Das Dschihad-Konzept
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Evan Radford

Die erste Offenbarung, die der Prophet Muhammad von Gott empfing, lautete: Lies! Dieses ebenso schöne wie passende Signal forderte den letzten aus der Reihe der Propheten dazu auf, die Initiative zu ergreifen und zu handeln. Denn genau das stand ja im Mittelpunkt der neuen Religion - die Gläubigen, die Muslime, sollten in ihrem Handeln ihren Glauben und ihre Hingabe an Gott zum Ausdruck bringen. Im Laufe ihres Lebens tun gläubige Menschen die unterschiedlichsten Dinge. Entscheidend jedoch ist, dass sie sich dabei Gott immer wieder neu in Erinnerung rufen. Von der Pilgerfahrt nach Mekka bis hin zum fünfmal täglich zu verrichtenden Pflichtgebet führen Muslime vor allem ihre religiösen Handlungen mit besonderer Hingabe aus. Denn die Hingabe an Gott, das vergessen sie nie, bildet Kern und Essenz ihres Glaubens.

Eine religiöse Handlung, die unter Muslimen und Nichtmuslimen gleichermaßen heiß diskutiert wird, ist der Dschihad. Ursprünglich bedeutete den Dschihad zu verrichten, dass man die eigenen intellektuellen und spirituellen Fähigkeiten dadurch zu schulen versuchte, dass man die Werke Gottes im Universum und Seine Gesetze für die Schöpfung und den Lauf des Universums ergründete. Mit Hilfe der auf diesem Wege gewonnenen Erkenntnisse sollten und sollen die Gläubigen sich selbst und ihren Verstand von allem Aberglauben reinigen. Auch heutzutage verfolgt die überwiegende Mehrheit der Muslime dieses gerechte, unverrückbare und ertragreiche Ziel geduldig, aber sehr entschieden.

Tatsächlich sind die Muslime dazu aufgefordert, sich mit all ihrer Kraft darum zu bemühen dieses Ziel zu erreichen. Auf keinen Fall - weder explizit noch implizit - rechtfertigt das Dschihad-Konzept aber terroristische Handlungen wie jene, die von den Extremisten und Terroristen von heute begangen werden. Diese Leute haben den Dschihad umgedeutet und manipuliert, sie haben sein Konzept ihren eigenen Glaubensvorstellungen, Dogmen und Zielen angepasst. Da zudem auch zahlreiche Nichtmuslime das Dschihad-Konzept falsch interpretiert, missverstanden oder bewusst missbraucht haben, sahen und sehen sich Muslime in aller Welt harter Kritik ausgesetzt. Immer wieder müssen sie die Frage über sich ergehen lassen, wie sie so etwas wie den Dschihad gutheißen können.

Die angemessenste Übersetzung des Wortes Dschihad lautet wohl, alle Kraft zusammennehmen, sich mit aller Kraft auf ein Ziel konzentrieren und allen Schwierigkeiten trotzen. Muslime verrichten den Dschihad auf individueller wie auch auf gemeinschaftlicher Ebene (oder sollten ihn zumindest so verrichten). Der Dschihad bildet gewissermaßen den Sinn und Zweck der Erschaffung des Menschen. Der Islam unterscheidet zwei Formen des Dschihads - den größeren und den kleineren Dschihad. Der größere Dschihad ist ein Kampf, den der Muslim mit sich selbst bzw. seinem fleischlichen Selbst (oder seinen niederen Gelüsten) ausficht. In diesem Kampf geht es darum, sich von Arroganz, Rachsucht, Eifersucht, Egoismus, Überheblichkeit, Aberglauben, fleischlichen Begierden und anderen destruktiven Neigungen zu befreien. Der größere Dschihad umfasst auch das Bemühen, zum eigenen Kern zu finden. Der kleinere Dschihad besteht darin, andere Menschen zu ermutigen, das gleiche Ziel zu verfolgen und ebenfalls spirituelle und intellektuelle Einsicht zu erlangen. Der kleinere Dschihad soll den Menschen dabei helfen, sich moralisch und spirituell zu vervollkommnen und Frieden und Ordnung in der Gesellschaft herzustellen. Er soll Hindernisse zwischen den Menschen und dem Glauben aus dem Weg räumen, sodass die Gläubigen frei zwischen Glauben und Unglauben wählen können. Beide Formen des Dschihads werden im Namen Gottes verrichtet. Sie sind eng miteinander verknüpft, keine von beiden führt ohne die andere zum Ziel.

