Start Wissenswertes Interkultureller Dialog Der Dialog mit den Buchbesitzern und der Austausch von Segenswünschen an religiösen Festtagen
Der Dialog mit den Buchbesitzern und der Austausch von Segenswünschen an religiösen Festtagen
( 2 Votes )


Yusuf al-Qaradawi

Gott hat uns in der Koransure Al-Mumtahana zwei Verse offenbart, die uns als Basis für die Beziehungen zwischen Muslimen und Nichtmuslimen dienen können. Diese Verse sind unzweideutig und klar:

 

Gott verbietet euch nicht, zu denen, die keinen Krieg gegen euch führen aufgrund eurer Religion noch euch aus euren Häusern vertreiben, freundlich zu sein und in Gerechtigkeit gegen sie zu handeln. Gott liebt fürwahr die überaus Gerechten. Gott verbietet euch nur, euch diejenigen, die Krieg gegen euch führen aufgrund eurer Religion und euch aus euren Häusern vertreiben oder andere dabei unterstützen, euch zu vertreiben, zu Freunden und Beschützern zu nehmen. Wer immer sie zu Freunden und Beschützern nimmt, das sind diejenigen, die Unrecht tun. (60:8-9)


Hier wird den Muslimen ans Herz gelegt, Nichtmuslime, die in Frieden mit den Muslimen leben, sie nicht aus Glaubensgründen bekämpfen und sie nicht aus ihren Häusern vertreiben, gut zu behandeln und ihnen gegenüber freundschaftlich und gerecht zu sein. Das in dem Vers verwendete arabische Wort Qist bedeutet Gerechtigkeit - jedem das zu geben, was ihm zusteht. Freundschaft (Birr) geht noch über Gerechtigkeit hinaus. Freundschaft heißt, Gutes zu tun (Ihsan) - jedem das zu geben, was ihm zusteht, und noch mehr. Freundschaft heißt aber auch, ab und zu darauf zu verzichten, zu nehmen, was uns zusteht.


Gott benutzt das Wort Birr weiterhin, um die nach den Rechten Gottes wichtigsten Rechte im Islam zu benennen: die Rechte der Eltern auf Freundschaft und Zuneigung seitens ihrer Kinder (Birr al-Walidayn). Gott, der Allmächtige, hat uns aufgetragen, freundschaftlich zu unseren Eltern zu sein. Und Er verbietet uns auch nicht, Nichtmuslimen in Freundschaft zu begegnen. Ein Aspekt dieser Freundschaft besteht darin, Bereitschaft zum Miteinander zu zeigen, und ein Aspekt dieses Miteinanders besteht darin, Nichtmuslimen an ihren religiösen Festtagen Segenswünsche zu übermitteln (bzw. ihre Segenswünsche an den eigenen Festtagen entgegenzunehmen). Diese schöne Sitte leitet sich fast zwingend aus Freundschaft und Miteinander ab. Beide Tugenden hat uns Gott vor allem im Hinblick auf unsere christlichen Glaubensbrüder und -schwestern, mit denen wir Seite an Seite leben, dringend empfohlen. Wenn diese Menschen unsere Nachbarn sind, besitzen sie außerdem noch andere Rechte. Denn unseren Nachbarn sind wir generell selbst dann verpflichtet, wenn sie uns Unrecht tun oder ungläubige Menschen sind.

Abdullah ibn Umar, der Sohn des zweiten Kalifen Umar, sagte anlässlich eines Festes einmal zu seinem Diener:
"Wenn du ein Schaf schlachtest oder etwas Ähnliches tust, vergiss unseren jüdischen Nachbarn nicht!“


Jedes Mal, wenn er sein Haus betrat oder verließ, wiederholte er die Worte:
„Vergiss unseren jüdischen Nachbarn nicht!“


Der Diener war angesichts dieser wunderlichen Gewohnheit befremdet und sagte zu ihm:
„Was diesen Juden betrifft, so übertreibst du mit deinen Ermahnungen.“


Er aber rechtfertigte sich:
„Ich habe den Propheten Muhammad sagen gehört: Der Erzengel Gabriel redete mir bezüglich (der Rechte) der Nachbarn so lange ins Gewissen, dass ich zum Schluss dachte, er würde ihnen auch noch das Recht zu erben einräumen.“

 

Dieser Hadith zeigt, dass wir unseren Nachbarn gegenüber tatsächlich eine Reihe von Verpflichtungen haben.

