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Kerim Balci
Im Jahr 2000 traf ich mit dem Oberrabbiner der Sepharden Israels, Elizahu Bakhashi Doron, zusammen, der damals mit einigen islamischen Gemeinden in der Türkei Dialoggespräche führte. Dieser weise Mann sagte zu mir: „Kerim, du und ich, wir beide wissen, dass sowohl das Alte Testament als auch der Koran, Passagen enthalten, die ständigen Krieg und Hass zwischen uns rechtfertigen würden. Aber du und ich, wir beide wissen auch, dass diese Schriften Passagen enthalten, die uns dabei helfen können, eine Welt des Friedens zu schaffen. Und an dir und mir, an uns beiden, liegt es, welche Passagen wir betonen möchten.“
Ich möchte hier keine naiven Geschichten von mir geben und behaupten, Religion und Terror hätten nichts miteinander zu tun. Ich möchte hier nicht darüber sprechen, dass einer der Attentäter vom 11. September ein ausgewiesener Trinker war, der von der Polizei in einer Alkoholkontrolle erwischt worden war, und auch nicht darüber, dass ein anderer in wilder Ehe mit seiner Freundin zusammenlebte, um so zu beweisen, dass diese Menschen keine durch und durch religiösen Menschen waren, und daraus den Schluss abzuleiten, dass jene Attacken nicht auf deren Religion zurückzuführen waren - eine Logik, die unter muslimischen Predigern durchaus verbreitet ist. Ich möchte vielmehr versuchen, begreiflich zu machen, warum und wie sich terroristische Organisationen religiöser Vorstellungen, Prinzipien und Terminologien für ihre eigenen (religiösen oder auch nicht-religiösen) Zwecke bedienen; warum und wie sie unangemessenen Gebrauch von ihnen machen und sie sogar missbrauchen.
Dieser Erklärungsversuch wirft vier Fragen auf, die darauf warten, beantwortet zu werden:
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Warum greifen terroristische Organisationen für ihr Handeln auf religiöse Quellen zurück?
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Wie verwenden sie diese religiösen Quellen?
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Wer ist ihre Zielgruppe, wenn sie so vorgehen?
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Was bietet die Religion den Terroristen?
Warum bedienen sich Terroristen der Religion?
Eine einfache Antwortet lautet: Weil sie religiöse Menschen sind und weil die Quellen ihrer Religion die einzigen Quellen sind, die sie besitzen. In Sachen Vermarktung besteht kein Unterschied zwischen einem Metzger, der ein Schild mit der Aufschrift Halal-Fleisch ins Schaufenster hängt, und einem muslimischen Terroristen, der behauptet, sein Terror sei halal.
Aber diese Antwort ist alles andere als zufrieden stellend. Jeder von uns verfügt über viele Eigenschaften und Attribute, die wir weder betonen noch vorführen, weil sie nicht unseren Interessen dienen. Wenn ich z.B. ein Genie wäre, würde ich das doch niemals einem gewöhnlichen Menschen erzählen - aus dem einfachen Grunde, dass es seinen Neid wecken würde. Nein, Religionen dienen den Zwecken der Terroristen. Aber warum?
Erstens gehört zu allen Religionen eine Gemeinschaft von Gläubigen, die sich gegebenenfalls in eine Gruppe von Unterstützern umfunktionieren lässt. Größere Religionen werden darüber hinaus oft nicht von Staatsgrenzen oder ethnischen Barrieren eingeschränkt und bieten eine gemeinsame Sprache, mittels derer sich gut kommunizieren lässt.
Zweitens beanspruchen Religionen die letzte Wahrheit für sich. Mit diesem Anspruch lassen sich Gräueltaten von der Zwangskonvertierung bis hin zur Tötung von Ungläubigen rechtfertigen.
Drittens kämpfen alle Religionen naturgemäß hartnäckig um ihr Überleben. Werden sie von einer äußeren Macht attackiert, konstruieren sie Theorien wie den Kampf Gut gegen Böse oder die Doktrin vom gerechten Krieg.
