im Laufe seines Lebens eigene Wertvorstellungen und Lebensgewohnheiten, auch wenn diese sich wahrscheinlich an der Kultur, in der er aufwächst und durch die er geprägt ist, orientieren. Dadurch schafft er sich eine eigene kulturelle Identität.
3. Multikulturelle Gesellschaft
Der Begriff „Multikulturelle Gesellschaft“ tauchte zum ersten Mal in der Ausländerpolitik der 80er Jahre auf und fand vor allem im politischen Zusammenhang Anwendung. Einwandererorganisationen verlangten nämlich immer mehr stärker nach einer bürgerlich-republikanischen Gleichbehandlung.
Heute versteht man unter einer multikulturellen Gesellschaft das Zusammenleben von Migranten und Einheimischen, ohne dass dies notwendigerweise eine politische Konnotation haben muss. In pädagogischen Arbeitsbereichen definiert man eine multikulturelle Gesellschaft auch als eine Gesellschaft, in der eine „Interkulturalität“ existiert, d.h., eine Wechselbeziehung zwischen Ausländern und Einheimischen.
4. Gesellschaft und Zusammenleben
Die deutsche Gesellschaft von heute schwankt zwischen einer Offenheit für Fremde und Fremdes auf der einen und Fremdenfeindlichkeit auf der anderen Seite. Nicht selten stehen sich Deutsche und Ausländer ablehnend und feindselig gegenüber. Während viele Ausländer befürchten, sie selbst oder ihre Kinder würden die Bindung an die Heimat verlieren, wenn sie sich zu weit auf die deutsche Kultur einließen, haben Deutsche oft Angst, ihr Land werde seine Identität verlieren, wenn es fremden Kulturen zu weit entgegenkomme. Deshalb wird von Ausländern oft eine Anpassung und Adaption der deutschen Sitten und Gebräuche verlangt, die das Zusammenleben der unterschiedlichen Kulturen auf engem Raum angeblich erleichtere bzw. überhaupt erst ermögliche.
Eine multikulturelle Gesellschaft folgt dieser Forderung jedoch nur zum Teil. Zwar propagiert auch sie die Integration von Menschen aus einem fremden Kulturkreis. Diese soll jedoch unter Beibehaltung der kulturellen Identität der zu integrierenden Menschen stattfinden, die ihr eigenes Erbe bewahren sollen. Eine gut funktionierende multikulturelle Gesellschaft ist von Offenheit der Menschen gegenüber anderen geprägt. Kulturelle Unterschiede werden also nicht abgeschafft, sondern gelten als erhaltenswert und positiv. Die Mitglieder einer solchen Gesellschaft kennen die Unterschiede zwischen den einzelnen Kulturen und respektieren sie, wobei sich alle der Tatsache bewusst sind, dass diese Unterschiede gemeinsamen Interessen nur förderlich sind.
Das Verfolgen gemeinsamer Interessen beschränkt sich nicht nur auf die innerstaatlichen Gesellschaften. Auch die Gründung einer europäischen Union, die alle politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ebene umfasst, bringt jedem EU-Land und jedem einzelnen EU-Bürger große Vorteile. Ohne eine gewisse Offenheit und Toleranz gegenüber dem Fremden wäre dieses Projekt mit Sicherheit gescheitert.
Während dem ‚gemeinsamen Europa‘ inzwischen weitgehend positiv begegnet wird, ruft ein anderer Begriff, nämlich die ‚Globalisierung‘ bei vielen Zweifel, Ängste und eine Rückbesinnung auf die eigene Identität hervor. Assoziierten Schlagwörtern wie Kommunikation ohne Grenzen, weltumspannende Wirtschaft oder weltweiter Klimaschutz stehen Versuche der Abschottung gegen alles Fremde und Fremdenfeindlichkeit gegenüber. Die Globalisierung fördert wirtschaftliche, soziale und persönliche Kontakte, die völlig unabhängig von Ethnie und Glauben geknüpft werden und von denen die Menschen zu profitieren versuchen. Wirtschafts- und Kulturregionen kommen sich dadurch ebenso wie Individuen immer näher; Fremde und Fremdes werden den Menschen mit der Zeit vertrauter.
