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Merve Turgut
Gebete sind Rufe, dringende Bitten, die sich vom Kleinen an das Große, vom Unten an das Oben, von der Erde und anderen Himmelskörpern an das, was jenseits der Himmel liegt, richten. Sie haben die Form von Appellen, Fragen oder Bitten; sie enthüllen unsere innere Welt und unsere Absichten. Wer betet, ist sich der eigenen Schwäche und der Größe der Tür, an die er klopft, bewusst. Wer mit gen Himmel gestreckten offenen Händen betet, bescheiden und wissend, dass ihm alles, worum er bittet, gewährt werden kann, der wird zu etwas Göttlichem, und mit ihm sein ganzes Umfeld. Gläubige Menschen, die auf diese Art und Weise Gott anrufen, hoffen, dass ihnen all ihre Wünsche erfüllt werden, und suchen unter Seinem großen Schutzschild Zuflucht vor allem, was sie ängstigt.
Doch unsere Kommunikation mit der Ewigen Wahrheit darf nicht allein von unseren eigenen Wünschen und Launen geprägt sein. Wenn wir Gott um die Erfüllung unserer alltäglichen Bedürfnisse bitten, sollten wir Ihm ergeben und zurückhaltend gegenübertreten. Zudem sollten wir uns stets der Tatsache bewusst sein, dass wir Seine Diener sind.
Unser Herr kennt unsere Bedürfnisse und Wünsche besser als wir selbst. Von Menschen, denen dies klar ist, wird erwartet, dass sie höflich sind und ihre Anliegen demütig und leise vorbringen. Unser Herr, der uns näher ist, als wir selbst es sind, sagt: „Betet zu Mir, vielleicht werde Ich eure Gebete erhören.“ Diese Aufforderung Gottes weist darauf hin, dass sich Menschen, die nicht beten, auf sinnlose Art und Weise unabhängig und von sich selbst entfremdet fühlen.
Wenn sich Menschen, die beten, Gott mit ganzem Herzen zuwenden, bringen sie damit einerseits ihren Respekt vor der ständigen Nähe zu Gott zum Ausdruck; andererseits schützen sie sich vor dem Gefühl, Gott fern zu sein. Im Gegenzug lässt Gott sie hören, was sie hören müssen, sehen, was sie sehen müssen, sagen, was sie sagen müssen, und vollbringen, was sie vollbringen müssen.
Wer die Freude des Glaubens in sich spürt und genau weiß, welche Pflichten er Gott gegenüber hat, vergisst auch nicht zu beten. Er versteht, dass das Gebet zu Gott der Zweck seiner Existenz ist, und verleiht ihm den Stellenwert, den es verdient. Er passt sich den materiellen und immateriellen Aspekten des Alltags an und betrachtet bittende Herzen als Hinweise auf die Suche nach Nähe zu Gott. In dieser Atmosphäre der Nähe empfindet er Hoffnung und Freude, aber auch Angst und Sorge.
Obwohl wir zerbrechliche und schwache Wesen mit endlos vielen Bedürfnissen sind, schenkt Gott uns unsere Existenz, versorgt uns mit Nahrungsmitteln, lässt uns wachsen und kennt unsere Bedürfnisse und Wünsche. Seine Barmherzigkeit ist so groß, dass wir nicht auf die Barmherzigkeit anderer angewiesen sind. Deshalb müssen wir überlegt und ausgewogen handeln. Da Gott der Uneingeschränkte Herrscher über alles, was wir besitzen, ist, sollten wir Seine Größe richtig einzuschätzen wissen. Wir sollten uns unserer Geringfügigkeit bewusst sein und unsere Gebete ausschließlich an Gott richten. Wenn wir realisieren, dass Gott uns am nächsten steht und dass unsere Gebete beantwortet werden, werden wir automatisch unser Handeln analysieren und unsere Stimme senken. Wenn wir uns dabei beobachten, wie wir die aufmerksame Anwesenheit Gottes immer stärker verinnerlichen, werden wir Vergnügen und Ehrfurcht zugleich verspüren.
Das Bittgebet zu Gott ist die reinste Form der Verehrung. Alle Elemente der Existenz beten zu Gott in der Sprache der ihnen eigenen Fähigkeiten. Gott Seinerseits befriedigt ihre Bedürfnisse in Seiner Weisheit. Gott hört alles und lässt uns wissen, dass Er auf alles eine Antwort hat.
Wir müssen verstehen, dass Gott unsere Gebete nicht unbedingt damit beantwortet, dass er uns gibt, worum wir Ihn bitten. Meistens denken wir nur an das Heute und die Gegenwart und vernachlässigen dabei viele bedeutende Aspekte. Aus dem Fenster unserer Bedürfnisse wird so oft ein enger Spalt. Gott aber kennt das Heute und das Morgen. Weise und barmherzig erfüllt Er unsere Bedürfnisse. Wenn Gott unsere gegenwärtige Situation erstrahlen lässt, entzieht er damit unserer Zukunft kein Licht; wenn Er einem Menschen etwas Gutes tut, vergisst er andere Menschen dabei nicht.
Und so heben die Gläubigen ihre Hände, um zu ihrem Herrn zu beten. Sie wissen genau, dass es Jemanden gibt, der sie sieht, der ihren Atem hört, der weiß, was ihnen durch den Kopf geht, und der nicht zuletzt ihren Klagen und ihrem Kummer Beachtung schenkt. Sie sind sich darüber im Klaren, dass der Eine Gott dank Seiner absoluten Weisheit und Kunstfertigkeit alle Handlungen möglich macht. Wann und wo auch immer sie wollen, können sie sich des Wirkens Gottes versichern. Sie sind davon überzeugt, dass sich mit Hilfe der Barmherzigkeit und des Willens Gottes alle Schwierigkeiten überwinden lassen. Selbst in den schlimmsten Zeiten schöpfen sie wohl behütet und hoffnungsvoll Atem. Diejenigen, die sich viele Male am Tag an ihren Herrn wenden und mit den Augen und Ohren ihrer Herzen die Wahrheit hinter den Dingen erfassen, werden diese Tür nie wieder verlassen.
(Aus der Zeitschrift Fontäne, Ausgabe 19, 2003)
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