In einigen Fällen bieten Religionen ihren Anhängern einen Glauben an, der sie darin bestärkt, ein auserwähltes Volk zu sein, oder ihnen verspricht, ein goldenes Zeitalter in dieser Welt stehe ihnen bevor. Alle Kulte und Sekten, die sich auf den Jüngsten Tag (den so genannten Doomsday) konzentrieren, gehen fest davon aus, dass ihnen für das Kommen dieses Jüngsten Tages eine besondere Mission übertragen worden sei. Für den Fall, dass sie diese erfolgreich erfüllen, werden ihnen spezielle Belohnungen in Aussicht gestellt.
Religionen, die Lohn und Strafe in einem anderen Leben verheißen, halten eine sehr breite Vielfalt von Versprechungen bereit, die den Attentätern von Terroranschlägen, gemacht werden.
Einige wenige Religionen zwingen ihre Anhänger, andere Menschen im Namen einer Gottheit umzubringen. Wenn diese Forderung gestellt wird, werden die Betroffenen stets dämonisiert. Ihnen wird das Recht zu leben abgesprochen. In manchen Fällen wird auch gesagt, dass sie (durch den Tod) von ihren Sünden befreit werden.
Wie nutzen terroristische Organisationen die Religion für ihre Zwecke aus?
Auf Arbeitsebene wird die Religion auf drei unterschiedlichen Ebenen ‚verwertet‘: Vor der Attacke für die Rekrutierung und die notwendige Identifikation der Attentäter, während der Attacke für das Festhalten der Attentäter an der einmal gefassten Absicht und nach der Attacke zur Rechtfertigung und aus Propagandazwecken.
Zur Rekrutierung von Attentätern bedient man sich religiöser Orte. In vielen europäischen Hauptstädten werden, wie man weiß, Moscheen für diesen Zweck genutzt. Terroristische Gruppen greifen auf ganz bestimmte Taktiken zurück, um zu erreichen, dass sich religiös orientierte Menschen mit ihnen identifizieren. Eine sehr gebräuchliche Taktik besteht darin, die Terroristen und die Terrorakte mit Namen und Begriffen zu kennzeichnen, die mit der Religion verknüpft sind.
Zu den gängigsten Begriffen gehören Dschihad - Heiliger Krieg, Mudschahid - Heiliger Krieger und Schahid - Heiliger Märtyrer. In nahezu allen islamischen Ländern werden diese Begriffe von religiösen, nationalistischen, ethnischen Gruppen und sogar von sozialistischen Terrorgruppen verwendet. Die PFLP in Palästina hat keinerlei religiöse Ziele; sie ist eine marxistisch-leninistische Organisation. Und trotzdem bezeichnet sie ihre Toten als Schahids, Märtyrer. Baruch Goldstein, der 1994 24 muslimische Betende in der El-Halil-Moschee in Hebron ermordete, wird von den Anhänger der Kah-Bewegung noch immer Gever (Held), Kadush Meune (Märtyrer) oder Tzadik (Rechtschaffener) genannt. Auf Bildern zu seinem Gedenken wird er in religiösen Gewändern mit einer Thora-Rolle in der Hand gezeigt. Michael Collins, der Gründer der IRA, studierte den russischen Anarchismus und die Hit-and-Run (Zuschlagen-und-Flüchten) Strategie der Buren in Südafrika. Weder die Taktik noch die historischen Ursachen seines Terrors waren religiös motiviert, und trotzdem bediente er sich einer religiösen Rhetorik. Seine berüchtigten Terrorkommandos bezeichnete er beispielsweise als die 12 Apostel. Die Nation of Yahwe, eine militante schwarze Separatistenorganisation, die in der zweiten Hälfte der 80er Jahre aktiv war, nannte ihre Mörder Todesengel. Die Christian Identity Movement übertrug eine jüdische Terminologie in einen anti-jüdischen Kontext. Ihre Anhänger glaubten, dass Jesus Christus kein Semit, sondern ein Arier war; dass die verlorenen Stämme Israels sich nicht aus Juden, sondern aus blauäugigen Arieren zusammensetzen, dass weiße Angelsachsen, und nicht die Juden das auserwählte Volk bilden und dass die USA das Gelobte Land sind. Obwohl die Begriffe, die verwendet werden, aus dem Kontext gerissen sind, haben sie dennoch nach wie vor religiöse Konnotationen. Auch Terroristen benutzen religiöse Symbole für ihre Zwecke. Am 9.11. waren 19 Flugzeugentführer an Bord der gekaperten Maschinen. 19 ist die heilige Zahl des Koran. Jüdische Terrorgruppen berufen sich auf ihr Auserwählt-Sein und machen geltend, nur das versprochene Land zu besiedeln und den Glauben des Volkes Gottes zu vertreten. Christliche Terroristen bedienen sich der Kreuzzüge und die Tamilischen Tiger in Sri Lanka eines hinduistischen Selbstmordkults.
