Die letzte Stunde
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Dr. Nazim Intepe

Es war einer meiner ersten Tage in der Notaufnahme. Ich hatte gerade meinen Abschluss gemacht, und mein neuer Job erfüllte mich mit Freude und Aufregung. Mein Titel „Herr Doktor“ klang mir noch sehr ungewohnt im Ohr. Wie in jeder anderen Notdienststelle eines großen Krankenhauses war es auch hier sehr hektisch. An der Seite der erfahrenen Fachärzte fiel mir noch recht wenig Verantwortung zu. Also bemühte ich mich erst einmal darum, zu beobachten, was um mich herum so vor sich geht, und Erfahrungen zu sammeln.

Eines Nachts, es war gegen halb zwei, schleppten zwei Frauen einen 16- oder 17-jährigen etwas dicklichen Jungen mit braunen Haaren ins Krankenhaus. Da er allein nicht mehr gehen konnte, mussten sie ihn stützen, und ein Mann, der sich als Vater des Jungen zu erkennen gab, kam völlig außer Atem herbeigelaufen und schrie: „Rettet meinen Kleinen! Rettet mein Kind!“

Der diensthabende Arzt hatte sich aus Müdigkeit in seinen Sessel vergraben und eine Weile geschlafen, doch sofort schreckte er hoch. Und während sich die Krankenschwestern um den Jungen und die Frauen kümmerten, redete der Mann auf den nun hellwachen Arzt ein: ,,Herr Doktor, mein Sohn hat versucht, sich mit Tabletten umzubringen. Als seine Mutter es bemerkt hat, haben wir ihn sofort hergebracht.“ „Haben Sie die Packungen von den Tabletten, die er genommen hat, bei sich?’’, fragte ihn der Arzt. Der Mann holte drei Schachteln aus seiner Jackentasche und gab sie dem Arzt. „Hiervon hat er 15 bis 20 Stück genommen, von diesen ungefähr 10 und von denen dort 3 bis 5.“ „Wissen Sie, wann er sie genommen hat?“, fragte der Arzt weiter. „Das muss vor zwei Stunden gewesen sein!“, vermutete der Mann. Der Blick des Arztes ging zu den Schachteln, dann zu dem Jungen und zurück zu den Schachteln. Schließlich schüttelte er bedauernd den Kopf und sagte: „Schade! Sehr schade!“ Die besorgte Familie wartete darauf, dass er weitersprechen und ihnen einige Vorschläge machen würde, doch kein Wort kam ihm mehr über die Lippen.

Ich selbst hatte die ganze Zeit dabei gestanden und ging davon aus, dass man nun den Magen des Jungen auspumpen würde. Doch nichts geschah. Eine kurze Zeitlang herrschte Schweigen, bis der Vater sie durchbrach: „Was werden wir tun, Herr Doktor?“ Das Gesicht des Arztes wurde immer ernster. Er biss sich auf die Lippe und schüttelte ratlos den Kopf. Auch seine Hände verrieten Hilflosigkeit. Schließlich verkündete er: „Es tut mir leid! Es gibt nichts, was wir noch tun könnten. Diese Tabletten sind… Und noch dazu sind Sie zu spät gekommen.“

Das traf die Familie wie ein Donnerschlag. Sie rissen die Augen auf und erbleichten. Das Gesicht des Jungen war verzerrt vor Angst. Erschüttert war er vor allem deshalb, weil die Stimme des Arztes so bestimmt und ernst klang und keinen Widerspruch duldete. Hatten ihn seine Mutter und seine Schwester zuvor noch mit Mühe und Not auf den Beinen halten können, gaben nun seine Knie nach und er sackte zu Boden. Ähnlich erging es den übrigen Familienmitgliedern, die plötzlich keine Kraft mehr hatten zu stehen und sich setzen mussten. Der Vater und die Mutter murmelten unverständlich vor sich hin, bis der Vater sich mit schwacher Stimme erneut an den Arzt wandte: „Was passiert nun, Herr Doktor? Können Sie denn wirklich gar nichts tun?’’ „Es ist zu spät. Es würde nichts bringen. Wahrscheinlich haben wir den Jungen in einer Stunde verloren. Lasst ihn uns aber trotzdem unter Beobachtung behalten!“

Ich war fast genauso schockiert wie die Familie. Dem Gesicht des Jungen war zu entnehmen, dass Todesangst und Hoffnungslosigkeit bereits völlig Besitz von ihm ergriffen hatten. Ich fragte mich, woran er in diesem Moment wohl dachte, den Tod so nahe vor Augen. Natürlich, für jeden von uns kommt irgendwann der Moment, da der Tod nur mehr eine Stunde entfernt ist. Allerdings neigen wir dazu, das im Hin und Her und Auf und Ab des Lebens zu vergessen oder es zumindest weit von uns zu weisen. Wahrscheinlich ging dem Jungen jetzt seine Vergangenheit durch den Kopf. Vielleicht dachte er an seine Freunde und seine Familie oder an das Leben nach dem Tod, das für ihn in einer Stunde beginnen würde. Vielleicht fragte er sich, wie man in seiner Abwesenheit über ihn denken und sprechen würde. Womöglich hatte er auch noch Pläne, die er nun nicht mehr würde verwirklichen können. Andererseits machte er einen völlig konfusen Eindruck. Anscheinend hatte er keine Idee, wie er seine letzte Stunde verbringen sollte.

