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Dem Islam wurde gelegentlich vorgeworfen, er billige das (letzte) Mittel Krieg, ja ordne ihn sogar an - und sei es auch nur, um einen Zustand der Ungerechtigkeit und Tyrannei zu beenden, um den Unterdrückten zu helfen und um ein tolerantes sozio-politisches Umfeld zu schaffen, in dem der Islam wie auch jede andere Religion frei praktiziert werden kann. Diese Kritik ist absolut unfair. Denn in ihr schwingt die Behauptung mit, dass es der Islam war, der den Krieg in die Geschichte der Menschheit eingeführt hat. Wenn sie aber noch dazu von Christen vorgebracht wird, dann ist sie völlig unangemessen: Obwohl sich in den Evangelien keine konkrete Vorschrift findet, die den Krieg entweder gestattet oder verbietet, waren unter Christen geführte Kriege wesentlich blutiger, erbarmungsloser und ausgedehnter. (Die Evangelien schweigen zu diesem Thema. Sie präsentieren weder Regeln für den Krieg noch Maßnahmen, um ihn zu begrenzen) Sicherlich wurde die christliche Religion in vielen Fällen aber auch missbraucht, zum Beispiel um eine Rechtfertigung für die Kolonialisierung von zwei Dritteln der Weltbevölkerung und der Ressourcen der Welt zu liefern. Wird die gleiche Kritik von Juden vorgebracht, so ist sie ebenfalls völlig unangemessen. Denn ihre Geschichte ist ebenfalls eine Geschichte der Kriege - die in der Thora sogar ausdrücklich angemahnt werden. Für andere, beispielsweise die südasiatischen, ostasiatischen und südostasiatischen Religionen gilt: Sie alle beinhalten kaum Regeln für das Gemeinschaftsleben und sind deshalb eher mit esoterischen Philosophien zu vergleichen; obwohl diese Tatsache ihre Anhänger ganz gewiss nicht davon abgehalten hat, auch Kriege zu führen. Am allerwenigsten Recht, den Islam (oder auch jede andere Religion) dafür zu kritisieren, Kriege gutzuheißen, hat jedoch die moderne säkulare westliche Welt. Denn sie hat der Welt in den vergangenen 100 Jahren mehr Blutvergießen und Zerstörung beschert, als zuvor in der ganzen Menschheitsgeschichte insgesamt angerichtet wurden.
Zur Wortbedeutung des arabischenislāmgehört auch Frieden. Der Islam bevorzugt den Frieden, verlangt ihn und bemüht sich, ihn in aller Welt zu etablieren. Doch ist der Krieg eine Realität der Menschheitsgeschichte, eine Manifestation des zerrütteten inneren Zustands von Menschen, denen es nicht gelungen ist, ihr Herz (Geist), ihren Verstand und ihr Handeln zu vervollkommnen, im Leben der Gemeinschaft; eine Manifestation des Widerstreits zwischen Geist und weltlich orientierter Seele oder zwischen dem Satan und der Vollkommenheit der menschlichen Essenz. Daher ist es wichtig und notwendig, sich nicht auf idealistische und fruchtlose Art und Weise von der Realität abzuwenden, sondern Regeln zu erlassen, die den Krieg möglichst gerecht machen - sowohl im Hinblick auf seine Motive und Zwecke als auch auf seine Mittel und die Kriegsführung. Nur so kann sein Schaden begrenzt werden, und nur so können seine positiven Seiten allen Menschen zugute kommen. Der Krieg ist auf keinen Fall etwas Erstrebenswertes, aber er kann erstrebenswerten Zielen dienen: So mag er der Abschreckung dienen oder der Verletzung ethischer Grundsätze entgegenwirken. Er mag dafür sorgen, dass Kriminelle ihre verdiente Strafe erhalten, oder auch nur die Beteiligten disziplinieren und trainieren. Der Islam jedenfalls setzt sich dafür ein, dass Mittel und Zwecke des Kriegs in den Dienst erstrebenswerter Ziele gestellt werden.
