Die Entscheidung
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In diesem Büchlein wirst du eine Kurzgeschichte lesen, die den überlieferten Schriften zufolge auch dem Propheten Abraham in ähnlicher Form übermittelt wurde. Sie findet sich aber auch im berühmten Werk des russischen Schriftstellers Tolstoy Anna Karenina wieder. Der türkische Schriftsteller Cemil Meric zitiert dieselbe Geschichte in einem seiner Werke aus einer indischen Quelle. Die vorliegende spannende Version der Geschichte haben wir aus dem Achten Wort des Meisterwerks von Bediuzzaman Die Worte zusammengestellt.

Zwei Brüder brechen gemeinsam zu einer langen Reise auf. Einer der beiden ist maßlos und charakterschwach. Der andere ist diszipliniert und klug. Nach einer Weile stoßen sie auf eine Weggabelung, an der ein weiser alter Mann sitzt. Da sie nicht wissen, welchen Weg sie einschlagen sollen, fragen sie ihn um Rat.

Er beginnt zu rennen und springt in einen Brunnen, der plötzlich vor ihm liegt. Natürlich kann er nicht wissen, dass dieser Brunnen siebzig Meter tief ist und kein Wasser mehr enthält. Er fällt und fällt, bis seine Hände auf halbem Weg in die Tiefe einen Baum zu fassen bekommen, der aus der Brunnenwand in den Schacht hinein wächst. Es gelingt ihm, sich an den Ästen des Baums festzuklammern. Als der Mann sich umschaut, erkennt er, dass der Baum von zwei Wurzeln gehalten wird, an denen Ratten nagen, eine weiße und eine schwarze. Er blickt nach oben und sieht das wilde Tier, vor dem er geflohen ist. Es lauert noch immer auf ihn. Am meisten aber erschreckt er sich, als er unter sich, am Boden des Brunnens, einen furchtbaren Drachen bemerkt. Dessen Maul ist weit aufgerissen. Fast kann die Bestie seine Füße schnappen. Er untersucht die Brunnenwand genauer und stellt fest, dass es dort von Insekten nur so wimmelt. Erneut wendet er sich dem Baum zu. Eigentlich sieht der ja aus wie ein Feigenbaum; geheimnisvoll ist nur, dass er eine Vielzahl verschiedener Früchte wie zum Beispiel Walnüsse und Granatäpfel trägt.

Auch jetzt, wo der Mann im Brunnenschacht hängt, kommt ihm nicht der Gedanke, dass alles, was hier mit ihm geschieht, eine Bedeutung haben könnte, dass das, was ihm zustößt, und der Ort, an den er geraten ist, kein Zufall ist. Er kommt nicht auf die Idee, dass es da ein Geheimnis geben könnte oder sogar geben muss, dass hinter allem jemand stehen muss, der plant und ausführt. Er ist nicht in der Lage logisch zu denken, daher liegt ihm diese Vorstellung fern.

Der Mann ist verzweifelt. Sein Geist und sein Herz klagen. Etwas in ihm aber belügt sich selbst, tut so, als gebe es gar keinen Grund zu klagen. Er schiebt die Tränen beiseite und versucht, sich einzureden, er sei in einem Garten und verbringe eine schöne Zeit. Nun beginnt er in seiner Fantasie, alle Arten von Früchten, die auf dem Baum wachsen, zu essen. Er isst, obwohl einige dieser Früchte giftig und schädlich für ihn sind.

Dieser unglückselige Mensch im Brunnenschacht betrachtet jedes Ereignis nur als ein isoliertes Geschehnis, das in keinem größeren Zusammenhang steht. Dass seine Notlage irgendeine Bedeutung haben könnte, fällt ihm gar nicht erst ein. Zwar stirbt er nicht, aber er kann sich auch nicht aus seinem Unglück befreien. Er weiß nicht, wie es weitergehen soll, und leidet wegen seiner Ungewissheit.

