Start Autoren Ahmet Kurucan Die Religionsfreiheit und der Prophet Muhammad
Die Religionsfreiheit und der Prophet Muhammad
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Ahmet Kurucan

Die Freiheit ist ein lebensnotwendiges Gut, vergleichbar mit Brot, Wasser und Luft. Ein unfreier Mensch ist kein wahrer Mensch, und sein Leben kann nicht als wahres Leben bezeichnet werden.

Dieser  Feststellung wird wohl jeder zustimmen, der sich seines Menschseins bewusst ist. Aber steht sie womöglich im Widerspruch zu Religion, religiösen Werten oder religiöser Praxis? Nicht selten werden doch mit Religion Dogmen, mittelalterliche Inquisitionsgerichte oder Religionskriege assoziiert. Diese Sichtweise der Religion mag für die christliche Praxis im Mittelalter zutreffend sein. Im Bezug auf den Islam ist sie aber schlichtweg falsch.

Das verdeutlicht schon ein Blick in den Koran; Gott hat den Menschen die Freiheit gegeben, zu glauben oder nicht zu glauben. Folgende Koranverse sind Garanten dieser Freiheit:

Wer also immer (glauben) will, der möge glauben; und wer immer (ungläubig sein) will, der möge ungläubig sein.“ (18:29)

Ihr habt eure Religion, und ich habe meine Religion.“ (109:6)

Es gibt keinen Zwang in der Religion.“ (2:256)

Hätte dein Herr es gewollt, dann wären gewiss alle, die auf Erden sind, miteinander gläubig geworden. Willst du also die Menschen dazu zwingen, dass sie glauben?“ (10:99)

In der islamischen Literatur (in Koran und Sunna, aber auch in Standardwerken muslimischer Gelehrter, in lexikalischen Einträgen usw.) finden sich genügend Hinweise auf weitere Freiheiten für Nichtmuslime (so zum Beispiel das Recht auf freie Handelsaktivitäten, ein eigenes Erbrecht).

Auch der Prophet Muhammad bewegte sich zeit seines Lebens in diesem vom Koran aufgezeigten Rahmen. Er war ein Prophet, der die Menschheit zum Glauben einlud, und es lag ihm fern, irgendeinen Menschen zu irgendetwas zu zwingen. Wenn nun behauptet wird, er habe in seiner Zeit von Mekka tatsächlich keinen Druck ausgeübt, weil dies nämlich gar nicht in seiner Macht gestanden habe, in seiner Zeit in Medina hingegen sehr wohl, dann handelt es sich dabei um eine reine Verleumdung, die einer Überprüfung der historischen Realitäten nicht standhält. Dass Muslime  in den letzten 1.500 Jahren zum Beispiel in Kriegen zu Druck und Zwang gegriffen haben, ist natürlich nicht ausgeschlossen. Entsprechende Fälle stellen jedoch eine Abkehr von den schriftlichen Quellen dar.  Schuld daran ist folglich nicht die Religion, sondern sind Muslime, die die Schriften falsch gedeutet haben. Ein intensives Studium der Geschichte und der Ursachen von Kriegen fördert zutage, dass jeweils ganz unterschiedliche Interpretationen zu Rate gezogen wurden.

Doch zurück zu den Lebzeiten des Propheten. Aus dem Handeln des Gesandten Gottes lassen sich für die Religionsfreiheit vier grundlegende Prinzipien ableiten: Sie betreffen den Glauben an sich, die religiöse Praxis, die Weitervermittlung der Glaubensinhalte und die Selbstorganisation im rechtlichen Rahmen. Am Beispiel der im Stadtstaat Medina lebenden Juden lassen sich diese Prinzipien gut veranschaulichen: Als der Prophet an der Spitze des Stadtstaats Medina stand, wurden die Juden weder unterdrückt noch zum Übertritt zum Islam gezwungen. In den Synagogen konnten sie ungestört ihre religiösen Gebete verrichten, und auch im Alltag hinderte sie niemand daran, die Regeln ihrer Religion zu befolgen -  angefangen bei den Bekleidungsvorschriften bis hin zu Eheschließungs- und Scheidungsrecht. In den Buyut al-Midras, den jüdischen Schulen, konnten sie den folgenden Generationen ihre religiösen Werte weitervermitteln. Der letzte Paragraph im Vertrag von Medina sicherte ihnen außerdem zu, dass sie politische, kulturelle und ökonomische Vereinigungen sowohl mit ihren eigenen Glaubensbrüdern, als auch mit Polytheisten und anderen Religionsanhängern gründen durften, vorausgesetzt, sie hielten sich an diesen Vertrag. 

Angesichts dieser historischen Tatsachen, die den freiheitlichen Geist des Islams widerspiegeln und in den Hadithsammlungen, in den Prophetenbiografien sowie in den Dokumenten über die Schlachten, an denen der Prophet teilnahm, festgehalten und nachzulesen sind, kann kaum ernsthaft behauptet werden, der Islam sei dogmatisch und er widersetze sich der Freiheit des Menschen. Wenn trotz allem aber Behauptungen laut werden, der Prophet habe in seiner Zeit in Medina anderen Religionen keine Freiheiten zugesprochen, muss an der Aufrichtigkeit dieser Aussagen gezweifelt werden. Wer so etwas sagt, will der Wirklichkeit nicht ins Auge zu sehen, sondern den Islam ganz offensichtlich in schlechtem Licht erscheinen lassen. Dass diese Behauptungen so aggressiv formuliert sind, ist mit Sicherheit auch nicht dem Zufall geschuldet.
 

 

24. Februar 2010

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