|
Musa Bagrac
Ab und an pflege ich Freunde meines verstorbenen Vaters zu besuchen. Neulich erzählte mir einer von ihnen bei einem starken türkischen Blättertee, welche Krisen er mit seiner Frau gemeistert habe und dass damals niemand auch nur im Geringsten an eine Scheidung dachte. Aber die Jugend von heute werfe ja sofort das Handtuch und reiche die Scheidung ein. Im Verlaufe des Gesprächs erfuhr ich von der Trennung seines Sohnes. An diesem Tag war ein weiterer Freund anwesend. Bei seinem Sohn sei es auch nicht anders gekommen. Doch besonders traurig mache ihn sein Enkelkind, das nun der eigentlich Leidtragende sein werde.
Nach diesem Gespräch wurde mir wieder einmal klar, dass das Thema Trennung und Ehescheidung längst auch bei den in Deutschland lebenden Türken angekommen ist. Unübersehbar steigt die Scheidungsrate unter den hiesigen Türken kontinuierlich, auch wenn sie gemessen an der Gesamtbevölkerung noch relativ gering ist. Lange galt eine Scheidung unter türkischen Gastarbeitern als verpönt und bildete eher die Ausnahme. Deshalb bewunderten Außenstehende oft den starken Zusammenhalt der türkischen Familien. Inzwischen jedoch ist zu erkennen, dass Anspruch und Realität auseinanderklaffen. Man geht davon aus, dass durchschnittlich jede vierte türkische Ehe hierzulande geschieden wird. (Zum Vergleich: In der Türkei wird laut Statistik jede achte Ehe geschieden.) Deswegen kann man hier keinesfalls mehr von einer gesellschaftlichen Randerscheinung sprechen.
Sicherlich mag es verschiedene, auch durchaus berechtigte Gründe dafür geben, weshalb ein Paar in der Scheidung den letzten Ausweg sieht. Dennoch bleibt die Frage, ob diesem Trend nicht entgegengesteuert werden kann. Denn eine Gesellschaft ist nur solange zukunftsfähig, wie sie auch in ihrer kleinsten Einheit, also in der Familie, stabil ist.
Niemand heiratet, um Probleme zu bekommen und sich scheiden zu lassen. Nahezu jede Ehe wird in reiner Absicht und mit dem guten Willen geschlossen, auf Basis der Liebe zum Partner ein glückliches und selbstverwirklichtes gemeinsames Leben zu gestalten. Am Anfang stehen deshalb auch meistens Zufriedenheit und Wir-Gefühl, aus denen sich dann eine Ehe- bzw. Familien-Identität entwickelt. Bei Trennungen zeigt sich, dass diese anfängliche Harmonie von negativen Faktoren völlig in den Hintergrund gedrängt wurde. In solchen Situationen sind die Beteiligten extrem unzufrieden - mit sich selbst, dem Partner und auch ihrem Umfeld. Sie sind nicht länger bereit, sich ihren zumeist selbstverschuldeten Problemen zu stellen, und sehen den letzten Ausweg in der Flucht.
Beide Partner sollten sich daher permanent und nach Kräften darum bemühen, dass die vielversprechende Ausgangsposition zu Beginn ihrer Ehe erhalten bleibt und noch ausgebaut werden kann. Die Ehe ist ein dynamischer Prozess und keine statische Konstellation. Die Partner verändern sich im Laufe der Zeit, und so auch ihr Miteinander. Das erfordert Beziehungsarbeit. Wer das nicht einsieht, wird schon bei kleinsten Differenzen die Fehler beim anderen suchen, anstatt im eigenen Denken und Handeln. Dadurch aber werden die Probleme keinesfalls nachhaltig gelöst. Sie bestehen unterschwellig weiter, bis sie dann unerwartet und schlagartig erneut zum Vorschein kommen und nicht selten eskalieren.
