Start Autoren Ali Ünal Wie human ist der Liberalismus?
Wie human ist der Liberalismus?
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Ali Ünal

Die politische Ausrichtung des Westens ist schon seit einigen Jahrhunderten der Liberalismus. Der Liberalismus setzt das Individuum samt seiner Freiheit und seinem Glück ins Zentrum des Geschehens. Ihm zufolge weiß das Individuum selbst am allerbesten, was es zu seinem Glück braucht und wie es dieses Glück findet; es besitzt nämlich die Fähigkeit, rational zu handeln. Das ökonomische System zum Beispiel funktioniert nach den Regeln des individuellen Profitstrebens: Der Konsument strebt nach maximalem Nutzen und der Produzent nach maximalem Gewinn. Die Bedürfnisbefriedigung ist der Antriebsmotor der Ökonomie und hält sie im Gleichgewicht. Die Philosophie des Liberalismus besagt, dass die individuelle Freiheit des einen Menschen dort endet, wo die individuelle Freiheit des anderen anfängt.

  1. Der Liberalismus geht davon aus, dass jedes Individuum seinem Vorteil entsprechend Entscheidungen trifft, auch wenn man zugeben muss, dass kein Mensch mit der Fähigkeit auf die Welt kommt, Nutzen von Schaden unterscheiden zu können. Also muss der Mensch zunächst eine entsprechende Kultur vermittelt bekommen. Auch muss sein Denkvermögen geschult werden. In allen Gesellschaften gehen Bildung und Erziehung Hand in Hand; die Bildung ist gewissermaßen der Kern der Erziehung.
  2. Kein Mensch ist in wirklich jeder Situation dazu in der Lage, das Richtige bzw. das für sich Vorteilhafte zu erkennen, sich dafür zu entscheiden oder es gar herbeizuführen. Denn niemand vermag Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig zu überschauen und zu bewerten und besitzt darüber hinaus auch volle Einsicht in das Verborgene. Dafür reichen unsere menschlichen Fähigkeiten und Kapazitäten einfach nicht aus.
  3. Nicht alles, was dem Menschen zum Vorteil zu gereichen scheint, ist auch tatsächlich positiv für ihn. Außerdem ist es illusorisch, davon auszugehen, dass sich die Individuen Selbstbeschränkung auferlegen und die Freiheiten ihrer Mitmenschen achten. Denn Menschen sind weder Engel noch frei von Sünden. Wenn individuellem Profitstreben keine Schranken gesetzt werden, wird es zwangsläufig mit dem Profitstreben anderer kollidieren. Dieses ungezügelte Profitstreben trug zweifelsohne die Hauptschuld an der Barbarei der beiden Weltkriege.

Durch die Gewährung sogenannter individueller Freiheiten und Vorteile öffnet der Liberalismus der Befriedigung der niederen Triebe Tür und Tor; und das, obwohl doch gerade in der Zügelung und Kontrolle dieser niederen Triebe - mittels Moral, Wille und Charakterschulung - Menschlichkeit und Glück liegen. Die niederen Triebe sollten also keineswegs sich selbst überlassen werden, um nach maximalem Nutzen und Gewinn zu trachten. Der Mensch ist allen voran ein Wesen, das Verantwortung trägt. Und das Sich-Stellen dieser Verantwortung garantiert letztendlich auch optimalen Nutzen.

Indem der Liberalismus die Grenze der Freiheit des Individuums dort verortet, wo die Freiheit anderer verletzt wird, vermittelt er dem Menschen das Gefühl, uneingeschränkt über sich selbst verfügen zu können. Doch auch das ist eine Illusion: Weder hat er sich selbst auf diese Welt geschickt; noch hat sein Wille entscheidenden Einfluss auf sämtliche Dimensionen seines Daseins. Seine Verantwortung beginnt nicht erst beim Kontakt zur Außenwelt, sondern schon bei sich selbst. Er kann über seinen Körper und sein Leben nicht nach eigenem Gutdünken verfügen, weil er nicht der wahre Eigentümer seines Körpers und seines Lebens ist. Maßt er sich trotzdem an, in absoluter Freiheit zu handeln, wird er sich im Endeffekt selbst schaden.

Welchen Schaden der Liberalismus anrichtet, wird deutlich, wenn man sich vor Augen führt, dass niemand dem Menschen mehr Schaden zufügt als der Mensch.

15. Juli 2010

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