Start Wissenswertes Frieden, Dschihad, Krieg im Islam Einleitende Gedanken zum Buch „Terror und Selbstmordattentate aus islamischer Perspektive"
Einleitende Gedanken zum Buch „Terror und Selbstmordattentate aus islamischer Perspektive"
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Jörg Becker

Seit der Ermordung des niederländischen Schriftstellers und Filmregisseurs Theo van Gogh im November 2004 durch einen islamistischen Attentäter wachsen meine Zweifel darüber, ob Sprache, Dialog und Kommunikation noch in der Lage sind, Feindbilder, mentale Verkrustungen und rigide Abwehrängste abzubauen. Bestimmte Wörter sind einfach nicht mehr benutzbar. Das Reden um die Zuwanderung ist inzwischen unerträglich geworden. Dicke und schwere Wörter wie Integration, Parallelgesellschaft, Terrorismus, Anpassung, Islam, Kopftuch, Deutschunterricht usw. erschlagen inzwischen alle Betroffenen. Diese Wörter haben längst keinerlei Bedeutung mehr. Diese Begriffe sind Non-Wörter. Es sind Geschütze, Kanonen, Maschinengewehre, Vorschlaghämmer, Totschläger und Dialog-Verhinderer. Man kann also einen deutsch-türkischen und einen islamisch-christlichen Rialog kaum noch führen. Auch viele Politiker haben Sinn stiftendes Reden inzwischen verlernt.

„Sprache definiert und verdammt den Feind nicht nur, sie erzeugt ihn auch; und dieses Erzeugnis stellt nicht den Feind dar, wie er wirklich ist, sondern vielmehr, wie er sein muss, um seine Funktion für das Establishment zu erfüllen.“, so hat der große sozialistische Philosoph Herbert Marcuse einmal die Rolle und Funktion von Feindbildern definiert. Und van Gogh muss um diese Funktionen der Sprache gewusst haben, denn seine anti-islamischen Texte waren unerträglich: primitiv, dumpf, kleinbürgerlich, spießig, rassistisch, zündelnd, mit dem Feuer spielend. Seine „hate speech“ diffamierte und war ganz sicherlich ein gewichtiger Teil einer sich immer vehementer drehenden Hass-Spirale von Hass-Mord- Hass-Mord. Auch Wörter können töten, wie wir aus den sogenannten Hass-Radios 1994 im Bürgerkriegkrieg in Ruanda noch gut in Erinnerung haben. Aber Wörter legitimieren freilich nie einen Mord. Anti-islamische Feindbilder kommen in den Niederlanden und Deutschland nicht nur dumpf-spießig, sondern auch aufgeklärt-intellektuell daher. Gerade in einigen linken Zirkeln gelten Muslime inzwischen als „ätzend“, ist „Islam-Bashing“ in. Da schreibt z. B. eine für die deutsche Poesie und die deutsche Kulturlandschaft wichtige Frau in einem Essay über Fanatismus im Jahre 2002 folgende Sätze:

„Unterdrückt, kleingehalten, dummgemacht, am Fortschritt gehindert, zum Rückschritt gezwungen, stehen die muslimischen Völker des Ostens heute weit unter dem Bildungsniveau derer des Westens. Bauchmenschen, Glaubenstiere, hysterisch und fanatisiert, zurückgeworfen auf Viehhändlergebote, im gerechten Bewusstsein, dass ihnen Unrecht geschieht, doch ohne das intellektuelle Rüstzeug, im Rahmen der Vernunft, die doch der morgenländischen Weisheit erster und letzter Ratschluss ist, dagegen zu kämpfen.“

