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T. Akman
Liebesgeschichten gibt es schon solange, wie es Menschen gibt. Die Kraft der Liebe bewirkt, dass der Mensch es mit den schrecklichsten Feinden aufnimmt und sich schwierigster Aufgaben unterzieht, nur um mit dem geliebten Menschen glücklich zu werden. Alle Liebesgeschichten haben bestimmte Dinge gemeinsam: Zwei Menschen verlieben sich ineinander und tun buchstäblich alles dafür, zueinander zu finden. Dabei werden sie jedoch von dritter Seite, z.B. von Familienmitgliedern oder Verwandten, von Feinden oder durch eine schwierige gesellschaftliche Situation behindert. Dornröschen war von einer Hexe vergiftet worden. Romeos und Julias Familien waren Todfeinde. Cinderella war arm und wurde ignoriert.
Über einige dieser Liebesgeschichten mag man heute vielleicht lachen. Andere hingegen halten einen tieferen Sinn für uns bereit. Die mystische Interpretation der berühmten arabischen Liebesgeschichte von Layla und Madschnun aus dem siebten Jahrhundert ist eine originelle Variation des ewig jungen Themas, da sie den weithin bekannten Elementen ein weiteres ungewöhnliches hinzufügt. Layla und Madschnun verlieben sich ineinander, aber ihre Eltern stellen sich zwischen sie, ohne dass sie die Liebe der beiden ersticken können. Schließlich gibt es sogar ein Happy End. Ihre Originalität bezieht diese Geschichte aus der sufistischen (mystischen) Interpretation dieser Liebe, die die Liebe zu einem Menschen in Liebe zum Göttlichen verwandelt.
Arabische, persische und türkische Dichter haben im Laufe der Zeit viele verschiedene Interpretationen und Versionen geliefert. Der türkische Dichter Fuzuli schreibt z.B.: Layla und Qays (später Madschnun [der Verrückte] genannt) gehen gemeinsam zur Schule. Als sie älter werden, wird ihnen bewusst, dass sie sich lieben. Laylas Vater verbietet ihr, weiterhin die Schule zu besuchen und Qays zu sehen. Denn ihre unverhüllte Liebe zueinander erregt in der traditionellen Gesellschaft der Beduinen großes Aufsehen. Als der Vater von Qays bei Laylas Vater um die Hand ihrer Tochter anhält, lehnt dieser ab. Von Kummer zerfressen wird Qays verrückt. Er erhält den Spitznamen Madschnun, läuft von Zuhause weg und durchstreift die Wüste.
Sein Vater findet ihn und nimmt ihn mit auf Pilgerfahrt zur Kaaba, weil er hofft, diese Reise werde Qays wieder zur Vernunft bringen. Madschnun jedoch betet nicht für seine ‚Heilung‘, sondern dafür, dass seine Liebe so groß werde, dass man sich bis zum Ende der Zeit immer an seine Geliebte erinnern wird:
Wo auch immer Du (Gott) auf Leid stoßen wirst
in dieser Welt
wird mein schmerzendes Herz an dieses Leid gekettet sein.
Jeden Ansatz von Gefühl wird es mir entziehen
und mich eng an eine leidenschaftliche Liebe binden.
Für Layla lass mich brennen mit heißester Glut,
denn was ich in ihr sehe, ist mein eigenes Verlangen.1
Sein Wunsch wurde erfüllt und seine Liebe wuchs. Er kehrte in die Wüste zurück, verließ seine Familie und entsagte allen weltlichen Vergnügungen. Freunde brachten ihm gelegentlich Kleidung und etwas zu essen. Andere verurteilten seine ungezügelte Leidenschaft. Sie bezeichneten ihn als einen Verrückten, der nicht für diese Welt geschaffen sei. Es gab doch genügend Frauen, die er heiraten konnte. Was war das für ein brennendes Verlangen, das nur in der kalten Wüste in der Liebkosung der Nacht verschwand? Die Leute sagten:
Diese Flamme, die das Gemüt zum Kochen bringt,
speist sich aus dem Feuer der Jugend.
Wenn du dich von den Menschen zurückziehst,
wird diese lodernde Flamme erlöschen.2
Madschnun antwortete ihnen:
Ich bin Ihre Majestät, der König der Liebe.
