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Der Prophet Muhammad und das Volk, aus dem er hervorging
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Der Prophet Muhammad kam im Herzen einer Wüste zur Welt. Sein Vater verstarb bereits kurz vor seiner Geburt und seine Mutter als er sechs Jahre alt war. Daher blieb ihm jede Ausbildung, in deren Genuss ein arabisches Kind zu jener Zeit normalerweise kam, versagt. Der Prophet verließ Mekka und die Arabische Halbinsel nur zweimal: Als Jugendlicher begleitete er seinen Onkel Abu Talib auf einer Handelsreise. Die zweite Reise unternahm er, als er selbst für die wohlhabende mekkanische Händlerin Khadidscha, die er später im Alter von 25 Jahren dann heiratete, eine Handelskarawane in die gleiche Region führte. Nach ihrer Heirat lebten Muhammad und Khadidscha fast 20 Jahre lang bis zu ihrem Tode zusammen. Da er Analphabet war, hatte Muhammad nie die Gelegenheit gehabt, irgendwelche religiösen jüdischen oder christlichen Texte zu lesen, geschweige denn sich mit ihnen vertraut zu machen. Allgemein waren damals in Mekka Vorstellungswelt und Sitten vom Götzenglauben geprägt und von jüdischem und christlichem Gedankengut fast gänzlich unberührt. Sogar die Hanifen (Männer, die einige Gebote der reinen Religion Abrahams in einer verzerrten und undeutlichen Form befolgten) unter den Arabern von Mekka, die die Verehrung von Götzen zurückwiesen, waren weder durch das Judentum, noch durch das Christentum beeinflusst. Und auch in das poetische Erbe, das uns von den Literaten jener Zeit hinterlassen wurde, hatten jüdische oder christliche Gedanken scheinbar keinen Eingang gefunden. Hätte der Prophet auch nur geringe Anstrengungen unternommen, sie kennen zu lernen, wäre das sicherlich registriert worden. Darüber hinaus hatte Muhammad vor seiner Prophetenschaft auch Distanz zu den damals populären intellektuellen Formen der Poesie und Rhetorik gehalten. Vor seiner Prophetenschaft hatte der Gesandte Gottes allenfalls durch seine moralische Integrität, seine Aufrichtigkeit und seine Vertrauenswürdigkeit von sich reden gemacht. Denn nie hat man je aus seinem Mund eine Lüge vernommen; selbst seine größten Feinde haben ihn während seines ganzen Lebens bei keiner einzigen Gelegenheit beschuldigt, die Unwahrheit zu sprechen. Gewöhnlich sagte er freundlich seine Meinung und benutzte keine obszönen Wörter oder Kraftausdrücke. Er verfügte über eine einnehmende Persönlichkeit und ausgezeichnete Sitten, mit denen er die Herzen derer, die Kontakt zu ihm pflegten, gewann. In seinen Beziehungen zu anderen Menschen folgte er stets den Prinzipien von Gerechtigkeit, Nächstenliebe und Fairness. Niemals betrog er jemanden oder brach sein Versprechen. Jahrelang trieb Muhammad Handel, aber nie ließ er sich auf eine betrügerische Transaktion ein. Seine Geschäftspartner besaßen volles Vertrauen in seine Integrität. Das ganze Volk nannte ihn Al-Amin (der Vertrauenswürdige und Zuverlässige). Selbst seine ärgsten Widersacher gaben ihre kostbaren Wertgegenstände in seine Obhut, und er rechtfertigte ihr Vertrauen. In einer Gesellschaft, die unbescheiden bis zum Exzess war, war er die Bescheidenheit in Person. Geboren und aufgewachsen unter Menschen, die Trunkenheit und Glücksspiel für Tugenden hielten, rührte er selbst nie einen Tropfen Alkohol an und beteiligte sich auch nie am Glücksspiel. Obwohl er von herzlosen Menschen umgeben war, floss sein eigenes Herz schier über von der Milch menschlicher Güte. Er half den Waisen, den Witwen und den Armen und war Reisenden gegenüber gastfreundlich. Er tat niemandem je etwas zuleide, im Gegenteil nahm er Unannehmlichkeiten auf sich, nur um anderen etwas Gutes zu tun. Aus den Fehden seines Stammes hielt er sich heraus und sorgte stattdessen für Versöhnung. Er verneigte sich niemals vor irgendwelchen erschaffenen Dingen und nahm auch nie - nicht einmal in seiner Kindheit - an Götzenanbetungen teil. Er hasste alle Arten von Verehrung, die Geschöpfen oder anderen Dingen galten, und nicht Gott. Kurz: Die alles überstrahlende Persönlichkeit dieses sanftmütigen Mannes ragte aus der umnachteten, dunklen Welt seiner Zeit heraus wie ein Leuchtturm, der die pechschwarze Nacht erhellt, oder wie ein Diamant, der in einem Haufen gewöhnlicher Steinen funkelt.

