Qalb (Herz)
( 2 Votes )

 

„Das Herz ist das Haus Gottes, reinige es von allem,

was sich außer Ihm darin befindet,

damit der Barmherzige des Nachts in seinen

Palast hinabsteigen kann.“

(Ibrahim Haqqi, Erzurum/Türkei)

Qalb, das ‚Herz‘, hat zwei Bedeutungen: Eine bezeichnet jenen aktivsten Teil eines Körpers, der sich im linken Teil der Brust befindet und einem Kiefernzapfen ähnelt. Bezüglich seiner Struktur und seines Gewebes unterscheidet sich das Herz von allen anderen Körperteilen. Es verfügt über zwei Vorhöfe und zwei Kammern und ist der Ausgangspunkt aller Arterien und Venen. Mitten unter den übrigen Körperteilen schlägt das Herz selbstständig, arbeitet wie ein Motor und pumpt wie eine Ansaugpumpe Blut durch den ganzen Körper.

In der sufistischen Terminologie bezeichnet das Herz den spirituellen Aspekt des biologischen Herzens als Mittelpunkt aller Emotionen und (intellektuellen und spirituellen) Fähigkeiten wie Wahrnehmung, Bewusstsein, Empfindungsvermögen und Willenskraft. Sufis nennen das Herz ‚das sprechende Selbst‘. Die wahre Natur des Menschen steckt in seinem Herzen. Was den intellektuellen und spirituellen Aspekt seiner Existenz betrifft, so weiß der Mensch, so nimmt er wahr, versteht usw.. Der Geist ist das Wesen und die innere Dimension dieser Begabung, der biologische Geist oder die Seele ist ihr Fundament. Gott spricht das Herz direkt an: Es übernimmt Verantwortung, muss sich Strafen unterziehen, wird belohnt, durch entsprechende Unterweisung erhöht und durch abweichendes Verhalten verdorben. Es wird verehrt oder gedemütigt und ist der ‚geschliffene Spiegel‘, der das Wissen Gottes reflektiert.

Das Herz besitzt die Eigenschaft, wahrzunehmen und wahrgenommen zu werden. Mit Hilfe seines Herzens dringt der Mensch in Seele, körperliche Existenz und Verstand vor. Das Herz ist so etwas wie das Auge des Geistes. Einsicht kann man als die Fähigkeit des Herzens zu sehen, Vernunft als seinen Verstand und Willen als seine innere Dynamik betrachten. Das Herz oder – wenn wir so wollen – der spirituelle Verstand ist eng mit seinem biologischen Gegenpart verbunden. Die Art dieser Verbindung wurde lange von Philosophen und muslimischen Gelehrten diskutiert. Wie auch immer diese Verbindung aussehen mag, unumstritten ist zumindest, dass es einen engen Zusammenhang zwischen dem biologischen und dem spirituellen Herzen gibt. Letzteres steht jedenfalls für die Fähigkeit, Gott zu erkennen und seine Inspirationen zu empfangen. Es ist das Zentrum wahrer Menschlichkeit und die Quelle der Gefühle und Emotionen des Menschen.

Wenn im Koran, in religiösen Wissenschaften, Moral, Literatur und Sufismus vom Herzen gesprochen wird, so ist vom spirituellen Herzen die Rede. Glaube, Wissen um Gott, Liebe zu Gott und spirituelle Freude sind die Wohltaten, die uns dieses Herz erfahren lässt.

Das Herz ist ein brillantes und wertvolles Instrument, das uns zwei Dinge ermöglicht: erstens, in die Welt des Geistes und zweitens in die Welt der Körperlichkeit zu blicken. Wenn die körperliche Existenz oder der physische Körper des Menschen unter der Regie des Geistes stehen, übermittelt das Herz dem Körper die spirituellen Errungenschaften und Gaben, die es in der Welt des Geistes erfährt, und lässt ihn Frieden und Ausgeglichenheit atmen.

