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Im Garten des Korans
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Musa Bagrac

Viele Menschen neigen dazu, sich über den Islam zu ereifern, doch nur wenige kennen sich mit seinen methodologischen Grundlagen (Usul) aus. Zum Teil haben selbst Islamwissenschaftler ihre Probleme damit, umso schwerer fällt es vielen Laien und Zuhörern zu entscheiden, welche Aussagen zutreffen und welche nicht. Ein Gleichnis kann hier vielleicht ein klein bisschen Klarheit in das Durcheinander bringen.

Nehmen wir einmal an, der Islam sei ein Obstbaum, und die Wurzeln dieses Obstbaums lägen in unserer Seele. Geradeso wie der sichtbare Teil jeden Baumes in der Natur aus Stamm und Krone besteht, besteht der sichtbare Teil des Islams aus Koran und Sunna (Stamm) und aus den islamischen Wissenschaften (Ästen), z.B. Ulum al-Qur’an, Ulum al-Hadith, Aqida, Ilm al-Kalam, Usul al-Fiqh, Fiqh, Akhlaq und Tasawwuf. Von diesen Ästen gehen weitere kleinere Zweige (Hilfswissenschaften) ab wie etwa Grammatik, Rhetorik, Logik etc. All diese Äste und Zweige zusammen bilden die Baumkrone. Wird der Baum sorgsam gehegt und gepflegt, wirft er Früchte ab. Wachsen tut dieser Baum im Garten des Korans. Sein Gärtner ist der Prophet Muhammad, und dessen Methode der fachgerechten Pflege ist die Sunna. Jeder einzelne Muslim wiederum ist dafür verantwortlich, die Wurzeln des Baumes in seiner eigenen Seele dem Weg des Propheten entsprechend zu nähren. Dann verspricht der Baum zu wachsen und zu gedeihen.

Nehmen wir nun einmal an, ein Lehrling, der den Baum kaum kennt, würde sich an der Baumpflege versuchen. Wie würde er diese Aufgabe ohne jede tiefere Kenntnis der besonderen Merkmale und Eigenheiten des Baumes angehen? Womöglich würde er ihn in dem Glauben, etwas Revolutionäres zu tun, verstümmeln. Vielleicht wäre er dem Zeitgeist entsprechend der Ansicht, dass man gut und gern auf die eine oder andere Frucht verzichten kann; und so würde er die Äste und Zweige, auf denen die betreffenden Früchte wachsen, Stück um Stück absägen. Wahrscheinlich würde er gar nicht bemerken, dass er damit auch der Baumkrone und dem Stamm schweren Schaden zufügt. Durch seine unsachgemäßen Schnittführungen würde deren arttypische Ästhetik für immer verloren gehen. Der verstümmelte Baum würde nach und nach sein physiologisches Gleichgewicht einbüßen und sehr bald absterben. In absehbarer Zeit würde man ihn nur noch als Brennholz nutzen können.

Ganz ähnlich verhält es sich mit der Vorstellung, dass veränderte Umstände und Wertvorstellungen (der Zeitgeist) zwangsläufig die Einführung neuer Verbots- und Gebotslisten in den Islam erfordern. Was im Gartenbau die Kunst der Baumpflege ist, ist in der islamischen Geschichte die Kunst der Religionspflege. Diese ist wichtig und richtig. Wenn aber kurzsichtige ‚Lehrlinge‘ behaupten, die Religion müsse neu justiert werden und sie selbst seien dazu berufen, diese Aufgabe zu übernehmen, dann besteht die Gefahr, dass sie keineswegs einen fachgerechten Kronenschnitt durchführen, sondern die islamischen Wissenschaften kappen und dadurch den Stamm von Koran und Sunna beschädigen. Eine fachgerechte Schnittführung (Auslegung, Kommentar, Rechtsgutachten bzw. Meinung der Rechtsgelehrten) hingegen befasst sich ausschließlich mit sekundären Fragen (Furu), ohne dabei den lebenswichtigen Stamm (Koran und Sunna) sowie die Hauptäste anzutasten. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Eine fachgerechte Schnittführung (entsprechend den Auslegungsmethoden Usul al-Fiqh undUsul at-Tafsir) ist für die Pflege des Baumes und das Gedeihen seiner Früchte unentbehrlich. Aber jeder nicht fachgerechte Einschnitt in den Kern des Islams (jedes Kappen) muss zwangsläufig negative Folgen haben.

Woran erkennt man nun, wer in Sachen Baumpflege Sachkenntnis besitzt und zudem aufrichtig ist? Die muslimische Antwort auf diese Frage lautet: Allahu alam - Das weiß Gott allein. Dennoch besitzen Muslime für gewöhnlich einen recht guten Blick dafür, denn es gibt einige unbestechliche Indikatoren: Einer davon ist, ob der vermeintliche Baumpfleger für seine Mühen einen weltlichen Lohn erwartet, zum Beispiel Ruhm, Anerkennung, einen Posten, Geld usw. Viele aufrichtige Baumpfleger haben diese Pflege bereits hingebungsvoll betrieben, lange bevor die Beschäftigung mit dem Islam populär wurde und die Aufmerksamkeit der Medien auf sich gezogen hat. Ihre Form der Pflege war und ist keine konjunkturelle Beschäftigung, die sie schnell wieder aufgeben werden, sobald sich kein dankbares Publikum mehr dafür findet.

Baumpfleger (Gelehrte), die mit Leib und Seele (rechtschaffen) glauben und handeln, die für ihre Bemühungen keinen weltlichen Lohn einfordern und die die Vorgaben des Gärtners (des Propheten) beachten, machen sich um die Vitalität des Baumes (Islam) verdient und bewahren ihn vor Fehlentwicklungen. Die fachgerechten Einschnitte dieser Gelehrten gewährleisten, dass der Baum eine stabile und gesunde Krone ausbilden kann.

Wer sich mit guter Absicht in den Garten des Korans begibt, muss sich zunächst eingehend mit der Pflege dieses Gartens vertraut machen und alle Facetten ihrer Kunst erlernen. Dieser Prozess des Vertraut-Machens bringt im Idealfall qualifizierte Baumpfleger hervor, die sich jedoch nicht in Kategorien wie liberal, säkular oder konservativ einordnen lassen: denn bezogen auf die islamische Ideengeschichte besitzen solche Etiketten keinerlei Aussagegehalt. Zudem tragen sie weder dazu bei, den Baum zu pflegen (den Islam zu leben), noch führen sie auf den rechten Weg (Sunna), den aufrichtige Baumpfleger (Gelehrte) beschreiten.

 

04. September 2011

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