Zweifellos besitzt jeder Mensch das Potenzial, eine gute Beziehung zu führen. Dieses Potenzial muss aber erst entwickelt und entfaltet werden. Eine gute Beziehung zu führen ist eine Kunst, die geduldig und ausdauernd erlernt werden muss. Zugleich ist eine gute Beziehung ein Prozess der Selbsterkenntnis, der ein Leben lang andauert. Im Idealfall erkennt man nach und nach die eigenen Stärken und Schwächen und arbeitet daran, wie ein Diamantschleifer. Wer sich dies bewusst macht, wird aufkommende Probleme schon im Keim ersticken und verhindern können, dass sich das Klima in der Beziehung stetig weiter verschlechtert.
Ich denke, dass die Qualität einer Beziehung sehr stark von der Verständigung und Kommunikation der Partner abhängig ist. Auf türkische Paare bezogen kann gesagt werden, dass das Verhältnis der Ehepartner untereinander zwar primär von der innerfamiliären Kommunikation beeinflusst wird, dass aber auch die Kommunikation mit dem Umfeld eine gewichtige Rolle spielt. In diesem Sinne sind zwei Fragen ganz entscheidend: Wie kommuniziert man mit dem Partner? Wie kommuniziert man mit den Umfeld (Schwiegereltern/Eltern)?
I. Wie kommuniziert man mit dem Partner?
Zunächst also zur Frage nach der richtigen Kommunikation zwischen den Ehepartnern, denn sie bildet den Grundstein jeder nachhaltig guten Beziehung. Mit dem Eheleben beginnt ein neuer Lebensabschnitt zu zweit. Man verlässt die jahrelang gewohnte Ich-Zentriertheit und geht über zu einem Wir-Gefühl. Die Selbstverwirklichung des Menschen erfolgt nun unter Berücksichtigung des Partners und in Interaktion mit ihm. In Ehen, in denen sich die Partner nicht von ihrer Ich-Zentriertheit lösen können, prallen zwei Egos ungebremst aufeinander. Abweichende Lebens- und Wertevorstellungen verstärken diesen Aufprall noch. In einer partnerschaftlichen Ehe hingegen sollten sich die Partner ergänzen. Sie sollten einander nicht als Gegenspieler betrachten, sondern als Teamplayer. Die Entwicklung eines solchen Wir-Gefühls braucht vor allem Vertrauen; und das entsteht durch aufrichtige und transparente Kommunikation. Eine ‚gemeinsame Sprache‘ kann vieles vereinfachen. Trotz allem sind überall dort, wo Menschen aufeinander treffen, Missverständnisse vorprogrammiert. Diese Missverständnisse erschweren zwar das Leben, sind aber zugleich auch Herausforderungen, an denen wir wachsen. Der Kommunikationswissenschaftler Schulz von Thun hat sich eingehend mit diesem Thema beschäftigt. Er gelangte zu dem Schluss, dass Missverständnisse in erster Linie darauf zurückzuführen sind, dass Menschen einfach nicht wissen, wie Kommunikation eigentlich funktioniert. Um sie zu vermeiden, sollte man sich vor Augen halten, dass mit jeder Botschaft immer vier Aspekte mitgeteilt werden - Sachinformation, Selbstkundgabe, Beziehung, Appell. Seine Einschätzung erfreut sich wegen ihrer Praxisnähe aktuell großer Beliebtheit. Sie lässt sich anhand des folgenden Satzes ganz einfach erklären: „Du hast heute zwei Stunden lang geredet“. Dechiffriert kann diese Aussage vier Botschaften beinhalten:
-
Du hast zwei Stunden lang geredet./Du kannst zwei Stunden lang reden.
-
Ich bin ein aufmerksamer Beobachter und habe alles wahrgenommen
-
Ich mag es nicht, wenn du in meiner Gegenwart viel redest. Ich selbst rede lieber wohlüberlegt.
-
Du solltest dich demnächst in meiner Gegenwart etwas kürzer fassen.

Eine vermeintlich simple Botschaft kann also auf vier unterschiedliche Weisen aufgefasst werden. Falsche Interpretationen bergen Konfliktpotenzial in sich. Sie können jede Beziehung versalzen und somit auch für größere Krisen sorgen. Deshalb müssen sich beide Ehepartner stets fragen, ob ihr Partner das, was man ihm sagt, auch wirklich so versteht, wie man es meint. Maximale Transparenz und Aufrichtigkeit minimieren das Konfliktpotenzial und schaffen ein Vertrauensverhältnis zwischen den Partnern, das das Wir-Gefühl fest verwurzelt.
Zu einer guten Gesprächsführung gehört auch eine geeignete Umgebung, denn der Kontext beeinflusst immer das Gesprochene. Über wichtige Angelegenheiten, zum Beispiel über persönliche Gefühle oder anstehende Entscheidungen, sollte nicht zwischen Tür und Angel diskutiert werden. Bei einem Spaziergang, an der frischen Luft lässt sich viel ungezwungener und produktiver über solche Dinge reden. Dann fällt es den Partnern viel leichter, sich auf bestimmte Fragen zu konzentrieren; auch Gedanken und Gefühle des Gegenübers lassen sich dann mit Sicherheit besser nachvollziehen und einbeziehen. Ein klärendes Gespräch, das eingebettet ist in einen kleinen Ausflug in die Natur - zum nächstgelegenen See, ans Meer, in den Wald oder in die Berge -, kann wahre Wunder wirken. Wenn man sich dafür Zeit nimmt, vermittelt dies beiden Partnern das Gefühl, dass dem anderen die Beziehung wirklich am Herzen liegt.
II. Wie kommuniziert man mit dem Umfeld?
Die Schaffung eines Wir-Gefühls ist, wie bereits erwähnt, für die Qualität einer Ehe ausgesprochen wichtig. Viele Ehen scheitern, weil der Graben zwischen Ich und Du trotz vermeintlicher Partnerschaft zu breit wird. Kaum weniger wichtig aber ist das Verhältnis der Partner zu ihrem Umfeld (Schwiegereltern/Eltern, Geschwister, weiteren Verwandten, Freunden usw.). Ganz besonders gilt das für türkische Familien, weil die Partner dort oft davon ausgehen (müssen), dass sie nicht eine Person heiraten, sondern gleich eine ganze Familie. Eine Heirat führt zwei Familien zusammen und bringt sie einander näher, teilweise extrem nah. Die größte Herausforderung dabei lautet: Wie lässt sich ein Gleichgewicht herstellen zwischen der neu geschlossenen Ehe und den Familien der beiden Partner. Viele türkische Paare wissen zu berichten, dass sich die Schwiegereltern oder auch andere Verwandte in ihre Ehe einmischen. Das birgt natürlich ein enormes Konfliktpotenzial, insbesondere in der Anfangszeit der Ehe, in der sich das Wir-Gefühl ja noch nicht vollständig entfalten konnte. Sicherlich wollen Eltern nur das Beste für ihre Kinder, und sicherlich erfolgt jede Einmischung in guter Absicht. Doch sollten die Ehepartner nach außen hin unmissverständlich klarstellen, dass auch sie nur ihr Bestes wollen und ihre eigenen Entscheidungen treffen müssen. Dieser erste Akt der Loslösung ist für die Verankerung der neuen Partnerschaft sehr elementar. Schließlich verlassen die Partner ihre alte Einheit (Herkunftsfamilie) und gründen eine neue Einheit (Ehe). Also sollten zunächst einmal die Grenzen dieser neuen Einheit abgesteckt und den Eltern aufgezeigt werden - mit möglichst viel Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen und ohne sie zu kränken. Denn natürlich fühlen sie sich ihren nun verheirateten Kindern noch immer in Liebe und Fürsorge verbunden. Frisch verheiratete Paare sollten also ihre Zeit und Energie primär in die neue Familie investieren, denn alte Liebe rostet nicht - so heißt es zumindest im Volksmund.
Wenn Grenzen nicht früh genug abgesteckt und konsequent eingehalten werden, besteht die Gefahr, dass die Einmischung der Eltern Unzufriedenheit aufkommen lässt, die sich negativ auf das Zusammenleben der Partner auswirkt. Kritisiert man nun die Eltern des Partners, weil sie sich in die neue Einheit einmischen, so wird sich womöglich der Partner gekränkt fühlen, weil er diese Kritik als Angriff auf seine eigene Person versteht. Außerdem wird er möglicherweise später dazu neigen, seinen Schwiegereltern den gleichen Vorwurf zu machen. Um einen solchen Teufelskreis zu vermeiden, gilt es, bestimmte Kommunikationsregeln zu beachten. Wie Seiltänzer sollten die Partner versuchen, unter Beachtung des Gleichgewichts stabil auf dem Seil zu stehen und trotzdem beweglich zu bleiben. Nur so kann die neue Einheit ein eigenständiges Profil gewinnen; und nur so werden letztlich alle zufrieden sein: die Ehepartner und auch ihr ganzes Umfeld.
Fazit
Meiner Ansicht nach werden vor allem deshalb auch so viele türkische Ehen geschieden, weil genügend Ehepartner meinen, dass sie nicht erst lernen müssen, eine gute Beziehung zu führen - schon gar nicht unter Anleitung und mit Unterstützung von Außenstehenden. Geht die Beziehung dann in die Brüche, so weigert man sich, die eigenen Fehler zu sehen. Schuld sind immer die anderen. Oft hat es fast den Anschein, als würde der Pflege von Autos und technischen Geräten mehr Wert beigemessen als der Pflege der Beziehung zum Partner. Wenn dies auch den Beteiligten irgendwann dämmert, ist es meist schon zu spät und das Vertrauen restlos aufgebraucht.
Für Paare, die nicht den Boden unter den Füßen verlieren wollen, empfiehlt es sich, die Qualität ihrer Beziehung dadurch zu steigern, dass man ganz bewusst miteinander kommuniziert. Bei Problemen sollten die Partner nicht sofort trotzig reagieren, sondern geduldig sein. Sie sollten Probleme als Prüfungen von kurzer Dauer betrachten und ihnen aktiv begegnen; zum Beispiel, indem sie sich auf ihre ursprüngliche Harmonie besinnen und mit Hilfe der oben beschriebenen Kommunikationsregeln versuchen, Mitgefühl mit dem Partner zu entwickeln und die eigenen Anliegen offen auszusprechen. Bei gravierenderen Problemen sollte man sich auch nicht scheuen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Denn eine Scheidung löst die Probleme normalerweise nicht. Besonders für die Kinder hat sie fatale Folgen, und auch die Gesamtgesellschaft leidet darunter.
Das Verhältnis zu den Familien der Partner sollte von einer gesunden Distanz geprägt sein. Priorität verdient zuerst die eigene neu gegründete Familie, der zu einem stabilen Wir-Gefühl verholfen werden muss. Die Partner sollten die Grenzen ihrer neuen Einheit jeweils den eigenen Eltern aufzeigen, damit nicht der Eindruck entsteht, der Schwiegersohn bzw. die Schwiegertochter hätte etwas gegen sie. Verärgerung über das eigene Kind ist naturgemäß von kürzerer Dauer als über eine/einen ‚Fremde(n)‘. Und sobald Eltern und Schwiegereltern der neuen Partnerschaft Respekt zollen, normalisieren sich die Beziehungen in der Regel schnell wieder.
Ich würde mir wünschen, dass die zahlreichen türkischen Vereinigungen in Zukunft auf diesem Gebiet mehr Verantwortung übernehmen. Wenn sie Seminare zur inner- und interfamiliären Erziehung anbieten könnten, würden sie Mensch und Gesellschaft damit einen guten Dienst erweisen. Konkrete Themen solcher Seminare könnten unter anderem sein: Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit gegenüber dem Partner, Grundlagen der Kommunikation, reine Absicht und guter Wille, Rücksichtnahme, Mitgefühl, Geduld, Selbstverwirklichung. So ließe sich schon prophylaktisch gegen Krisen vorgehen. Meine Hoffnung geht dahin, dass sich auf diesem Wege die Qualität und Nachhaltigkeit der Beziehungen innerhalb der Familie und nach außen steigern lässt.
19. April 2010
Weitere Artikel des Autors
|
Kommentare
ein wirklich hilfreicher und gut
erklärter text !
Alle Kommentare dieses Beitrages als RSS-Feed.