Auf der zweiten Ebene verwenden die terroristischen Organisationen religiöse Quellen, um die Attentäter in ihrer Entschlusskraft zu bestärken.
Ein Paradebeispiel hierfür liefert jener Brief, den die Ermittler im Koffer des Attentäters Mohammed Atta, des vermeintlichen Kopfes der Operation 11. September, fanden. Eine Kopie dieses Briefes entdeckte man auch in den Habseligkeiten eines anderen Attentäters, der an Bord des Flugzeugs war, das auf das Pentagon stürzte. Und eine weitere verkohlte Kopie fand man in den Trümmern von Flugzeug Nummer 93, das in Pennsylvania abstürzte. Dieser Brief besteht aus einer Liste von Anordnungen und Befehlen, die den Entführern auf jeder Stufe der Operation Mut zusprechen sollten. Sie wurden angewiesen, in der Nacht davor bestimmte Koranpassagen zu lesen, ihre Ausrüstung zu segnen, zu beten, ohne die Lippen zu bewegen (um keinen Verdacht zu erregen), sich auf bestimmte Art und Weise zu kleiden usw.. Die Auswahl von zwei Koransuren war mit großer Sorgfalt vorgenommen worden. Die Flugzeugentführern waren ermahnt worden, die Suren Al-Anfal und At-Tawba zu lesen. Diese beiden Suren beschäftigen sich mit dem Kampf gegen übermächtige Feinde. Sie erwähnen die Notwendigkeit, sich während des Kampfes frisch zu halten, und das bittere Ende derer, die aus Angst und mangelndem Glauben vor dem Heiligen Krieg zurückschrecken. Sie beschreiben, wie mit Ungläubigen, Heuchlern und den Ahl al-Kitab (gemeint sind die Juden und Christen) umzugehen ist.
Eine genaue Analyse dieser beiden Suren würde uns einige wertvolle Informationen darüber liefern, wie Terroristen religiöse Lehren missbrauchen. Dies würde jedoch in diesem Artikel zu weit führen. Jedenfalls besagt dieser Brief, dass die Flugzeugentführer keine andere Wahl haben, als auch die letzte Stufe des Selbstmordanschlags auszuführen - jenes Selbstmordanschlags, für den sie sich mindestens ein Jahr zuvor freiwillig gemeldet hatten. Denn Gott selbst habe sie zu Gehorsam verpflichtet. Außerdem heißt es in diesem Brief: „Wenn...Gott entscheidet, dass jemand von euch morden muss..., dann bereitet jenen, die ihr tötet, kein unnötiges Unbehagen; denn dies ist eine Praxis, die auch der Prophet (Friede sei mit ihm!) verfolgte.“ Falls den Attentätern jedoch in letzter Minute die Bereitschaft zu töten abhanden kommen sollte, fügt der Text hinzu: „...dann wäre dies ein Verrat, der mehr Schaden anrichten als Gutes bewirken würde...; weil die Tat eine Pflicht und Nachsicht lediglich eine Wahlmöglichkeit ist, hat die Pflicht Priorität vor der Wahlmöglichkeit.“
Ein anderes interessantes Beispiel liefert uns ein weiterer christlicher Kult, die Lord’s Resistance Army (Widerstandsarmee des Herrn) in Uganda. Sie wollte ein Herrschaftssystem errichten, das auf den Zehn Geboten basierte. Die Führer dieser Gruppe versprachen ihren Anhängern Immunität gegen Gewehrkugeln, wenn sie sich nur mit einer bestimmten Salbe einreiben. Diese Vorstellung leitet sich offenbar aus eingeborenen afrikanischen Zauberkulten ab.