Neben der hier skizzierten zunehmenden Offenheit der modernen Gesellschaften und insbesondere der deutschen Gesellschaft ist in den letzten zehn Jahren aber auch eine Zunahme menschenverachtender Anschläge und Angriffe auf ausländische MitbürgerInnen zu beobachten. Beispiele dafür sind die Verbrechen von Solingen, Rostock und Mölln. Rassistische Parolen erfreuen sich zunehmender Beliebtheit und eine gewisse Polarisierung der Gesellschaft ist nicht zu übersehen. Ethnische Ausgrenzungen werden immer öfter in die Öffentlichkeit getragen: Auf der einen Seite stehen z.B. ‚die Ausländer, die Türken‘, auf der anderen Seite ‚wir Deutsche, wir Europäer‘. Phrasen wie z.B. „Die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze und Wohnungen weg!“ sind immer häufiger zu hören.
Dieses Spannungsfeld zwischen Offenheit für andere und Fremdenfeindlichkeit stellt eine Herausforderung für die demokratische Gesellschaft, für ihre Institutionen und für ihre Bevölkerung dar. Jeder Einzelne trägt eine Mitverantwortung für das Zusammenleben der Menschen.
5. Dialog
Eine Hauptschuld an der Polarisierung der Gesellschaft trägt zweifellos die Unkenntnis des anderen. Zwar sollte in einer demokratischen Gesellschaft jeder das Recht haben, von anderen akzeptiert zu werden, aber wie kann ich jemanden akzeptieren, den ich überhaupt nicht kenne, von dem ich nichts weiß?
Ein gegenseitiges Kennenlernen der unterschiedlichen Kulturkreise ist also von größter Wichtigkeit. Eine gute Gelegenheit, Bekanntschaft mit anderen zu schließen, bieten die Schulen und Bildungsinstitutionen.
Die meisten Migrantenkinder sind in Deutschland geboren. An deutschen Schulen gibt es längst keine national-homogenen Klassen mehr. Auch die Schulen repräsentieren unter ihrem Dach die Multikulturalität der Gesellschaft. Daher besitzen sie sehr gute Voraussetzungen Kinder verschiedener Kulturkreise zusammenzuführen. Das so genannte ‚interkulturelle Lernen‘ kann Brücken zwischen Kulturen bauen und dazu beitragen, dass Kulturüberheblichkeit überwunden wird. Voraussetzung hierfür sind durchdachte pädagogisch-didaktische Konzepte und ein qualifiziertes Fachpersonal an Lehrern und Pädagogen. Wichtig ist vor allem, das Bewusstsein der Kinder dafür zu schärfen, dass keine Kultur einer anderen überlegen ist. Insbesondere Einfühlungsvermögen in andere Menschen und die Kommunikation mit Mitgliedern verschiedener Kulturkreise sollten gefördert werden, damit schon Kinder lernen, andere Menschen unabhängig von Kultur, Hautfarbe oder Rasse als Menschen zu respektieren.
In einem Klima der gegenseitigen Akzeptanz und Toleranz sollte der Unterricht mit dem nötigem Fachwissen der Lehrer so gestaltet werden, dass die Kinder etwa über die Lebensweise anderer Kinder erfahren und dass versucht wird, den Kindern zu vermitteln, sich in die Sichtweise anderer hineinversetzen zu können. Wie bereits an anderer Stelle erwähnt, geht es dabei darum, Unterschiede zwischen den Kulturen aufzuzeigen und diese sogar wertschätzen zu lernen. Betont werden muss jedoch, das diese Art von Lehrerziehung keinesfalls darauf abzielt, den Wert der deutschen Kultur herabzusetzen. Vielmehr wird ein „Geben und Nehmen“ zwischen den verschiedenen Völkergruppen angestrebt. Jeder soll vom anderen etwas lernen und ihm gleichzeitig auch sein eigenes Verständnis der Dinge vermitteln.
Dass die Lehrerinnen und Lehrer der Kinder für die Vermittlung der hier skizzierten Unterrichtsinhalte eine wichtige Rolle spielen, muss wohl kaum weiter betont werden. Im Idealfall erhalten sie selbst eine Ausbildung, die sich speziell mit dem Themenbereich „interkulturelles Lernen“ befasst und bringen ein gewisses Maß an Engagement mit, um Hand in Hand mit einheimischen und ausländischen Eltern zum gegenseitigen Kennenlernen beizutragen.
