Dschihad
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Im Islam ist es die Pflicht eines jeden Muslim, sich unaufhörlich zu bemühen, das Gute zu verbreiten und das Böse abzuwenden.

Wer von euch etwas Verabscheuungswürdiges sieht, der soll es mit seiner Hand ändern. Wenn er dies nicht vermag, so soll er es mit seiner Zunge ändern. Und wenn er (selbst) das nicht schafft, dann soll er es in seinem Herzen ändern, und dies ist die schwächste Form des Glaubens. (Sammlungen Muslim, Tirmidhi)

Bei dem, in Dessen Hand meine Seele ist: Niemand von euch ist (wirklich) gläubig, bis er seinem Bruder das wünscht, was er sich selbst wünscht.

Verkündet, was froh macht, verkündet nicht, was erschreckt. Macht es den Menschen leicht, macht es ihnen nicht schwer. (Sammlung Muslim)

Die oben erwähnten Hadithe sind grundlegend für die Repräsentation und das Verständnis des Islam, also für den Dschihad. Zunächst aber soll der Begriff Dschihad erläutert werden.

Dschihâd ist ein arabisches Substantiv mit den Bedeutungen Sich-abmühen, Streben nach etwas, Unternehmen von Anstrengungen, um sich Not und Entbehrungen zu stellen. Im Islam steht dieser Begriff für das Sich-Abmühen auf dem Wege Gottes und für das Sich-Einsetzen auf dem Wege Gottes mit der eigenen Person und dem eigenen Vermögen.

Dschihad wird oft unzureichend und falsch mit Heiliger Krieg übersetzt. Denn vom Dschihad wird auch schon in den ersten mekkani-schen Offenbarungen, in denen noch gar keine Rede von Kriegen war, gesprochen. Wesentlich ist, dass das arabische dschihâd von seinem Wortstamm her weder Krieg führen noch töten bedeutet. Dem koranischen Wesensgehalt von Dschihad widerspricht es, ihn als Heiligen Krieg aufzufassen. Selbst ein Krieg zur Verteidigung der islamischen Umma (Gesellschaft/Gemeinschaft) ist kein “Heiliger Krieg”, sondern höchstens ein notwendiges Übel. Der Koran sagt:

Vorgeschrieben ist euch der Kampf, und er ist euch ein Abscheu; und es könnte sein, dass ihr etwas hasst, und es ist gut für euch; und es könnte sein, dass ihr etwas liebt, und es ist schlecht für euch. Und Allah weiß, und ihr wisst nicht. (2:216)

Der Dschihad stellt für den Gläubigen eine besondere Pflicht dar. Auf Grund seiner Wichtigkeit wird der Dschihad im Koran fast mit dem Islam selbst gleichgesetzt. Die hervorragendsten Diener Gottes seit der Zeit des Propheten Adam haben sich, ob sie nun Propheten oder “gewöhnliche” rechtschaffene Menschen waren, auf zwei Ebenen besondere Verdienste erworben: nämlich sowohl im Kampf gegen die Ungläubigen als auch im Kampf gegen ihr eigenes Selbst.

Der Dschihad genießt bei Gott einen hohen Stellenwert; denn Er hat den Menschen erschaffen, damit dieser sich anstrengt, zu seinem wahren Wesen zu gelangen, und auch seine Mitmenschen ermutigt, gleiche Anstrengungen zu unternehmen.

Dabei liefern ihm die Propheten ein gutes Vorbild. Denn jeder einzelne von ihnen hat sich sein Leben lang auf dem Wege Gottes bemüht. Die vordringlichste Aufgabe der Propheten lag demnach darin, die Menschheit zu warnen und zu erziehen und sie dazu bringen, sich des Strebens nach ihrem wahren Wesen bewusst zu werden.

Aus der Sicht Gottes ist die Prophetenschaft das heiligste Amt, das einem Menschen anvertraut werden kann, und der Dschihad bringt diesen Aspekt zum Ausdruck. Der Koran betont die Vorrangstellung der Gemeinschaft der Gläubigen, die dem Propheten die Treue geschworen hat, besonders dadurch, dass sie den Dschihad durchführt. (48:10)

Der Dschihad beinhaltet zwei Aspekte: Der eine liegt im Kampf, die sinnlichen Gelüste und negativen Neigungen zu besiegen; diesen Aspekt nennt man den größeren Dschihad. Der andere Aspekt ist die Ermutigung anderer, dasselbe Ziel zu erreichen, und wird kleinerer Dschihad genannt.