Wenn Muslime im größeren Dschihad erfolgreich sein möchten, sollten sie ihr Leben so gestalten, dass sie möglichst jederzeit das Wohlgefallen Gottes finden: in allen Lebensbereichen, vom Aufwachen am Morgen bis zum Zubettgehen in der Nacht. Im Idealfall sind jeder Gedanke und jede Handlung eines Muslims auf Gott hin ausgerichtet. Diese Ausrichtung ermöglicht uns, die niederen Gelüste unseres fleischlichen Selbst zu überwinden. Ziel ist es, wie bereits erwähnt, zu spiritueller, aber auch zu intellektueller Einsicht zu gelangen. Ein Beispiel für einen vorbildlichen Dschihad liefert uns Umar, der zweite Kalif des Islams. Er hielt einmal eine Predigt, als er plötzlich, ohne einen ersichtlichen Grund, folgende Worte von sich gab:

„O Umar, einst warst du ein Hirte, der die Schafe seines Vaters hütete.“

Als er nach dem Gebet gefragt wurde, was er mit seinen Worten gemeint habe, entgegnete er:

„Ich realisierte, dass ich Kalif bin, und da hatte ich Angst, hochmütig zu werden.“

Einmal sah man ihn einen Sack auf dem Rücken tragen. Als er nach dem Grund dafür gefragt wurde, lautete seine Antwort:

„Ich fühlte eine gewisse Hochmut in mir, und da hatte ich den Wunsch, dieses Gefühl loszuwerden.“

Diese beiden Beispiele zeigen uns, wie Muslime in der Vergangenheit um spirituelle Einsicht gerungen haben.

Der kleinere Dschihad beinhaltet alle nach außen hin gerichteten Handlungen, die wir um der Sache Gottes willen ausführen. Den kleineren Dschihad zu verrichten, heißt also mit anderen Worten, den Menschen in allen Lebensbereichen die Botschaft Gottes zu verkünden. Dass kann einerseits bedeuten, dass wir gegen jemanden Krieg führen; andererseits aber auch, dass wir jemandem die Hand schütteln. Wenn eine solche nach außen gerichtete Handlung getätigt wird, um einem oder mehreren Menschen zu helfen, und wenn sie darüber hinaus im Namen Gottes getätigt wird, dann wird sie zu Recht als (kleinerer) Dschihad bezeichnet.

Die ersten Muslime wurden von den Götzenanbetern verfolgt und drangsaliert. Aber erst auf Gottes Geheiß hin wurde dem Propheten Muhammad während seiner Zeit in Medina gestattet, seine Anhänger in den Kampf gegen ihre Peiniger aus Mekka zu führen. Die Muslime in Medina durften nur deshalb ihre Waffen erheben, weil zahlreiche ihrer Glaubensbrüder und -schwestern in Mekka um ihres Glaubens willen tyrannisiert wurden. Ihr Dschihad diente allein dem Zweck, die Opfer der Nachstellungen zu retten. In seinem Kommentar zu den Offenbarungen, die mit diesem Ereignis in Zusammenhang standen, bekräftigt Abdullah Ali, dass dieser Dschihad gerechtfertigt war, denn „auch aus der Perspektive des Menschen betrachtet ist Gott stets auf Seiten der Gerechtigkeit, auf Seiten der Unterdrückten. Wie schwer wogen die Entbehrungen all jener Verfolgten, deren Glaube unerschütterlich war? Welchen Gefahren, Qualen und Nachstellungen waren sie ausgesetzt? Das Leben Muhammads und seiner Anhänger war unmittelbar bedroht. Sie wurden verhöhnt, beschimpft, tätlich angegriffen, geschlagen. Wer dem Feind in die Hände fiel, wurde in Ketten gelegt und ins Gefängnis geworfen... Sie vermochten sich nicht einmal das so dringend benötigte Essen zu kaufen oder ihren religiösen Pflichten nachzukommen.“

