Start Wissenswertes Sufismus Wadschd und Tawadschud (Ekstase und erwirkte Verzückung)
Wadschd und Tawadschud (Ekstase und erwirkte Verzückung)
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Wadschd (Ekstase) bedeutet, vor spiritueller Freude und Begeisterung schier überzufließen, und nicht so sehr Verstand, Logik oder Willen einzusetzen, sondern dem spirituellen Pfad zu folgen, auf dem man sich gerade befindet. Wadschd beinhaltet, dass Gott dem Herzen Seines Dieners einen überraschenden Besuch abstattet und ihm besondere Gunstbeweise zuteilwerden lässt. Wenn diese Gunstbeweise in Gottes Gnade wurzeln, so entfachen sie Brisen der Nähe zu Ihm. Wurzeln sie hingegen in Seiner Majestät1, dann resultiert daraus Selbst-Beherrschung, begleitet von Trauer, Angst und Ehrfurcht. Manche haben Ekstase definiert als die Unfähigkeit des Geistes, den Aufruhr zu ertragen, in den die Liebe ihn stürzt, während sein Besitzer über Gott nachdenkt, zu Ihm betet und Seine Namen rezitiert. Andere haben sie beschrieben als das Staunen, die Erregung und das Zittern des Herzens, wenn es besondere Gunstbeweise von Gott empfängt, die in Seiner Gnade und Majestät wurzeln. Wadschd und Wudschud (Finden, Sein) sind zwar aus der gleichen Wortwurzel abgeleitet, besitzen jedoch unterschiedliche Bedeutungen. Finden meint (wie in einem späteren Kapitel zu erklären sein wird), dass man nach Mitteln und Wegen sucht, um die Sphäre des Einflusses des sinnlichen Selbst und die Grenzen der Körperlichkeit zu überwinden und den Ersehnten Einen in Seinem wahren Sein, frei von allen qualitativen und quantitativen Betrachtungen und Beschränkungen zu finden. Ekstase hingegen erfordert, dass das Herz bei dieser Suche schier platzt vor Liebe, Sehnsucht, Eifer, Respekt und Begeisterung. Sie ist eine überraschende und unerwartet kommende Emotion. Der nächste Schritt besteht dann darin, dass man sich als Frucht der unablässigen Rezitation der Namen Gottes und Seines Lobpreises, Seiner Verherrlichung und Erhöhung in eine anhaltende und dauerhafte Ekstase versetzt.

Üblicherweise manifestiert sich Ekstase auf zweierlei Art und Weise:

  • Manche Gunstbeweise Gottes und Manifestationen Seiner Herrlichkeit entsprießen im Herzen, ohne dass der Betreffende dies unbedingt möchte oder anstrebt. Dieses Phänomen bezeichnet man als Entschleierung (Mukaschafa). Der Mensch hat darauf keinen Einfluss.
  • Ekstase manifestiert sich auch in spiritueller Freude und Leidenschaft, in Verblüffung, Schrecken und Erstaunen. Solche Emotionen erfassen den ganzen Menschen, geben ihm Ehrfurcht ein und veranlassen ihn, zu weinen und Tränen zu vergießen. Dieser Form von Ekstase begegnet man vor allem in Zusammenkünften, wo gemeinsam die Namen Gottes rezitiert werden. Und auch diese Emotionen brechen sich in den Herzen Bann, ohne dass es die Betreffenden darauf anlegen würden. Hingerissen von den Klängen der Hammerschläge des Zarqubi in Konya rief Mewlana Dschelaleddin Rumi2 aus:

Die Seelen, die an Wasser und Lehm gebunden waren,

sind vergnügt, weil sie nun davon befreit sind.

Sie beginnen zu schweben und im Lufthauch der Liebe zu tanzen,

werden vollkommen wie der volle Mond.

Ist eine Ekstase hingegen Resultat einer willentlichen Anstrengung oder eines Zwanges, so nennt man sie erwirkte Verzückung (Tawadschud). Diese stellt sich besonders bei Eingeweihten (auch Derwischen genannt) ein, die sich noch ganz am Anfang ihres Weges befinden. Unser Lehrmeister Muhammad empfahl: Weine, während du den Koran rezitierst. Und wenn du das nicht kannst, dann zwinge dich dazu3.

Wenn wir zu den beschriebenen beiden Arten von Ekstase diese erwirkte Verzückung und das Finden (Wudschud) hinzuzählen, erhalten wir insgesamt vier Kategorien:

