|
Menschen, die unsere althergebrachten ererbten Werte nicht teilen und nicht auf die gleichen Quellen vertrauen wie wir, werden unsere Nöte und Sorgen kaum nachvollziehen können. Auch können sie uns kaum helfen, sind von unseren Standpunkten vielmehr nur verwirrt; das liegt auf der Hand. Wer Gegenwart und Zukunft aus einer rein materialistischen Perspektive betrachtet und lediglich die physischen Aspekte des Lebens zu schätzen weiß, kann nichts anderes als die flüchtigen und oberflächlichen Freuden des Körpers genießen. Dinge, die keinen Bezug zur Körperlichkeit oder zum Körper haben, sind dieser bedenklichen Sichtweise entsprechend nicht viel wert. Ihr zufolge haben weder Vergangenheit noch Zukunft irgendeine Bedeutung. Beide gelten allenfalls als Refugien, in denen Menschen, die in der Gegenwart nicht zurechtkommen, Zuflucht suchen können. Das Einzige, was diese Menschen interessiert, ist die Gegenwart. Alles andere ist für sie Zeitverschwendung. Menschen mit einem so engen Horizont können eine Aussage wie die folgende niemals nachvollziehen:
Wenn ihr wüsstet, was ich weiß, würdet ihr nur selten lachen, dafür aber oft weinen.1
Der Sultan der Worte, der Prophet Muhammad, aus dessen Mund dieser Hadith stammt, wusste sehr wohl, warum er weinte; und auch jene reifen, rechtschaffenen Menschen, die für die Ewigkeit gerüstet sind und sich mit nicht weniger als ihrem Glauben, dem Wissen um Gott und der Liebe zu Ihm zufrieden geben, wissen, warum sie weinen und welches Ziel sie verfolgen. Sie haben viele Gründe zu weinen.
Neben den Fragen des Glaubens und des inneren Friedens (an dem ja eigentlich jeder interessiert sein dürfte) oder der Gefahr, im Unglauben zu versinken, gibt es eine Reihe weiterer sozialer, ökonomischer, politischer und kultureller Fragen, die einer Antwort harren. Es gibt alle möglichen Formen von Unrecht, das manche für die Wurzel allen Unbehagens in der Gesellschaft halten. Es gibt Rechte, die einer Prüfung unterzogen und im Einklang mit menschlichen Werten und den Prinzipien von Fairness und Verantwortungsbewusstsein neu verteilt werden müssen. Dann sind da auch unsere Hoffnungen und Ideale, die sich mit der Ewigkeit beschäftigen und - ihnen entgegengesetzt - antidemokratische Hindernisse, auf die keine Rücksicht genommen werden sollte, und die Propaganda der Macht. In vielen Bereichen triumphieren die Emotionen immer noch über die Vernunft, in anderen wiederum werden Befehle im Einverständnis mit der Skrupellosigkeit der Macht erteilt. In vielen Teilen der Welt werden menschliche Fehler und Handlungen, die als falsch gelten, noch immer mit Blut und Tränen herunter gespült. Bisweilen werden Menschen gewaltsam in Richtung Paradies gezwungen oder grob in Richtung Hölle gestoßen. Ihr Wille und ihre Überzeugungen werden dabei missachtet. Tag für Tag werden neue Heerlager errichtet, in denen für die eigene Perspektive und die eigenen Regeln gekämpft wird. Jede Ideologie schreibt einen Lebensstil vor, der ihren Prinzipien entspricht. Die Menschen bleiben dabei auf der Strecke. Sie werden in einen winzigen Rahmen gezwungen und sollen ihm ihr Leben anpassen. In der ganzen Welt, an Hunderten von Orten, wird auf das Gewissen der Menschen keinerlei Rücksicht genommen, wird der Wille der Gemeinschaft ignoriert und werden die Augen des Gewissens der Individuen permanent geblendet.