Nun wollen wir uns aber wieder seinem Bruder zuwenden. Er ist der Klügere von beiden, und auf Grund seiner Charakterstärke leidet er unter keinerlei Ängsten. Er hat stets nur Gutes im Sinn, hält sich an das Gesetz und fühlt sich dabei frei und sicher. Immer wenn er auf seiner Reise einen Garten betritt und neben wunderschönen Blumen und verlockenden Früchten auch zerstörte oder hässliche Dinge vorfindet, ist er im Stande, seine Gedanken auf das zu lenken, was gut und schön ist. Sein Bruder handelt nicht so und könnte das auch gar nicht. Er beschäftigt sich mit verwerflichen Dingen und könnte in solchen Gärten weder Muße noch Ruhe finden. Der weise Bruder lebt nach dem Motto ‚Sieh in allem das Gute!' und ist deshalb auch mit allem zufrieden.

Auf seinem Weg gelangt er - wie sein Bruder vor ihm - ebenfalls in eine Wüste und wird von einem wilden Tier überrascht. Auch er empfindet Furcht, aber nicht so stark wie sein Bruder; denn er ist überzeugt, dass dieses wilde Tier im Dienst irgendeines Herrn stehen muss. Auch dieser Mann springt in den Brunnen.

Auch er kann sich im Fallen auf halbem Weg in die Tiefe an den Zweigen des Baumes fest halten. Auch er sieht zwei Ratten, die an den Wurzeln des Baumes nagen. Als er nach unten schaut, erblickt er den Drachen, und oben wartet auch auf ihn das lauernde wilde Tier. Wie sein Bruder vor ihm wird auch ihm schnell bewusst, dass er sich in einer schwierigen Situation

befindet. Da er jedoch klug ist und sich gut unter Kontrolle hat, kommt er zu dem Schluss, dass alles, was ihm hier zustößt, von jemandem veranlasst ist und ihm als Zeichen dienen soll. Er begreift, dass er nicht allein ist und von jemandem beobachtet und einer Prüfung unterzogen wird. Er fühlt, dass er irgendwie gelenkt und beaufsichtigt wird, dass er auf die Probe gestellt wird und dass dies alles einen bestimmten Sinn hat.

Er ist neugierig auf denjenigen, der sein Schicksal so inszeniert, und fragt sich: "Wer mag das sein; wer möchte, dass ich ihn kennen lerne?" Sogar in seiner Furcht bleibt er geduldig und selbstdiszipliniert, und seine Neugier erweckt in ihm Liebe zu demjenigen, der ihm diese Prüfung auferlegt hat. Diese Liebe wiederum ruft in ihm den Wunsch hervor, den Sinn dessen, was ihm hier zustößt, zu verstehen. Außerdem stärkt sie seinen Willen, das Wohlgefallen dessen zu gewinnen, der ihm dies alles als Zeichen geschickt hat.

Auch er erkennt, dass es sich bei dem Baum, an dem er hängt, um einen Feigenbaum handelt, der aber fast alle Arten von Früchten trägt. Nun hat er keine Angst mehr. Er begreift, dass dieser Baum in Wirklichkeit eine Art Übersicht über die verschiedenen Obstsorten darstellt. All diese Obstsorten gehören einem unsichtbaren Eigentümer. Sie alle wurden für Seine Gäste in Seinem Garten vorbereitet. Ein einziger Baum könnte niemals so unterschiedliche Früchte tragen wie dieser. Nun endlich beginnt er zu beten und siehe da, sein Gebet verleiht ihm den Schlüssel zu dem Geheimnis. Er verkündet:

"Du, der Du mir diese Zeichen geschickt hast! Ich befinde mich voll und ganz in deiner Hand. Bei Dir suche ich Zuflucht, Dir stehe ich zu Diensten. Nach Deiner Anerkennung sehne ich mich und freue mich darauf, Dich kennen zu lernen."

Kaum hat er dieses Gebet gesprochen, teilt sich ganz unerwartet die Wand des Brunnens. Das Maul des Drachen verwandelt sich in eine Tür, die sich zu einem prächtigen Garten hin öffnet. Sowohl der Drache als auch das wilde Tier werden zu zwei Dienern, die ihn bitten, doch einzutreten. Das wilde Tier wird sogar zu einem Pferd, auf das er aufsitzen darf.

