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Ghayra (Wachsame Sorge)
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Ghayra (wachsame Sorge) meint wörtlich, keine Anstrengung zu scheuen, um nach Keuschheit, Ehre und Wertschätzung zu streben, und dabei die Gebote der Religion so gewissenhaft wie möglich zu beachten. Gottes wachsame Sorge um die Makellosigkeit Seiner Diener kennt keine Grenzen; und wenn sie sich Mühe geben, ihre Makellosigkeit zu bewahren, dann findet dies Sein unendlich großes Wohlgefallen. Aus Seiner wachsamen Sorge heraus hat Gott manche Dinge für unrechtmäßig erklärt, so zum Beispiel Schamlosigkeiten und Unrecht. Seine Diener sind dazu verpflichtet, Seine Sorge zumindest insoweit zu erwidern, dass sie versuchen, sich von diesen Dingen fernzuhalten. Das genau versteht man unter Ghayra (wachsame Sorge). Ghayra ehrt den Menschen. Um uns daran zu erinnern, sagte der Prophet Muhammad einmal: Wundert ihr euch darüber, wie sehr Sa’d in Sorge ist? Ich bin noch mehr in Sorge als Sa’d, und Gott ist noch mehr in Sorge als ich.Die wachsame Sorge verlangt danach, mit großem Eifer zu tun, was Gott gefällt und gebietet, und so entschlossen wie möglich danach zu streben, zu vermeiden, was Er missbilligt und verbietet. Wachsame Sorge erfordert außerdem, den Notwendigerweise Existierenden Einen mitsamt Seiner Essenz und Seinen Attributen und Namen von tiefstem Herzen zu lieben, sich mit aller Kraft dafür einzusetzen, dass Er auch von anderen Menschen geliebt wird, und die Beziehung zu Ihm jedem und allem in dieser Welt und im Jenseits vorzuziehen. Folgende Verse eines Freundes Gottes verdeutlichen die letzten beiden Punkte sehr schön:

Ich wünschte, alle Menschen in der Welt würden Ihn lieben, den ich liebe,

und alles, worüber wir sprechen, wäre der Geliebte.

Definiert man wachsame Sorge als die Entschlossenheit, nicht zu sündigen, weil Gott es missbilligt, dann bedeutet dies, dass man sich eine Qualität anzueignen versucht, die auch Gott innewohnt. Der Gesandte Gottes, die Stimme der Wahrheit, hat einmal gesagt: Niemand sorgt sich mehr als Gott. Seine Sorge hat Ihn dazu veranlasst, alle Schamlosigkeiten in der Öffentlichkeit wie auch privat zu verbieten.6 Diese Worte führen uns vor Augen, dass Gott der Ursprung der wachsamen Sorge ist. Der Gesandte betonte außerdem, dass wachsame Sorge Achtsamkeit erfordert: Gott trägt Sorge, und auch ein Gläubiger trägt Sorge. Gott sorgt Sich um die verbotenen Dinge, die Sein Diener tun könnte.7

Die Gelehrten der Wahrheit haben zwei Merkmale der wachsamen Sorge beschrieben: zum einen anzuerkennen, dass es keine Alternative und keinen Rivalen zum Geliebten gibt, und zum anderen alle Aufmerksamkeit auf den Geliebten zu richten und der Liebe zu Ihm alles unterzuordnen. Wir aber wollen wachsame Sorge verstehen im Sinne von körperlichen Gelüsten zu widerstehen und ein Leben am Horizont von Herz und Geist zu führen, Unmoral zu bekämpfen und einer von Moral und Tugend geprägten Lebensweise zum Durchbruch zu verhelfen sowie auch im Herzen zu spüren, dass unser Platz an der Seite Gottes ist. All dies sind ganz entscheidende Punkte, die uns auf die Stufe wahrer Menschlichkeit erheben; Punkte, die eine Antwort auf Gottes unendliche wachsame Sorge um Seine Diener darstellen. Gottes wachsame Sorge bewahrt Seine Diener davor, dass andere Menschen für sie entscheiden, was fair, richtig und geboten ist. Er belohnt sie dadurch, dass Er sie zu Seinen überaus treuen Dienern macht, und Er erspart ihnen die Würdelosigkeit, falsche, eingebildete Gottheiten anzubeten. In diesen Gunstbeweisen schlägt sich Gottes wachsame Sorge nieder, und diese Sorge sollten Seine Diener nach Ansicht Mewlana Dschami‘s erwidern, indem sie nach Ihm verlangen, Ihn anflehen, Ihn suchen, Ihn sehen, Ihm folgen, Ihn erkennen und von Ihm sprechen.