Wie bitte? Man muss diesen Text zweimal lesen: „ohne intellektuelles Rüstzeug“, „hysterisch und fanatisiert“ und gar „Glaubenstiere“? Darf man so einen Text eigentlich ungestraft veröffentlichen? Ist das Volksverhetzung? Was bezweckt die Autorin mit diesem Text? Ist sie naiv? Ist sie mutig? Ist sie ehrlich? Welche Erfahrungen hat die Autorin mit muslimischen Menschen? Welches „intellektuelle Rüstzeug“ hat sie selbst? Ist die Autorin selber gläubig oder religiös? Was würde in Deutschland passieren, wenn man in diesem Zitat das Adjektiv „muslimisch“ gegen „jüdisch“ austauschen würde? Würde in diesem Fall die Staatsanwaltschaft mit Ermittlungen wegen des Verdachts auf Volksverhetzung beginnen (aber eben nur dann)? In der deutschen Medienlandschaft waren und sind es insbesondere Illustrierte und Magazine wie „stern“ und „Der Spiegel“, die mit ihren reißerischen Titeln und Aufmachern vor der „Weltmacht des Islam“ oder dem „Geheimnis Islam“ warnen. Diese Medien wirken durch ihren Mix aus Bildsprache und Symbolen, mit bedrohlich wirkenden Menschen „massen“, wütenden Männern, verschleierten Frauen. Am 8. Oktober 2001 titelte „Der Spiegel“: „Der religiöse Wahn. Die Rückkehr des Mittelalters“. Zwischen dem brennenden World Trade Centre, vermummten Kriegern mit Maschinengewehren und einem Halbmond zeigt sich das Gesicht von Osama Bin Laden. Dem folgte der „stern“ am 25. Oktober 2001 mit einem Titelbild, auf dem über kriegerischen Reiterhorden der kleine Augenschlitz einer tief verschleierten Frau zu sehen ist. Dazu heißt es auf dem Titelblatt: „Neue Serie: Die Wurzeln des Hasses. Mohammeds zornige Erben. 1.400 Jahre zwischen Stolz und Demütigung“.

Warum sind gerade „stern“ und „Spiegel“ - früher einmal Vorzeigeobjekte für eine erfolgreiche Umsetzung von Vernunft und Aufklärung in Journalismus - seit einigen Jahren ausländer- und islamfeindlich? Und was hat sich in der Beziehung zwischen der deutschen Kultur und islamischen Ländern seit dem Ende des 18. Jhs. geändert, als Gottfried Wilhelm Leibniz, Gotthold Ephraim Lessing und Johann Wolfgang von Goethe gerade in der islamischen Religion eine Manifestation von Vernunft und Aufklärung sahen, eine Religion ohne Geheimnisse, eine Religion, in der sie Vernunft als innigste Ergebenheit in Gott erkannten? Lessings religiöse Toleranz in der Ringparabel seines „Nathan“ ist nicht nur ein Symbol deutsch-jüdischer Symbiose, es ist vor allem auch eingebettet in seine Gleichsetzung von Islam mit Aufklärung. Diesen deutschen Aufklärern galt der Islam keinesfalls als „Rückfall ins Mittelalter“, ihnen ging es nicht um die Konfrontation zwischen einem „dunklen Islam“ gegenüber einem „hellen Christentum“, und sie dachten nicht im Entferntesten daran, im Islam „finstere Kräfte der Vor-Moderne“ zu sehen. Das Gegenteil war der Fall: „Ex oriente lux“! Das Licht kommt aus dem Osten! Der Islam stand für Wissenschaft, Aufklärung, Wahrheit, Klarheit, Licht, Liebe und Toleranz.

Wie also erklärt sich das mehr als dustere Islambild von „stern“ und „Spiegel“?

Ist hinter dem Leser dieser beiden Magazine ein moderner Liberaler zu vermuten - hedonistisch, libertär, metropolitan? Ein Leser, dem es eher um universalistische Rechtsstaatlichkeit als um kulturelle Unterschiede geht, eher ein republikanisch orientierter Bürger denn ein Deutscher, einer, der Religion sowieso für ein Opiat hält, ein Leser, dem es eher um Gleichheit als um Differenz geht, ein Rezipient schließlich, der bei dem Stichwort Multikulti im Wesentlichen an Tourismus, Urlaub, Genuss, Vergnügen, Musik und Essen denkt? Kann aber ein solchermaßen atheistisch-aufgeklärter „Spiegel“ Leser eine tragfähige Brücke zum Islam bauen? „Wer will den Glauben der anderen deuten, wenn ihm der eigene fremd geworden ist?“ Dieses Problem interreligiöser Ethik war bereits Albert Schweitzer im fernen Afrika in den zwanziger Jahren bewusst. Könnte es der Grad der Entfremdung vom eigenen christlichen Glauben sein, der es einem „Spiegel“-Journalisten und einem „Spiegel“-Leser inzwischen unmöglich macht, Empathie und Sympathie für etwas Religiöses zu entwickeln (vom Islam ganz zu schweigen)?

Medienfeindbilder und schlechte Images können sehr reale soziale Folgen haben. Bereits weit vor dem 11. September 2001 ermittelte das Meinungsforschungsinstitut EMNID, dass Muslime in Deutschland im Vergleich zu den Angehörigen anderer Religionen auf die stärksten Vorbehalte treffen. Während Juden von 11% aller Befragten strikt abgelehnt werden, sind es bei der Frage nach den Muslimen sogar 20%. Für den Zeitraum zwischen dem 11. September und dem 19. Oktober 2001 konnte die Europäische Zentralstelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC) in Wien in allen Ländern der EU einen starken Anstieg rassistischer Gewalt und eine deutliche Zunahme von Islamfeindlichkeit feststellen. Auch die in Deutschland lebenden Muslime spüren diese Feindlichkeit, wenn sie, wie z.B. der Dachverband der Türkischen und Islamischen Vereine in Solingen und Umgebung e.V., Mitte September 2001 erklären: „Bei den Muslimen geht die Furcht um die eigene Existenz um. Nach dem zu erwartenden Abflauen der Mord- und Bomberdrohungen und der Hetze gegen den Islam und die Muslime befürchten die meisten von uns, dass sich das gesellschaftliche Klima in unserem Lande drastisch zu ihren Ungunsten verändern wird.“

Vor diesem Hintergrund erscheint das von Ergun Capan herausgegebene Buch „Terror und Selbstmordattentate aus islamischer Perspektive“. Und ich bin sicher und wünsche mir, dass dieses Buch viele deutsche Leser finden wird. Warum? Aus mehreren Gründen. Zum einen enthält dieser Sammelband aus unterschiedlicher, aber immer kompetenter, islamischer Perspektive klare, eindeutige und feste Absagen an Gewalt, Terror, Mord, Selbstmord, Attentate. Man könnte diesem Buch deswegen ohne zu zögern gerne auch den Untertitel „Perspektiven einer islamischen Friedensforschung“ geben. Zum zweiten mag ich dieses Buch deswegen, weil es ein selbstbestimmtes und eigenes Werk ist. Es ist keine Reaktion auf eines dieser unerträglich patriarchalischen Mahnworte irgendeines selbsternannten deutschen Übermenschen, die Muslims mögen sich doch nun bitte endlich von Gewalt distanzieren, sondern eben ein aus eigener Motivation heraus verantwortetes Buch. Ein Buch in Würde - nicht ein Buch als Abwehrreflex. Schließlich und drittens steht gerade dieses Buch für ein Angebot zum Dialog, bietet also genau das „Ich und Du“ (Martin Buber) für eine interreligiöse und interkulturelle Kommunikation an, die ich in Deutschland für kaum noch realisierbar halte.

Sollte also interkulturelle Kommunikation doch möglich sein, dann hat sie sich gerade da zu bewähren, wo sie weniger spricht, als vielmehr zuhört. Und dieses Buch fordert gerade einen deutschen Leser sanft, aber nachdrücklich dazu auf, zu hören, nicht zu reden. Ganz in diesem Sinne heißt es bei einem islamischen Philosophen aus dem Mittelalter:

„Um zu Wissen zu kommen, musst Du erstens schweigen. Zweitens musst Du zuhören, drittens erinnern, viertens nachdenken und fünftens reden.“

Einen Sozialisten und einen Christen eint vor allem der Symbolgehalt der alt-testamentarischen Geschichte vom Goldenen Kalb (2 Moses, 32. Kap.): Während der Abwesenheit von Moses sammelt das Volk Israel den vorhandenen Goldschmuck, schmilzt es ein und baut aus dem geschmolzenen Gold ein goldenes Kalb. Danach essen, trinken und feiern die Menschen und tanzen um ihren neu erschaffenen Gold-Gott. Als Moses von seinem Gespräch mit Gott zurück kommt, zerschmettert er vor Wut das Götzenbild, pulverisiert es zu Staub, streut diesen auf dem Wasser aus und lässt die Israeliten das in dieser Weise vergoldete Wasser schlucken. Das ist in der Tat drastisch: Die Menschen ersticken an ihrer eigenen materiellen Gier.