So blieb dem Propheten Muhammad und seinen Anhängern gar nichts anderes übrig, als ihren Feinden in Mekka Widerstand zu leisten. Insofern wird hier ganz deutlich, dass der Dschihad unter Anwendung von Gewalt nur als allerletztes Mittel gebilligt wurde. Abgesehen davon ist die Ausübung von Gewalt - wie bereits erwähnt - nur einer von sehr vielen Aspekten des kleineren Dschihads, der alle Aspekte aller nach außen hin gerichteten Handlungen der Muslime umfasst. Diese Handlungen besitzen in aller Regel einen friedlichen Charakter und zielen darauf ab, die Botschaft Gottes mit anderen Menschen zu teilen. Gewaltanwendung ist nur in absoluten Ausnahmefällen gestattet.

Der kleinere und der größere Dschihad bedingen einander. Ein Muslim, der sich nach außen hin engagiert, sollte zuvor auch in seinem Innern mit sich selbst gerungen haben. Fethullah Gülen bringt dies sehr schön auf den Punkt:

„Je stärker der Glaube und die Hingabe an Gott, desto tiefer die Sorge des Gläubigen um seine Mitgeschöpfe.“

In diesem Zitat spiegelt sich der Gedanke wider, dass das innere Handeln und Streben des Menschen (sein Glaube an Gott) untrennbar mit seinem äußeren Handeln und Streben (der Sorge um seine Mitgeschöpfe) verbunden ist.

Muslime sollten stets daran denken, dass es da einen Gott gibt. Wenn sie Ihn aus den Augen verlieren, werden sie planlos und verlieren den Halt. Ihre Suche nach intellektueller und spiritueller Einsicht ist dann zum Scheitern verurteilt.

Um weiter zu verdeutlichen, welchen Wert das Dschihad-Konzept besitzt, möchte ich nun einige Passagen aus dem Koran zitieren und interpretieren. In den Versen 38 und 39 der Sure 9 geht es um das Individuum, seinen Dschihad und die Konsequenzen seines Dschihads. Angesprochen werden sowohl die inneren als auch die äußeren Handlungen:

O ihr, die ihr glaubt, was ist mit euch, dass ihr euch schwer zur Erde sinken lasset, wenn euch gesagt wird: „Zieht aus auf Allahs Weg“? Würdet ihr euch denn mit dem diesseitigen Leben statt mit jenem im Jenseits zufrieden geben? Doch der Genuss des irdischen Lebens ist gar gering, verglichen mit dem des Jenseits. Wenn ihr nicht auszieht, wird Er euch mit schmerzlicher Strafe bestrafen und wird an eurer Stelle ein anderes Volk erwählen, und ihr werdet Ihm gewiss keinen Schaden zufügen. Und Allah hat Macht über alle Dinge.

In diesen Versen fordert Gott jeden Einzelnen von uns auf, sich für Seine Sache zu engagieren und sich von den irdischen Idealen zu lösen. Er verspricht uns das Jenseits, was uns motivieren soll, standhaft zu bleiben und uns Ihm hinzugeben. Nur so können wir unseren inneren Kampf, den größeren Dschihad, gewinnen. Doch auch der kleinere Dschihad findet hier Erwähnung: Wenn es heißt, Zieht aus auf Allahs Weg, dann ruft Gott uns damit auf, in die Welt hinaus zu ziehen und Seine Botschaft zu verbreiten. Andererseits kann hier überhaupt keine Rede davon sein, anderen Menschen im Namen Gottes Schaden zuzufügen, sie zu bekämpfen oder gar zu töten. Zusammengefasst lautet die Aussage dieser Verse, dass das friedvolle innere Ringen den Menschen nicht bestraft. Es heilt ihn vielmehr und bietet ihm die Chance, ein ewiges Leben zu erlangen.