Dann plötzlich jedoch geschah etwas Ungewöhnliches mit ihm. Sein Herz wurde vom Licht Gottes erleuchtet und spendete ihm endlich die Kraft, um die er Gott gebeten hatte. Also trat er heraus aus der Enge der Höhle, in die er sich regelmäßig zurückzuziehen pflegte, ging auf die Menschen seiner Gemeinschaft zu und verkündete ihnen sinngemäß etwa Folgendes:

Die Götzen, die ihr verehrt, sind nichts als Schwindel. Hört auf, sie zu verehren! Kein sterbliches Wesen, kein Stern, kein Baum, kein Stein und kein Geist ist es wert, vom Menschen angebetet zu werden. Das ganze Universum mit allem, was es beinhaltet, gehört Gott, dem Allmächtigen. Er allein ist der Schöpfer, der Erhalter, der Stützer - und damit der wahre Herrscher, vor dem sich alle verneigen sollten, zu dem alle beten und dem alle gehorchen sollten. Ihn allein betet an, und gehorcht Seinen Befehlen!

Diebstahl und Plünderung, Mord und Vergewaltigung, Ungerechtigkeit und Grausamkeit - all die Übel, derer ihr frönt, sind in den Augen Gottes Verbrechen. Lasst ab von ihnen! Sprecht die Wahrheit! Seid gerecht! Tötet nicht! Wer einen Menschen ungerechtfertigt tötet, soll behandelt werden, als hätte er die ganze Menschheit getötet, wer aber einem anderen das Leben rettet, soll behandelt werden, als hätte er das Leben der ganzen Menschheit gerettet. Raubt niemanden aus! Nehmt euch nur das, was euch zusteht! Seid gerecht und gebt auch anderen, was ihnen zusteht!

Stellt Gott keine anderen Götter zur Seite, oder ihr werdet von Gott verdammt und verlassen werden! Seid gut zu euren Eltern; wenn Vater oder Mutter an eurer Seite alt geworden sind, sagt nichts Böses über sie, und schimpft nicht mit ihnen; sprecht respektvoll mit ihnen, und senkt barmherzig die Flügel der Demut auf sie herab! Gebt den Verwandten, was ihnen zusteht, gebt den Bedürftigen und den Reisenden, und seid niemals verschwenderisch! Erschlagt eure Kinder nicht aus Sorge vor Armut oder aus anderen Gründen! Haltet euch fern vom Ehebruch; er ist anstößig und von Übel! Haltet euch auch vom Eigentum der Waisen und Schwachen fern!

Erfüllt euer Versprechen; denn danach wird man euch beurteilen. Erfüllt beim Messen das Maß, und messt mit einer ordentlichen Waage! Begehrt nicht Dinge zu wissen, die ihr nicht wissen solltet; dazu werden eure Ohren, eure Augen und euer Herz befragt werden. Stolziert nicht überheblich über die Erde; weder werdet ihr die Erde in ihrer ganzen Tiefe spalten noch die Höhe von Bergen erreichen. Sprecht zueinander in freundlichem Ton; denn der Satan wird Streit zwischen euch provozieren, wenn ihr Kraftausdrücke benutzt. Haltet eure Wangen anderen nicht in Verachtung und Zorn entgegen, und zieht nicht voller Schamlosigkeit durchs Land! Gott liebt keine Aufschneider und Prahlhänse. Seid darum bescheiden in eurer Haltung, und zügelt eure Stimme! Lasst kein Volk ein anderes verspotten, das in Gottes Augen vielleicht besser ist! Nörgelt nicht an anderen herum, und verunglimpft einander nicht mit Spitznamen! Hütet euch vor zu viel Misstrauen; denn Misstrauen ist eine Sünde. Spioniert nicht, und verleumdet niemanden! Seid zuverlässige Anhänger der Gerechtigkeit und Zeugen Gottes, selbst wenn ihr dabei euch selbst, euren Eltern oder euren Verwandten schadet, und egal ob ihr reich oder arm seid! Geht nicht in die Irre, indem ihr euren Launen folgt! Seid gerechte und standhafte Zeugen Gottes, und lasst euch durch euren Hass auf bestimmte Leute nicht dazu verführen, ungerecht zu handeln!