  • Erwirkte Verzückung ähnelt der Ekstase. Der Unterschied besteht darin, dass sie auf eine willentliche Anstrengung oder einen Zwang zurückzuführen ist. Sie tritt bei Eingeweihten auf, die noch ganz am Anfang ihrer spirituellen Entwicklung stehen, und markiert die unterste Stufe des Handelns eines Herzens.
  • Unter Ekstase versteht man das unverhoffte Überfließen eines Herzens, in dem Glaube, Wissen, Liebe zu Gott, spirituelle Freude und Begeisterung, Sehnsucht, Eifer und die Gunstbeweise Gottes einen festen Platz haben. Sie ist Hauptgegenstand dieses Kapitels, ein Zustand, der auf folgendem Hadith gründet: Es gibt drei Dinge, die zeigen, dass derjenige, der sie besitzt, die Freude des Glaubens geschmeckt hat: Gott und Seinen Gesandten mehr als alles andere zu lieben, um Gottes willen zu lieben und umsichtig zu sein mit den Dingen, die in Paradies und Hölle führen4.
  • Als dauerhafte Ekstase bezeichnet man einen Zustand, in dem das Herz mit permanenter spiritueller Spannung beschenkt wird, in dem es spirituelle Erfahrungen macht und unablässig mit Gunstbeweisen Gottes überhäuft wird, weil es eine tiefe Beziehung zu dem notwendigerweise Existierenden Wesen und Spender allen Lebens aufgebaut hat und fieberhaft nach Möglichkeiten sucht, Ihm nahe zu sein. Der folgende Vers bringt diese Form der Liebe und Erregung zum Ausdruck: Und Wir stärken ihre Herzen, als sie sich auflehnten und verkündeten: „Unser Herr ist der Herr der Himmel und der Erde, und wir werden niemals irgendeine andere Gottheit anstelle von Ihm anrufen; würden wir das tun, dann würden wir wahrlich eine Ungeheuerlichkeit aussprechen.“ (18:14)
  • Der Gipfel der Vortrefflichkeit ist jedoch das Finden. Er wird in einem Hadith beschrieben als Gott so anzubeten, als schaue Er uns beim Gebet zu5. Wird ein Mensch mit den brennenden Manifestationen der Existenz Gottes beehrt, so resultieren daraus die überschwänglichen Gefühle von Erstaunen und Erregung.

Die Ekstase ihrerseits lässt sich in drei Stufen unterteilen:

  • Auf der untersten Stufe steht eine Ekstase, die sich aus dem Nachdenken über die Zeichen Gottes speist, wie auch aus dem Bemühen, mit Hilfe der anderen Sinne und Talente eine gesunde und tiefe Beziehung zu Gott aufzubauen. Ein von dieser Art Ekstase erfülltes Herz schmeckt die Freuden des Glaubens an Gott und des Wissens um ihn. Es verschließt sich allen anderen als dem Allmächtigen.
  • Die zweite Stufe zeichnet sich dadurch aus, dass sich das Gewissen oder das bewusste menschliche Wesen für jene Inspirationen und Eingebungen öffnet, die weit jenseits der Aufnahmefähigkeit von Ohren, Augen und Verstand liegen. Wie weit dieses Sich-Öffnen geht, hängt ab von der inneren Reife des Herzens und den Gunstbeweisen, die ihm zufließen.
  • Die höchste Stufe der Ekstase bildet der unbeschreibliche Zustand, bei allen Tätigkeiten stets nur Ihn zu sehen und an Ihn zu denken, außerdem immer und überall Seine Begleitung zu spüren, ohne anderen Dingen Beachtung zu schenken. Auf dieser Stufe haben alle menschlichen Gaben Seine Farbe angenommen (mit der Er das ganze Universum eingefärbt hat). Wer diese Stufe erklommen hat, kann noch eine halbe Stufe höher hinaufsteigen und Dahscha (Verblüffung, Schrecken) verspüren. Eine ganze Stufe darüber hingegen wird er in einen Rausch (Hayman) fallen. Doch ist es schwer, diese beiden Zustände mit unserem gewöhnlichen menschlichen Wahrnehmungs- und Denkvermögen zu fassen.

O Gott! Dir gebührt aller Lobpreis für Dein Licht, mit dem Du uns den Weg gewiesen hast. Und aller Lobpreis sei Dir für Deine große Nachsicht, mit der Du uns vergibst. Dein Segen und Frieden sei auf dem, den Du als eine Gnade für die ganze Schöpfung gesandt hast, auf seiner Familie und seinen Gefährten!

(Aus der Zeitschrift Fontäne, Ausgabe 48, 2010)

 


1 Vereinfacht gesagt, gibt es zwei Arten von Attributen Gottes mit zwei Arten von Manifestationen. Zum einen die Attribute der Gnade, wie zum  Beispiel Barmherzigkeit, Mitgefühl, Liebe, Vergebung; und zum anderen die Attribute der Majestät: Überwältigen, Zwingen, Bestrafen usw. [Anm. des Übers.]

2 Mewlana Dschelaleddin Rumi (1207-1273) war einer der berühmtesten Sufimeister der islamischen Geschichte. Er gilt als der Gründer des Mevlevi-Ordens der Tanzenden Derwische. Sein wichtigstes Werk ist das Mathnawi, ein Epos des religiösen Lebens in sechs Bänden. [Anm. des Übers.]

3 Ibn Madscha,Sunan, „Iqamat as-Salah“, 9

4 Bukhari, Iman, 9; Muslim, Al-Dschami‘ as-Sahih, „Iman“, 67

5 Der Hadith lautet: Vollkommene Tugend (Ihsan) heißt, Gott anzubeten, als sähe man Ihn. Selbst wenn du Ihn nicht siehst, sieht Er dich ganz gewiss. Der Hadith erwähnt zwei Formen von Vortrefflichkeit: Gott so anzubeten, als sähe man Ihn, und Gott in dem Bewusstsein anzubeten, dass Er Seine Diener sieht. Erstere Form ist höher einzuschätzen. Bukhari, Iman, 37; Muslim, Iman, 1. [Anm. des Übers.]

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