Wenden wir uns nun den Versen 72 bis 74 der Sure 8 zu. Dort geht es um den kleineren Dschihad einer Gruppe von Muslimen, und nicht so sehr um das Individuum selbst. Angesprochen ist eine kleine Gruppe, die für den Islam geworben und bei ihrem Dschihad Gewalt angewandt hat:

Wahrlich, diejenigen, die geglaubt haben und ausgewandert sind und mit ihrem Gut und ihrem Blut für Allahs Sache gekämpft haben, und jene, die (ihnen) Herberge und Hilfe gaben - diese sind einander Freund. Für den Schutz derjenigen aber, die glaubten, jedoch nicht ausgewandert sind, seid ihr keineswegs verantwortlich, sofern sie (nicht doch noch) auswandern. Suchen sie aber eure Hilfe für den Glauben, dann ist das Helfen eure Pflicht, (es sei denn, sie bitten euch) gegen ein Volk (um Hilfe), zwischen dem und euch ein Bündnis besteht. Und Allah sieht euer Tun. Und die Ungläubigen - (auch) sie sind einander Beschützer. Wenn ihr das nicht tut, wird Verwirrung im Lande und gewaltiges Unheil entstehen. Und diejenigen, die geglaubt haben und ausgewandert sind und für Allahs Sache gekämpft haben, und jene, die (ihnen) Herberge und Hilfe gaben - diese sind in der Tat wahre Gläubige. Ihnen wird Vergebung und eine ehrenvolle Versorgung zuteil sein.

Mit den Worten Suchen sie aber eure Hilfe für den Glauben, dann ist das Helfen eure Pflicht ermahnt uns Gott, unseren Mitmenschen nur dann den Islam nahezubringen, wenn diese uns um Unterstützung bitten. Der friedliebende Charakter dieser Passage wird noch unverkennbarer, wenn anschließend gesagt wird, dass Nichtmuslime und Muslime einander Beistand leisten sollen. Sonst, so warnt uns Gott, werden Verwirrung und Unheil herrschen. Mit Terrorakten und Gewalttaten kann diese Aussage nun wirklich nicht in Einklang gebracht werden. Vielmehr bedeutet sie das genaue Gegenteil. Generell steht der kleinere Dschihad in Diensten von Frieden und Versöhnung. Gewaltanwendung ist nur ein einziger von sehr, sehr vielen seiner Aspekte.

Dennoch finden sich im Koran auch Passagen, in denen es darum geht, zu kämpfen, in die Schlacht zu ziehen oder Gefangene zu nehmen. Wie wir aber gleich sehen werden, haben diese Beschreibungen rein gar nichts mit den Massenmorden zu tun, die muslimische Extremisten unter dem Vorwand begehen, im Namen Gottes zu handeln. In den Versen 74 und 75 der Sure 4 heißt es:

Lasst also für Allahs Sache diejenigen kämpfen, die das irdische Leben um den Preis des jenseitigen Lebens verkaufen. Und wer für Allahs Sache kämpft, alsdann getötet wird oder siegt, dem werden Wir einen gewaltigen Lohn geben. Und was ist mit euch, dass ihr nicht für Allahs Sache kämpft und für die der Schwachen - Männer, Frauen und Kinder -, die sagen: „Unser Herr, führe uns heraus aus dieser Stadt, deren Bewohner ungerecht sind, und gib uns von Dir einen Beschützer, und gib uns von Dir einen Helfer!“?

Im Mittelpunkt dieser Passage steht der Kampf um die Sache Gottes, der Einsatz für die Schwachen und Hilfsbedürftigen. Doch bevor wir voreilige Schlüsse aus diesen Versen ziehen, sollten wir uns ihren Kontext vor Augen führen. Zunächst einmal empfing der Prophet diese Offenbarung, während er mit einigen Anhängern in Medina weilte. Zur gleichen Zeit sahen sich andere seiner Anhänger in Mekka immer erbarmungsloseren Verfolgungen ausgesetzt. Die Muslime in Medina sannen schon lange auf Rache und wollten Widerstand leisten. Der Prophet erlaubte ihnen dies jedoch erst, als die Muslime in Mekka direkt attackiert wurden und Gott es von ihm verlangte. Gott zu unterstellen, er würde einen wahllosen Massenmord gutheißen, wäre völlig abwegig. Er gestattet den Muslimen lediglich, sich gegen ihre Peiniger zur Wehr zu setzen. Abdullah Ali kommentiert diese Passage folgendermaßen: „Die Sache Gottes ist die Sache der Gerechtigkeit, die Sache der Unterdrückten.“ Tatsächlich ist der Gedanke, den Islam im Kampf zu verteidigen, Bestandteil des Dschihads. Legitim ist dieser Kampf aber erst dann, wenn der Islam und die Anhänger des Islams direkt von ihren Unterdrückern angegriffen werden. Und selbst in diesem Fall, so Abdullah Ali, müsse man um Gerechtigkeit bemüht sein und den Kampf jederzeit rechtfertigen können. Aus all dem geht eindeutig hervor, dass der Islam menschenverachtende Terrorakte, wie sie die Extremisten und Terroristen unserer Tage begehen, scharf verurteilt. Behaupten die entsprechenden Leute allen Ernstes, dem Willen Gottes gemäß zu handeln, wenn sie unschuldige Menschen töten, dann liegen sie damit völlig falsch.