Nach einer Attacke sind Terrororganisationen darauf angewiesen, neue Rekruten anzuwerben. Und dieses Projekt verlangt nach einer Rechtfertigung der letzten Attacke und Propaganda für weitere ähnliche Attacken.
Oft hinterlassen die Attentäter Abschiedsbriefe oder einen letzten Willen mit Bitte um Vergebung, der für Angehörige und Freunde bestimmt ist. Diese Briefe enthüllen oft, dass die Anschläge zwar aus nicht-religiösen Gründen verübt werden, dass aber nichtsdestotrotz religiöse Begriffe verwendet werden, um sie zu rechtfertigen. In der letzten Zeit geht der Trend dahin, Videokassetten aufzuzeichnen, die die Attentäter dabei zeigen, wie sie die Gründe für ihr entschlossenes Handeln darlegen oder wie sie sich auf die Attacke vorbereitet haben: z.B. mit Gebeten und in manchen Fällen sogar mit einem Besuch bei ihren Verwandten, um sich deren Segen für ihr Tat zu holen. Frühere Versionen dieser Testamente waren Briefe. Hisham Hamed, ein militanter Hamas-Kämpfer, der sich 1994 in Gaza in die Luft sprengte und dabei drei israelische Soldaten tötete und zwei Israelis und vier Palästinenser verletzte, schrieb ebenfalls einen solchen Brief. Hier ein Auszug:
„Meine liebe Familie, liebe Freunde! Ich schreibe dieses Testament mit Tränen in den Augen und Trauer im Herzen. Ich möchte euch sagen, dass ich aufbreche und euch um Vergebung bitte, weil ich mich entschlossen habe, heute Gott zu sehen; und dieses Treffen ist in jedem Fall wichtiger, als lebend auf der Erde zu verbleiben...“
Zwei Monate später sprengte sich Salah Shaker, ein Schüler Hishams, in Beit Lid die Luft. Er riss 18 Israelis mit in den Tod und verwundete weitere 36. Shaker folgte dem Beispiel Hishams und schrieb:
„Ich werde an den Söhnen der Affen und Schweine, an den zionistischen Ungläubigen und den Feinden der Menschheit, Rache nehmen. Ich werde meinen heiligen Bruder Hisham Hamed, meinen ausgezeichneten Lehrer Hani El Abed und alle anderen Schahids und Rechtschaffenen im Paradies treffen. Bitte verzeiht mir.“
In einigen Fällen nutzen Terrororganisationen auch bereits begangene Terrorakte für ihre eigene religiöse Indoktrination aus, obwohl diese Akte doch ursprünglich überhaupt nichts mit religiös motiviertem Terror zu tun hatten.
Ein gutes Beispiel ist die Ermordung Yizhak Rabins, des damaligen Premierministers Israels, durch Yigal Amir. Schon lange vor der Tat war diese für angebracht befunden worden. Ultra-orthodoxe Rabbiner, zum Großteil Unterstützer der Kah-Bewegung, hatten ein entsprechendes Vorgehen gegen Rabin und seinen Außenminister Shimon Peres ausdrücklich gutgeheißen. Ihre Appelle hatten jedoch keinen Einfluss auf die Entscheidung des Attentäters. Im Gegenteil wies dieser jeden Einfluss der Rabbiner auf die Tat von sich. Religiöse Zeitungen jedoch stellten Yigal Amir schon bald nach der Tat als den ‚Gever‘, den Held der jüdischen Religion dar. Religiöse Jugendliche begannen, T-Shirts mit seinem Bild zu tragen.
In anderen Fällen schiebt man den vermeintlichen Märtyrern Aufrufe zur Rekrutierung unter. So produzierte z.B. die Hamas ein Video über Muhammad ad-Durra, den 9-jährigen palästinensischen Jungen, der in einem Zusammenstoß mit der israelischen Armee getötet wurde, in dem dieser zu Gleichaltrigen spricht und sie dazu auffordert, sich der Bewegung anzuschließen.