Wie an anderer Stelle bereits erwähnt wurde, sind für Gott die Herzen entscheidend. Er behandelt den Menschen nach der Qualität seines Herzens, denn das Herz ist der Aufenthaltsort vieler Elemente, die für das spirituelle Leben des Menschen und seine Menschlichkeit von essenzieller Bedeutung sind. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang vor allem Vernunft, Wissen, Wissen um Gott, Absicht, Glaube, Weisheit und Nähe zu Gott, dem Allmächtigen. Lebt das Herz, dann leben auch alle diese Elemente und Fähigkeiten. Ist es aber von Krankheiten befallen, dann können auch diese Elemente und Fähigkeiten schwerlich gesund bleiben. Der Wahrhaftige und Bestätigte, Friede und Segen seien mit ihm, erklärt:

„Ein Teil des Körpers ist fleischlich. Ist er gesund, ist auch der ganze Körper gesund. Ist er aber verdorben, ist auch der ganze Körper verdorben. Nimm dich in Acht! Jener Teil ist das Herz.“ (Bukhari, Iman, 39; Muslim, Musaqat, 107)

Mit diesem Ausspruch deutet er die Bedeutung des Herzens für die (spirituelle) Gesundheit des Menschen an.

Das Herz weist noch einen weiteren Aspekt bzw. eine andere Funktion auf, die noch wichtiger als die bereits genannten ist. Im Herzen und somit in der Natur des Menschen sind die beiden Punkte Vertrauen und Hilfesuche tief verwurzelt. Mit ihrer Unterstützung zeigt das Herz den Menschen den Weg zu Gott, dem Helfenden und Bewahrenden. Das heißt, es erinnert den Menschen in den Sprachen von Bedürftigkeit, Hilfe- und Schutzsuche ständig an Gott. Dieses Phänomen kommt sehr anschaulich in einer Prophetentradition zum Ausdruck, die Ibrahim Haqqi in folgende Worte fasst:

„Gott sagte: ‚Weder die Himmel noch die Erde

können Mich umfassen.‘

Er ist als ein ‚Schatz‘, der sich durch das Herz im Herzen

selbst verbirgt, bekannt und anerkannt.“

Der Körper des Menschen stellt die physische Dimension seiner Existenz dar, das Herz macht seine spirituelle Dimension aus. Darum ist es die direkte, beredte, verständliche, wunderbare und wahre Zunge des Wissens um Gott. Das Herz besitzt einen höheren Wert und wird höher geschätzt als die Ka´ba. Es gilt als einziger rechtmäßiger Repräsentant der erhabenen Wahrheit, die sich in der ganzen Schöpfung ausdrückt, um Gott bekannt zu machen.

Das Herz fungiert als eine ‚Festung‘, die einen tüchtigen Verstand, vernünftiges Denken, einen gesunden Geist und einen kräftigen Körper verwaltet und bewahrt. Alle Gefühle und Emotionen des Menschen suchen in dieser Festung Zuflucht und Schutz. Auch das Herz selbst sollte geschützt und vor einer ‚Infektion‘ bewahrt werden; denn ist es einmal infiziert, wird es sehr schwierig sein, es wieder in Stand zu setzen. Ist es aber erst gestorben, ist es nahezu unmöglich, es wieder zu beleben. Der Koran mit seiner Anweisung zu beten, „Unser Herr, lass unsere Herzen nicht mehr irregehen, nachdem Du uns leitetest!“ (3:8), und unser Meister, Friede und Segen seien mit ihm, durch sein Gebet „O Gott, Bekehrer der Herzen! Verankere unsere Herzen fest in Deiner Religion!“ (Tirmidhi, Qadar, 7; Ahmad ibn Hanbal, Musnad, 6.302) erinnern uns an die Notwendigkeit, unsere Herzen zu schützen.

So wie das Herz dem Menschen als Brücke zu allem Guten und allen Gnaden dienen kann, kann es auch allen fleischlichen Versuchungen den Weg ebnen. Ist es auf Gott ausgerichtet und durch ihn unterwiesen, wird es zu einem Projektor, der auch bis hin in die entferntesten und dunkelsten Ecken des Körpers sein Licht verbreitet. Ist es aber unter die Herrschaft des fleischlichen Selbst geraten, wird es zur Zielscheibe für die Giftpfeile des Satans.