Gute Wünsche mit noch besseren Wünschen beantworten

Jeder Muslim sollte sich auch seinen Mitschülern und Kommilitonen gegenüber verpflichtet fühlen. Denn auch sie sind unsere Nachbarn. Ob in Schule oder Universität - alle, die mit uns gemeinsam lernen, und auch all jene, die uns Wissen vermitteln, sind als unsere Nachbarn zu betrachten. Muslime dürfen Menschen mit einem anderen Glauben nicht hochmütig oder von oben herab behandeln. Sie dürfen ihnen nicht die kalte Schulter zeigen, wenn sie ihre religiösen Festtage begehen, und sind aufgefordert, ihnen ihre besten Wünsche zu übermitteln - vor allem natürlich dann, wenn diese Nichtmuslime ihrerseits auch ihnen zu Festtagen gratulieren.


Und wenn ihr mit einem Gruß gegrüßt werdet, so grüßt mit einem schöneren wieder oder erwidert ihn. Wahrlich, Allah legt Rechenschaft über alle Dinge ab. (4:86)


Eines Tages ging ein Feueranbeter an Ibn Abbas vorbei und sagte zu ihm:
„Friede sei mit dir!“

Auf diesen Gruß antwortete jener mit folgenden Worten: „Friede und der Segen Gottes seien auch mit dir!“

 

Da stellten ihn einige seiner Gefährten zur Rede und fragten ihn „Du wünschst einem Feueranbeter den Segen Gottes?“, woraufhin er klarstellte: „Lebt er denn etwa nicht durch den Segen Gottes?“


Christen Frohe Weihnachten wünschen

Auch die Tatsache, dass der Islam muslimischen Männern gestattet, Christinnen und Jüdinnen zu heiraten, spricht dafür, dass wir uns um ein gutes Verhältnis zu anderen Glaubensgemeinschaften bemühen sollten. Denn dieses Zugeständnis beweist ein Maß an Toleranz, das den anderen Offenbarungsreligionen verwehrt blieb. Christen dürfen nämlich nur Christinnen und Juden nur Jüdinnen heiraten.

Heute sind euch alle guten Dinge erlaubt... Und ehrbare gläubige Frauen und ehrbare Frauen unter den Leuten, denen vor euch die Schrift gegeben wurde, wenn ihr ihnen die Brautgabe gebt, und nur für eine Ehe und nicht für Unzucht und heimliche Liebschaften. (5:5)


Ein Muslim kann durchaus eine Nichtmuslimin zur Mutter haben - und christliche Großeltern ebenso wie christliche Onkel und Tanten mütterlicherseits. Im Islam besitzen Blutsverwandte uns gegenüber weiter gehende Rechte als andere Menschen. Wie könnte es da angehen, dass ein solcher Muslim seinen nächsten Angehörigen kein gesegnetes, frohes Fest wünscht???

Der einflussreiche muslimische Gelehrte Ibn Taimiya (1263-1328) verfolgte in dieser Hinsicht einen ‚Hardliner-Kurs‘. Er forderte, Muslime dürften Angehörigen eines anderen Glaubens nicht ihre Segenswünsche aussprechen, da sie damit gleichzeitig deren Religion und Riten akzeptieren und gutheißen würden. Ich denke jedoch nicht, dass er in diesem Punkt Recht hat. Wenn ein Muslim einem Christen Frohe Weihnachten oder Frohe Ostern wünscht, heißt das schließlich noch lange nicht, dass er dessen Überzeugungen für richtig hält. Darum geht es dabei doch gar nicht. Solange verschiedene Glaubensvorstellungen nebeneinander existieren, werden sich die Menschen miteinander arrangieren müssen, ob sie das wollen oder nicht. Und zu einem gemeinsamen Miteinander gehört einfach auch, dass man auf seine Mitmenschen eingeht und ihnen ein gutes Stück weit entgegenkommt.

Wahre Muslime glauben an Jesus und an das Evangelium. Sie glauben an die Thora und an alle Propheten, die Gott zur Welt hinab gesandt hat. Denn im Koran steht geschrieben:


Wir machen keinen Unterschied zwischen Seinen Gesandten. (2:285)


Wir machen zwischen ihnen keinen Unterschied, und Ihm sind wir ergeben. (2:136

In der Tat darf sich ein Muslim erst dann als wahrer Muslim bezeichnen, wenn er an alle Heiligen Schriften Gottes und an alle Seine Propheten glaubt. Jeder Muslim, der gegen dieses Grundprinzip verstößt, gilt im Islam als Ungläubiger.

Wahrlich, diejenigen, die nicht an Allah und Seine Gesandten glauben und eine Trennung zwischen Allah und Seinen Gesandten machen und sagen „Wir glauben an die einen und verwerfen die anderen“ und einen Zwischenweg einschlagen möchten, diese sind die Ungläubigen im wahren Sinne, und bereitet haben Wir den Ungläubigen eine schmähliche Strafe. (4:150-151)


Wer nur einen einzigen der Gesandten Gottes verleugnet, verleugnet damit alle Gesandten Gottes. In Sure 26 wird berichtet, dass die Ad, die Thamud, das Volk Lots und das Volk vom Walde die Gesandten der Lüge bezichtigten. An dieser Stelle wird im arabischen Originaltext der Plural verwendet, obwohl diese Völker in Wirklichkeit doch nur einen einzigen Propheten der Lüge bezichtigten. Die Ablehnung eines Propheten impliziert demnach die Ablehnung auch aller anderen Propheten.

Toleranz findet die Zustimmung Gottes

Dass Menschen verschiedenen Religionen angehören und unterschiedliche Glaubensvorstellungen haben, entspricht dem Willen Gottes:

Und hätte dein Herr es gewollt, so hätte Er die Menschen alle zu einer einzigen Gemeinde gemacht; doch sie wollten nicht davon ablassen, uneins zu sein. Ausgenommen davon sind jene, derer dein Herr Sich erbarmt hat, und dazu hat Er sie erschaffen. Und das Wort deines Herrn ist in Erfüllung gegangen: „Wahrlich, Ich werde Dschahannam mit den Dschinn und den Menschen insgesamt füllen.“ (11:118-119)

Diese Verse weisen eindeutig darauf hin, dass Gott den Menschen einen Verstand und einen freien Willen geschenkt hat. Er hat ihnen die Freiheit gewährt, sich ihre Religion selbst zu wählen. Hätte Er die Menschheit in einer einzigen Religion vereinen wollen, dann hätte er uns so wie die Engel erschaffen - nämlich ausschließlich für Glauben und Gehorsam.

Der Islam kündigt uns an, dass Gott uns einst zur Rechenschaft ziehen wird. Im Jenseits werden die Menschen für ihren Unglauben und ihre Irrtümer bezahlen. Aber eben erst im Jenseits, und nicht bereits in dieser Welt. Auch den Lohn für den rechten Glauben werden wir erst im Jenseits erhalten. Deshalb sollte sich niemand auf Erden als Richter aufspielen:


Wenn sie jedoch mit dir hierüber streiten, so sprich: „Allah weiß am besten, was ihr tut.“
(22:68)

Allah ist unser Herr und euer Herr. Für uns unsere Werke und für euch eure Werke! Kein Beweisgrund ist zwischen uns und euch. Allah wird uns zusammenbringen, und zu Ihm ist die Heimkehr. (42:15)


Der Islam akzeptiert die Würde jedes einzelnen Menschen, unabhängig von seiner Religion. Bukhari überliefert von Dschabir, dass der Prophet Muhammad sich aus Respekt erhob, als ein Begräbniszug von Juden an ihm vorbeizog. Als man ihn darauf aufmerksam machte, dass da ein Jude auf der Totenbahre lag, sagte er:
"Ist das etwa kein Mensch?" Welch bewundernswerte und schöne Geste!