Der kürzeste Weg, die Schmerzen der Betroffenen zu lindern und sie von persönlicher und sozialer Unterdrückung zu befreien, besteht darin, ihrem Bewusstsein Beachtung zu schenken und ihnen zu zeigen, wie sie ihren Willen und ihre geistige Verfassung stärken können. Nur wenn ihr Gewissen am Leben erhalten wird und wenn ihr Wille und ihr Bewusstsein in der Gesellschaft Akzeptanz finden, können die Menschen Menschen bleiben und sich wieder menschlichen Werten zuwenden. Individuen können nur dann wirklich als Staatsbürger bezeichnet werden, wenn ihnen erlaubt wird, ihrem eigenen Gewissen und ihrem Willen zu folgen. Nur dann entwickeln sie auch die nötige Reife, ihre Mitmenschen auf spiritueller Ebene zu unterstützen. Geschieht dies nicht, bürdet sich die Gesellschaft zwangsläufig zahlreiche soziale, politische, administrative und ökonomische Probleme auf. Eine Gemeinschaft, die aus deplatzierten, gegensätzlichen oder zusammengestückelten Teilen ohne Gemeinsamkeiten besteht, kann nicht als eine Nation bezeichnet werden. Und ein Volk, das eine Nation zu bilden scheint, jedoch unheilbar krank ist, verspricht alles andere als eine glänzende Zukunft. Wenn wir als ganze Gesellschaft Wohlergehen suchen, muss jedes Individuum achtsam und motiviert sein. Der Stern des Wohlergehens unserer Gesellschaft wird überraschend schnell aufgehen, wenn wir uns für das Heil unserer Mitmenschen einsetzen, Schulter an Schulter stehen und unsere Handflächen gen Himmel öffnen.
Die Essenz der Grundwerte, die uns dabei helfen können, die nötige Reife zu erlangen, liegt darin, dass wir uns unseres Glaubens mit all seinen spezifischen Tiefen bewusst werden, dass wir bereit sind, in unserer Anbetung Entbehrungen und Anstrengungen auf uns zu nehmen, dass wir in allen unseren Handlungen moralisch integer sind, dass wir unseren Geist, unser Gewissen und unsere Sinne mit neuem Leben erfüllen und dass wir alle Situationen mit der Rechtschaffenheit unseres Herzens abwägen. Wenn uns dies gelingt, werden wir die Grenzen der Individualität überschreiten, Ansprüche anmelden, die im Einklang mit diesen Prinzipien stehen, und uns der Dinge, die wir fordern, auch ganz bewusst sein. Wenn wir dann noch einen Schritt weiter gehen, werden wir in der Lage sein, alle Dinge mit der Ewigkeit zu verknüpfen und sie mit den höchsten Maßstäben zu messen. Wir werden von allen Errungenschaften der Menschheit profitieren und unsere Eignung verkünden dürfen, als die Menschen, die wir sind, in Form und Wesen vollkommen zu sein.2 Ich glaube, dass diejenigen, die diesen zentralen Punkt verstehen, nicht nur alles daransetzen werden, andere auf den rechten Weg zu geleiten, sondern damit auch ihre eigene Zukunft sichern.
Allerdings möchte ich an dieser Stelle noch einmal betonen, dass Projekte zur individuellen Aufklärung, die nicht darauf abzielen, der ganzen Gesellschaft zu nutzen, keine Früchte abwerfen werden. Werte, die einmal zerstört wurden, lassen sich im Herzen der Individuen ebenso wenig wiederbeleben wie in ihrem Gewissen. Und genau wie Pläne und Projekte zum Wohle des Individuums, die nicht gleichzeitig das Wohl der Gemeinschaft verfolgen, nicht mehr als eine Illusion sind, ist auch der Gedanke, als Gemeinschaft Erfolg haben zu können, indem man die Individuen lähmt, eine Illusion.