Das Herz ist das angestammte Haus des Glaubens, der Verehrung und der rechtschaffenen Tugend, ein überströmender Fluss, der mit den Inspirationen und Strahlen, die den Beziehungen zu Gott, den Menschen und dem Universum entspringen, dahin fließt. Leider gibt es jedoch unzählige Widersacher, die dieses weltweit geachtete Haus zerstören und diesen ‚Fluss‘ sperren bzw. seinen Lauf verändern wollen. Unter diesen Widersachern finden sich Hartherzigkeit (Verlust der Fähigkeit zu fühlen und zu glauben), Unglaube, Einbildung, Arroganz, weltlicher Ehrgeiz, Gier, exzessive Begierden, Kopflosigkeit, Egoismus und Festhalten am eigenen Status. All diese Eigenschaften sind wachsam und stets darauf aus, die Schwachpunkte des Herzens aufzudecken und es zu zerstören.

Der Glaube ist das Lebenselixier des Herzens, Anbetung ist das Blut, das in seinen Adern fließt, und Reflektion, Selbstkontrolle und Selbstkritik sind die Fundamente seiner Beständigkeit. Das Herz eines Ungläubigen ist tot, das Herz eines Gläubigen, der nicht betet, befindet sich in einem Todeskampf und das Herz eines betenden Gläubigen, der nicht reflektiert, ist vielen verschiedenen Gefahren und Krankheiten ausgesetzt. Obwohl die Menschen der ersten Kategorie eine ‚Pumpe‘ in ihrer Brust tragen, kann man nicht davon sprechen, dass sie ein Herz haben. Die Menschen der zweiten Kategorie sind in der von Wolken verhangenen, vernebelten Atmosphäre ihrer Mutmaßungen und Zweifel, gefangen. Sie befinden sich in greifbarer Nähe zu Gott, ohne jemals ihr Ziel erreichen zu können. Für die Angehörigen der dritten Gruppe von Menschen gilt, dass sie schon gutes Stück Weg zum Ziel zurückgelegt haben, jedoch immer noch gefährdet sind, da sie noch nicht dort angekommen sind. Auf dem Weg Gottes machen sie zögerliche Fortschritte, Niederlage und Sieg folgen einander auf dem Fuße. Ihr Leben verbringen sie mit dem Versuch, einen ‚Hügel‘ zu erklimmen, ohne aber in der Lage zu sein, diesen auch zu überwinden.

Diejenigen dagegen, die einen starken Glauben besitzen und ihr Leben auch streng nach diesem ausrichten - ganz als ob sie Gott sähen und sich der Tatsache bewusst sind, dass Gott sie sieht - befinden sich in größtmöglicher Sicherheit und stehen unter Gottes Schutz vor Schwankungen und Stürzen. Sie studieren die Existenz mit Einsicht, durchdringen die Dinge, entdecken ihre wahre Realität durch das Licht Gottes, benehmen sich unauffällig und üben sich in Selbstbeherrschung. Zwischen Furcht und Hoffnung schwebend zittern sie aus Angst vor Gott und versuchen, Ihm eine Freude zu bereiten. Sie bemühen sich, alles, was sie tun, zu Seinem Wohlgefallen zu erledigen und immer in Seiner Liebe zu leben. Im Gegenzug liebt Gott sie und bewegt andere gläubige Menschen dazu, sie ebenfalls zu lieben. So werden sie von Menschen und Dschinn gleichermaßen geschätzt und geliebt, und wohin sie auch gehen, erwartet sie ein herzliches Willkommen.

Der aufrichtige Held der Sure Yusuf, Prophet Yusuf (Josef), Friede sei mit ihm, wird in der Sure fünfmal als ein Mensch von vollkommener Tugend und tiefer Hingabe bezeichnet. Das bedeutet, dass die ganze Schöpfung - Schöpfer wie Erschaffenes, Freund und Feind, Himmel und Erde - die strenge Selbstkontrolle und Selbstbeherrschung des Propheten Josef bezeugt.