Die muslimische Armee war auf dem Rückweg nach Medina, nachdem sie den Feind in einer Schlacht (bei Uhud) besiegt hatte, als der Gesandte Gottes zu ihnen sagte:

Wir sind gerade dabei, vom kleineren zum größeren Dschihad zurückzukehren. Als die Gefährten fragten, was der größere Dschihad sei, erklärte er, es handle sich dabei um den Kampf mit der sinnlichen Seele. (Sammlung Kaschfu l-khafâ’, 1, 424)

Das Ziel eines jeden Dschihad, sei es nun eines größeren oder eines kleineren, liegt darin, dass der Gläubige von allen Sünden geläutert wird und auf diese Weise wahre Menschlichkeit erlangt. Zu diesem Zweck sind die Propheten gesandt worden.

Der Dschihad ist das Vermächtnis der Propheten, und das Propheten- amt hat die Aufgabe, die Menschen für die Gnade Gottes bereit zu machen, indem es sie läutert. Dschihad lautet der Titel, der der prophetischen Mission verliehen wurde. Dschihad heißt, die Wahrheit zu bezeugen. So wie Richter Zeugen anhören, um bei Gericht einen Fall zu entscheiden, so haben auch jene, die den Dschihad vollführt haben, Zeugnis von der Existenz und der Einheit Gottes abgelegt, indem sie sich auf Seinem Weg angestrengt haben.

Der Prophet Muhammad überbrachte die gute Nachricht der Glückseligkeit in beiden Welten (im Diesseits und im Jenseits) für diejenigen, die Gutes tun; Warnungen sprach er denjenigen gegenüber aus, die Böses tun. Auf diese Weise kam er der Aufgabe nach, die im Koran Dschihad genannt wird.

Der kleinere Dschihad, der gewöhnlich als Kampf auf dem Wege Gottes verstanden wird, bezieht sich nicht nur auf den Kampf auf dem Schlachtfeld. Der Ausdruck ist vielschichtiger. Er beinhaltet jede Handlung vom Sprechen bis hin zur Anwesenheit auf dem Schlachtfeld - vorausgesetzt, die zur Diskussion stehende Handlung wird um der Sache Gottes willen durchgeführt. Ob man spricht oder schweigt, lächelt oder ein griesgrämiges Gesicht zieht, sich an einem Treffen beteiligt oder ihm fernbleibt - jede Handlung, die unternommen wird, um das Los der Menschheit zu verbessern, sei es durch Individuen oder durch Gemeinschaften, fällt unter den Begriff kleinerer Dschihad.

Während der kleinere Dschihad von der Mobilisierung aller materiellen Möglichkeiten abhängt und in der äußeren Welt praktiziert wird, versteht man unter dem größeren Dschihad den Kampf eines Menschen gegen die Bedürfnisse seines Egos, seiner sinnlichen Seele. Diese beiden Arten des Dschihad können nicht voneinander getrennt werden.

Der Prophet Muhammad hat die Muslime gelehrt, wie beide Arten des Dschihad ausgeführt werden sollen. Er hat Prinzipien der Verkündigung der Wahrheit etabliert, die bis zum Tag des Jüngsten Gerichts Gültigkeit besitzen werden.

Um besser verstehen zu können, wie wir bei der Durchführung des Dschihad vorzugehen haben, wollen wir uns ein Beispiel des Propheten und seiner Gefährten in Erinnerung rufen:

Deren Lebensbedingungen wurden so schwierig, dass es einigen Muslimen gestattet wurde, nach Abessinien auszuwandern. Diese Auswanderung war ein kleiner Dschihad, der den Umständen jener Zeit angemessen war.

Nachdem der Grundstein des islamischen Stadtstaates gelegt war, konnte der kleinere Dschihad dann eine neue Gestalt annehmen. Es war natürlich notwendig, den Gegebenheiten entsprechend zu handeln; manchmal war es erforderlich zu rennen, aber manchmal auch langsam zu gehen. Somit musste die Durchführung des Dschihad ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten haben. Die Gläubigen übten erst dann Vergeltung für die Angriffe der Ungläubigen, als ihnen die Erlaubnis, sie zu bekämpfen, in Medina offenbart wurde. Die Gläubigen waren unaufhörlich schikaniert und gequält worden, hatten sich aber mit nur passivem Widerstand zufrieden gegeben. Dies änderte sich jedoch, als der folgende Vers in Medina offenbart wurde:

Erlaubnis wird denen gegeben, die bekämpft werden, weil ihnen Unrecht zugefügt wurde; und Allah hat fürwahr die Macht, ihnen beizustehen. Denjenigen, die aus ihren Häusern zu Unrecht vertrieben wurden, nur weil sie sagen: Unser Herr ist Allah. Und wenn Allah nicht die einen Menschen vor den anderen geschützt hätte, dann wären gewiss Klöster und Kirchen und Synagogen und Moscheen, in denen der Name Allah häufig genannt wird, zerstört worden. Und Allah wird wahrlich dem helfen, der Ihm hilft. Allah ist fürwahr stark, allmächtig. (22:39-40)

Jahrelang hatten die Gläubigen jede Art von Verfolgung ertragen müssen, nun wurden sie dazu aufgerufen, zu den Schwertern zu greifen.