Ich schäme mich nicht meiner Begierde.
Ein Bad der Reinheit hat mich gegen die
weltlichen Schmeicheleien der Lust immunisiert.
Ich habe mich von der Unreinheit der Lust befreit.
Ich habe den Markt der Leidenschaften zerstört.3
Die Liebe des Madschnun war weder weltlich, noch entsprach sie der Leidenschaft jugendlicher Gefühle. Nein, sie ging viel tiefer. Sie war eine Emotion, die nur auf einen Funken wartete, den Layla schließlich entzündete. Von diesem Moment an war seine Liebe außer Kontrolle:
Die Liebe zu dir wird für immer in meinem Herzen bleiben.
Dieses Geheimnis wird kein Mensch je lüften.
Dieses Geheimnis erfuhr ich mit der Muttermilch.
Und erst mit meiner Seele wird es mich verlassen.
Ich ernähre mich von der Liebe. Wenn meine Liebe stirbt,
werde auch ich sterben.
Mein ganzes Wesen wurde von der Liebe beeinflusst.
Mein Schicksal wird nur die Liebe sein.4
Diese herausragende Fähigkeit zu lieben war nicht dazu geschaffen zu Grunde zu gehen, sondern sollte erblühen. Denn sie war Madschnun aus einem ganz bestimmten Grunde gegeben worden: „Madschnuns Liebe wurde auch als eine Vorbereitung auf die göttliche Liebe betrachtet. Die irdische Schönheit ist wie ein Schleier, der die Schönheit Gottes verhüllt. Denn das menschliche Auge wäre nicht in der Lage, diese zu ertragen. Dadurch, dass der Mensch die irdische Liebe erfährt, wird er auf die göttliche vorbereitet. Dem persischen Mystiker Aynuqudat zufolge, der 1132 in Hamadan hingerichtet wurde, wollte Madschnun die Liebe, die er für Layla empfand, später Gott widmen. Die Liebe Madschnuns habe dabei einem Pferd geähnelt, das einem König vorbehalten ist, aber zuvor von anderen Menschen trainiert und eingeritten werden muss.“5
In der weiten öden Wüste denkt Madschnun an nichts anderes als an die Bedeutung der Liebe. Er fragt sich, warum sie den Menschen wohl geschenkt wurde, und verachtet Menschen, die wahrer Liebe nicht wert sind:
Liebe, die nicht ewig ist,
ist ein Spielzeug jugendlicher Lüsternheit.
Liebe ist etwas, das nicht abnimmt,
das keinen Schritt zurückweicht,
solange sie anhält.
Diese Liebe ist nichts, das die Fantasie anregt
und dann für immer verschwindet.6
Die Liebe ist ein Mysterium. Schon viele haben versucht zu erklären, was sie nicht ist bzw. nicht sein sollte. Was die Liebe aber genau ausmacht, ist viel schwieriger zu erklären. Denn ihre Quelle ist uns nicht bekannt. Sufis sind Menschen, die sich darum bemühen, die Quelle der Liebe aufzuspüren. Fethullah Gülen schreibt hierzu: „Ashq, (Leidenschaft oder intensive ekstatische Liebe), die der Geist ohne die Intervention des freien Willens fühlt, kann von jemandem, der von ihr ergriffen wird, nicht kontrolliert werden, denn ihre wahre Quelle ist Gott. Gott liebt Sich Selbst auf eine Art und Weise, die Seinem heiligen Wesen eigen ist und sich essenziell von der Liebe unterscheidet, die der Erschaffene für seinen Schöpfer empfindet. Diese heilige und elementare Liebe Gottes zu Sich Selbst, die auch Seine Attribute und Namen einschließt, veranlasste Ihn schließlich, die Welt zu erschaffen. Diese Liebe manifestiert sich auch in den Menschen als Liebe zu Gott. Sie ist das maßgebliche Zentrum für die Beziehung des Menschen zu Gott.“7
Madschnun verlor sich selbst in Layla und existierte nicht länger als Madschnun. Er durchstreifte die Wüste, die genauso unendlich weit wie Herz und Verstand des Menschen ist, und dachte dabei über Leben, Liebe und Trennung nach. Er entdeckte, dass sein Kummer eine Bedeutung hatte:
Ich habe meine Leidenschaft für Layla mit Layla gestillt,
einem Säufer ähnlich, der sich mit Wein betäubt.8
Diese tiefe geheimnisvolle Liebe wurde in Mystikerkreisen immer wieder diskutiert. Mystikern auf der Suche nach der wahren Liebe wurde das Beispiel des Madschnun vorgehalten. Sibli z.B. (1861-1945) verkündete in einer Rede: „Wenn jemand diesen Madschnun vom Stamme der Beni Amir nach Layla fragen sollte, würde er ihm entgegnen: ‚Ich selbst bin Layla.‘ Um der spirituellen Layla willen würde er der physischen Layla entsagen. Denn dadurch würde er für immer in ihrer Gegenwart sein können. Diese Betrachtungsweise bewirkte, dass er sich von allen Gedanken mit Ausnahme derer an Layla abwandte, und fortan alles, was er sah, nur noch um Layla willen sah.“ An anderer Stelle erklärte Sibli: „Madschnun vom Stamme der Beni Amir sagte immer dann, wenn er ein wildes Tier erblickte: ‚Layla!‘ Immer dann, wenn er einen Berg sah, sprach er ‚Layla!‘ und auch immer dann, wenn er Menschen begegnete - ‚Layla!‘ Ja sogar wenn er nach seinem Namen gefragt wurde, antwortete er: ‚Layla!‘“9
Hier wird deutlich, dass sich die Liebe Madschnuns in eine andere Art von Liebe verwandelt hatte. Sie war über jede Art von weltlicher Liebe hinaus gewachsen und ihre Wurzeln waren tiefer im Boden verwurzelt als es die Wurzeln jeder weltlichen Liebe jemals sein konnten:
Wer bin ich? Wie lautet mein Name?
Wie sehen sie mich,
wenn nicht als dein Schatten?
Ich betrachtet mich selbst als ein Nichts,
denn ich komme aus dem Nichts und
werde ein Nichts bleiben.
Das am schwierigsten zu überwindende Hindernis auf dem Weg zur wahren Liebe ist das menschliche Selbst (das Ego). Um mit dem geliebten Menschen ‚eins‘ zu werden, muss man sich selbst opfern. In den meisten Märchen wird dieses Opfer dadurch symbolisiert, das sich ein Held einem Feuer speienden Drachen entgegenstellt oder für die Geliebte irgendeine gefährliche Mission erfüllt. Der Held riskiert sein Leben, um die Geliebte zu erfreuen oder um zu ihr zu gelangen. Doch das eigene Selbst zu besiegen ist mindestens genauso schwierig. Ein Mensch, dem es gelungen ist, sein Selbst (und damit seine Leidenschaften) zu kontrollieren, wird auf dem Pfad der wahren Liebe voranschreiten. Madschnun erklomm jene Stufe des Verstehens, die die Sufis das Stadium des Wissens um Gott nennen. Das Verständnis der Sufis von wahrer Liebe basiert auf der islamischen Tradition: (Gott sagte:) „Ich bin ein verborgener Schatz. Ich möchte erkannt werden.“
William Stoddard beschreibt in seinem Buch Sufism, wie man sich dieses Wissen um Gott erwirbt: „Gott kann jedoch nur dann erkannt werden, wenn das menschliche Ego, das sich selbst instinktiv für ein unabhängiges Zentrum hält - für eine Art von ‚göttlichem Wesen‘ das das Wahre Wesen Gottes ergänzt - angesichts der unendlichen Größe Gottes in Übereinstimmung mit folgenden Worten ausgelöscht wird: ‚Es gibt keine Gottheit außer Gott!‘ Das bedeutet jedoch keineswegs, dass die unsterbliche Essenz der Seele zerstört werden muss. In jedem Fall muss man sich aber frei machen vom Morast des Verstandes, der aus Leidenschaften und Wunschträumen besteht, die entscheidend vom Ego beeinflusst werden. Denn dieser Morast hält das Bewusstsein auf der Ebene der vergänglichen Erscheinungsformen fest. Erst wenn dieser ‚Schleier‘ der Selbstsucht vom Geist abfällt, kann der Mensch die Dinge endlich so sehen, wie sie wirklich sind. Denn nur der Geist ist dazu in der Lage, die Essenz der Dinge zu schauen. Dann erst erkennen wir Gott in Seiner allumfassenden Gegenwart und begreifen, dass die Geschöpfe theoretische Möglichkeiten des Wesens Gottes sind.“10
Die natürlichen Bewohner der Wüste akzeptierten Madschnun, und so umgab er sich mit Rehen und wilden Vögeln. Er sah nicht mehr länger wie ein ‚normales‘ menschliches Wesen aus und verhielt sich auch nicht so. In einer Version der Geschichte wird davon erzählt, dass er ein Reh aus einer Falle befreite und ihm erzählte, er habe dies nur deshalb getan, weil es Layla ähnle. Die Menschen lieben Rehe, weil sie sie an die Attribute ihrer Geliebten erinnern. Dies gilt für alles Schöne auf dieser Welt. Es wird geliebt, weil es den Schönen Einen reflektiert. Madschnun gefiel das Reh, weil er in ihm ein Abbild Laylas sah. Das Reh trug einige Zeichen, die Madschnun an Layla erinnerten. Alles, was ihn umgab, alles, was materiell und erschaffen war, hatte für ihn keinerlei eigenständige Bedeutung. All diese Dinge konnten nicht um ihrer selbst willen von Madschnun geliebt werden, denn für den Drang, sie um ihrer selbst willen zu lieben, gab es im Herzen Madschnuns keinen Platz.
Eines Tages begegnete Layla Madschnun zufällig in der Wüste. Da brach sie in Tränen aus und bot ihm ihre Liebe dar.
Auf Laylas Worte „Ich bin es, Layla!“ hin, soll Madschnun einer Version der Geschichte zufolge verblüfft geantwortet haben: „Wer ist Layla?“. Diese Frage markierte gleichzeitig den Höhepunkt dieser Version. Madschnun, der seinen Namen seinem gebrochenen Herzen zu verdanken hatte, hatte damit eine höhere Ebene der Liebe erklommen. Er besaß nun keine Ähnlichkeit mehr mit jenem Mann, von dem einst folgende Gedanken stammten:
Davon zu sprechen, wer ich ist und wer du,
wäre unangebracht.
In unserem Schicksal gibt es keine Dualität.
Hier bin ich. Alles andere ist nichts als ein schönes Bildnis.
Hier bist du. Alles andere ist nichts als Staub.11
Nizamis Version der Geschichte enthüllt, dass Madschnun zum Asketen wurde:
Die Liebe zu dir ist in meinem Innern verankert,
was brauche ich da noch dein Abbild?
Da mir die Liebe zu dir erschienen ist,
ist es nur gut, dass dein Antlitz verschwindet.12
Einer anderen Version zufolge wiederholte Madschnun das Wort Layla sooft, dass es schließlich zu ‚Mawla‘ (Schöpfer) wurde. Die freudige Liebe der Sufis wird ständig von den strahlenden Reflexionen des Geliebten, von dem sie Tag und Nacht Zeugnis ablegen, gespeist. Sie haben eine andere Sichtweise vom Leben als der normale Mensch. Wer das, was sie sehen, nicht erkennt, wird sie für ‚madschnun‘ halten.
Schließen möchte ich meine Ausführungen mit den Worten dieses weisen Verrückten:
Was nützt mir eine sterbliche Layla?
Ich brauche eine Layla, die lebendig bleibt.
Schau und sieh, warum ich mit der Welt gebrochen habe
und „Layla, Layla!“ gerufen habe.
Doch auch mit Layla werde ich brechen,
und dann wird nur noch Gott übrig bleiben.13
(Aus der Zeitschrift Fontäne, Ausgabe 17, 2002)
1. Sofi Huri (Übers.), Leyla and Mecnun by Fuzuli. London 1970, S. 191
7. Gülen, M. Fethullah; Key Concepts in the Practice of Sufism. Virginia 2000
8. Huri; Leyla and Mecnun, S. 55
10. Stoddard, William; Sufism. New York 1986, S. 45
11. Huri; Leyla and Mecnun, S. 72
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