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Hayrettin Karaman
Im Hinblick auf die westliche Welt werden in der Türkei allzu schnell Verallgemeinerungen gemacht, denn auch der Westen ist kein monolithischer Block. Dass es eine europäische Kultur gibt, ist eine Tatsache, die nicht zu leugnen ist; aber diese Kultur ist von Vielfalt und Reichhaltigkeit geprägt. Zwar spricht man im Westen von einer europäischen Zivilisation, doch die Existenz anderer Zivilisationen wird akzeptiert, und man zollt ihnen auch Respekt.
Was die Haltung gegenüber dem Islam betrifft, so existieren in den USA und in Europa ganz unterschiedliche Individuen, Gruppen und Länder, die sich ganz unterschiedlich positionieren. Und von dieser Feststellung ausgehend sollte man den Dialog mit den positiv Gesinnten unter ihnen suchen. In der islamischen Geschichte finden sich zahlreiche Beispiele für aufrichtige und freundschaftliche Beziehungen zu Ländern außerhalb der islamischen Welt, und solche Beziehungen sind in unserer Zeit sogar noch wichtiger als früher - nicht nur, weil Millionen von Muslimen im Westen leben.
Der Grund, weshalb ich dies schreibe, ist, dass parallel zu den Ereignissen in der Schweiz rund um das Minarettverbot in den Niederlanden eine Moschee mit zwei Minaretten neben einer Kirche eröffnet wurde.
1. Am 18. Oktober 2009 wurde in der Stadt Bergen Op Zoom in den Niederlanden die Ulu-Moschee feierlich eröffnet. Der türkische Botschaftsbeauftragte und Präsident der Diyanet Stiftung für religiöse Angelegenheiten1 in Den Haag erklärte, dass mit dieser Eröffnung die Zahl der Moscheen im Land auf 142 gestiegen sei. Der Islam sei somit eine große zivilgesellschaftliche Organisation, die rund 300.000 türkischstämmige Menschen anspreche. Weiterhin sagte er, dass das Zusammenleben mit andersgläubigen Menschen und Gruppen für Muslime schon seit dem Vertrag von Medina2 gang und gäbe sei und es folglich keine Integrationsprobleme geben sollte. Der Bürgermeister von Bergen Op Zoom, Han Polman, betonte, er betrachte dies als sehr erfreuliches Ereignis. Er sei hier Zeuge einer perfekten Zusammenarbeit und Solidarität mit der türkischen Gemeinschaft geworden.
2. Vor dem Referendum am 29. November 2009 entzweite die Anti-Minarett-Initiative mit ihren rassistischen Plakaten die Schweiz. Dieser Plakat-Aktion folgten weitere Angriffe übers Internet. Um landesweit ein Minarettverbot durchzusetzen, wurde auf der Webseite www.minare-attack.ch sogar ein Computerspiel geschaltet, in dem Minarette abzuschießen waren. Mit einem Klick auf Start schossen dort Minarette wie Pilze aus dem Boden und verbreiteten sich über das ganze Land. Je mehr Minarette und Muezzins3 der Spieler ins Visier nahm und abschoss, desto mehr Punkte erhielt er. Verlor er das Spiel, so riefen die Muezzins unaufhörlich zum Gebet.
Schon diese beiden Beispiele verdeutlichen, dass der Westen nicht nur ein Gesicht hat. Auch Europa ist kein monolithischer Block.
19. März 2010
1 Die Diyanet ist in der Türkei eine staatliche Einrichtung zur Verwaltung religiöser Angelegenheiten. Gleichzeitig ist es die höchste islamische Autorität des Landes. Sie ist insbesondere für die religiöse Bildung außerhalb der Schule verantwortlich. Ihr ist die Mehrzahl der Moscheen in der Türkei angeschlossen.
2 Der Vertrag von Medina wurde im Jahre 623 zwischen den Muslimen, den Juden und den weiteren nicht-muslimischen Gemeinschaften geschlossen. Er war die Verfassung des neuen Stadtstaats Medina, in der das friedliche Zusammenleben dieser unterschiedlichen Glaubensrichtungen geregelt wurde. (Anmerkung des Übersetzers)
3 Der Muezzin, der Gebetsrufer, ruft die Muslime zum rituellen Pflichtgebet.
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