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Ali Bulac
Offenbarungen Gottes erzählen uns Geschichten von der Bedeutung des Menschen und des Lebens. Wer dies nicht anerkennt sollte seine eigene Geschichte verfassen.
Der andalusische Illuminationsphilosoph Ibn Tufail erzählt in seinem Werk Hayy ibn Yaqzan von einem Menschen (und eigentlich von sich selbst), der lange Zeit isoliert auf einer Insel lebt, ohne dass ihm eine Offenbarung zuteilwird, aber dennoch allein durch die Beobachtung der Natur und der dort ansässigen Lebewesen eine Kosmologie der Bedeutungen ersinnt. Ein Leben bar jeder Bedeutung und jeden Zwecks ist hingegen Nihilismus. Ein nihilistischer Mensch leugnet seine eigene Existenz, wir dagegen wollen uns nun einmal ganz im Gegenteil die Einzigartigkeit des Menschen unter all den existierenden Lebewesen vor Augen führen.
Auf die Frage „Was ist der Mensch?“ antwortet ein christlicher Theologe: „Der Plan Gottes“. Für einen Deisten, dem Darwins Hypothese unlogisch erscheint, „ist der Mensch das Design einer höheren Intelligenz.“ Und für einen Muslim ist der Mensch der Wille Gottes. Zwar besteht zwischen Plan, Design und Wille ein semantischer Unterschied, der hier nicht weiter ausgeführt werden soll; doch sobald Wissen, Macht und Wille zusammenfließen, kommt es zur Erschaffung. Demzufolge ist der Mensch ein Produkt dieser Faktoren, wenngleich er erst zu einem sehr späten Zeitpunkt die Bühne der Existenz betrat. So bestätigt der Koran:
Ist nicht über den Menschen ein langer Zeitraum hinweggegangen, als er nichts war, das man (als Mensch) erwähnt oder dessen man sich (als Mensch) erinnert hätte? (76:1)
Zunächst existierte Gott, und da war nichts außer ihm. Auf Seinen Befehl hin wurde das Universum erschaffen. Den Anfangspunkt der Erschaffung bildete der Befehl „Werde!“. In diesem Befehl manifestiert sich der Atem der Barmherzigkeit, mit ihm hat von Beginn an bis heute alles, was je existiert hat und existiert, seine Existenz erhalten und bewahrt. Diese Erschaffung vollzieht sich jederzeit und immer wieder. Wir können den Anfangspunkt auch als Big Bang (Urknall) bezeichnen. Stattgefunden hat er vor ungefähr 13,7 Milliarden Jahren, das wissen wir. Allerdings beantwortet er nur das „Wie?“, während er nichts über Bedeutung und Zweck der Schöpfung aussagt.
Die Geschöpfe setzen sich zusammen aus den Manifestationen der Namen Gottes. Die Namen Gottes gehen ihnen sozusagen in Knochen und Fleisch über. Natürlich sind diese Namen mit dem Wesen Gottes verknüpft, sie sind aber keineswegs identisch mit ihm. Deswegen dürfen die Geschöpfe auch nicht vorschnell mit dem Wesen Gottes gleichgesetzt werden - was einer pantheistischen Sichtweise entspräche. Gleichwohl bestehen einzelne Stufen des Seins und jede Schöpfung aus der Transformation eines oder mehrerer Namen Gottes ins Sein. Veranschaulichen lässt sich dies an folgenden Beispielen: Die ontologische Wurzel des Wassers ist Gottes Name Al-Hayy (Das Leben), die Wurzel des Regens ist Sein Name Ar-Rahma (Die Barmherzigkeit), die Wurzel der Rose Sein Name Al-Dschamal (Die Schönheit), die Wurzel des Wirbelsturms Sein Name Al-Dschalal (Der Majestätische) usw. Jedes Geschöpf ist somit die Manifestation eines oder mehrerer Namen Gottes. Das besondere Kennzeichen des Menschen gegenüber allen anderen Geschöpfen liegt darin, dass er zuletzt erschaffen wurde - man bedenke, dass unser Planet ca. 4,5 Milliarden Jahre alt ist - und somit als die Frucht des Baumes der Schöpfung gelten darf. Dem Menschen wurden alle Namen Gottes gelehrt (2:31). Er ist in schönster Gestalt erschaffen, als vollkommenes Musterbeispiel der Schöpfung. Er ist der aussichtsreichste Kandidat für den Rang des ehrenvollsten aller Geschöpfe.
Die Tatsache, dass uns das Wissen um alle Namen Gottes vermittelt wurde, impliziert, dass jeder von uns in der Lage ist, sich Wissen über die Schöpfung, die Namen und die Eigenschaften Gottes anzueignen. Außerdem können wir den Dingen Namen geben und Nutzen aus ihnen ziehen. Andere Geschöpfe sind ebenfalls Spiegel für Manifestationen bestimmter Namen Gottes, doch können sie weder umfangreiches Wissen ansammeln noch Gotteskenntnis erlangen oder sich Dinge bewusst nutzbar machen. Jedes physische Objekt kann eine Manifestation eines oder einiger Namen Gottes widerspiegeln, der Mensch aber ist ein Spiegel, der alle Namen Gottes zu reflektieren vermag. Solange er sich nicht selbst als Schöpfer und Gott betrachtet, kann er tatsächlich als Spiegel für sämtliche Namen Gottes fungieren. Nur diese beiden Attribute bleiben ihm verwehrt. Wenn er sie sich trotzdem anmaßt, wird er in die Irre (Dalala) gehen.
Gottes Wille war es, Seine Namen in dem Spiegel namens Mensch zu reflektieren. Allerdings ist die Reflektion in dem Spiegel nicht identisch mit dem Spiegel selbst. In dem Moment, wo der Spiegel namens Mensch die Reflektionen der Namen Gottes für sich beansprucht und sich anmaßt, sich mit dem Absoluten aus Sich selbst heraus Existierenden Einen auf eine Stufe zu stellen, hält er sich für einen Schöpfer und Gott. Und genau das nennt man Beigesellung von Gottheiten zu Gott. Gott will uns Menschen durch Seine Namen Seine Majestät, Freigiebigkeit, Barmherzigkeit, Schönheit und Sein Wissen vor Augen führen. Dafür jedoch muss der Spiegel mit einem festen Glauben, guten Taten und Frömmigkeit auf Hochglanz poliert werden. Ein matter Spiegel reflektiert nicht gut.
Aus dieser Perspektive betrachtet ist der Mensch der Wille Gottes.
23. Juli 2010
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