Keinesfalls verlangt der Koran von den Muslimen, dass sie Krieg führen. Er gestattet Krieg einzig und allein unter der Bedingung, dass er der Sache Gottes zugute kommt und aus rein defensiven Beweggründen geführt wird. Der Koran dringt darauf, dass die von Gott gesteckten Grenzen nicht übertreten werden. Und diese Grenzen betreffen sowohl die Gründe, aus denen Kriege geführt werden, als auch die Kriegführung selbst. Der Islam gestattet zum Beispiel nicht, Eroberungskriege zu führen. Er verbietet Plünderungen, das Stillen von Rachegelüsten, Kriege zum materiellen Vorteil und solche aus rassistischen Erwägungen. Der Islam zwingt niemanden, seinen Glauben zu wechseln. Im Gegenteil legt er großen Wert auf ein Umfeld, in dem die Menschen ihren Glauben frei wählen können. Der Islam gibt darüber hinaus Grenzen vor, die vor, während und nach einem Konflikt geachtet werden müssen:
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Gültige Verträge dürfen nicht verletzt werden.
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Plünderung und Raub sind verboten.
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Ungerechtigkeiten sind zu vermeiden, Folter zu ächten.
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Kinder, Frauen, ältere Menschen und nicht aktiv am Krieg Beteiligte sind tabu.
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Obstplantagen und Felder sind zu schonen.
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Es darf kein Vieh getötet werden.
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Religiöse Menschen, die in Klöstern oder Einsiedeleien leben, sind mit Respekt zu behandeln, und ihre Gebäude dürfen nicht zerstört werden. (Ibn al-Athir, 3:227)
An dieser Stelle sei noch einmal darauf hingewiesen, dass unzählige Menschen über viele Jahrhunderte hinweg und unter gänzlich unterschiedlichen Bedingungen (in der Hochzeit politischer und militärischer Überlegenheit ebenso wie in den dunkelsten Phasen des militärischen Zusammenbruchs und der Unterwerfung) gern dazu bereit waren, den Islam anzunehmen. Gleichzeitig haben sich nur sehr wenige vom Islam abgewandt. Manche Gelehrte aus dem Westen haben fälschlicherweise behauptet, der Islam sei eine Religion des Schwertes und folglich auch durch das Schwert verbreitet worden. Dies ist einerseits wohl darauf zurückzuführen, dass der Erfolg des Islams seine Gegner immer schon provoziert hat; und andererseits auf Vorurteile, die der Unwissenheit über den Islam gepaart mit der dogmatischen Überzeugung von der eigenen kulturellen Überlegenheit entstammen. Doch auch einige unvoreingenommene Autoren aus dem Westen weisen dieses kulturelle Vorurteil zurück. Einer von ihnen schreibt:
„Viele haben sich bemüht herauszufinden, warum der Islam einen so schnellen und so vollständigen Durchbruch feierte. Warum haben so viele Millionen die Religion des Islams angenommen und kaum Hundert je widerrufen? ... Einige haben versucht, den anfänglich überwältigenden Erfolg des Islams dem Schwert zuzuschreiben. Dabei vergaßen sie jedoch die lakonische Gegenrede Carlisles: ‚Finde erst einmal dein Schwert! Du musst die Herzen der Menschen gewinnen, bevor du sie dazu bringen kannst, ihr Leben für dich zu riskieren. Die ersten Eroberer des Islams müssen zunächst einmal Muslime geworden sein, bevor sie zu Kämpfern auf dem Pfad Gottes wurden.‘ Andere führen die geringe Moralität dieser Religion und das sinnliche Paradies, das sie den Menschen verspricht, als Triebfedern für den Eifer ihrer Anhänger an. Doch selbst wenn man dies einmal so stehenlassen würde - keine Religion hat jemals durch die Kraft ihrer sinnlichen Zugeständnisse und ihrer fleischlichen Versprechungen einen bleibenden Einfluss auf die Seelen der Menschen gewonnen...