Der Allmächtige weist den Menschen darauf hin, dass der Prophet Josef seit seiner Jugend ein Mensch von vollkommener Tugend und Selbstkontrolle war: „Und als er (Josef)seine Vollkraft erreicht hatte, gaben Wir ihm Weisheit und Wissen; und also belohnen Wir die Rechtschaffenen (jene, die in dem Bewusstsein handeln und beten, dass Gott ihnen immer gewahr ist).“ (12:22) In seiner Zeit im Gefängnis in Ägypten blieb seinen ihm gut oder schlecht gesonnenen Mitgefangenen seine Verstandestiefe und die Reinheit seines Geistes nicht verborgen, und so wandten sie sich an ihn, um ihre Probleme zu lösen: „Verkünde uns die Deutung hiervon (von Dingen). Siehe, wir sehen, dass Du einer der Rechtschaffenen bist.“ (12:36) Josef, Friede sei mit ihm, war bei allen Anstrengungen, zu denen er gedrängt wurde, erfolgreich und verschaffte sich einen Platz im Herzen von Freund und Feind. Noch ein weiteres Mal spricht Gott von ihm als von einem Menschen mit vollkommener Tugend, denn Josef änderte sich auch dann nicht, als er auf einen hohen Regierungsposten berufen wurde: „Und also gaben Wir Josef eine Stätte im Land, um in ihm zu wohnen, wo er wollte. Wir treffen mit Unsrer Barmherzigkeit, wen Wir wollen, und lassen nicht verloren gehen den Lohn der Rechtschaffenen (jener, die in dem Bewusstsein handeln und beten, dass Gott ihnen immer gewahr ist).“ (12:56) Seine Brüder, die ihn immer mit Neid bedacht hatten, erkannten seine Tugend und Wahrheitsliebe an, noch bevor sie herausfanden, dass es Josef gewesen war, der sich als Minister im königlichen Palast von Ägypten ihnen gegenüber so nachsichtig gezeigt hatte. „Sie sagten: ‚O Hochmögender, siehe, er hat einen Vater, einen alten Scheich; so nimm einen von uns an seiner statt; siehe, wir sehen, dass du rechtschaffen bist.“ (12:78) Schließlich bezeugte der Prophet Josef selbst als ein vorbildlich gereifter Mensch, der die ganze spirituelle Zufriedenheit erlangt hat, die am eigenen Körper erfahrene Gnade Gottes: „Allah ist gnädig gegen uns gewesen. Siehe, wenn einer gottesfürchtig und standhaft ist, siehe, so lässt Allah den Lohn der Rechtschaffenen nicht verloren gehen.“ (12:90)

Es ist undenkbar, dass ein Herz, dessen Aufrichtigkeit jeder bezeugt, von Gottes Gnade abkommt oder ihrer beraubt wird. Ein solches Herz hat für seinen Besitzer die gleiche Bedeutung, wie ihn der Höchste Thron Gottes für das Universum besitzt. Es ist wie ein Spiegel, den der Allmächtige immerzu sieht; und ein Spiegel, über den der Allmächtige jederzeit voller Anerkennung wacht, ist nichts, was man wegwirft oder zerbrechen lässt. Er ist Wesen und Geist menschlicher Wirklichkeit – etwas, das von Gott selbst gepriesen wird.

In den folgenden Versen ruft uns Mawlana Dschalal ad-Din ar-Rumi das ins Gedächtnis:

„Die Wahrheit sagt: Ich ziehe das Herz in Betracht,

Nicht die Form, die aus Wasser und Lehm geschaffen ist.

Du sagst: Ich habe ein Herz in mir,

Das Herz allerdings ist über dem Thron Gottes,

nicht unter ihm.

(Aus der Zeitschrift Fontäne, Ausgabe 15, 2002)

Joomla "wookie mp3 player 1.0 plugin" by Sebastian Unterberg
 
 

INID-Autoren

Gastautoren









 

Rechtlicher Hinweis:

Das INID-Institut übernimmt keinerlei Verantwortung für die Inhalte einzelner Artikel. Jeder Artikel spiegelt allein die persönliche Meinung seines Autors bzw. seiner Autorin wider. 

 

Unterstützen Sie uns: