Start Autoren Musa Bagrac Eine Perspektive für eine demokratische Teilhabe
Eine Perspektive für eine demokratische Teilhabe
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Musa Bagrac

Die in Deutschland gegenwärtig geführten Diskussionen rund um das Thema Muslime werden von zwei extremen Polen geprägt. Auf der einen Seite stehen die ‚Leitkulturalisten‘ und auf der anderen die ‚Multikulturalisten‘. Den Vorstellungen und auch Forderungen beider Seiten liegen unterschiedliche Ideen zugrunde:

  1. Die Leitkulturalisten fordern von den Muslimen, dass sie zunächst diese und jene Hausaufgaben machen. Sie denken, eine wirkliche Integration sei erst dann möglich, wenn die Muslime in Vorleistung treten und sich kulturell und gesellschaftlich anpassen - mit anderen Worten: wenn sie sich der deutschen Mehrheit äußerlich und innerlich angleichen. Demnach können die Muslime erst nach einer Anpassung und Angleichung, die auch als Assimilation bezeichnet wird, Eingang in die Gesellschaft erhalten und die soziale Aufstiegsleiter hinaufklettern. Nur Gleichen unter Gleichen soll also eine Teilhabe ermöglicht werden. Durch Assimilation wird die Herkunftskultur abgelegt und die Kultur des Ankunftslandes angelegt. Die Leitkulturalisten haben zwar konkrete Vorstellungen für die gesellschaftliche Teilhabe von Muslimen; dabei übersehen sie jedoch, dass Menschen keine Maschinen sind, die sich über Nacht anders programmieren lassen und dann weisungsgemäß funktionieren.
  2. Die Multikulturalisten dagegen fordern uneingeschränkte kulturelle Freiheit für die Muslime. Sie glauben allerdings, Integration sei schon verwirklicht, wenn alle Kulturen sich selbst überlassen bleiben. Ihrer Meinung nach reicht es aus, wenn bei kulturellen Veranstaltungen Höflichkeiten ausgetauscht werden und das Nebeneinander als Miteinander gepriesen wird. Höflichkeiten können zwar den Tag verschönern; Zusammenleben und Zusammengehörigkeitsgefühl fördern sie aber auf lange Sicht nur dann, wenn ihnen auch konkrete Handlungen folgen. Multikulturalisten legen Wert darauf, dass die Muslime ihre Herkunftskultur beibehalten dürfen. Deren gesellschaftliche Teilhabe blenden sie dabei jedoch in völlig aus.

Beide Ideen reduzieren die Muslime auf eine Kultur, die es entweder abzulegen oder einzufrieren gilt. Die Erfahrung zeigt aber, dass weder die erste noch die zweite Idee der gesellschaftlichen Realität entspricht. Beide Ideen sind extreme Pole. Doch dazwischen gibt es auch einen dritten Weg, den Weg des Maßes bzw. die goldene Mitte. Auf diesem dritten Weg soll versucht werden, der multikulturellen, multireligiösen und multilingualen Wirklichkeit in einem Einwanderungsland wie Deutschland gerecht zu werden. In Anlehnung an die Erfahrungen im Erziehungsbereich möchte ich versuchen, diesen dritten Weg für die Integration aufzuzeigen.