Bei all diesen Erklärungen wird die Religion selbst außer Acht gelassen. Ohne Frage war der Islam selbst der Hauptgrund für seinen Erfolg. Der Islam wurde nicht nur (von vielen Völkern und Ethnien) in Arabien, Syrien, Persien, Ägypten, Nordafrika und Spanien schon unmittelbar nach seinem Erscheinen akzeptiert; nirgends außer in Spanien hat er außerdem seine Führungsposition jemals wieder eingebüßt. Seitdem es ihn gibt, hat er sich unentwegt durchgesetzt. Auch wenn man einräumen würde, dass viele ganz unterschiedliche Gründe zur ersten raschen Ausbreitung des Islams geführt haben, erklären diese noch lange nicht die Beständigkeit des Islams. In der Religion selbst muss es etwas geben, was ihre Fortdauer und Verbreitung begründet und auf das sich ihr gegenwärtiger Einfluss auf einen so großen Teil der Erdbewohner stützt... Der Islam hat eine Begeisterung geweckt, die niemals übertroffen wurde. Der Islam hatte seine Märtyrer, seine Einsiedler, die allesamt das Leben, das sich ihnen bot, aufgaben und für den Glauben, der in ihnen steckte, den Tod mit einem Lächeln akzeptierten.“ (Lane-Poole, Stanley, Studies in a Mosque, S. 86-89)
Der Islam hat sich dank seiner religiösen Konzepte und Werte, „seiner Attraktivität und seiner Fähigkeit ausgebreitet, die spirituellen und materiellen Bedürfnisse der Menschen auch solcher Völker zu stillen, denen die muslimischen Eroberer vollkommen fremd waren“. Andere wichtige Faktoren waren die Toleranz, die der Islam Menschen anderer Religionen gegenüber bewiesen hat, das Fehlen von kirchlicher Rangordnung und Hierarchie im Islam, die geistige Freiheit und absolute Gerechtigkeit, die der Islam vorsieht und auch jahrhundertelang praktiziert hat, die ethischen Werte, die er propagiert, die islamische Menschenfreundlichkeit, sein Universalismus, seine Brüderlichkeit und sein umfassender Charakter. Die Aktivitäten der Sufis, die moralische Erhabenheit muslimischer Händler, das Prinzip ‚Gutes zu befehlen’, die Dynamik und Pracht der islamischen Kultur trugen ebenfalls zur Verbreitung des Islams bei.
Zu den positiven Seiten, die die Menschen auch heute noch für den Islam begeistern, gehören:
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die Einfachheit seiner theologischen Doktrinen, die sich auf die strikte und reine Einheit Gottes gründen;
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die Rationalität der islamischen Lehren;
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die Harmonie zwischen islamischen Idealen und Werten einerseits und dem menschlichen Gewissen andererseits;
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der umfassende Charakter und die Reichweite des Islams, der alle physischen, geistigen und spirituellen Bereiche im Leben der Individuen und Gesellschaften abdeckt, und die konsequente Harmonie zwischen der Religion und dem Leben, das in den Grenzen seiner Zuständigkeit und Autorität gelebt wird;
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das Fehlen von Formalismus und von jeder Form der Vermittlung zwischen Gott und dem gewöhnlichen Gläubigen im Hinblick auf Riten und Lehre;
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die Lebendigkeit, Dynamik und Spannkraft des islamischen Glaubens, seine Kreativität und Universalität sowie seine Vereinbarkeit mit wissenschaftlichen Fakten;
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die innere Logik und Harmonie der islamischen Prinzipien und
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die Unzulänglichkeiten anderer theologischer Systeme.
A.J. Arberry wies darauf hin, dass die Ausbreitung des Islams im Islam selbst und in dessen religiösen Werten begründet liegt: „Das Tempo, mit dem sich der Islam ausbreitete, ist ein entscheidender Punkt in der Geschichte... Die erhabene Rhetorik des Korans, diese unnachahmliche Sinfonie, deren außerordentlicher Klang Menschen zu Tränen rühren und zur Ekstase treiben kann...“ (Zitiert nach: Pickhtal, M., The Meaning of the Glorious Qur’an, S. VII) Arberry weiter:„Dies und die Eindringlichkeit der einfachen Botschaft, die überbracht wird, sind die Schlüssel zu einer der größten Umwälzungen in der Religionsgeschichte. Wenn alle militärischen, politischen und ökonomischen Faktoren erschöpft sind, muss eben der religiöse Impuls als ausschlaggebend und beständig anerkannt werden.“ (Arberry, A.J., Aspects of Islamic Civilisation, S. 12) Auch Brockelman, der normalerweise eher gegen den Islam Partei ergreift und kaum im Verdacht steht, Sympathien für den Islam zu hegen, erkannte die religiösen Werte des Islams als Hauptfaktor für dessen Ausbreitung an. (Siehe: Brockelman, Carl, History of the Islamic Peoples, S. 37) Rosenthal schrieb: „Entscheidender für die Ausbreitung des Islams ist das religiöse Gesetz der Islams, das alle Manifestationen des Lebens einschließen sollte.“ (Rosenthal, Franz, Political Thought in Medieval Islam, S. 21) (Gemeint war die Scharia, ein sämtliche Lebensbereiche einschließender, alles umfassender Weg zu denken und zu leben.)