Beherrscht euren Zorn, und vergebt euren Mitmenschen ihre Vergehen! Die gute und die schlechte Tat sind nicht gleich; daher erwidert die schlechte Tat mit einer guten. Der, dem ihr in Feindschaft gegenüber standet, wird euch dann zu einem verlässlichen Freund werden. Die Vergeltung einer schlechten Tat mit Schlechtem ist genauso schlecht wie die schlechte Tat selbst. Wer aber dem schlecht Handelnden vergibt und ihn durch Freundlichkeit und Liebe bessert, dessen Belohnung ist bei Gott. Trinkt keinen Alkohol, und gebt euch nicht dem Glücksspiel hin! Beides ist von Gott untersagt.

Ihr seid Menschen, und in den Augen Gottes sind alle Menschen gleich. Keiner ist mit dem Makel der Schande auf dem Gesicht geboren, keiner kam mit dem Mantel der Ehre, die um seinen Nacken hängt, auf die Welt. Allein der ist erhaben und ehrwürdig, der gottesfürchtig und fromm ist, zuverlässig in Wort und Tat. Unterscheidungen nach Geburt und Ruhm der Abstammung sind keine Kriterien für Bedeutung und Ehre.

Nach eurem Tod wird es einen festgesetzten Termin geben, an dem ihr vor einem Hohen Gericht zu erscheinen habt. Dort werdet ihr dazu aufgerufen, all eure Taten, gute wie schlechte, zu begründen, und nichts wird sich verheimlichen lassen. Euer ganzer Lebensbericht wird für Gott ein offenes Buch sein. Über euer Schicksal werden eure guten und schlechten Taten entscheiden. Vor dem Gericht des Wahren Richters - des Allmächtigen Gottes - kann es weder ungerechte Begünstigung noch Vetternwirtschaft geben. Ihn werdet ihr nicht betrügen können. Eurer Herkunft und Abstammung wird kein Wert beigemessen werden. Nur wahrer Glaube und gute Taten werden euch dann weiter helfen. Wer diese aufzuweisen hat, wird seine Wohnstatt im Himmel des ewigen Glücks beziehen; und wer nicht, der wird in die Feuer der Hölle hinabgestoßen werden.

Vierzig Jahre lang lebte Muhammad als ganz gewöhnlicher Mensch inmitten seines Volkes. In jener langen Zeit ist er weder als Staatsmann noch als Prediger oder Redner in Erscheinung getreten. Niemand hat ihn jemals von Weisheit und Wissen philosophieren oder über die Prinzipien von Metaphysik, Ethik, Recht, Politik, Ökonomie oder Soziologie dozieren hören. Er besaß keine Reputation als Soldat, von der eines großen Generals ganz zu schweigen. Und nie verlor er auch nur ein Wort über Gott, die Engel, die offenbarten Bücher, die früheren Propheten, die Völker der Vergangenheit, den Jüngsten Tag, das Leben nach dem Tod oder Himmel und Hölle. Zweifellos verfügte er aber über einen ausgezeichneten Charakter und gute Sitten; und unbestritten war auch seine Aufrichtigkeit. Andererseits jedoch hatte er nichts so Auffallendes und Außergewöhnliches an sich, als dass die Menschen etwas Großes und Revolutionäres in der Zukunft von ihm erwartet hätten. In seinem Bekanntenkreis galt er als unauffälliger, ruhiger, freundlicher und vertrauenswürdiger Mann mit einer guten Wesensart. Erst als er die Höhle Hira mit der neuen Botschaft verließ, war er auf einmal wie verwandelt.

Angesichts dieser historischen Fakten, die über jeden Zweifel erhaben sind, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder man behauptet- Gott verbiete -, dass der Prophet Muhammad der größte Lügner und schäbigste Betrüger aller Zeiten war, oder man akzeptiert, dass er der Gesandte und Prophet Gottes war. Selbst der Satan und die erbittertsten Feinde des Gesandten Gottes zu seinen Lebzeiten wagten es nicht, ihn als Lügner und Betrüger hinzustellen. Und niemand, der über die notwendigen Geschichtskenntnisse verfügt, wird zu einem anderen Urteil gelangen. Jeder Mensch mit einem gesunden Menschenverstand sollte deshalb die Prophetenschaft Muhammads anerkennen. (Zusammengestellt und resümiert nach Al-Maududi,Towards Understanding Islam, S. 59-60)

 

(Aus dem Buch "Der Koran und seine Übersetzung mit Kommentar und Anmerkungen", 2009, S. 1503-1506)

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