Der bekannte Pädagoge Klaus Hurrelmann propagierte für die hiesige Gesellschaft ein demokratisches Erziehungsmodell und erteilte dabei sowohl der autoritären als auch der unverbindlich laschen Erziehung eine Abfuhr. Denn in der autoritären Erziehung bestimmen allein die Eltern, was die Kinder zu tun haben, während in der laschen allein die Kinder entscheiden, was sie tun wollen. Die demokratische Erziehung hingegen markiert die Suche nach einem Kompromiss. Sie soll Kindern Freiheiten und Grenzen zugleich vermitteln und sie auf das künftige gesellschaftliche Leben vorbereiten. Weil die Regeln hier durch Kinder und Eltern gemeinsam gestaltet werden, können sie auch von allen Beteiligten nachvollzogen und vorbehaltlos eingehalten werden. In Anlehnung an diese drei Erziehungsstile wäre die Herangehensweise der Leitkulturalisten dem überholten autoritären und die der Multikulturalisten dem unverbindlich laschen Stil zuzuordnen. Der dritte Weg wäre dann der demokratische Stil der Integration. Dieser Mittelweg würde den Erfordernissen einer demokratischen Gesellschaft eher entsprechen, weil der Umgang mit den Muslimen von einer demokratischen Herangehensweise geprägt wäre. Der mahnende Zeigefinger der ersten Herangehensweise und die gleichgültige Haltung der zweiten würden einem partnerschaftlichen Miteinander Platz machen.

Ein solches partnerschaftliches Miteinander kann und muss kommen, weil die Muslime schon seit mehreren Generationen in Deutschland leben und längst Teil dieser Gesellschaft sind. Genau wie alle anderen leisten auch sie in sämtlichen Lebensbereichen einen überaus wichtigen Beitrag zu dieser Gesellschaft: der einfache Arbeiter ebenso wie die gut ausgebildete Akademikerin. Deswegen sollte für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben nicht mehr die Kultur, sondern die Persönlichkeit und die Qualifikation entscheidend sein. Doch leider Gottes ist eine Reduzierung von Menschen auf ihre (Herkunfts-)Kultur auch heute noch üblich, was dazu führt, dass manche hochqualifizierten Muslime ihr Glück im Ausland suchen, weil sie sich hier von unsichtbaren Mauern umgeben fühlen. Dabei verschlingt die Ausbildung von qualifizierten Menschen doch erhebliche finanzielle und andere Ressourcen, Ressourcen die doch eigentlich so effizient wie möglich genutzt werden müssten. Und auch hochqualifiziertes Personal benötigen wir - die Gesellschaft - heute dringender denn je.

Umso wichtiger ist es, dass sich die Muslime willkommen und in Deutschland beheimatet fühlen. Und ich bin davon überzeugt, dass die Anerkennung und Würdigung der von ihnen erbrachten Leistungen viel dazu beitragen wird. Vielleicht kann man ja gemeinsam und Hand in Hand nachholen, was jahrzehntelang aus den unterschiedlichsten Gründen versäumt wurde. Ziel muss es sein, die unsichtbaren Mauern in unseren Köpfen und in der Gesellschaft niederzureißen; und zwar so, dass wir eine Kultur des Willkommenheißens, des Mitnehmens, des Förderns, der Anerkennung und der Gleichbehandlung insbesondere im Bildungswesen und im Arbeitsmarkt entwickeln können. Dann sollte der Wandel unserer Wahrnehmung auch das Zusammenleben von Muslimen und Nichtmuslimen im Allgemeinen und von Türken und Deutschen im Speziellen zum Normalfall werden lassen. Dann wird unsere Gesellschaft zu einer wahren Einheit zusammenwachsen. Über die Zukunft eines Menschen darf einfach nicht seine Herkunft entscheiden.

Folgt man dem oben beschriebenen demokratischen Lösungsansatz, wird die Integration der Muslime viel ungezwungener und natürlicher ablaufen als zurzeit noch. Dieser Ansatz zielt darauf ab, dass die Muslime wie selbstverständlich am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Und das ist ohne jeden Zweifel vorteilhaft für alle: Denn erst wenn alle in Deutschland lebenden Menschen an einem Strang ziehen, kommen wir als Gesellschaft voran und werden konkurrenzfähig auch gegenüber anderen Gesellschaften. Vielleicht täte es den Beteiligten gut, wenn sie Themen wie Deutsche Islamkonferenz, Islamischer Religionsunterricht, Anerkennung des Islams als Religionsgemeinschaft, die vermeintliche Kopftuchproblematik und weitere Fragen rund um Integration und Muslime einmal aus dieser Perspektive betrachten würden.

 

12. Mai 2010

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