Start Autoren Muhammet Mertek Integration, Einwanderung, Sprache…
Integration, Einwanderung, Sprache…
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Muhammet Mertek

Ich weiß ja nicht, was Sie auf die Frage antworten würden, ob Sie in Deutschland glücklich sind, aber ich würde mich im Allgemeinen schon als glücklich bezeichnen. Wenn man einmal die Debatten um die Integration und den Islam sowie manche tief verwurzelten Vorurteile ausklammert, habe ich keinen Anlass, unzufrieden zu sein…

Na gut, manchmal fühle ich mich schon ausgegrenzt oder erniedrigt, zum Beispiel wenn man mich im Krankenhaus oder in der Kirche für den Hausmeister hält, wenn mich der Arzt fragt: „Arbeiten Sie als Bergarbeiter?“ oder wenn man beim Bezahlen im Einkaufszentrum meinen Pass sehen möchte.

Vielleicht lege ich ja solche Bemerkungen zu sehr auf die Goldwaage, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass es mich im Namen Deutschlands und der Deutschen traurig stimmt. Wir schreiben das 50. Jubiläumsjahr der Migration türkischer Gastarbeiter. Unsere Väter kamen unter extrem schwierigen Bedingungen hierher ins Land. Sie sagten zu allem Ja und Amen und arbeiteten in nahezu unzumutbaren Verhältnissen; in dem größten Dreck, und Tag und Nacht in Wechselschicht. Sie opferten ihre Kraft und Stärke, fraßen die schier unerträglichen Schmerzen des Heimwehs in sich hinein und verrichteten mit unglaublicher Geduld alle Arbeiten, die man ihnen auftrug, um die Entwicklung und den Aufschwung Deutschlands zu unterstützen.

Obwohl sie von manchen Kreisen dieser Gesellschaft hin und her geschubst, beleidigt und verachtet wurden, sind sie oft glücklich geworden. Obwohl man sie nicht immer als Menschen (erster Klasse) betrachtet, scheuen sich diese Menschen aus Anatolien nicht, den Deutschen ihre Türen und Arme zu öffnen. Insbesondere im Monat Ramadan bauen sie Brücken in die Herzen ihrer Mitmenschen und leben nach dem Motto: „Komm, komm näher, wer auch immer du bist, komm näher!“ (Dschelaleddin Rumi)

Leider wurden Begriffe wie Integration und Migration über die Jahre ständig negativ interpretiert, während die positiven Seiten der Einwanderung meistens übersehen wurden. Überhaupt war von Anfang an gar nicht klar, was unter Integration überhaupt zu verstehen ist.

Ich habe bereits mehrfach geschrieben, dass Integration nichts mit Sprache zu tun hat. Wenn die Türken in Deutschland ein Problem haben, dann liegt es an den Rahmenbedingungen in der Gesellschaft, und nicht daran dass sie der deutschen Sprache den Krieg erklärt hätten. Aber wenn man sich die öffentlichen Debatten vor Augen führt, hat es den Anschein, als würde quasi herbeigeredet, dass die Türken die deutsche Sprache gar nicht erlernen wollen. Außerdem sind die Türken ein halbnomadisches Volk, d.h. sie waren schon immer ein Volk, das migriert. Sie haben über all die Jahrhunderte hinweg mit den verschiedensten Völkern und deren ganz unterschiedlichsten Kulturen zusammengelebt. Da wäre es doch absurd, wenn sie das ausgerechnet mit dem deutschen Volk nicht schaffen würden.

Ein halbes Jahrhundert lang wurde über Einwanderung, Integration, Deutsch, Islam und Terror debattiert, und wir debattieren immer noch. Die deutschen Medien und die deutsche Politik haben dabei keinen guten Job gemacht. Wieder und wieder wurden die ethnische und die religiöse Zugehörigkeit beschworen. Nie ging es um die Gefühle und Gedanken einzelner Menschen. Die erste Generation der Türken kam als „Gastarbeiter“ und ist inzwischen in Rente. Ihre Kinder und Enkel sind zu einem großen Teil gebildet und unternehmerisch tätig. Sie haben einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung Deutschlands geleistet und tun es immer noch. Betrachtet man sie objektiv und unvoreingenommen, nicht durch das Objektiv der verworrenen Integrationsdebatten, so entdeckt man Menschen, die am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, die Grundgesetz und Staat gegenüber loyal sind und ihren deutschen Mitbürgern gegenüber tolerant.

Viele von ihnen haben sich in den vergangenen 15 Jahren im Bildungssektor engagiert. Aber derlei Aktivitäten, die das Potenzial besitzen, die Probleme rund um Integration, Gewalt und Sprachlosigkeit zu beseitigen, finden zurzeit einfach zu wenig Beachtung und Wertschätzung. Nicht dass es diese Menschen auf Wertschätzung anlegen würden; ihnen geht es vielmehr um die Zukunft ihrer Gemeinschaft. Aber neben den all den Angst und Zwietracht säenden negativen Veröffentlichungen in den Medien könnten doch wohl wenigstens ab und zu auch solche wertvollen Beiträge von Türken gewürdigt werden, oder etwa nicht?

Im Laufe der Jahrhunderte haben sich allerlei Klischees über Türken festgesetzt, die Niederschlag auch in der deutschen Sprache gefunden haben: Türkengefahr, Türkenfrage, Kruzitürken, Türkenstecher, türken, getürkt, einen Türken bauen, Kümmeltürke, Türkenpredigen, Türkenlieder, Türkenbriefe, Türkenkalender, Schachtürken, Türkenbeute, Türkenmode, Türkenoper, Türkenblut oder Türkenglocken - all das sind mit Sicherheit keine Schmeicheleien. Dass es den Türken hierzulande ebenfalls nicht gelingt, das Erbe ihrer wahren kulturellen Werte in angemessener Form zu repräsentieren, steht auf einem anderen Blatt Papier.

Wie dem auch sei… das Leben geht weiter. Auch wenn der Geist der Sarrazin-Thesen das ganze Land im Würgegriff hält, sollten wir über diese inhaltlosen Debatten lachen können und uns auf das Wesentliche konzentrieren: Setzen wir uns gemeinsam für eine lebens- und menschenwürdige Zukunft in Deutschland ein!

29. 05. 2011

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