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Musa Bagrac

Wir feiern 60 Jahre Grundgesetz. Seit sechzig Jahren wird die Unantastbarkeit der Würde des Menschen durch die Verfassung geschützt. Auf so eine Verfassung, die den Menschen ins Zentrum der Betrachtung rückt, können wir stolz sein. Leider aber beobachten wir heute auch eine gegenläufige Tendenz: die Würde des Menschen wird inzwischen nämlich sehr wohl angetastet. Nicht selten geht man hier in Deutschland miteinander um, als sei man dem anderen ein Wolf. Der Pädagoge und Soziologe Wilhelm Heitmeyer spricht in diesem Zusammenhang von einer gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit. Er belegt anhand einer Studie, dass insbesondere die Feindseligkeit Muslimen gegenüber stetig steigt. Von Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft erfahren Muslime in ihrem Alltag Ablehnung und Diskriminierung. Obwohl Muslime und Christen als Anhänger monotheistischer Religionen viele Gemeinsamkeiten haben, werden immer wieder die Unterschiede hervorgehoben. Ihre Beziehung zueinander wird in der Regel über trennende Punkte definiert. Es wird kein differenziertes Bild mehr von den Muslimen gezeichnet, stattdessen bedient man sich bestimmter Stereotypen, die sich im Laufe der Zeit verfestigen. Der ‚Andere‘ wird nur noch durch eine Brille der Vorurteile wahrgenommen, die alles Positive hinweg filtert. Muslime werden in den Medien nur allzu oft als potenzielle Terroristen und Gewalttäter dargestellt.
 
Statt diese problematische Entwicklung lediglich als Zuschauer zu beobachten und zu beschreiben, haben es sich die beiden renommierten Wissenschaftler John L. Esposito und Dalia Mogamed (inzwischen Barack Obamas Beraterin) zur Aufgabe gemacht, bestehenden Vorurteilen durch aktive Kommunikationsarbeit entgegenzuwirken. In einer breit angelegten Langzeitstudie (des ‚Gallup-Instituts‘, das als Flaggschiff der internationalen Meinungsforschung gilt) haben sie es gewagt, einige heiße Eisen anzufassen. Esposito und Mogamed konfrontierten weltweit in Direktinterviews über 50.000 Muslime mit jenen Fragen, die wohl jedem interessierten Menschen im Westen auf der Zunge brennen. Die Ergebnisse ihrer Studie erscheinen repräsentativ und können deshalb durchaus auch auf die Muslime in Deutschland übertragen werden.
 
Eine Zusammenfassung der wichtigsten Fragen und Antworten haben die beiden Autoren in einem exzellenten Buch mit dem Titel Who speaks for Islam? – What a Billion of Muslims really think herausgegeben. Bis dato liegt bedauerlicherweise noch keine deutsche Übersetzung vor. Wie der Buchtitel bereits verrät, hat man im Rahmen dieser Studie nicht über Muslime gesprochen, sondern mit ihnen, und zwar auf Augenhöhe. So wird denn auch in dem Buch kein Blatt vor den Mund genommen und Klartext gesprochen.
 
Schon auf den ersten Seiten wird erstaunlicherweise deutlich, dass die befragten Frauen und Männer ganz ähnliche Gedanken und Gefühle artikulieren, ganz gleich ob sie in Afrika oder in Europa leben. Des Muslims (und der Muslimin) größter Traum für die Zukunft ist ein besserer Job. Wer hier vermutet hätte, dass der ‚Heilige Krieg‘ gegen Ungläubige ganz oben auf der Liste steht, sieht sich getäuscht. Leser und Leserinnen des Buches dürfen mit Fug und Recht behaupten, dass die Studie des Gallup-Instituts der schweigenden Mehrheit der Muslime eine Stimme verleiht.
 
Um Interessierten die Lektüre des Buches von Esposito und Mogamed schmackhaft zu machen, werde ich im Folgenden einige wichtige Punkte hervorheben. Das Buch ist übersichtlich in fünf Kapitel unterteilt, die jeweils einer Leitfrage unterstehen:

Kapitel 1: Wer sind die Muslime?

Wer sind die Muslime eigentlich wirklich? Viele im Westen würden sagen, es sind diejenigen, die die schrecklichen Ereignisse des 11. September ausgelöst haben. Folgerichtig kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass die Menschen in Europa und den USA völlig unzureichende Kenntnisse über den Islam und die Muslime besitzen:

  • Die muslimische Welt ist vielfältiger, als die meisten annehmen. Es gibt 57 Länder, die mehrheitlich muslimisch sind oder eine bedeutende muslimische Minderheit haben. Araber machen nur rund 20% der weltweiten muslimischen Bevölkerung aus.

  • Glaube und Familie sind zentrale Werte im Leben von Muslimen.
    Muslime glauben - ebenso wie Christen und Juden - an den Gott Abrahams und erkennen die biblischen Propheten Abraham, Moses und Jesus an.