Angesichts solcher Fehlinterpretationen und der daraus resultierenden illegitimen Versuche, im Namen Gottes Gerechtigkeit herzustellen, besitzt die Suche nach einer Lösung dieses Problems absolute Priorität. Robert Jewet und John Lawrence schreiben, ein Kreuzzug gegen die muslimischen Terroristen sei unangemessen. Die westliche Welt solle sich bei der Durchsetzung internationalen Rechts vielmehr auf ihre eigenen religiösen Traditionen zurückbesinnen und nach Wegen forschen, Glaubenseifer und Dschihad in Bahnen zu lenken, die mit den politischen Werten des Westens vereinbar sind. Während ich mich dem ersten Teil ihrer Ausführungen uneingeschränkt anschließen kann, möchte ich dem zweiten Teil deutlich widersprechen.

Im Umgang mit jener Form des Dschihads, die von den Extremisten propagiert wird, darf der Islam natürlich nicht unter Verdacht gestellt und verfolgt werden. Doch liegt meiner Ansicht nach die Lösung des Problems nicht darin, sich die christlichen Traditionen ins Gedächtnis zurückzurufen. Wenden wir die Augen nicht ab von dem Problem, sondern schauen wir lieber genau hin. Die Lösung ruht direkt auf den Schultern eines jeden von uns, der einen Verstand und ein Herz besitzt und beide zu nutzen weiß. Wir sollten uns eingestehen, dass sich dieses Problem niemals ganz wird aus der Welt schaffen lassen. Unser Verstand sollte erkennen, dass wir sehr davon profitieren, wenn wir den Islam und seine grundlegenden Lehren, Glaubensvorstellungen und Praktiken kennenlernen und uns ernsthaft mit ihnen auseinandersetzen. Denn wenn wir nicht bereit sind, die Erkenntnisse, die uns der Islam zu bieten hat, zur Kenntnis zu nehmen, und lieber unwissend bleiben, dann sind wir tatsächlich nicht besser, als ein Bin Laden uns glauben machen möchte. Bernard Lewis zitiert in seinem Buch Die Krise des Islams einen Brief Bin Ladens, in dem es heißt: [Wir werden euch dazu bringen,) „eure Bevormundung und eure Lügen, eure Unmoral und eure Ausschweifungen zu stoppen.“ Weiterhin unterstellt er den USA „weder Prinzipien noch Benehmen zu haben“. Daher sollten wir unserem Herzen gestatten, genügend Geduld und Ruhe aufzubringen, um die grundlegenden Lehren, Glaubensvorstellungen und Praktiken des Islams kennenzulernen. Denn wenn wir uns für diese nicht interessieren, wird uns vielleicht irgendwann einmal gar keine andere Wahl bleiben, als alle muslimischen Immigranten, die im Westen leben, auszuweisen.

Natürlich appelliere ich hier nicht allein an Nichtmuslime. Auch die in der westlichen Welt lebenden Muslime sollten alles in ihrer Macht Stehende tun, die gegenwärtige Situation der Konfrontation und Provokation zu entschärfen. Wenn die Menschen im Westen nicht wenigstens versuchen, den Islam zu verstehen und friedlich mit den Muslimen zusammenzuleben, werden wir schnell unser hohes Ansehen als multikulturelle Gesellschaften verlieren und schon bald einen ähnlich schlechten Ruf genießen, wie ihn die USA schon heute haben.

(Aus der Zeitschrift Fontäne, Ausgabe 40, 2008)
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