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Musa Bagrac
Bei einer Umfrage zu dem Thema, wie man sich das Mittelalter vorstellt, würden sicherlich viele zuerst einmal sagen: dunkel. Und das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn schon in der Schule lernt man ja, dass das Mittelalter genau das war: ein dunkles Zeitalter der Menschheitsgeschichte, düster, grausam, engstirnig und intolerant, geprägt vor allem auch durch Religionskriege. In der Tat machte das Christentum im Mittelalter zwei böse traumatische Erfahrungen. Zunächst spaltete es sich in eine östliche orthodoxe und eine westliche katholische Kirche (Schisma). Anschließend ging aus der katholischen Kirche noch die protestantische Kirche hervor (Reformation). Die damit verbundenen Umwälzungen verliefen schmerzvoll und blutig und hinterließen im gesellschaftlichen Bewusstsein tiefe Narben.
An wissenschaftliche Errungenschaften verschwendete in Europa damals kaum jemand einen Gedanken. Der Alltag der meisten Europäer war von der Allgegenwart der Kirche dominiert, für selbstständiges freies Denken blieb da wenig Raum. Erst mit der Renaissance, also der Rückbesinnung auf die Antike, konnte man die Fesseln dieser finsteren Zeit endlich abstreifen und in ein Zeitalter der Aufklärung eintreten. Bis dahin waren Nachdenken und Forschen lebensgefährliche Angelegenheiten. Wer irgendwie auffiel und aus der Masse hervorstach, riskierte es, unter höllischen Qualen auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu werden. Insbesondere Frauen waren davon betroffen, weil sie leicht der Hexerei beschuldigt werden konnten. Dieses Geschichtsbild ist so tief im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert, dass man auch heute noch Denk- und Handlungsweisen, die man für überholt und verpönt hält, als mittelalterlich bezeichnet. Aktuelle Debatten um den Islam und die Muslime verdeutlichen dies beispielhaft. Denn immer wieder wird auch und gerade der Islam als rückständig und mittelalterlich abgestempelt.
Dass andere Kulturen zu jener Zeit ebenfalls ihr dunkles Mittelalter erlebt haben müssen, wird dabei als eine Selbstverständlichkeit betrachtet. Würde man die eingangs gestellte Frage präzisieren und danach fragen, wie das Mittelalter wohl außerhalb Europas ausgesehen hat - beispielsweise in der islamischen Welt -, so würde die große Mehrheit der Befragten wahrscheinlich mit „Stockfinster!“ antworten; wie sollte es auch anders sein, wo es doch schon hier in Europa dunkel war.
Doch weit gefehlt! Entgegen allen landläufigen Vermutungen erlebte die islamische Zivilisation im Mittelalter ihr goldenes Zeitalter. Damals erstreckte sie sich von Spanien bis hin nach China. Führt man sich die Errungenschaften der islamischen Zivilisation vor Augen, so erscheint es absolut ungerechtfertigt, das muslimische Mittelalter als dunkel zu bezeichnen. Denn während in Europa Frauen auf dem Scheiterhaufen ihr Leben ließen, zählten Frauen in der islamischen Zivilisation zu den bedeutendsten Wissenschaftlern. Nicht zuletzt die Leistungen der Muslime haben Europa den Weg in die Moderne geebnet. Folglich dürfen Muslime zu Recht behaupten und stolz darauf sein, dass eine europäische Renaissance ohne das goldene Zeitalter der Muslime nicht denkbar gewesen wäre.
Was genau haben Muslime im Mittelalter geleistet? Zunächst entdeckten muslimische Gelehrte die Antike neu und hoben dort nicht wenige sehr wertvolle Schätze. Ibn Sina, Ibn Ruschd, Al-Farabi und Ibn Khaldun sind die bekanntesten Namen der Ideengeschichte des islamischen Mittelalters, aber bei weitem nicht die einzigen. Weiteren muslimischen Persönlichkeiten verdanken wir hochgeschätzte Erfindungen. In gewisser Weise haben sie sogar die industrielle Revolution mit angeschoben: Ibn al-Haytham (965-1039) war der Erfinder der Fotokamera, Abbas ibn Firnas (810-887) wohl der Erste, der ein taugliches Fluggerät baute. Abu l-Qasim Az-Zahrawi (936-1013) gilt als Vater der Chirurgie und Erfinder mehrerer medizinischer Werkzeuge, und Al-Dschazari (1136-1206) zählte zu den ersten Kybernetikern. Auch Frauen wie Maryam al-Usturlabi waren in der muslimischen Welt keine Seltenheit. Sie konstruierte die fortschrittlichsten Astrolabien ihrer Zeit (Astrolabien sind Messgeräte zur Winkelmessung am Himmel). Diese und Hunderte weitere Gelehrte mehr polierten das Wissen der Antike auf Hochglanz, bewahrten es und entwickelten es weiter.
