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Das Mardin Modell
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Ali Bulac

Im Rahmen der „Zweiten Auswertungskonferenz der Botschafter“ hat der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu Anfang des Jahres (2010) zusammen mit 27 Botschaftern die Stadt Mardin besucht. Während des Besuchs sagte Davutoglu: „Die Philosophie der zukünftigen internationalen Ordnung sollte sich auf die historische Kultur der Stadt Mardin stützen.“ Die Bedeutung dieser Stadt für die globale Ordnung umriss er mit den folgenden Worten: „Es gibt Städte, die eine Zivilisation erbauen, wie zum Beispiel Athen. Es gibt Städte die von einer Zivilisation erbaut werden, wie zum Beispiel Bagdad. Es gibt Städte, die von mehreren Zivilisationen gemeinsam errichtet werden, wie zum Beispiel Istanbul und das heutige New York. Und es gibt Städte die die Quintessenz der Zivilisationen in sich tragen; Zivilisationsstädte wie die antike phönizische Stadt Biblo. Wahrscheinlich gehört auch Mardin zu diesen Städten.“ Die Äußerungen von Davutoglu waren mehr als bloß Schmeicheleien für die gastgebende Stadt Mardin, sie können als Beginn der Umsetzung einer lang gehegten Idee in die Praxis und als Vorboten eines neuen Projekts interpretiert werden.

Unser Bedarf an Erfahrungen mit dem Zusammenleben ist groß. Wir suchen nach Modellen, an denen wir uns orientieren können. Und die Stadt Mardin kann ein solches Modell sein. Das ist weder Schönfärberei noch reines Wunschdenken. Ein Modell ist ein über alle theoretischen Debatten hinaus wirkendes gelebtes Vorbild, an dem man sich ein Beispiel nehmen kann. Allerdings muss einschränkend angemerkt werden, dass der gegenwärtige Zustand der Stadt gemessen an den historischen Erfahrungen eher kläglich ist.

Die Stützen des antiken und gegenwärtigen Mardin Modell haben drei Bezugspunkte:

  1. den philosophisch-religiösen Hintergrund, der seinen Ausdruck im Islam findet,
  2. die arabische Kultur, die bei der Gestaltung der soziokulturellen Beziehungen eine zentrale Rolle spielt, und
  3. das seldschukisch-artukische Regierungssystem, das sozio-politische Unterschiede harmonisch integriert.

Das Mardin-Modell ist sicherlich nicht das einzig wahre Modell in der Geschichte. Es hat aber gezeigt, dass es über gewisse Qualitäten und Stärken verfügt, die ihm bis in die Gegenwart Bestand verliehen haben.

Wenn man sich einmal genauer mit der sozio-politischen Praxis in der islamischen Geschichte befasst, wird man erkennen, dass das Mardin-Modell in unterschiedlicher Prägung in der gesamten islamischen Welt gelebt wurde. Die islamischen Staaten und Imperien haben meiner Meinung nach ein einigendes ‚Kuppel-Modell‘ verwirklicht. In ihren Grundzügen und charakteristischen Eigenschaften stützen sich die sozialen Erfahrungen der Umayyaden und Abbasiden, der Safawiden und Seldschuken-Osmanen und der Andalusier auf dieses Modell. Was nun speziell die in der Vergangenheit und zum Teil auch in der Gegenwart gelebten Mardiner Erfahrungen angeht, so sollten Pauschalisierungen, Verallgemeinerungen und allzu schnelle Verbegrifflichungen vermieden werden. Sonst besteht die Gefahr, dass diese mit einer friedlichen Koexistenz verknüpften praktischen Lebenserfahrungen vorschnell in akademische Kategorien hinein gequetscht werden, die ihnen nicht gerecht werden. Auch erscheinen mir westliche Modelle und Erklärungsmodelle ungeeignet, um Festlegungen herzuleiten und Vergleiche zu erschließen. Fruchtbarer dürfte es meiner Ansicht nach sein, die mutmaßlichen Rahmenbedingungen dieser Erfahrungen aufzuzeigen und zu analysieren.

Das Mardin-Modell speist sich aus vier Hauptadern: Aus einer römisch-byzantinischen, einer persischen, einer mesopotamischen (allesamt Kulturen der vorislamischen Zeit) und aus der islamischen (Umayyaden-Abbasiden [Araber] und Seldschuken-Osmanen [Türken] Ader. Wenn wir den seldschukischen Einfluss mit dem osmanischen vergleichen, erkennen wir, dass der seldschukische überwiegt. Der arabisch-seldschukische Einfluss hat die Stadt entscheidend geprägt.

Seit den ersten muslimischen Eroberungen und bis in die Gegenwart bilden Muslime der hanafitischen und schafiitischen Rechtsschulen, Assyrer der katholischen, orthodoxen und protestantischen Konfessionen, Keldaner und Armenier der katholischen, protestantischen und gregorianisch-orthodoxen Konfessionen, Juden, Yeziden und die Sonnenanbeter das religiöse und konfessionelle Gewebe der Stadt.

14. Oktober 2010

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