Genau diese biblische Geschichte spielt auch bei Karl Marx eine entscheidende Rolle in seiner Kapitalismuskritik, ist sie ihm doch Ausgangspunkt und Grundlage seiner Theorie der Entfremdung. Nach Marx wird jener Zustand als Entfremdung bezeichnet, „in dem die eigene Tat des Menschen ihm zu einer fremden, gegenüberstehenden Macht wird, die ihn unterjocht, statt dass er sie beherrscht.“ Es sind aber genau diese Entfernungen von sich selbst, die aus den gegenwärtigen Unverfrorenheiten des Götzen Markt erwachsen. Im globalen Neoliberalismus produziert der Markt eine Unheilsstatistik nach der anderen, und die Reichen werden reicher, und die Armen werden ärmer. Der Markt – das Goldene Kalb - ist zu einer Art göttlicher Schicksalsinstanz geworden, die darüber urteilt, ob du ein Gott gefälliges Leben führst. Bist du am Markt erfolgreich, mag dich dein Gott - bist du es nicht, verstößt er dich in die finsterste Hölle der Sinn-, d. h. der Arbeitslosigkeit, in die Peripherie, den Rand, die Minderheit.

Die Bibel wiederholt ihr, wenn man so will, anti-kapitalistisches Moment im Bild von der Zerstörung des Goldenen Kalbes im Neuen Testament mit der Geschichte, in der Jesus in höchster Wut und mit Gewalt die Händler aus dem Tempel in Jerusalem hinaus wirft. (Johannes 2, V. 13 - 25) Mit der Reinigung des Tempels von Geldverleihern macht Jesus klar, dass es keine Gemeinsamkeit von Spiritualität und Religion mit profanem Mammon, mit weltlichem Kommerz, mit dem Götzen Markt geben kann. Zornig ruft Jesus den Geldwechslern zu: „Schafft das alles weg von hier! Macht das Haus meines Vaters nicht zu einem Kaufhaus!“

In diesem hier nur kurz skizzierten gemeinsamen Bund von Sozialisten und Christen haben Muslime ihren gleichermaßen angestammten Platz. Genau das wird in dem Buch „Terror und Selbstmordattentate aus islamischer Perspektive“ in Bekir Karligas Beitrag über das Bedürfnis nach einer globalen Ethik deutlich. Der Koran verlangt, dass Überschüsse, die über die primären Bedürfnisse hinaus gehen, an die Armen verteilt werden, und er spricht sich deutlich gegen eine Gesellschaftsordnung aus, in der der Reichtum nur unter den Reichen zirkuliert:

Aber wer da Gold und Silber aufspeichert und es nicht spendet in Gottes Weg, ihnen verheiße schmerzliche Strafe.“ (9:34)

Karliga beendet seinen Artikel mit folgenden Worten: „Unsere globalisierte Welt braucht eine globale Ethik, die überall Gültigkeit besitzt. Es ist unbedingt erforderlich, dass der Ansatz einer ‚globalen Ethik‘, der von katholischen Intellektuellen wie Hans Küng und Josef Kuschel entworfen wurde, verfeinert und weiter entwickelt wird – vor allem auch durch die intellektuelle Tradition des islamischen Denkens.“ Aus vollem Herzen und mit klarer Vernunft muss einem solchen Wunsch entsprochen werden, vielleicht sogar noch weit aus mehr, als dem Schreiber bewusst ist. Gerade wenn in Deutschland Religion seit langem keinerlei „Kitt“ mehr ist, der die Gesellschaft moralisch eint und zusammen bindet, gerade wenn stattdessen Markt, Kommerz und Werbung den einzig übrig gebliebenen „Kitt“ bilden, der das Auseinanderbrechen eines Ganzen in seine Einzelteile verhindert, könnte dann ein Islam der Aufklärung, der Wahrheit und des Lichtes zum Entwicklungshelfer eines aus dem Ruder gelaufenen Turbokapitalismus werden? „Islam als Theologie der Befreiung“ - so lautet ein Buchtitel von Ali Ashar Engineer, dem indischen Islamwissenschaftler aus Mumbai, dem Menschenrechtsaktivisten und 2004 Preisträger des Alternativen Nobelpreises in Stockholm.

(Aus dem Buch „Terror und Selbstmordattentate aus islamischer Perspektive“, 2005, Einleitung)

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