Im Laufe der Zeit gelangten die Erkenntnisse der Muslime über Sizilien, Spanien und Byzanz auch nach Europa. Viele Werke der Muslime wurden ins Lateinische übersetzt, das damals die Wissenschaftssprache Europas war. Doch während muslimische Gelehrte ihre Quellen stets genau zu zitieren pflegten und sie beim Namen nannten und würdigten, blieben ihre eigenen Namen in den lateinischen Übersetzungen unerwähnt. So mancher europäische Gelehrte schmückte sich mit fremden Federn und gab fremdes Wissen als eigenes geistiges Eigentum aus. Auch weltberühmte Wissenschaftler wie Leonardo Da Vinci oder Galileo Galilei profitierten von solchen namenlosen Werken und arbeiteten auf ihrer Grundlage. Mit ihrer Hilfe schwangen sie sich zu Horizonten auf, die für damalige europäische Verhältnisse absolut revolutionär waren. Man könnte diesen Vorgang wohl mit einigem Recht als den schwersten geistigen Diebstahl der Weltgeschichte bezeichnen.
Die umfassende Verschleierung der muslimischen Verfasser bedeutender wissenschaftlicher Werke ließ die Leistungen der Muslime allmählich in Vergessenheit geraten. Europa erlebte in der Folgezeit einen beispiellosen Aufstieg, der mit der Herausbildung eines eurozentristischen Weltbilds einherging. Und wenn jemand später an die goldene Vergangenheit des Morgenlandes erinnerte, so stieß er nur noch auf taube Ohren.
Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Das zeigt die aktuelle Debatte über die Wurzeln des europäischen Abendlandes. Wer meint, dass dieses eurozentristische Weltbild ausgemustert wurde, wird hier eines Besseren belehrt. Der enorme Beitrag der Muslime zur Welt der Gegenwart wird nach wie vor ignoriert und verdrängt; und wer daran erinnert, stößt weiterhin auf taube Ohren. Die Wurzeln Europas sind angeblich christlich-jüdisch - von den muslimischen Wurzeln möchte man nichts hören.
Aus historischer und wissenschaftsgeschichtlicher Perspektive ist das äußerst fragwürdig. Allein ein Blick in die Forschungen der ‚Entdecker des verlorenen Schatzes‘ (von Prof. Dr. Salim Al-Hassani aus London und Prof. Dr. Fuat Sezgin aus Frankfurt) zeigt, dass Europa zwar natürlich jüdisch-christliche, aber ganz bestimmt auch muslimische Wurzeln hat. (Salim Al-Hassani; 1001 Inventions: Muslim Heritage in Our World, 2007. Fuat Sezgin; Wissenschaft und Technik im Islam Band I-V, 2003).
Für auf dieses Thema spezialisierte Forscher im Westen steht längst außer Frage, dass die Muslime großen Anteil an der Entstehung der modernen Welt hatten; aber eine Gesellschaft aufzuklären, die sich bereits für aufgeklärt hält, ist und bleibt ein schwieriges, wenn nicht sogar unmögliches Unterfangen.
Dabei würde es doch zweifellos dem Zusammenleben heute und in der Zukunft guttun, wenn bekannt wäre, dass man ein gemeinsames geistiges und wissenschaftliches Erbe hat: Die europäischen Muslime könnten realisieren, was Muslime in der Vergangenheit für den Fortbestand der Menschheit geleistet haben, und die nichtmuslimischen Europäer könnten die muslimischen Wurzeln ihrer heutigen Zivilisation angemessen würdigen. Somit besäße man eine gesunde Basis für den Dialog. Wenn Europa in der Weltgemeinschaft geistig und kulturell weiterhin konkurrenzfähig bleiben möchte, sollte es diese große Chance nutzen.
Um zu ermöglichen, dass der Einfluss der islamischen Zivilisation auf die Entwicklung Europas und damit auch auf die hiesige Gesellschaft als historisch verbürgte Tatsache anerkannt wird, plädiere ich dafür, dass die Schulbücher insbesondere für das Fach Geschichte überarbeitet werden. Es gibt genügend Punkte, die korrigiert und klargestellt werden müssen. Wenn das gelingt, steht zu hoffen, dass sich die Schüler von Morgen multiperspektivische und interkulturelle Kompetenzen aneignen und nicht länger in einem Weltbild verfangen bleiben, das längst überholt ist.
31. Oktober 2010
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