Der Islam ermuntert die Muslime, sich darum zu bemühen, alle Menschen mit all ihren Grundsätzen zu verstehen und auch jenen entgegen zu kommen, mit denen sie nicht einer Meinung sind. Aus diesem Grunde müssen wir den Dialog mit den Buchbesitzern suchen. Gott sagt:


Und streitet nicht mit dem Volk der Schrift; es sei denn auf die beste Art und Weise. Ausgenommen davon sind jene, die ungerecht sind. Und sprecht: „Wir glauben an das, was zu uns herabgesandt wurde und was zu euch herabgesandt wurde; und unser Gott und euer Gott ist Einer; und Ihm sind wir ergeben.“ (29:46)


Der Koran ermahnt uns, Dinge, die wir mit anderen teilen und gemeinsam haben, in den Vordergrund zu stellen. Auf diese sollen wir uns konzentrieren, und nicht auf Unterschiede und Gegensätze. Deshalb sagen wir: Wir bewohnen denselben Planeten. Wir glauben an Gott und an das Jenseits. Wir teilen den Glauben an die Anbetung und den Dienst an Gott, wir folgen bestimmten moralischen Werten.

Nichtmuslime stehen unter dem Schutz der Muslime

Der Islam lehrt Toleranz gegenüber den Buchbesitzern im Allgemeinen und gegenüber den Dhimmis (Nichtmuslimen, die unter dem Schutz der Muslime leben) im Besonderen. Der Begriff Dhimmis bezieht sich auf Nichtmuslime, die in Ländern mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung leben. Im Islamischen Recht werden diese Menschen als ‚Menschen des Hauses des Islams‘ (Ahl Dar al-Islam) bezeichnet. Heute würden wir eher den Begriff Bürger wählen - nichtmuslimische Bürger. Sie besitzen die gleichen Rechte und Pflichten wie die Muslime mit Ausnahme jener Rechte und Pflichten, die im Zusammenhang mit der Ausübung der Religion stehen. Weder dürfen ihnen Muslime ihre religiösen Pflichten auferlegen, noch dürfen die Muslime es zulassen, von ihnen an der Ausübung ihrer religiösen Pflichten gehindert zu werden. Als ich einmal einigen christlichen Arabern sagte „Von euren Glaubensvorstellungen und eurer Religion her seid ihr keine Muslime. Was eure Kultur und eure Zivilisation betrifft, hingegen schon“, entgegnete mir sogar ein Oberhaupt der koptischen Kirche in Ägypten: „Der Religion nach bin ich Christ, der Heimat nach bin ich Muslim.“ Was er damit meinte, war, dass er in einem Land lebt, das zum Dar al-Islam, zum Haus des Islams, zählt. Dieser Kopte betrachtete sich im kulturellen Sinne als Muslim.

Ich hoffe inständig, dass die extremen Positionen zwischen den Angehörigen verschiedener Konfessionen in der Zukunft aufweichen werden. Alle Tugend liegt im Mittelweg, wie der folgende Koranvers abschließend unterstreichen soll:


Und so machten Wir euch zu einer Gemeinde von redlicher Gesinnung, auf dass ihr Zeugen seiet über die Menschen und auf dass der Gesandte Zeuge sei über euch. (2:143)


(Aus der Zeitschrift Fontäne, Ausgabe 41, 2008)
 

Joomla "wookie mp3 player 1.0 plugin" by Sebastian Unterberg
 
 

INID-Autoren

Gastautoren









 

Rechtlicher Hinweis:

Das INID-Institut übernimmt keinerlei Verantwortung für die Inhalte einzelner Artikel. Jeder Artikel spiegelt allein die persönliche Meinung seines Autors bzw. seiner Autorin wider. 

 

Unterstützen Sie uns: