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E. Dumanli
Der griechische Philosoph Plato beschrieb die sichtbare Welt einmal als eine Höhle, in der die Menschen und die physischen Objekte, die sie umgeben (das, was wir sehen, hören oder ganz allgemein: erfahren), wie Gefangene zusammen leben. Seit damals hat sich einiges geändert. Erfindungen wurden gemacht und viele Annehmlichkeiten versüßen uns das Leben. Trotzdem stellt sich die Frage: Leben wir heute immer noch in unserer Höhle oder haben wir uns inzwischen befreit?
Um diese Frage zu beantworten, möchte ich zunächst einmal auf die technischen Neuerungen des 20. Jahrhunderts eingehen und deren Einfluss auf die Seele des Menschen beschreiben. Die industrielle Revolution hat unsere traditionelle Lebensweise sehr stark verändert. Moderne Technologien haben viele Verbesserungen in den Bereichen Produktion und Transport hervorgebracht. Diesen Wandel dokumentieren auch Literatur und Kunst des 20. Jahrhunderts.
Mensch und Technologie
Im Jahre 1909 veröffentlichte der italienische Schriftsteller Marinetti sein Manifest des Futurismus, das sehr gut zeigt, wie sehr die Entwicklung neuer Technologien auch die Intellektuellen beeinflusste. Marinetti war der Auffassung, eine neue Schönheit habe die Welt erobert, die Schönheit der Geschwindigkeit: „Wir stehen auf dem letzten Gebirge der Jahrhunderte. Warum sollten wir zurückschauen? Alles, was wir wollen, ist, die geheimnisvollen Türen des Unmöglichen aufzubrechen. Zeit und Raum sind gestern verstorben. Schon wir leben im Absoluten denn wir haben die ewige allgegenwärtige Geschwindigkeit erschaffen. Wir werden alle Arten von Museen, Bibliotheken und Akademien zerstören und Moralismus, Feminismus und jede Art von opportunistischer oder praktischer Feigheit bekämpfen.“1
Diese Einstellung ist durchaus nachvollziehbar, denn ihre Anhänger glaubten, die moderne Technologie würde ihnen Möglichkeiten bieten, die sie sich niemals hätten träumen lassen. Die Aussichten der Technologie faszinierten sie. Wenn wir heute zurückschauen, sehen wir jedoch, dass die moderne Technologie einen neuen Menschentyp hervorgebracht hat, einen Menschen, der von Maschinen abhängig ist. Die Beschäftigung mit Maschinen und das Scheffeln von Geld sind inzwischen zum Lebensinhalt des modernen Lebens geworden. Traditionelle zwischenmenschliche Beziehungen und kulturelle Werte werden von dieser Entwicklung bedroht. Viele Menschen fühlen sich in einer von der Technologie dominierten Gesellschaft einsam und allein gelassen. Wir fragen uns deshalb: Inwieweit wird die Menschheit von Maschinen beherrscht, und warum fühlen sich die Menschen so isoliert?
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es Menschen wie Marinetti und andere Futuristen, die von den Möglichkeiten der Technologie fasziniert waren und sie für wunderbar hielten. Auf der anderen Seite standen Menschen, die so schön von Charlie Chaplin dargestellt wurden: Arbeiter, die tagaus tagein nichts anderes taten, als Schrauben festzuschrauben und dann irgendwann begannen, überall nur noch Schrauben zu sehen. Die vielleicht schlimmste Errungenschaft des vergangenen Jahrhunderts bestand darin, dass die Menschen anfingen, sich als Maschinen oder als Teile von Maschinen zu fühlen. Diese Entwicklung setzte sich im Laufe des Jahrhunderts fort.
Das neueste Modell moderner Technologie ist der ‚Cyberspace‘, ein Raum, in dem der Mensch alle Arten von Informationen finden kann. Die Datenautobahn Internet ist der bekannteste Repräsentant dieses Cyberspace. Ein Mensch, der in hohem Maße vom Internet und anderen technischen Neuerungen Gebrauch macht, wird als ‚digitaler Mensch‘ bezeichnet. Obwohl uns das digitale Medium eine ganz neue Informationsquelle bietet, wissen wir bislang nicht, wie wir diese am besten nutzen können und welchen Informationen wir trauen können. Wird die elektronische Demokratie gar unser altes Demokratiemodell ersetzen? Ist die technologische Globalisierung vielleicht nur eine Illusion?
