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Ali Bulac
Vieles deutet darauf hin, dass hinter dem Karrikaturenstreit eine von langer Hand geplante wohl durchdachte und systematische Verschwörung steht. Das Ziel dieser Verschwörung besteht offenbar darin, eine weltweite Kampagne zu starten, die den Modernismus stärken und sein Überleben sichern soll. Denn dieser Modernismus, die Quelle und ideologische Basis der Aufklärung, bröckelt und verliert immer mehr an Boden.
Die beiden wichtigsten Fragen in diesem Zusammenhang lauten: Warum wurde ausgerechnet der Islam als Angriffsziel auserkoren?, und: Warum wurden die Muslime isoliert und dämonisiert? Ohne eine korrekte Beantwortung dieser Fragen sind die Vorgänge rund um den Karrikaturenstreit kaum zu verstehen.
Zunächst einmal möchte ich eine nüchterne Feststellung vorausschicken: Cartoonisten sind in der Regel keine religiösen Menschen. Die meisten von ihnen sind Atheisten, Agnostiker oder nur dem Namen nach Christen. Daraus folgt, dass hinter der weltweiten Kampagne, um die es hier geht, kein ‚Zusammenprall der Religionen‘ steckt. Zwar gibt diese Kampagne Hinweise darauf, dass sich auch Europa möglicherweise in Zukunft wieder verstärkt der Religiosität zuwenden könnte - zumindest dann, wenn mit noch härteren Bandagen gekämpft werden wird. Vielleicht wird sich Europa, so wie es die Muslime isoliert hat, künftig auf die eigene christliche Religion zurückbesinnen. Auch diese mögliche Entwicklung ist jedoch weit davon entfernt, die These von einem Zusammenprall der Religionen zu bestätigen. Im Gegenteil könnte sie dem Islam sogar Dank dafür eintragen, dass er die Europäer an die Bedeutung des Erhabenen, Unverletzlichen und an den hohen Wert der Transzendenz erinnert hat.
Der Karikaturenstreit und neue Attacken, die sich bereits anbahnen, zeigen, dass ein Zusammenprall vor allem zwischen ‚religiöser und nichtreligiöser Geisteshaltung‘, zwischen ‚dem Heiligen und dem Profanen‘ und zwischen ‚dem absoluten Säkularismus (Laizismus) und einem göttlichen System, das der Schöpfung zu Grunde liegt‘, stattfindet. Das kontinentale Europa lässt sich in drei Regionen unterteilen: Der Süden ist katholisch, der Osten orthodox und der Norden überwiegend protestantisch und ‚atheistisch‘. Die Katholische und die Orthodoxe Kirche haben die Karikaturen kritisiert. Auf die Protestantische Kirche trifft dies nur bedingt zu. Der Norden Europas ist zwar dem Namen nach protestantisch, er ist aber auch durch und durch ‚weltlich‘ und steht den religiösen Grundhaltungen, die in seiner Geographie/Demographie dominieren, gleichgültig gegenüber. Von daher dürfte es wohl kaum ein Zufall sein, dass die Kampagne von Dänemark aus gestartet wurde.
Die nordischen Länder - aber auch Europa insgesamt - haben sich von den heiligen, unverletzlichen Werten distanziert
Der praktische Materialismus, in dem die ‚Wahrheit‘ durch eine physische Realität ersetzt wurde, welche das ganze Leben durchdringt, manifestiert sich in einem Humanismus, der die Vorstellung des Menschen als Diener Gottes ablehnt, und in einem positivistischen Säkularismus, der das Sein aller transzendenten und immanenten Aspekte beraubt.
Kurz: Ein Säkularismus, der um den Menschen kreist, ist an die Stelle eines Konzepts getreten, dem zufolge Gott die Grundlage des Universums ist. Das Christentum allein vermag diesem Säkularismus nicht trotzen. Bei seinen Versuchen, sich der modernen Welt zu stellen, hat es zuerst seine Hand, dann seinen Arm und schließlich auch noch seinen Körper eingebüßt. Nun kämpft es verzweifelt um seine Seele. Dabei hat das Christentum sowieso nicht mehr viel zu verlieren. Durch den Druck von Seiten des Französischen Laizismus‘ und bestimmter Neuordnungen im Protestantismus wurde es in die Privatsphäre zurückgedrängt, an den Rand der Gesellschaft geschoben und in seiner Identität immer weiter relativiert. Ein nichtreligiöses Denken übernahm die Macht, war aber nicht in der Lage, das versprochene Paradies auf Erden zu errichten. Im Gegenteil, es kam zu einer Krise, die die ganze Welt erfasste.
Der Islam verweigert sich der Forderung, sich mit einem Platz am Rande der Gesellschaft zu begnügen, und gibt sich - anders als das Christentum - auch nicht damit zufrieden, eine (von der Gesellschaft) getrennte und unvollständige Religion zu sein. Auf Grund dieser Tatsache hat sich auf globaler Ebene eine Sprache der Opposition etabliert, in der jedes Segment der Gesellschaft und jedes Individuum, das mit der modernen Welt unzufrieden ist, seine Wut und seinen Protest mit Hilfe des Islams und durch den Islam zum Ausdruck bringt - was die Rolle der Religion insgesamt natürlich stärkt. Das System der Moderne und jene tyrannische Ideologie, die weltweit operiert, sind von dieser Situation stark beunruhigt.
Der Islam hält sowohl die heiligen, unverletzlichen Werte als auch die Propheten, die diese Werte vertreten, in Ehren. Er nimmt Rücksicht auf die Unverletzlichkeit anderer Religionen und trägt gerne dazu bei, dass diese ihre verlorene Würde zurückgewinnen. Diese Haltung wird den Islam mit der Zeit in die Lage versetzen, alle anderen Religionen unter seine Fittiche zu nehmen und zu schützen. Mit seiner Standfestigkeit und Unbeugsamkeit wird der Islam den anderen Religionen dabei helfen, ihre verlorene Autorität und ihr Ansehen zu erneuern. Unter anderem aus diesem Grunde attackiert das System der Moderne, das mit dem Erhabenen und Göttlichen gebrochen hat, die Religion des Islams.
04. Februar 2010
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