  • Der Begriff Dschihad hat verschiedene Bedeutungen. In erster Linie geht es dabei um eine Anstrengung für Gott oder die Sache Gottes, die sowohl ein seelisches Ringen mit sich selbst als auch materielles Streben beinhaltet. Die islamische Ethik verbietet jegliche Angriffe auf Zivilisten, auch in Kriegszeiten.

Kapitel 2: Demokratie oder Theokratie

Sind Islam und Demokratie kompatibel? Warum gibt es im Nahen Osten so wenig demokratische Systeme? Bevorzugen Muslime Theokratien oder Demokratien?

  • Demokratien sind in muslimischen Ländern noch selten, doch viele Muslime haben bereits eine Reihe von demokratischen Prinzipien verinnerlicht.

  • Muslime sehen keinen Widerspruch zwischen demokratischen Werten und religiösen Prinzipien.

  • Muslime wollen weder eine Theokratie noch eine säkulare Demokratie. Sie wünschen sich einen dritten Weg, der gleichzeitig von religiösen Prinzipien und demokratischen Werten geprägt ist.

  • Muslimische Männer und Frauen wünschen sich, dass die Religion eine Rolle bei der Gesetzgebung spielen soll - und zwar als eine Quelle neben anderen Quellen. Zugleich lehnen sie es ab, dass sich religiöse Führer direkt in die Ausarbeitung der Verfassung einmischen.

Kapitel 3: Was macht einen Radikalen aus?

Der Krieg gegen den globalen Terrorismus hat zahlreiche Fragen zum Terrorismus und seiner Bekämpfung aufgeworfen: Wie viel öffentliche Unterstützung erfährt der Terrorismus? Hassen Muslime den Westen und seine Lebensphilosophie? Wie unterscheiden sich Radikale von der friedfertigen Mehrheit? Sind Islam und Terrorismus miteinander verknüpft, und wenn ja, auf welche Weise? Wie denkt man über Selbstmordattentate?

  • Die große Mehrheit der Befragten in überwiegend muslimischen Ländern verurteilt die Ereignisse des 11. September.

  • Jene Minderheit (7%), die die Angriffe billigt und die Rolle der USA missbilligt, ist nicht religiöser als der Rest der Bevölkerung.

Kapitel 4: Was wünschen sich Frauen?

Seit Jahrhunderten werden muslimische Frauen als Objekte wahrgenommen, und nicht als eigenständige Subjekte. Vor allem sie haben selten die Möglichkeit gehabt, selbst über sich zu sprechen. Was also wollen muslimische Frauen wirklich? Wie denken sie über Frauenrechte, Religion und den Westen? Was ist der effektivste Weg, um die Rechte der muslimischen Frauen durchzusetzen

  • Muslimischen Frauen sind Religion und Rechte gleichermaßen wichtig.

  • Muslimische Frauen bewundern manche Errungenschaften des Westens, lehnen aber eine unreflektierte Übernahme von westlichen Werten ab.

  • Die Mehrzahl der muslimischen Frauen glaubt, dass ihre dringendsten Bedürfnisse nicht geschlechtsspezifischer Natur sind. Politische und wirtschaftliche Reformen erscheinen ihnen wichtiger.

  • Die Monopolisierung der Interessenvertretung von Frauen durch den Westen wird oft misstrauisch beäugt, da Frauenrechte in der Geschichte auch zur Rechtfertigung des Kolonialismus missbraucht wurden.

Kapitel 5: Kampf oder Zusammenleben?

Zweifelsohne gibt es unter Muslimen Terroristen - genauso wie es sie auch unter Christen gibt. Deswegen ist es für den erfolgreichen Kampf gegen den globalen Terrorismus von entscheidender Bedeutung, eine Partnerschaft zu entwickeln, die die Sichtweise des ‚Wir und die Anderen‘ zu überwinden hilft. Hierzu wünschen sich Muslime in aller Welt vom Westen einzig und allein eine spürbare Verbesserung der Beziehungen zu ihren Gesellschaften, indem sie ihre Ansichten mäßigen und die Muslime respektieren. Dass die Muslime im Westen den Gesellschaften, in denen sie leben, keineswegs feindlich gegenüberstehen, untermauert eine von vielen sehr bemerkenswerten Erkenntnissen der Gallup-Studie: Dort heißt es nämlich, dass die Muslime in Deutschland loyaler zu ihrem Land stehen als der Durchschnitt der deutschen Bevölkerung.

Das eigentlich Überraschende an den Ergebnissen der Studie ist, wie ähnlich Menschen denken und fühlen, ganz gleich welcher Religion oder Nation sie angehören. So mancher dürfte diese Erkenntnis zum Anlass nehmen, sein Weltbild zu überdenken. Im Geiste der Unantastbarkeit der Menschenwürde sehe ich persönlich in dieser Studie eine Bereicherung des Diskurses in Deutschland. Schließen möchte ich mit einem Zitat von Einstein:

„Ein Mensch sollte schauen, was ist, und nicht danach, wie es seiner Meinung nach sein sollte.“

 

25. Januar 2010

Literatur
http://www.gallup.com/press/104209/Who-Speaks-Islam-What-Billion-Muslims-Really-Think.aspx

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