Kernpunkte
Der Mensch muss lernen, moderne Technologien zu nutzen und den Informationsfluss zu steuern. Denn ignorieren kann er sie nicht. Der technologische Fortschritt wird auch weiterhin eine wichtige Rolle im Leben des Menschen spielen. „Wissenschaft und Technologie sind isoliert betrachtet eigentlich unproblematisch. Bedenklich ist nur, dass sie vom gierigen pan-kapitalististischen System weiterentwickelt, eingesetzt und kontrolliert werden. Die Hauptströmung technologischen Fortschritts wird durch eine gestiegene Effizienz in der militarisierten Produktion von Gewalt und/oder potenzielle Gewinne in zivilen Märkten gesteuert.“2
Ein weiterer wichtiger Punkt: Mit dem Einsatz moderner Technologien wurde und wird versucht, einen ‚Cyberkörper‘ zu erschaffen. In der Zukunft werden Forscher dazu in der Lage sein, ‚digitales Fleisch‘ zu produzieren, mit dem sie unsere Fähigkeiten verbessern können. Schon heute können wir beobachten, dass Technologien immer mehr Einfluss auf den Körper des Menschen gewinnen. Die Laserchirurgie korrigiert unser Auge und synthetischer Zahnersatz hilft uns beim Kauen. In Zukunft werden Menschen, denen neue Produkte des technologischen Fortschritts eingesetzt werden, sich vielleicht fragen, ob sie Menschen oder Roboter sind.
Die Technologie greift in unsere Privatsphäre ein. Bei der Geburt erhält der Mensch eine Geburtsurkunde, die schon kurz darauf ‚online‘ geht. Schulakten, Versicherungsakten, Strafakten, Verbraucherakten usw. - sie alle existieren im Cyberspace. Das Internet ist zu einem Online-Marktplatz geworden und breitet sich immer weiter aus.
Obwohl wir aber ‚vernetzt‘ sind und im Prinzip mit der ganzen Welt in Verbindung stehen, haben unsere sozialen Beziehungen unter dieser Vernetzung gelitten. Es ist anzunehmen, dass sich die Beziehungen zwischen Lehrer und Schüler, Käufer und Verkäufer, Eltern und Kind in den nächsten Jahren noch dramatischer verändern werden, als bis jetzt schon. Die wichtigste Frage, die wir uns stellen müssen, lautet: Wie können wir ein Gleichgewicht finden, das uns Glück und Hoffnung für Leib und Seele garantiert? Denn der Mensch besteht nicht allein aus einem Körper, der essen, schlafen und sich ausruhen muss. Auch unsere Seelen brauchen Nahrung.
Ein Hauptkonflikt unseres technologischen Zeitalters, die Krise der Moderne, wird zwischen religiösen und metaphysischen Ideen ausgefochten. Nietzsche behauptete, Gott sei tot. Natürlich hatte er Unrecht, denn er und andere Philosophen konnten sich nicht vorstellen, dass spirituelle Bedürfnisse in unserer Zeit noch einmal so wichtig werden könnten. Auch heute sucht die moderne Gesellschaft immer noch nach Themen, die ihren spirituellen Hunger stillen. Wir werden eine Geisteshaltung entwickeln müssen, die metaphysische Ideen, wissenschaftliche Innovationen und religiöse Gedanken miteinander vereint. Erst dann wird es uns gelingen, unsere spirituellen und physischen Bedürfnisse zu erfüllen. Sollten wir jedoch nicht in der Lage sein, diesen Weg einzuschlagen, werden wir uns niemals frei fühlen.
(Aus der Zeitschrift Fontäne, Ausgabe 13, 2001)
1 Marinetti, F.T.; The Manifesto of Futurism. Le Figaro, 20.02.1909
2 Critical Arts Ensemble Staff, Critical Art Ensemble; The Flesh Machine: Cyborgs, Designer Babies and New Eugenic Consciousness. Autonomedia 1998, S. 7-8
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