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Anti-Islam damals und heute
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Der Besuch des Jüdischen Museums in Berlin verdeutlichte mir wieder einmal, mit welchen Banalitäten Feindschaften geschürt und Menschen vernichtet werden konnten. Anders als erwartet findet man in diesem Museum nur wenige Bilder, Skulpturen und Gegenstände. Stattdessen wird man mit einer zickzackförmigen Architektur konfrontiert. Die einzigartige Bauweise und ihr Licht- und Schatteneffekt sagt über die zweitausend Jahre alte deutsch-jüdische Geschichte mit all ihren Höhe- und Tiefpunkten mehr aus als alle Worte.

Unser Host, so werden die Besucherbetreuer hier genannt, hatte mit seinem lebendigen und freundlichen Erzählstil die Aufmerksamkeit der Besucher stets auf seiner Seite. Gelegentlich zog er, wenn das Leid des jüdischen Volkes thematisiert wurde, Parallelen zur aktuellen Situation der Muslime. Ich erfuhr, dass der Islam und die Muslime heute offenbar ähnlichen Anfeindungen ausgesetzt sind wie damals die Juden. Die Anti-Islam Propaganda der Gegenwart ist demnach nicht vom Himmel gefallen, sondern kann sich auf eine lange Tradition seit dem Mittelalter berufen. Um seine These zu untermauern, stellte uns unser Host ein interessantes Werk von Claudio Lange vor (Der nackte Feind – Anti-Islam in der romanischen Kunst, Parthas Verlag), das er zur Ansicht in die Runde gab. Die Bilder waren schockierend und konnten durchaus mit den gehässigen Karikaturen vom Propheten Muhammad mithalten.

Claudio Lange dokumentiert in diesem Werk, wie im europäischen Mittelalter durch anti-islamische Bildpropaganda Hass und Feindschaft gesät wurden. Während der Kreuzzüge, als nur eine Handvoll privilegierter Menschen das Lesen und Schreiben beherrschte, präsentierte man der breiten ungebildeten Masse anhand von Skulpturen ein Feindbild, das stets gegenwärtig war: Bei jedem Kirchgang oder auch beim Vorübergehen an den romanischen Kathedralen wurde dem Volk der personifizierte Feind an der Außenfassade vor Augen geführt. In manchen Skulpturen aus dem 11. und 12. Jahrhunderterkennt Claudio Lange als Künstler und Religionswissenschaftler eindeutig das Bild, welches man damals von Muslimen hatte. Dort werden sie als Prostituierte, Weinfassträger, Tiere in obszöner Haltung sowie mit entblößten Geschlechtsteilen oder als Masturbierende in Gebetshaltung dargestellt.

Wie konnte es sein, dass an den Außenfassaden von Kirchen solche Obszönitäten geduldet wurden? In der mittelalterlichen Vorstellung stand auf der einen Seite die Kirche und auf der anderen die sündige Welt, die mit dem Bösen identifiziert wurde. Und aus dieser Perspektive betrachtet stellte es keinen Widerspruch dar, wenn unsittliche Bilder die Außenfassaden von Kirchen ‚zierten‘. Auf Muslime projiziert wurden sie deshalb, weil deren Prophet ja den Antichristen personifizierte. Damit die feindselige Stimmung im Lande aufrechterhalten und für Kreuzzüge instrumentalisiert werden konnte, musste das von den Muslimen konstruierte Bild teuflisch wirken. Bekanntermaßen symbolisiert in vielen Religionen und Kulturen der Teufel das Böse. Wenn es gelingt, den Feind in seinem Wirken als teuflisch bzw. dämonisch darzustellen, vereinfacht dies die Aufrechterhaltung und Vertiefung der Feindschaft. Der Feind wird also zuerst entpersonifiziert und dann dämonisiert.

Auch heute erkennt man einen ähnlichen Prozess der Dämonisierung. Seit geraumer Zeit werden Muslime in Bild und Sprache/Text zu dem ANDEREN erklärt, dem einzig und allein negative Eigenschaften zugeschrieben werden. Das Zusammenspiel von Bild und Text erzeugt beim Leser bzw. Zuschauer Angst. Als jemand, der sich auf der Seite des Guten sieht, distanziert er sich von dem dämonisierten Bild und definiert sich über diese Negativfolie. Je banaler das erzeugte Bild, desto stärker sein Einfluss. Auch die gehässigen Karikaturen über den Propheten Muhammad lassen sich ohne weiteres in diese lange Tradition der antiislamischen Propaganda einreihen. Der Mechanismus jedenfalls ist derselbe: Gestern wurde das Feindbild Islam mittels Skulpturen geschürt, heute mittels Karikaturen und anderen banalen, aber effektiven Bildern. Den Menschen werden diese Bilder vorgesetzt, damit sie sie konsumieren; darüber nachdenken brauchen sie nicht, denn das übernehmen andere für sie (z.B. Medien, Politiker, Banker, Intellektuelle usw.).

Unterm Strich kann man festhalten, dass ein von Feindseligkeit geprägtes Leben nicht unser unabwendbares Schicksal ist. Auch schreibt uns niemand vor, dass wir uns mit Feindbildern abfinden müssen. Der Teufelskreis von Vorurteilen und banalen Anti-Islam- Propagandabildern lässt sich durch einen aktiven Dialog brechen, in dem wir auf Mitmenschen aus anderen Kulturen, Nationen und Religionen mit Respekt zugehen. Er wird zutage fördern, dass neben Unterschieden - die ja auch keineswegs negativ sein müssen - viele Gemeinsamkeiten bestehen. Dann werden wir vielleicht merken, dass es des Teufels Spiel ist, Menschen zu verteufeln, um von sichselbst abzulenken.

06. September 2010

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