Auch Begräbnisse von Attentätern werden als Propagandawaffen genutzt. Das palästinensische Fernsehen zeigt die Begräbnisfeierlichkeiten der Opfer israelischer Grausamkeiten wieder und wieder.
Auf wen zielt der Missbrauch religiöser Quellen für terroristische Zwecke ab?
Zunächst einmal sicherlich auf den Attentäter selbst. Während seiner Rekrutierung wird er von religiösen Gefühlen angespornt, und wie die Entschlusskraft der Täter von religiösen Quellen gefestigt wird, wurde ja bereits aufgezeigt.
Das zweite Ziel bilden die Familie und die Freunde des Attentäters; vor allem dann, wenn wie im Fall der Selbstmordattentate der Attentäter getötet wird. Hier hilft die Religion, dem zerstörerischen Effekt der Attentate entgegenzuwirken. Die Eltern schöpfen neuen Mut und Erleichterung aus der Aussage, ihre Kinder seien jetzt im Paradies. Dies hilft ihnen dabei, die Erfahrung der letzten Wahrheit, des Todes, zu ertragen. Man sagt ihnen, ihr Sohn sei ein Schahid (ein Märtyrer) und Gott verbiete uns, Schahids als tot zu bezeichnen. Familien von palästinensischen Selbstmordattentätern werden dann dabei gefilmt, wie sie sich über den Märtyrertod ihrer Kinder freuen. Dieses Phänomen lässt sich ausschließlich mit religiösen Mitteln erklären.
Drittens zielt der Missbrauch auf die zukünftigen Attentäter ab. Der zitierte Brief von Salah Shaker zeigt, dass sich zukünftige Attentäter an früheren Attentätern ein Beispiel nehmen und orientieren. In vielen muslimischen Gemeinschaften werden die Attentäter vom 11. September als Helden und Märtyrer hingestellt, die für eine gute Sache kämpften.
Ein weiteres Ziel ist die attackierte Bevölkerung. Terroristische Organisationen begnügen sich nicht mit religiöser Rhetorik. Sie glauben, einen Religionskrieg zu führen, und wollen, dass die andere Seite, der Feind, den Konflikt ebenfalls als einen Religionskrieg betrachtet. Aus diesem Grunde wird in den Reden palästinensischer Terroristen nicht nur der Staat Israel, sondern auch das Judentum verdammt.
Das letzte Ziel bilden die Unschuldigen, die bei den Terrorakten ums Leben kommen, und deren Angehörige. Eine palästinensische Terroristin wurde einmal zum Tod von zwei chinesischen Touristen befragt, die bei Attacken von Palästinensern starben. Sie antwortete, dass ihnen in der kommenden Welt der Rang von Schahids verliehen werden werde. Sie glaubte also, dass das Töten anderer Menschen diese letztendlich retten würde.
Was bietet die Religion den Terroristen?
Die Religion bietet den Terroristen Ehre in dieser Welt und Ehre und eine Belohnung in der kommenden Welt. Die Macht der Religion liegt in diesem zweiten Versprechen. Und weil sie eine Belohnung in einer Welt verspricht, die niemand jemals zu sehen bekommen hat, ist der Größe der Belohnung auch keine Grenze gesetzt. In jenem Fall, wo der Islam von Terroristen missbraucht wird, werden den Attentätern mehrere Dinge in Aussicht gestellt: ein ewiges Leben im Paradies, die Erlaubnis, das Antlitz Gottes zu schauen, die Begleitung von 72 Paradiesjungfrauen (den Huris, die ihnen im Himmel zu Diensten sein werden) und das Privileg, 70 Verwandten im Himmel zu Hilfe kommen zu können (was im Islam als Schafa’a bezeichnet wird). Im Falle des Hinduismus werden die Märtyrer mit einem wunderbaren Start in ihr zukünftiges Leben belohnt. In vielen Doomsday (Jüngster-Tag)-Kulten glauben die Selbstmörder, die ergebensten Soldaten und die besten Freunde Jesu bei dessen zweitem Kommen zu sein.