Wie aber geht sein Bruder nun mit der Situation um? Wird es auch ihm noch gelingen, sich aus seiner Notlage zu befreien?

Der unglückselige Reisende, der sich für den linken Weg entschied, den Weg des Vertrauens auf sich selbst und den vermeintlichen Weg der Freiheit, steht kurz davor, in das Maul des Drachen zu fallen. Die Angst ist sein ständiger Begleiter. Er leidet sehr darunter, dass er allein gelassen wurde, und betrachtet sich als einen Gefangenen, der den Angriffen von wilden Tieren ausgesetzt ist. Sein Elend verschlimmert sich noch, als er die schmackhaften aber giftigen Früchte des Baumes isst. Er versteht nicht, dass die Früchte nicht dazu da sind, einfach aufgegessen zu werden. Diese Früchte sind Musterexemplare. Ihre Aufgabe besteht darin, die Menschen zu ermutigen, die Originale ausfindig zu machen und dann jene zu verspeisen. Der unglückselige Mann fügt sich durch sein Verhalten selbst Unrecht zu und macht sich sein Leben zur Hölle. Er lässt seinen Tag zur Finsternis verkommen. Daher verdient er kein Mitleid und ihm steht auch nicht das Recht zu, sich bei irgendjemandem zu beschweren.

Der Reisende, der den rechten Weg wählte, dagegen tritt nun in einen Garten ein. Er ist von Früchten und von vielen Bediensteten umgeben. Alles, was ihm an sonderbaren und großartigen Dingen zustößt, betrachtet er mit scheuer Ehrfurcht. Er fühlt, dass er ein gern gesehener Gast eines großzügigen Gastgebers ist. Die Früchte des Feigenbaums isst er nicht einfach auf. Er erkennt, dass sie nur Musterexemplare sind, und verschiebt ihren Verzehr auf später. Schon jetzt aber freut er sich auf die Originale.

Der andere der beiden Brüder ähnelt einem Menschen, der nicht wahrhaben will, dass er von Freunden umgeben in einem prächtigen Garten lebt. Er ist wie ein Mensch, der durch den Konsum schädlicher Rauschmittel in den Wahn verfällt, er würde in einem ewig dauernden Winter leben und überall würden ihm wilde Tiere auflauern. Er ähnelt einem Menschen, der sich zu allem Überfluss dann sogar noch beklagt, der sich selbst gegenüber ungerecht ist und seine Freunde beleidigt. Ein solcher Mann verdient kein Mitleid.

Sein Bruder beschreitet den rechten Weg, auf dem vertrauensvoll das akzeptiert wird, was verlangt wird, und auf dem das Gesetz beachtet wird. Er erkennt und akzeptiert damit alle Realitäten, die er auch achtet. Durch sein Verhalten respektiert er den, der für diese Realität verantwortlich ist. Deshalb verdient er Barmherzigkeit.

Wenn wir uns nun die Unterschiede zwischen den beiden Brüdern anschauen, erkennen wir, dass der eine von seinen inneren Werten in eine schlimme Lage versetzt wird; den anderen aber bringen seine Güte, seine guten Absichten und sein reines Wesen in eine sehr glückliche Situation.

Die Brüder selbst und das, was ihnen in unserer Erzählung widerfährt, haben Parallelen in unserer realen Welt:

Der disziplinierte und kluge der beiden Brüder ist ein gläubiger, gutherziger Mensch; der maßlose ist ein ungläubiger Mensch, für den das Leben eine Abfolge von Zufällen ist. Der rechte Weg ist der Weg des Koran und des Glaubens; der linke Weg ist der Weg des Unglaubens und der Rebellion. Die Gärten am Weg entsprechen der menschlichen Zivilisation, die sowohl das Gute als auch das Böse, sowohl Sauberkeit als auch Schmutz kennt. Ein vernünftiger Mensch handelt nach dem Motto: Nimm, was rein und angenehm ist, und lass die Finger von allem, was trübe und trostlos ist! Dann setzt er seinen Weg guten Mutes fort.