In diesem Lichte betrachtet glaube ich, dass wir uns darüber klar werden sollten, dass jeder von uns seine eigenen zwei Hände besitzt und dass wir unsere Probleme mit Hilfe eines kollektiven Gewissens und kollektiver Willenskraft lösen können, wenn wir nur einander diese Hände reichen. So können wir hoffen, unserem eigenen persönlichen Leben wieder einen Sinn zu verleihen und es fruchtbarer denn je zu gestalten; gleichzeitig können wir unseren Mitmenschen das Elixier des Lebens anbieten und damit unseren materiellen und spirituellen Wert immer wieder aufs Neue erhöhen. Ein Projekt erscheint mir umso viel versprechender, je uneigennütziger es ist und je mehr es auf das Wohl aller Menschen abzielt. Denn das Ziel, anderen Gutes zu tun, ist sehr anregend. Die Jagd nach rein persönlichen Interessen hingegen tötet oder lähmt uns. Wer sein Leben damit vergeudet, ihnen hinterherzulaufen, wird früher oder später korrumpiert werden, auch wenn er sich nicht direkt an dunklen Machenschaften beteiligt. Wer jedoch lebendig bleibt, indem er andere zum Leben inspiriert, reicht das Elixier des Lebens weiter und wandelt deshalb sicher auch auf solchen Wegen, auf denen andere wie Blätter vom Wind hinweg gefegt werden. Entsprechende Menschen werden für den Marathon dieser und der kommenden Welt unter der Startnummer ‚Zufriedenheit‘ nominiert.
Der Kumpanei von manchen Politikern, die das Lebens- und Existenzrecht ihrer Mitmenschen nur deshalb anzuerkennen scheinen, weil es ihren eigenen Interessen dient, darf kein Vertrauen geschenkt werden. Andererseits kann sich niemand, der gegen solche Politiker ankämpft, je sicher fühlen. Sie machen schöne Worte und halten ihr Fähnlein in den Wind. Diejenigen, die sie entbehren können, zermalmen sie, während sie gegen jene, auf die sie angewiesen sind, permanent intrigieren. Gelangen sie an die Macht, sind sie skrupellos; befinden sie sich jedoch in einer Position der Schwäche, beginnen sie, sich zu ducken und zu katzbuckeln. In ihrer Unaufrichtigkeit werden sie von ihren eigenen Waffen geschlagen; das Leid, das sie anderen zufügen, ereilt letzten Endes auch sie selbst. Sie glauben, alle Welt austricksen und täuschen zu können und das Richtige zu tun. Stattdessen aber bringen sie sich in eine denkbar schlechte Position und zerstören um ihrer Karriere willen ihren guten Ruf. Dieser Art trügerischer Intelligenz, von der ich hier spreche und die recht häufig zu beobachten ist, liegt eine schwere Persönlichkeitsstörung zu Grunde. Sie ist eine unheilbare psychische Krankheit. Selbst zu nichts nütze, suchen die Betroffen überall nach dem eigenen Vorteil. Doch ihr Streben fruchtet nicht, und so enden sie als Speichellecker, die sich allenthalben anbiedern.