Manche charakterisieren die wachsame Sorge auch als das Bemühen des Eingeweihten, sich ausschließlich mit Gott zu beschäftigen, in Ihn seine ganze Hoffnung auf Zufriedenheit zu setzen und alles außer Ihm aus der Sphäre seines Strebens, das einzig und allein auf Ihn ausgerichtet sein sollte, zu verbannen. Zuweilen wurde sie auch als die Manifestation des Zustands betrachtet, in dem Eingeweihte die Trennung von dem Geliebten beklagen. Die Eingangsverse des Mathnawi von Mewlana Dschelaleddin Rumi klingen wie Melodien dieser wachsamen Sorge:

Hör auf der Flöte Rohr - wie es erzählt, und wie es klagt

vom Trennungsschmerz gequält.

***
Ich suche ein Herz, vom Trennungsleid zerschlagen,

um von der Trennung Leiden ihm zu sagen.

Sehnt doch nach dem in Einheit Lebensglück,

wer fern vom Ursprung, immer sich zurück.8

Diejenigen, die sich mit größter Ernsthaftigkeit um wachsame Sorge bemüht haben, haben drei Stufen des Strebens unterschieden:

  • Die unterste Stufe der wachsamen Sorge zeichnet sich durch regelmäßige eingehende Anbetung Gottes aus und wird von Menschen praktiziert, die ihr Leben mit den Fäden von Frömmigkeit und rechtschaffenem Handeln besticken. Um sich zu vervollkommnen, legen sie eine so große Achtsamkeit an den Tag, dass schon der kleinste Fehltritt ihnen dauerhafte Gewissensbisse verursacht.
  • Die mittlere Stufe der wachsamen Sorge begegnet uns bei Eingeweihten, die ihr Herz ganz auf die Höchste Wahrheit ausgerichtet haben, die von einem Zustand zum nächsten übergehen, von der Liebe zum Genuss reisen und von dort aus in eine immer tiefere Sehnsucht. Diese Menschen unternehmen alle nur erdenklichen Anstrengungen, um Sein Wohlgefallen zu finden. Mit den Worten Wo immer ihr euch also hinwendet, dort ist das ‚Antlitz‘ Gottes (2:115) suchen sie Gott - mit all ihren Talenten, zu jeder Zeit und unabhängig von allen äußeren Umständen. Außerdem achten sie darauf, ihre Augen nicht über andere Geliebte schweifen zu lassen. Für besondere Begegnungen der Art des Hadithes Ich habe eine besondere Zeit mit Gott9 bemühen sie sich darum, Ihn in jedem Winkel ihres Herzens aufzuspüren. Jeder Moment, in dem sie Ihn nicht erkennen und erfreuen, erscheint ihnen als größte Respektlosigkeit. Sie zittern angesichts der Warnung des Verses Dies geschah nur, weil ihr hochmütig frohlocktet auf Erden ohne (ein Gefühl für die Grenzen des) Rechts und weil ihr übermütig wart in eurem Frohlocken (40:75) und vernehmen erwartungsvoll Gottes Geheiß Esst und trinkt nach Herzenslust als Belohnung für das, was ihr in den vergangenen Tagen vorausgeschickt habt (69:24), das in unterschiedlichen Tonlagen erklingt.
  • Die Sorge derer, denen eine unverfälschte Gotteserkenntnis gewährt wurde, ist die höchste Stufe der wachsamen Sorge. Sie streben immerzu danach, diese Erkenntnis noch zu erweitern, und sagen: Wir haben es nicht geschafft, Dich so gut zu kennen, wie Deine Kenntnis es erfordert. Sie schauen unglaubliche Schönheiten und hüten das, was sich ihnen enthüllt hat, manchmal selbst vor ihren eigenen Augen wie einen verborgenen Schatz. Mitunter beklagen sie, dass diese Welt ein Ort ist, an dem Gott nicht sichtbar ist, und geben dafür auch ihren Augen die Schuld. Sie schätzen sich selbst gering, weil sie ihre Beziehung zu dem Geliebten und Seine besonderen Gunstbeweise an sie nicht geheim halten können. Bis zu dem Tag der letzten, ewigen Vereinigung mit dem Geliebten lassen sie sich wie eine Kompassnadel unablässig sanft anstoßen, um anschließend um Balance zu ringen. Und erst an jenem Tag finden sie ihr Gleichgewicht.

O Gott, ich bitte Dich um Vergebung und (Deine) wachsame Sorge (um so Dein Wohlgefallen zu finden)! O Gott, führe mich zu dem, was Du liebst und was Dich erfreut! Und möge Dein Segen auf unserem Lehrmeister Muhammad Mustafa sein!

 



6 Bukhari, Nikah, 107; Muslim, Tawba, 32-34

7 Muslim, Tawba, 36

8 Übersetzung nach Annemarie Schimmel

9 Adschluni, Kaschf al-Khafa’, 2:173

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