Start Autoren Musa Bagrac Zwei Romane, zwei Wirklichkeiten
Zwei Romane, zwei Wirklichkeiten
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Romane gehören mit einem Anteil von 30 Prozent zu den meist verkauften Büchern in Deutschland. Als Unterhaltungsmedium sind sie sozusagen Teil unseres Lebens. Die meisten Menschen lesen Romane allein um unterhalten zu werden. Über eine mögliche Wirkung ihrer Lektüre denken sie kaum nach. Was aber geschieht mit all den Bildern und Botschaften, die uns in den Romanen vermittelt werden? Können wir realistisch einschätzen, welchen Einfluss sie auf unser Denken im Alltag ausüben? Reflektieren wir ernsthaft und kritisch, was wir gelesen haben? Die Macht der Unterhaltungsmedien wird oft unterschätzt. Dass sie unser Weltbild unterschwellig und unbemerkt formen und lenken, kann jedoch nicht ernsthaft bezweifelt werden. Wir leben und denken im Allgemeinen mit den Bildern, die sie erzeugen. Und die ständige Wiederholung dieser Bilder prägt unser Wirklichkeits- und Richtigkeitsempfinden ganz entscheidend. Tauchen dann ähnliche Bilder in den Nachrichten oder in der Zeitung auf, werden diese sofort erkannt und ohne weitere Kritik als wahr und zutreffend akzeptiert. Möglicherweise ist die Macht ihrer Bilder und Botschaften noch nicht einmal den Romanautoren selbst in vollem Umfang bewusst.

Ein besonders beliebtes Roman-Genre ist der Spionage-Thriller. Viele Bücher dieses Genres gehen mit dem Zeitgeist und thematisieren zum Beispiel den Kampf gegen den internationalen Terrorismus. In den entsprechenden Werken lautet eine häufig verwendete Formel: Islam + Muslime = Terror. Der sympathische Romanheld aus dem freien Westen liefert den muslimischen Bösewichtern, die nichts als Chaos und Zerstörung im Sinn haben, einen heroischen Kampf. So auch in dem Roman Das Terrornetz,von Daniel Silva. Hier bringt eine radikal-islamistische Gruppe die Welt an den Rand des Abgrunds, indem sie Anschläge auf den Papst und den Vatikan verübt. Hinter all diesen Anschlägen verbirgt sich derselbe Geldgeber - ein Multimillionär aus einer saudischen Familie. Zu den Attentätern gehört ein als weltoffen bekannter muslimischer Gastdozent im Vatikan. Mit seinen moderaten Ansichten scheint er zu den wenigen Dialogverfechtern zu gehören und radikale Ansichten zu verteufeln. In Wirklichkeit aber ist er ein Menschenfänger, der im Namen der Terrororganisation sein Unwesen treibt.

Nur der Romanheld, ein Mossad-Agent, durchschaut das falsche Spiel und rettet die christliche Welt vor einer unfassbaren Katastrophe. Seine Stunde schlägt, als sich herausstellt, dass in das erste Attentat ein Verräter aus den eigenen Reihen der Schweizergarden verwickelt ist: ausgerechnet der insgeheim zum Islam konvertierte Sicherheitschef des Papstes.

Die Botschaft ist eindeutig: Lasst euch nicht täuschen, wenn sich Muslime dialogbereit und weltoffen geben. Alle Muslime sind gleich, sie hintergehen euch, sind radikal und terroristisch! Folglich sollte die Christenheit dem Dialog mit dem Islam ein Ende setzen und sich nach neuen Dialogpartnern umschauen. Wie gefährlich der Dialog mit dem Islam ist, lässt sich demnach auch an Menschen ablesen, die zum Islam konvertiert sind. Sie werden zwangsläufig radikal und fanatisch, ihr Handeln ist von Hass erfüllt. Der Autor holt also zum Rundumschlag aus. Er rechnet nicht nur mit den Saudis ab, sondern auch mit den moderaten und dialogbereiten Muslimen sowie mit den Konvertiten. Außerdem warnt er unmissverständlich alle, die ihnen die Hand reichen.

Dass eine solche Dialektik aber keineswegs die Grundvoraussetzung für einen spannenden Spionage-Thriller ist, zeigt ein anderer Roman des Genres: Operation Ismael, von Christian Schoenborn. Auch hier kann der ungeduldige Leser anfangs noch den Eindruck gewinnen, es handle sich um die altbekannte Schwarzweißmalerei. Doch schnell wird deutlich, dass dieser Plot recht differenzierte Perspektiven und Ebenen aufweist. Als ausgebildeter Religionswissenschaftler präsentiert der Autor seinen Lesern ein aufschlussreiches Wechselspiel aus Macht, Politik und Religion. Dabei bietet er fundierte Erklärungsversuche für den Terrorismus an. Fern von Populismus werden die Folgen religiösen Wahns aufgezeigt, ganz unabhängig davon, um welche Religion es sich handelt.

Die Handlung der Operation Ismael lässt sich - ohne zu viel zu verraten - so zusammenfassen: Islamisten greifen Deutschland mit Pockenviren an und versuchen außerdem, die amerikanische Freiheitsstatue zu zerstören. Anders als in vergleichbaren Romanen ruft der US-Präsident hier allerdings zu Besonnenheit auf. Doch eine radikale christliche Gruppe schwört Rache und schießt über Frankfurt eine Boeing 777 der Saudi-Arabian-Airlines ab. Alle Insassen sterben. Doch das reicht der Gruppe nicht, und so plant sie einen tödlichen Angriff auf die Kaaba, die heiligste Stätte der Muslime in Mekka, Saudi Arabien.

Der Autor versteht sein Handwerk. Geschickt bedient er sich sorgfältig ausgewählter Zitate aus Koran und Bibel und treibt mit ihnen die Handlung voran, ohne dass sich der Leser dadurch in irgendeiner Weise belehrt fühlt. Er stellt klar, dass der Friede und das Gemeinwohl die Essenz aller Religionen bilden und dass für Hass und Fanatismus kein Platz ist.

Im Gegensatz zu dem Roman Das Terrornetz plädiert der Autor der Operation Ismael für einen interreligiösen und interkulturellen Dialog zwischen Juden, Christen und Muslimen mit dem Ziel, sich gegenseitig besser kennenzulernen. Er beweist auf eindrucksvolle Weise, dass ein guter Roman nicht auf dialektische Schwarzweißmalerei angewiesen ist. Ganz im Gegenteil - im Idealfall leisten auch Romane einen wertvollen Beitrag für den Frieden und das Allgemeinwohl.

10. Oktober 2010

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