Die Wüste in unserer Geschichte steht für die Erde, und das wilde Tier, das ganz unerwartet auftaucht, ist der Tod. Der Brunnen ist der Körper des Menschen, und die siebzig Meter Tiefe stehen für unsere durchschnittliche Lebenserwartung von siebzig Jahren. Der Baum im Brunnenschacht ist ein Bild für das Leben selbst, und die beiden Ratten, die an seinen Wurzeln nagen, sind Tag und Nacht. Der Drache im Brunnen verkörpert das offene Grab, das sich dem Jenseits öffnet und für den Gläubigen eine Tür zu einem Garten darstellt. Die Insekten an den Wänden entsprechen den Sorgen, denen sich die Menschen auf dieser Erde ausgesetzt sehen. Für einen Gläubigen sind diese Sorgen aber lediglich Warnungen Gottes, die ihn davor bewahren, in einen Schlaf der Unachtsamkeit zu fallen. Die Früchte am Baum stehen für die reichhaltigen Gaben dieser Welt, die als Musterexemplare der Wohltaten des Jenseits präsentiert werden. Sie laden alle ein, die Früchte des Paradieses zu genießen.

Der Baum im Brunnen trägt verschiedene Sorten von Früchten. Hier erkennt man das Siegel des Allmächtigen Gottes, das ‚alles aus einem Einzigen erschafft’ und ‚alles in Eins verwandelt’. Es bringt verschiedene Sorten von Pflanzen und Früchten aus einem einzigen Boden hervor, erschafft alles Lebende aus einem einzigen Tropfen Wasser und hält alles mit verschiedenen Obstsorten am Leben.

Die Zeichen deuten auf den geheimen Willen Gottes in der Schöpfung hin; der Glaube hilft uns dabei, diese Zeichen wahrzunehmen. Für einen der Brüder wird aus dem Maul des Drachens eine Tür zum Paradies. Für die Gläubigen ist das Grab das Tor zum ewigen Paradiesgarten, den Gott allen öffnet, die an den Koran glauben. Für den unmäßigen der beiden Brüder aber führt das Maul des Drachen direkt in dessen Magen. Das Grab ist für die ungläubigen Menschen das Eingangstor zu einem Ort voller Sorgen.

Das wilde Tier entpuppt sich als ein gehorsamer Diener des klugen Mannes. Es wird zu einem disziplinierten und durchtrainierten Pferd. Ungläubige Menschen sehen im Tod eine schmerzliche Trennung von den geliebten Menschen. Ihnen kommt es so vor, als wäre es eine schwere Strafe, die Erde (die ihnen paradiesisch erscheint) verlassen zu müssen. Für den, der glaubt, ist der Tod aber wie eine Wiedervereinigung mit Freunden und Gefährten, die sich bereits im Jenseits befinden. Er ist gewissermaßen der Übergang in ein ewiges Haus der Glückseligkeit, eine offizielle Einladung, sich vom Gefängnis der Erde in die ewigen Gärten zu begeben. Erst nach dem Tod erhalten wir den Lohn, den uns der Mitfühlende und Barmherzige Gott dafür verspricht, dass wir Ihm treue Dienste geleistet haben. Der Tod ist für den Gläubigen so etwas wie eine Erholung von der Last des Lebens.

Um es noch einmal zusammenzufassen: Derjenige, der nur für sein vergängliches Leben lebt, wird nur die Hölle finden, auch wenn er meint, dass er schon auf Erden wie im Paradies lebt. Wer aber nach dem ewigen Leben strebt, wird in beiden Welten Frieden und Glückseligkeit finden. Trotz aller Sorgen dankt er Gott und bewältigt sein Leben in dieser Welt, das für ihn nicht mehr als ein Wartezimmer auf dem Weg zum Paradies ist.

Durch diese Geschichte erfahren wir, wie wertvoll die Religion für den Menschen ist. Wir lernen, wie wir unser Leben in dieser Welt gestalten können. Die Existenz und die Einheit Gottes und das Vertrauen auf Ihn sind Dinge, die wir erkennen und verstehen müssen.

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