Auf der anderen Seite ging das Leben im Krankenhaus weiter. Ein weiterer Kranker wurde auf einer Bahre in die Notaufnahme gebracht. Und ein anderer Arzt kam herein, offensichtlich um sich ein wenig zu unterhalten. Nebenan spielte im Radio Musik. „Leben und Tod liegen so dicht beieinander“, sagte ich zu mir selbst.

Der Vater nahm sich zusammen, war nicht bereit, schon aufzugeben. Flehend wiederholte er seine Frage von vorhin: „Können Sie denn nicht irgendetwas tun, Herr Doktor? Gibt es wirklich keine Hoffnung mehr?“ Der Arzt, der eben hereingekommen war, erkundigte sich bei seinem Kollegen, was los sei. Dieser informierte ihn beiläufig: „Ein Selbstmordversuch. Leider ist es zu spät, um irgendwelche Maßnahmen zu ergreifen. Warten wir also ab. Den Bericht schreiben wir später.“ Der Junge vernahm seine Worte voller Entsetzen. Mit zittriger Stimme und schlechtem Gewissen beschwor er den diensthabenden Arzt: „Was auch immer getan werden muss, um mich zu retten - ich bin zu allem bereit! Ich flehe Sie an, Herr Doktor, ich will nicht sterben!“ Der Arzt aber nahm keine Notiz von ihm und ging weiter seiner Arbeit nach, als sei nichts weiter Ungewöhnliches geschehen.

Ich selbst hatte noch nie zuvor jemanden gesehen, der dem Tod so nahe war und dazu noch so jung. Ich stellte mir vor, wie wir im Leichenschauhaus eine Autopsie an dem Jungen durchführen würden. Dieser lebendige Körper hier neben mir würde sich schon bald nicht mehr rühren. Wir würden ihn im Rahmen der Autopsie aufschneiden, einen Bericht verfassen und ihn dann sich selbst überlassen. Leben und Tod… leben und sterben… jung sein, alt sein, das Leben verstehen, den Tod akzeptieren… das Leben als Tor zum Tod begreifen… in jedem Augenblick auf den Tod vorbereit sein, sich bereit fühlen… sich den Tod vergegenwärtigen… Leben und Tod einen Sinn abgewinnen… - all diese Gedanken schwirrten mir im Kopf herum, bis ich kaum noch klar denken konnte.

Als der Arzt den Raum verließ, folgte ich ihm, fasste mir ein Herz und fragte: „Herr Kollege! Bestände nicht wenigstens die Möglichkeit, sein Blut durch eine Infusion und ein harntreibendes Mittel zu reinigen?“ Da drehte er sich um und sagte: „Schau, mein Lieber, wir haben hier viele alte Menschen, die zu krank sind, um sich auf den Beinen zu halten. Aber sogar die kämpfen, um nur ein wenig länger am Leben zu bleiben. Und dann kommt da dieser 17-jährige Junge und versucht sich das Leben zu nehmen. Wenn er sterben will, okay. Warum sollen ausgerechnet wir seinem Wunsch im Wege stehen? Lassen wir ihn nun erstmal allein! Vielleicht wird er ja dann begreifen, wie wertvoll das Leben ist und wie viel Schmerz er seiner Familie zugefügt hat! Es wird ihm sicherlich nicht schaden, wenn er daran erinnert wird, dass er ein Diener Gottes ist, und eine Weile über das Leben, den Tod und das Leben nach dem Tod nachdenkt.“ Dann hielt er kurz inne, um einen Moment später - zu meinem großen Erstaunen - in schallendes Gelächter auszubrechen: „Hast etwa auch du geglaubt, dass der Junge sich in einem kritischen Zustand befindet?“ „Was soll das heißen?“, entgegnete ich verblüfft, „wird er etwa nicht sterben?’’ Da zeigte er mir lachend die Schachteln mit den Tabletten, die ihm der Vater des Jungen gegeben hatte: In seiner Hand hielt er Vitamintabletten, Hustenmittel und eine schleimlösende Arznei.

 

(Aus der Zeitschrift Fontaene, Ausgabe 43, 2009)
 

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