Der kleinere Dschihad ist das Bemühen um die bestmögliche Erfüllung religiöser Pflichten. Was aber den größeren Dschihad betrifft, so ist er viel schwieriger zu verwirklichen; denn er fordert vom Menschen, gegen all seine eigenen destruktiven Triebe und Gemütszustände wie Arroganz, Rachsucht, Eifersucht, Egozentrik, Einbildung und sinnliche Begierden zu kämpfen.

Der Prophet verband diese beiden Aspekte des Dschihad in vollendeter Weise in seiner eigenen Person. Er war der mutigste aller Kämpfer auf den Schlachtfeldern, aber auch der Eifrigste in der Anbetung Gottes. Er wurde von Liebe und Gottesfurcht in seinem Gebet verzehrt, und diejenigen, die ihn sahen, fühlten eine große Hochachtung vor ihm. Er fastete häufig mehrere Tage hintereinander. Manchmal verbrachte er die ganze Nacht im Gebet, und seine Füße schwollen an, weil er sein Gebet im Stehen verrichtete. Eines Tages fragte sich A’ischa (die Ehefrau des Propheten Muhammad), ob Muhammad nicht doch vielleicht zu lange im Gebet verweilen würde, und so erkundigte sie sich bei ihm, warum er sich so vielen Strapazen aussetze, wo ihm doch seine Sünden ohnehin schon alle verziehen worden seien. Soll ich denn nicht ein Diener sein, der Gott dankbar ist?, lautete seine Antwort. (Sammlung Bukhari)

A’ischa erzählt: Eines Nachts bat mich der Gesandte Allahs um Erlaubnis, sein freiwilliges Mitternachtsgebet verrichten zu dürfen. Ich sagte: “Wie sehr auch immer ich deine Gesellschaft wünsche, noch mehr wünsche ich, dass du das tust, was du wünschst.” Dann vollzog er seine Gebetswaschung und begann mit dem Gebet. Er rezitierte den Vers Fürwahr, in der Schöpfung der Himmel und der Erde und im Wechsel der Nacht und des Tages sind gewiss Zeichen für die Einsichtigen (3:190) immer und immer wieder und vergoss Tränen bis zum Tagesanbruch (Ibn Kathir, Tafsîr, Al-Imran, 190).

Der Prophet kennzeichnet diese beiden Aspekte des Dschihad in einem seiner Aussprüche wie folgt:

Die Augen von zwei Personen werden niemals das Höllenfeuer sehen: Die Augen eines Soldaten, der an den Grenzen und auf den Schlachtfeldern Wache hält, und die Augen eines Menschen, der aus Furcht vor Allah Tränen vergießt. (Sammlung Tirmidhi)

Der Dschihad bedarf einerseits der Selbstbeherrschung und andererseits der Verkündigung der Wahrheit. Sowohl der Sieg über die eigenen sinnlichen Begierden als auch die Ermutigung anderer, ebenfalls gegen diese zu kämpfen, sind verpflichtend. Ersteres zu vernachlässigen zieht Anarchie, letzteres Trägheit in der Gesellschaft nach sich. Heutzutage ist es besonders wichtig, ein richtiges Verständnis des Islam im Allgemeinen, und des Dschihad im Besonderen zu erlangen.

Obwohl Extremismus, Fanatismus und Terrorismus durch unausgewogene und oft verfälschende Berichte und Sendungen der Medien in den Vordergrund gezerrt werden, besitzen sie für den Großteil der Muslime in der islamischen Welt normalerweise keinen Wert; sie rücken den Islam nur in ein schlechtes Licht. In der öffentlichen Berichterstattung wird der Islam als Religion zweitrangig. Das schlechte Vorbild einiger Muslime einerseits und die großen Wissenslücken auf Seiten der Nicht-Muslime andererseits führten und führen auch heute noch zur Entstehung vieler Vorurteile über den Islam.

Denn neben dem Extremismus, der unter dem Volk normalerweise keinen sehr großen Zulauf findet, gibt es auch positive Entwicklungen auf der Ebene von Dialog und Toleranz, besonders in der Türkei. Eine Initiative für einen toleranten, dialogbereiten Islam stößt dort beispielsweise in allen Bevölkerungsschichten auf außerordentliche Resonanz.

Eine Koexistenz bzw. ein Dialog zwischen den großen monotheistischen Religionen ist grundsätzlich möglich. Auch aus islamischer Sicht ist dies ganz und gar unproblematisch, denn im Koran heißt es: Es gibt keinen Zwang im Glauben. (2:256) Und wo kein Zwang ist, dort können die Menschen in Frieden miteinander leben.

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