Start Autoren Ali Bulac Zum Schaden Europas!
Zum Schaden Europas!
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Ali Bulac

Wie man sich erinnern wird, erklärte Bundeskanzlerin Merkel letztes Jahr das multikulturelle Modell für offenkundig „absolut gescheitert“. Gleichzeitig zog der ehemalige Bankier Thilo Sarrazin gegen die Multikulturalität zu Felde, und damit auch gegen die Migranten in Deutschland. Im Zentrum seiner Agitation stehen die türkischen Migranten. In den übrigen Ländern der Europäischen Union (zum Beispiel in Frankreich, Holland, Belgien, England und Dänemark) sieht es kaum anders aus. Unterschiede liegen nicht im Wesen der Agitation, sondern höchstens im Ausmaß.

Aus den Reaktionen sprach zuweilen blanker Hass - nicht gegen Auftreten und Verhalten der Migranten, sondern schlichtweg gegen ihre Anwesenheit und vor allem gegen ihre Religion. So sagte z.B. der Vorsitzende der niederländischen Partei für die Freiheit (PVV) Geert Wilders: „Ich habe kein Problem mit den Muslimen, sondern mit dem Islam. Der Koran muss wie Hitlers Mein Kampf verboten werden.“ Laut Wilders ist „das größte Problem Europas die jahrelange kulturelle Gleichgültigkeit. Die Europäer wissen nicht, womit sie sich rühmen sollen, und eigentlich auch nicht, wer sie wirklich sind. Liberale und Linke verteidigen die Auffassung, dass die Kulturen einheitlich sind. Der Islam gefährdet unsere Freiheit. Diejenigen, die christliche, jüdische und humanistische Traditionen mit der islamischen Tradition vermischen, müssen kein Einstein sein, um den Unterschied zu erkennen“.

Es gibt nachvollziehbare Gründe, weshalb Europas Beziehungen zur Türkei, zur islamischen Welt und zum Islam problematisch sind: zum Beispiel die ‚Clash of Civilisations‘-Doktrin, die weiterhin kaum an Wirkung eingebüßt hat, die militärischen Interventionen des Westens in muslimische Länder unter dem Vorwand der Bekämpfung des islamischen Terrors sowie die Unterdrückung des Verlangens, sich ihre Energieressourcen anzueignen. Vor allem aber versucht Europa durch die Dämonisierung des Islams die eigene Identität zu konstruieren und zu konsolidieren. So entstehen Konflikte, die auf dem Rücken der muslimischen Einwanderer ausgetragen werden.

Zur Konstruktion der eigenen kulturellen Identität hat Europa im Laufe seiner Geschichte stets einen Gegenpol gebraucht, daran hat sich bis heute nichts geändert. Doch das bringt Probleme mit sich; nicht nur im Umgang mit dem ‚anderen‘ islamischen Paradigma und den von den Muslimen vertretenen Standpunkten, sondern auch im Umgang mit seinem militärisch-strategischen, diplomatischen und wirtschaftlichen Verbündeten und Protektor, den USA.

Europas intellektuelle Quellen drohen zu versiegen; es wendet sich von der Multikulturalität ab, aber es findet kein alternatives Modell für die Gegenwart. Das einzig vielversprechende Modell, das Europa aus der eigenen Geschichte kennt, ist die Politik der Modernisierung, die man nichtwestlichen Gesellschaften aufgezwungen hat und nach wie vor aufzwingt. Diese Politik baut auf rabiatem Wandel und Assimilation auf. Doch Europa weiss heute weder, wie es mit den 20 Millionen Muslimen zusammenleben soll, die es beherbergt, noch wie es sich gegen das amerikanische ‚Karnevalsmodell‘ wehren soll, das mit seiner Orientierung an den Bedürfnissen des Marktes alles wie eine Walze überrollt. Europa war und ist nicht dazu imstande, die muslimischen Migranten zu assimilieren; der amerikanischen Kultur hingegen, die die Kultur von der Filmwelt bis zu den Vergnügungsgewohnheiten vulgarisiert, gelingt es ohne Weiteres, die europäischen Jugendlichen zu fesseln.

In der europäischen Klassik war das assimilatorische Modell an die transformierende Kraft der militärischen und politischen Macht angelehnt. Amerikas Modell hingegen basiert zum einen auf der Kontrolle der globalen Märkte und zum anderen auf der Macht und der transformierenden Kraft wirtschaftlicher und kultureller Wahrnehmungen. Die USA geben sich nicht mit dem Aufbau einer Hegemonie über die islamische Welt zufrieden, sondern zerschlagen gleichzeitig die historisch-kulturellen Kodierungen Europas, Chinas und Indiens und zerstören deren gesellschaftliche Gefüge.

Das Weltmodell, das sich unter amerikanischem Einfluss herausbilden wird, ist ein Karnevallsmodell, welches sich gänzlich an Marktnachfrage und Prognosen orientiert. Den einzelnen Kulturen, Traditionen, Religionen und Bräuche gesteht dieses Modell kleine Nischen zu, aber keine von ihnen wird ihren inneren Kern schützen können. Sie werden ausgehöhlt sein, zu Konsum- und Schauobjekten degradiert, seelenlose folkloristische Kostüme, die eben als Karnevalsattraktionen „konsumiert“ werden.

Europa versucht, sich vor dieser globalen Entwicklung zu schützen, indem es sich immer mehr in sich selbst zurückzieht und den Islam und die Muslime dämonisiert. So aber entfernt es sich immer weiter von der Realität und verstärkt damit seinen neurotischen Zustand. Die Absage an die Multikulturalität und der Sturz in die Islamophobie-Falle werden Europa selbst am meisten schaden.

05. 07. 2011

 

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