Interkultureller Dialog sollte sich zwar natürlich nicht auf die Schulen beschränken. Andererseits kann er gerade hier aus zwei Gründen besonders effektiv sein: 1. werden die Kinder in der Schule für ihr ganzes Leben geprägt und 2. existieren hier keine räumlichen Barrieren zwischen den Kulturen. Aber auch außerhalb der Schulen sollte der Dialog der Kulturen so intensiv wie möglich gefördert werden.
Dem interkulturellen Dialog sind keine Grenzen gesetzt. Er kann am Arbeitsplatz genauso stattfinden wie im Sportverein oder zwischen den unterschiedlichen Religionsgemeinschaften. Dialog sollte sich auf verschiedene Ebenen erstrecken und Gemeinschaften, Religionen und Staaten umfassen. Er sollte handlungsorientiert sein, sich nicht auf das Reden zu beschränken, sondern auch die Zusammenarbeit in vielen Bereichen einschließen. Erstrebenswert ist vor allem, dass Menschen aus verschiedenen Kulturen gemeinsame Projekte zu Themen wie Alkoholismus, Drogen, Familienstrukturen, Satanismus usw. entwickeln und nach möglichen Lösungen suchen. Dabei sind die individuelle Dialogbereitschaft und die Aufnahmebereitschaft der Dialogpartner von entscheidender Bedeutung; denn das Individuum kann immer nur die Kultur vertreten, in der es lebt und von der es überzeugt und geprägt ist.
6. Zielvorstellungen einer multikulturellen Gesellschaft
Eine multikulturelle Gesellschaft soll den aus unterschiedlichen Gründen nach Deutschland gekommenen Menschen ermöglichen, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren, in der sie ja ihren Arbeits-, Freizeit- und Schulalltag verbringen. Gleichzeitig sollen sie aber auch dazu aufgefordert werden, ihre eigenen Wurzeln zu bewahren. Eine Einebnung der Kulturen, die sich dadurch auszeichnet, dass Menschen aus fremden Kulturkreisen die deutsche Kultur oder Deutschen fremde kulturelle Sitten und Gebräuche aufgezwängt werden, wird abgelehnt. Vielmehr geht es darum, dass alle Menschen sich darum bemühen sollten zu begreifen, mit wem sie eigentlich leben.
Eine multikulturelle Gesellschaft dient nicht allein dem Zweck, Fremden eine Integration so leicht wie möglich zu machen. Nutznießer einer solchen Gesellschaft sind nicht zuletzt natürlich auch die Deutschen selbst, die von ihrer Akzeptanz fremder kultureller Einflüsse und ihrem Respekt vor diesen zweifellos profitieren. Dies zeigt sich auch heute schon ganz eindeutig dort, wo Dialog geführt wird. Die Beachtung und Akzeptanz von Kulturvielfalt sollte also in jedem Fall als Bereicherung der eigenen Kultur verstanden werden. Betont werden soll an dieser Stelle aber auch, dass nicht allein die Deutschen für den Dialog mit Menschen aus einem fremden Kulturkreis verantwortlich sind. Auch Letztere sind dazu angehalten, ihrerseits aufnahme- und dialogbereit zu sein.
Das Grundgesetz betont in Art. 1, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Alle Menschen sind unabhängig von Glaube, Herkunft und kulturellen Sitten und Gebräuchen als gleichwertig zu betrachten, woraus sich ergibt, dass jeder Mensch den Anspruch hat, von anderen akzeptiert zu werden. Wenn es uns gelingt, Vorurteile gegenüber anderen Menschen abzubauen und uns besser in sie hineinzuversetzen, wird dies der Gesellschaft insgesamt zu Gute kommen.
Die Beseitigung der anstehenden Konflikte zwischen Kulturen ist nur durch die Erziehung und Bildung der Menschen und über aufrichtigen Dialog möglich. Eine sehr wichtige Rolle in diesem Bemühen, einander zu verstehen, spielen auch die Religionen. Da ich selbst Muslim bin, möchte ich betonen, dass auch meine Religion, der Islam, zu gegenseitigem Kennenlernen ermuntert und das friedliche Zusammenleben der Menschen fördert. Im Koran heißt es:
O ihr Menschen, Wir erschufen euch von einem Mann und einer Frau und machten euch zu Völkern und Stämmen, auf dass ihr einander kennt. Siehe, der am meisten Geehrte von euch vor Allah ist der Gottesfürchtigste unter euch, Allah ist wissend und kundig.(49:13)
(Aus der Zeitschrift Fontäne, Ausgabe 15, 2002)
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