|
Die Entstehung des Alewitentums wird ebenfalls auf die Streitigkeiten um die Nachfolge Muhammads zurückgeführt, die nach dessen Tod ausbrachen, sich immer weiter vertieften und mit der Ermordung von Husayn, dem Sohn Alis und Enkel des Propheten, in Kerbela schließlich die Spaltung der Muslime herbeiführten. Damals bildete sich die Partei Alis, die Schia, heraus. Sie beharrte darauf, dass das Kalifat, die rechtmäßige Nachfolge des Propheten, Ali gebühre. Aus dieser Gemeinschaft von Muslimen ging später auch das Alewitentum als eigenständige politische, kulturelle und religiöse Gruppe hervor. Entgegen der weit verbreiteten Auffassung spielten die für die Spaltung der muslimischen Gemeinschaft relevanten Faktoren für die Entstehung des Alewitentums keine direkte Rolle. Weder die Zeit, zu der der Begriff “Alewiten” erstmals verwendet wurde, noch die Glaubensprinzipien, die historischen Erfahrungen, die schriftlichen Dokumente oder die traditionelle Kultur (samâh, Gottesdienst usw.) der Alewiten weisen darauf hin, dass das Alewitentum aus der Zeit des Propheten und seiner unmittelbaren Nachfolger hervorgegangen wäre.
Historisches Faktum ist, dass das Wort “Alewitentum” erstmals im 10. Jahrhundert verwendet wurde, also nachdem die Türken den Islam angenommen hatten. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts wurde es durch die Propaganda der Safawiden in osmanischen Gebieten weiter verbreitet. Anhänger Alis bezeichnete man hingegen bereits seit dem 7. Jahrhundert ausschließlich mit dem Begriff “Schi’a” (Partei, Anhängerschaft, Gemeinschaft) bzw. “Schi’at Ali”.
Betrachtet man die heute von Alewiten gepflegten Glaubensinhalte sowie auf ihnen beruhende und im Gottesdienst angewandte Rituale wie samâh, ayin u.a. wird man diese schwerlich mit dem Islam vereinbaren können. Vor allem das Leben des Propheten und das der ihm nachfolgenden vier Kalifen bieten keinerlei unterstützende Dokumente oder Quellen, die dem alewitischen Glauben eine legitime Grundlage geben könnten. Dies gilt auch und gerade für das Leben von Ali, auf den sich die Alewiten ja eigentlich berufen. Glaubensprinzipien der Alewiten wie die Reinkarnation und die Trinität Wahrheit-Muhammad-Ali haben weniger Ähnlichkeit mit dem vom Propheten und seinen Gefährten vertretenen Islam als vielmehr mit vorislamischen Kulturen. Man kann sagen, dass dieses Alewitentum ein rein türkisches Phänomen ist.
Bei der Entstehung des Alewitentums spielten u.a. die Nomaden-türken, die ungefähr im 10. Jhdt. den Islam annahmen, eine Rolle. Sie passten diese neue Religion an ihren alten Glauben an und behielten den Kult der Himmels- und Naturgötter und den Vaterkult bei. Ihr Glaube war vor dem Islam von Religionen wie Schamanismus, Zoroastrismus und Manichäismus beeinflusst worden, die sie in ihre sozio-ökonomische Struktur eingegliedert hatten.
Da sich die Alewiten auch heute noch im Hinblick auf ihre grundlegenden Prinzipien und auf das eigene Selbstverständnis als der Schia nahe stehend bezeichnen, stellt sich die Frage, wie das Verhältnis von Alewitentum und Schia beschaffen ist, d.h., inwiefern und warum schiitische Elemente für das Alewitentum charakteristisch sind. Der zeitgenössische türkische Theologe Prof. Ahmet Yasar Ocak, der sich seit langem mit dieser Thematik befasst, sagt dazu Folgendes: “Ab der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts wurden die halbnomadischen Turkmenen von der zentralistischen Regierung Mehmets II. dazu gezwungen sich niederzulassen. Zunächst leisteten sie dieser Politik erbittert Widerstand, dann aber gerieten sie unter Druck und waren entsprechend empfänglich für Vorstellungen, die auf dem Kommen eines Retters beruhten. Ihn fanden sie schließlich in Schah Ismail, von dem sie sich erhofften, er möge sie aus der “Tyrannei der Osmanen” befreien. Anscheinend gelang es Schah Ismail sehr gut, in der Atmosphäre des Glaubens und der Lebensweise der Turkmenen den Kult um die Trauer von Kerbela als ein Mittel zur Rache am “tyrannischen osmanischen Yezid” (dem Mörder Husayns) auszunutzen. Zudem gelang es ihm auch, den Göttlichkeitskult um die Person Alis und die Theorie von den zwölf Imamen im Alewitentum zu verankern. Das Alewitentum lässt sich also durchaus als Volksislam bezeichnen, der unter bestimmten historischen Verhältnissen mit der Annahme des Islam durch die Türken entstanden und daher ein Erbe der Geschichte ist. Bewertet man das Alewitentum in diesem Rahmen, stellt man fest, dass es mit der historischen Person Alis nichts zu tun hat. Denn auch wenn Ali gar nicht gelebt hätte, gäbe es wahrscheinlich eine Form des Islam, die dem Alewitentum sehr nahe käme und ähnlich wie dieses auf Legenden und traditioneller Kultur beruhte.”
Anhänger der hier beschriebenen, stark vom Islam abweichenden Glaubensprinzipien bezeichnen sich selbst als Alewiten. Hier besteht jedoch die Gefahr einer Verwechslung mit den Alewiten, von denen schon im Koran die Rede ist. Mit dem Begriff ahlu l-bayt werden dort die nächsten Angehörigen des Propheten Muhammad (seine Tochter Fatima, sein Schwiegersohn Ali sowie seine Enkel Hasan und Husayn) betitelt. Der Gesandte Gottes selbst prophezeite, dass die ahlu l-bayt in der islamischen Welt einem Baum aus Licht gleichen würden und dass die meisten Persönlichkeiten, die den Islam in allen Bereichen der islamischen Welt verbreiten werden, von den ahlu l-bayt abstammen würden. In einem Hadith heißt es:
Ich lasse euch zwei Dinge. Wenn ihr ihnen folgt, werdet ihr errettet: das erste ist das Buch (der Koran) und das andere sind die ahlu l-bayt. Denn die ahlu l-bayt sind Quelle und zugleich Beschützer der Sunna.
|