Doch man muss differenzieren zwischen terroristischen Gruppen, die sich ganz auf einer religiösen Linie bewegen, und solchen, die religiöse Rhetorik mit nicht-religiösen Motiven vermischen. Letztere möchte ich im Folgenden als terroristische apokalyptische Kulte bezeichnen.
Diese Gruppen behaupten, dass sie selbst eine entscheidende Rolle für die Wiederkunft des verheißenen Messias spielen. Ihr Hauptaugenmerk liegt jedoch nicht auf dem Kommen des Messias, sondern auf den entsetzlichen Ereignissen, die dessen Kommen vorausgehen sollen und ohne die dessen Kommen gar nicht möglich sein soll. Kulte dieser Art gibt es viele. Einige Beispiele:
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das House of Yahweh, eine weiße christliche Identitätsbewegung;
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die Nation of Islam, die dem weißen Amerika ein Jüngstes Gericht prophezeit;
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die Christian Identity Movement, eine Gruppe, die die Vorherrschaft der Weißen betont und Verbindungen zu Neonazis und Ku Klux Klan-Gruppen hat. Diese Gruppe soll die Attentäter von Oklahoma (1995) und Atlanta (1996) beeinflusst haben;
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die Aum-Sekte, die die Giftgasattacke in der U-Bahn von Tokio durchführte.
1984 versuchten jüdische Extremisten, die al-Aqsa Moschee in Jerusalem in die Luft zu sprengen. Ein Professor von mir war zu jener Zeit Oberst in der Armee und mit der Untersuchung des Vorgangs beauftragt. Er fragte einen der Terroristen, ob er denn nicht wüsste, dass ein apokalyptischer Krieg beginnen würde, wenn sie Erfolg gehabt hätten. Der Mann antwortete ihm, dass dies genau ihr Ziel gewesen sei. Sie glaubten, allein auf diesem Wege Gott zwingen zu können, den Messias zu den Juden zu schicken, um sie vor der vollständigen Vernichtung zu bewahren.
Einige solcher Gruppen inszenierten Massenmorde:
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der People’s Temple of Jonestown (1978 begingen 912 Mitglieder dieser Sekte Selbstmord, indem sie Gift tranken);
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die Davidianer (75 ihrer Mitglieder wurden bei einem Feuer in ihrem Hauptquartier getötet);
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der Solar Temple (zwischen 1995 und 1997 verbrannten sich 74 Mitglieder selbst);
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Heaven’s Gate (1997 töteten sich 39 Mitglieder dieser Sekte selbst, um den Messias in einem Raumschiff begleiten zu können).
Bei diesen Sekten ist selbstmörderisches oder mörderisches Verhalten ein zwangsläufiger Akt, ein Verdienst. Es ist kein Mittel zum Zweck, sondern das Ziel selbst.
Terroristische Gruppen, die religiöse Rhetorik mit nicht-religiösen Motiven vermischen sind entweder nationalistische Gruppen wie die IRA und die PLO oder ethnische Gruppen vor allem in Südasien wie z.B. die Tamilischen Tiger. In einigen Fällen werden Konflikte von historischen Feindseligkeiten wie z.B. auf dem Balkan oder von Mafia-Streitigkeiten wie in Tschetschenien dominiert; dort folgt die Religion lediglich den Vorgaben dieser Konflikte.
Meines Erachtens ist auch Usama bin Laden ein Führer eines terroristischen apokalyptischen Kults. Er versucht, das Kommen des Königreichs des Kalifats und des Jüngsten Gerichts für die Kultur des Westens zu beschleunigen. Er glaubt, ein symbolischer Akt könne die Schlacht von Armageddon, die entscheidende Schlacht zwischen dem Antichristen (in der islamischen Terminologie als Dadschal bezeichnet) und dem Christen, dem Masih, in Gang setzen.
Doch bei alledem bleibt Eines festzuhalten: Religionen können nicht nur missbraucht werden, um Kriege vom Zaun zu brechen; sie können auch ihren Beitrag dazu leisten, Kriege zu überwinden. Wir beide, du und ich, sind es, die entscheiden, welche Option für uns in Frage kommt!
(Aus der Zeitschrift Fontäne, Ausgabe 23, 2004)
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