Ganz anders die Menschen, die sich wirklich in den Dienst an der Allgemeinheit stellen: Ihrem Handeln zu Grunde liegt meist eine lange Phase der Vorbereitung und schwerer Entbehrungen, der eine Hinwendung zu größerer Barmherzigkeit und die Suche nach Menschenrechten folgt. Bei jedem wohltätigen Akt gehen diese Menschen mit gutem Beispiel voran. In ihren Werken spiegelt sich ihr ganz besonderer Stil wider, und sie sind stets offen und ehrlich. Wie hart und unzuträglich die äußeren Umstände auch sein mögen - sie setzen alles daran, nicht von ihrem Weg abzuweichen. Sie vertrauen auf die Stabilität ihrer Fundamente und lassen sich nicht verwirren. Ihre inneren wie äußeren Gefühle sind darauf programmiert, Gott auf eine bestimmte Art und Weise zu hören und zu sehen, Ihn zu erkennen und in Seiner Nähe zu sein. Sie sind Menschen dieser und der kommenden Welt, Menschen, deren Kontakte zu ihren Mitmenschen durchaus auch als Kontakte zu Gott betrachtet werden können. Von den Gipfeln ihrer Art zu leben aus können sie sogar die Berge des Jenseits erkennen. Das Leben, das sie führen, erscheint ihnen in allen Spielarten so klar und grenzenlos, dass sie überdies einen flüchtigen Blick auf die Häfen des Jenseits erhaschen können. Diese reinen Herzen haben bereits eine gesegnete Ernte eingefahren, von der andere selbst nach Millionen von Jahren der Mühe und Plackerei nur träumen könnten. Man erzählt sich von ihnen, dass sie die Gemeinschaft mit Gott erreicht und mit den Paradiesbewohnern des höchsten Ranges, den Gewinnern der Ewigkeit, Knie an Knie, Schulter an Schulter zusammengesessen haben. Diese Menschen sind immer aufrichtig und besonnen, immer auf der Suche nach wichtigen Projekten und Zielen. Sie denken an die Barmherzigkeit, sprechen von der Barmherzigkeit und bemühen sich, sich durch Barmherzigkeit auszudrücken. Es drängt sie so sehr danach, ihre Mitmenschen zur unendlichen Glückseligkeit zu geleiten, dass sie dafür sogar die Freuden der zukünftigen Welt und ihre spirituelle Macht opfern würden, ganz zu schweigen von ihren materiellen Interessen und ihrem Begehren nach Status und Rang. In ihrem spirituellen Rang und in ihren Beziehungen zu anderen Menschen legen sie eine Haltung an den Tag, die unterstreicht, dass sie in der Gegenwart Gottes zuhause sind. Dort, wo andere sterben, erleben sie eine Wiedergeburt nach der anderen.
Getreu der Devise ‚Was du nicht willst, das man dir tut, das füge auch keinem andren zu!‘ arbeiten sie hart daran, andere von ihren Erfahrungen profitieren zu lassen. Ihrem unbegrenzten Horizont verdanken sie es, dass sie selbst in den Herzen von Tyrannen Gefühle der Barmherzigkeit wecken können. Gleichzeitig wissen sie, dass kein Unterschied darin besteht, ob man den Armen Beistand leistet oder in der Nähe Gottes ist; und deshalb helfen sie, wo es nur geht. Das Leben für andere bestimmt das Handeln dieser einmaligen Menschen. Ihre größte Sorge gilt ihrer Eignung für diese Art von Auftrag, und ihr wichtigstes Charakterkennzeichen ist ihr Streben nach dem Wohlgefallen Gottes. Wenn sie andere unterweisen, ist das keine Strapaze für sie, und wenn sie dabei erfolgreich sind, überrascht sie das nicht weiter. Ihre Erfolge interpretieren sie als Offenbarungen des Beistands Gottes. Bescheiden neigen sie wieder und wieder, Tag für Tag ihr Haupt und bewerten ihren eigenen Beitrag als gering. Was ihnen Sorgen bereitet, ist, dass ihre Emotionen ihnen in die Quere kommen könnten.
Schon seit unendlich langer Zeit warten wir voller Ungeduld auf solchermaßen gesegnete Hände; auf Hände, die in der Lage sind, verwüsteten Ländereien, verwahrlosten Heimen und verlassenen Einöden neues Leben einzuhauchen. Und mit unserem Glauben und aller Entschlossenheit werden wir notfalls auch noch viele weitere Jahre warten. Möge die Sehnsucht jener reinen und mitfühlenden Herzen nach der unendlich großen Barmherzigkeit Gottes nicht unbeantwortet bleiben!
(Aus dem Buch "Liebe und Toleranz“, 2006)
1 Bukhari, Kusuf, 2; Muslim, Kusuf, 1; Tirmidhi, Zuhd, 9, Ibn Maja, Zuhd, 19
2 Wahrlich, Wir haben den Menschen in bester Form erschaffen. (95:4)
|