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Musa Bagrac
2010. Was ist mir davon in Erinnerung geblieben? Einfältige Endlosschleifen-Diskussionen der Antis: Anti-Muslime, Anti-Islam, Anti-Türken, Anti-Araber! Hauptsache Anti. Gegen wen oder was? - letztlich egal. Diesmal war es Sarrazin, der den Stein ins Wasser geworfen hat. Das sodann hohe Wellen schlug. Medien und Politiker nutzten die Gunst der Stunde und surften auf diesen Wellen. Nur zu welchem Preis? Allein in Berlin wurden sieben Anschläge auf Moscheen verzeichnet. Was soll also all das Gerede bezwecken, fragt man sich. Will man etwa so verhindern, dass Deutschland sich abschafft? Wohl kaum! Gott sei Dank vermochte die Rede von Bundespräsident Wulff die ungestüm wogende See ein wenig zu glätten. Seine Worte beschrieben den Ist-Zustand in Deutschland, als er sagte: „Der Islam gehört zu Deutschland!“ Dem Bund der Besonnen schloss sich auch der (inzwischen) ehemalige Bundesinnenminister De Maizière an. Er konstatierte: „Der Islam ist ein Teil Deutschlands!“
2011 schien anfangs unter einem guten Stern zu stehen. Denn endlich, aber gleichwohl überraschend einigte man sich in NRW auf einen islamischen Religionsunterricht. Doch keine zwei Wochen später ein erneuter schwerer Rückschlag: Hans-Peter Friedrich, gerade frisch zum Bundesinnenminister gekürt, verliert keine Zeit: Schon nach einer Woche in Amt und Würden polemisiert er gegen den Islam. Gnädigerweise gesteht er den Muslimen zu, zu Deutschland zu gehören, dem Islam dagegen verweigert er diesen Status. Welche Gesetzmäßigkeit wohl einer solchen Logik innewohnt? Ist es politisches Kalkül, um so den eigenen Bekanntheitsgrad zu steigern? Oder handelt es sich um einen neuen politischen Stil der Banalität? Wie dem auch sei, schon nach der ersten Spielminute liegt der neue Bundesinnenminister mit 0:1 im Rückstand. Nun heißt es, erst einmal den Ausgleich zu erzielen: zum Beispiel, indem er beweist, dass er der Bundesinnenminister auch der hiesigen Muslime ist. Denn die Muslime und auch der Islam sind seit 50 Jahren de facto ein Teil Deutschlands und gehören ebenso zu diesem Land wie die deutsche Fußballnationalmannschaft.
Vor 50 Jahren kamen die ersten Muslime nach Deutschland. Sie schossen keineswegs plötzlich wie Pilze aus dem Boden, sondern wurden von deutschen Unternehmen und Politikern aus der Türkei angeworben. Seit damals ist Deutschland ein Einwanderungsland. Daran ändert auch nichts, dass diese Realität 40 Jahre lang geleugnet wurde. Aktuelle Statistiken besagen, dass 5 Prozent (4 Millionen Menschen) der Gesamtbevölkerung (82 Mio.) Muslime sind - ein durchaus beträchtlicher Teil. Und beachtlich ist auch die Zahl der Moscheen bundesweit: 2.500 sind es, wie sollte also der Islam nicht Teil der hiesigen Kultur sein?
Wenn aber die Sachlage doch so eindeutig ist, warum bricht dann alle Jahre wieder Streitgetöse vom Zaun? Bis in die 90-er Jahre ging es in der Diskussion stets um Ausländer, dann wurden die Muslime und ihre kulturelle und religiöse Andersartigkeit zur Zielscheibe, und mit den Anschlägen vom 11. September 2001 nahm die Konfrontation noch an Schärfe zu. Doch argumentationstechnisch wurde hier alter Wein in neuen Schläuchen serviert. Ganz ähnlich war es nämlich zuvor schon den polnischen Gastarbeitern ergangen. Anfang des 20. Jahrhundertens waren sie ebenfalls in Zeiten florierender Konjunktur ins Ruhrgebiet geholt worden, wo man ihnen dann in der folgenden Rezession Integrationsunfähigkeit bescheinigte. Wenn sich die Muslime nun dem gleichen Vorwurf ausgesetzt sehen, dann zeigt das vor allem eines: Viele wertvolle Jahrzehnte wurden verschwendet. Durch Nichtstun oder in überflüssigen Debatten. Die Zukunftsfähigkeit Deutschlands aber hängt an einer Politik, die lösungsorientiert und verantwortungsvoll ist, die Probleme erkennt und sie entschlossen angeht.
Ein erster Schritt zu einer solchen Politik wäre beispielsweise die Anerkennung der sozialen Wirklichkeit im Lande, die zweifelsohne geprägt ist durch kulturelle und religiöse Vielfalt. Früher fürchtete man sich vor einer Katholisierung Deutschlands durch die Ruhr-Polen - im Nachhinein betrachtet völlig absurd. Und genauso unbegründet sind die heutigen Ängste vor einer Islamisierung durch die Muslime. Wer die Dinge nüchtern sieht, sollte erkennen, dass es sehr viele gläubige Muslime gibt, die gleichzeitig auch gute Bundesbürger sind. Niemand braucht sich vor den Muslimen zu fürchten, niemand sollte Ängste vor ihnen schüren. Die Zahl der Muslime, die sich aktiv in unsere Gesellschaft einbringen steigt stetig. Besonders engagiert sind sie auf der zivilgesellschaftlichen Ebene, wo es um Bildung und soziale Teilhabe geht. Die Lebenswirklichkeit der Muslime ist eine gänzlich andere Realität als die in den Medien dargestellte. Nehmen wir nur einmal die von Muslimen gegründeten Bildungsvereine, die bildungsfernen Menschen unter die Arme greifen. Inzwischen sind daraus sogar bereits Schulen entstanden. (Siehe hierzu: Muslime zwischen Tradition und Moderne: Walter Homolka, Ercan Karakoyun, 2010). Der Lebensmittelpunkt der Muslime in Deutschland ist Deutschland. Wenn man sich die Entwicklung des Islams hierzulande vor Augen führt und ihr die Diskussionen in Medien und Politik über das ‚Problem Islam‘ gegenüberstellt, fällt sofort auf, wie dort an der Wirklichkeit vorbei argumentiert wird und wie engstirnig und starrköpfig manche Leute sind. Der Islam ist ein Teil Deutschlands, weil auch die Muslime ein Teil Deutschlands sind.
11. März 2011
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