Ein weiterer Faktor bei der Ausbreitung des Islams ist seine Toleranz. Toynbee lobte die Toleranz der Muslime gegenüber den Buchbesitzern verglichen mit der Haltung der Christen gegenüber den Muslimen in ihren eigenen Ländern. (Toynbee, Arnold, A Historian’s Approach to Religion, S. 246) Link führte die Ausbreitung des Islams auf die Glaubwürdigkeit seiner Prinzipien, auf seine Toleranz und Überzeugungskraft und auf weitere attraktive Seiten dieser Religion zurück. (Link, T., A History of Religion, 330) Makarios, ein orthodoxer Patriarch Antiochiens im 17. Jahrhundert, verglich die harte Behandlung, die den Russen der orthodoxen Kirche durch die römisch-katholischen Polen zu Teil wurde, mit der toleranten Haltung, die die osmanische Regierung orthodoxen Christen angedeihen ließ, und betete für die Sultane. (Link, T., 331) (Für alle diese Zitate und weitere mehr, siehe: Ezzati, 2-35) Letzteres war aber beileibe nicht das einzige Beispiel dafür, dass Anhänger anderer Religionen eine muslimische Herrschaft der Befehlsgewalt eigener Glaubensgenossen vorzogen. Die orthodoxen Christen von Byzanz favorisierten ganz offen den osmanischen Turban Istanbuls gegenüber den Hüten der katholischen Kardinäle. Elisee Reclus, ein französischer Reisender des 19. Jahrhunderts, schrieb, dass die muslimischen Türken den Anhängern der unterschiedlichen Religionen gestatteten, ihren religiösen Pflichten und Ritualen nachzugehen und dass die christlichen Untertanen des Sultans bei der Gestaltung ihres Lebens freier waren als jene Christen, die in einem Land unter der Herrschaft eines Mitglieds einer rivalisierenden christlichen Sekte lebten. (Le Droit du Croissant, 143) Popescu Ciocanel zollte den muslimischen Türken Anerkennung, indem er feststellte, dass die rumänischen Völker glücklicherweise im Herrschaftsbereich der Türken lebten und nicht unter der Obrigkeit der Russen oder Österreicher. „Sonst würde sich“, führt er an, „...heute keine Spur von der rumänischen Nation mehr finden.“ (Revue du Monde Musulman). (Für beide Zitate, siehe: Djevad, 71-72, 91)
Eine historische Episode, die Baladhuri, ein berühmter muslimischer Historiker, in seinem Werk Futuh al-Buldan festhält, gibt Aufschluss darüber, wie zufrieden die eingeborenen Völker mit den muslimischen Eroberern waren:
„Als Heraclius, der Kaiser des Oströmischen Reiches (610-641), seine Truppen gegen die Muslime zusammenzog und die Muslime erfuhren, dass jene antraten, um sich ihnen entgegen zu stellen, zahlten sie den Bewohnern der Stadt Hims das Tribut, das sie von ihnen eingefordert hatten, wieder zurück und sagten: ‚Wir sind zu sehr mit uns selbst beschäftigt, um euch zu unterstützen und zu beschützen. Sorgt ihr für euren eigenen Schutz!‘ Die Bewohner von Hims jedoch entgegneten: ‚Wir schätzen eure Herrschaft und Gerechtigkeit weit mehr als die Unterdrückung und Tyrannei früherer Zeiten. Mit eurer Hilfe werden wir die Truppen von Heraclius mit Sicherheit in die Flucht schlagen.‘ Da erhoben sich die Juden und bekräftigten: ‚Wir schwören bei der Thora, dass kein Kommandant von Heraclius die Stadt Hims betreten soll, bevor wir nicht besiegt und völlig erschöpft sind!‘ Daraufhin schlossen sie die Stadttore und bewachten sie. Bewohner anderer Städte, die sich den Muslimen ergeben hatten - Juden wie Christen - hatten das Gleiche getan. Als die Armee Heraclius‘ mit Gottes Hilfe geschlagen worden war und die Muslime die Oberhand behielten, öffneten sie die Stadttore, liefen mit den Sängern und Musikanten hinaus und zahlten den Tribut.“ (Ezzati, 144)
(Aus dem Buch "Der Koran und seine Übersetzung mit Kommentar und Anmerkungen", 2009)
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