SOZIALE SOLIDARITÄT
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A. Sahin

Im vor-islamischen Arabien teilten sich die Menschen in Stämme und Familienclans auf. Sie befanden sich ständig miteinander im Kriegszustand. Die Rivalität zwischen ihnen war derart ausgeprägt, dass beispielsweise Abu Dschahl, der Erzfeind des Propheten Muhammads einmal eingestand:

„Ich weiß, dass Muhammad ein Prophet ist. Aber wir – die Banu Machzum – und die Haschimiten haben immer in allen Angelegenheiten im Konkurrenzstreit gelegen. Sie haben Armeen befehligt und wir ebenso. Sie haben den Pilgern Speisen und Getränke angeboten und wir ebenso. Sie haben das Banner der Quraisch getragen und wir ebenso. Aber jetzt haben sie einen, der für sich in Anspruch nimmt, frohe Botschaften von den Himmeln zu erhalten. Weil ein weiterer wie er aus unseren Reihen nicht kommen wird, werde ich nie und nimmer an ihn glauben.“

Dann kam jedoch der Koran und verbot Diskriminierung auf Grund von Rasse oder Farbe oder Stammeszugehörigkeit und ermahnte alle Gläubigen eindringlich wie Brüder zu sein:

Die Gläubigen sind Brüder. So stiftet Frieden unter euern beiden Brüdern und fürchtet Allah; vielleicht findet ihr Barmherzigkeit.

(Koran, 49:10)

Die Geschichte ist niemals Zeuge einer weiteren Ära geworden, die gesegneter gewesen wäre als die Zeit des Propheten Muhammad, denn die Menschen behandelten sich gegenseitig liebevoller und aufrichtiger als leibliche Brüder.

Als die Muslime von Mekka nach Medina auswandern mussten, hießen die Muslime in Medina, die dann den Namen „die Helfer“ erhielten, ihre aus Mekka kommenden Religionsbrüder derart herzlich willkommen, dass sie mit ihnen alles teilten, was sie besaßen. Der Prophet Muhammad stiftete unter ihnen Brüderlichkeit. Er machte Sa`d Ibn Ar-Rabi` zu einem Bruder von `Abdurrahman Ibn `Auf. Sa`d Ibn Ar-Rabi` nahm `Abdurrahman Ibn `Auf mit in sein Haus, und als er ihm seine beiden Ehefrauen vorstellte, sagte er: „Bruder, du bist nur um Allahs willen hierher gekommen und hast alles, was du in Mekka besessen hattest, zurückgelassen. Dies ist mein Haus, und dies sind meine Ehefrauen. Du kannst mein Haus und alles, was sich in ihm befindet, benutzen, wie du es wünschst. Du kannst weiterhin eine meiner beiden Gattinnen erwählen. Wenn sie damit einverstanden ist, werde ich mich von ihr scheiden lassen, damit du sie heiraten kannst.“

`Abdurrahman entgegnete: „Bruder, möge Allah dein Haus und deine Ehefrauen segnen! Zeig mir bitte den Weg zum Markt! Ich werde ein Seil kaufen und es dafür verwenden, Holz zu bündeln und es auf dem Markt zu verkaufen.“

Ein weiteres Beispiel zeigt die Solidarität unter den Gläubigen im Zeitalter der Glückseligkeit: Abu Talha, der zu den Helfern gehörte, war in der Moschee, als der Prophet Muhammad gerade seinen Gefährten den neu offenbarten Vers

Nimmer erlangt ihr die Gerechtigkeit, ehe ihr nicht spendet von dem, was ihr liebt....

(Koran, 3:92)

übermittelte. Da stand Abu Talha auf und sagte: „Am meisten von meinen irdischen Besitztümern liebe ich meine Obstplantage mit 600 Dattelpalmen, die ihr kennt. Von diesem Augenblick an gehört sie mir nicht mehr. Ich stelle sie euch zur Verfügung. Ihr könnt mit ihr machen, was ihr wollt! Ihr könnt sie unter den Armen aufteilen, ganz wie ihr es wünscht.“

Dann machte er sich auf den Weg nach Hause. Seine Ehefrau Umm Sulaim saß gerade unter einem Baum in eben jener Obstplantage. Sie rief ihrem Ehemann zu, der außerhalb der die Obstplantage umgebenden Mauer stehen geblieben war: „Abu Talha! Warum stehst du dort herum? Komm doch her zu mir!“ „Ich kann nicht! Du musst deine Sachen nehmen und die Obstplantage verlassen!“ „Warum?“ „Diese Obstplantage gehört uns nicht mehr. Sie gehört jetzt den armen Menschen in Medina.“ „Hast du sie aus Nächstenliebe nur in deinem Namen oder in unserer beider Namen abgegeben?“ „In unserer beider Namen.“ „Möge Allah an dir Wohlgefallen haben! Immer wenn ich die Armen sah, habe ich mich gefragt, warum wir ihnen diese Obstplantage nicht als Wohltätigkeit geben sollten, aber ich habe mich nicht getraut, es dir zu sagen, weil ich nicht wusste, ob du bereit wärest dies zu tun. Möge Allah von uns Gutes annehmen! Ich werde die Obstplantage sofort verlassen.“

(Aus der Zeitschrift Fontäne, Ausgabe 5, 1999)

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