Start Autoren Muhammet Mertek Kann man für eine Ameise das Totengebet* verrichten, Herr Friedrich?
Kann man für eine Ameise das Totengebet* verrichten, Herr Friedrich?
( 9 Votes )

 

Muhammet Mertek

Türkische Unternehmer in Deutschland haben kürzlich eine neue Privatschule eröffnet. Nach der Eröffnung ist noch kein Monat vergangen, da kommen drei Schüler im Alter von 11-12 Jahren zu Kadir, einem Betreuer:

- „Eine Frage, Herr Lehrer!“

- „Ja bitte, meine Freunde.“

- „Wir möchten Sie etwas fragen, aber seien Sie uns nicht böse.“

- „Natürlich nicht. Ich höre.“

- „Kann man für eine Ameise das Totengebet verrichten?“

Kadir glaubte zunächst, dass die Schüler ihn auf den Arm nehmen wollten.

„Wie kommt ihr denn darauf?“, fragte er sie.

„Vorhin hat ein Mitschüler von uns unabsichtlich eine Ameise zertrampelt, und wir hatten Mitleid mit ihr. Also haben wir sie genommen und in der Erde vergraben. Anschließend haben wir als Bittgebet für die Ameise die Sure Al-Fatiha gesprochen.1 Aber jetzt fragen wir uns, ob man wirklich auch für eine Ameise das Totengebet verrichten darf.“

Kadir kam aus dem Staunen kaum heraus und verspürte angesichts dieser Empfindsamkeit eine tiefe Dankbarkeit.

Diese Episode hat sich wirklich genau so abgespielt, und es wäre schön, wenn sie auch dem neuen Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich zu Gehör käme. Der Minister, der mit seiner Sicherheits-Paranoia alle Muslime unter Generalverdacht gestellt hat, wäre sicherlich überrascht zu erfahren, zu welcher Empfindsamkeit muslimische Kinder erzogen werden. Vielleicht würde es ihm helfen zu erkennen, wie absurd es ist, den Muslimen nachzusagen, sie würden Terror und Gewalt hervorbringen. Die Islamkonferenz war ja von Anfang an eine Notgeburt, der jede gesunde Basis fehlte, doch der Innenminister hat sie durch seine Äußerungen endgültig diskreditiert.

Eine deutsche Zeitung titelte so: „Friedrich legt sich mit den Muslimen und Leutheusser an.“ Interessant, das wirft natürlich die Frage auf, warum er sich überhaupt mit ihnen anlegt. Offensichtlich glaubt man, der Dynamik des Islams etwas entgegensetzen zu müssen. Zunächst zogen die Orientalisten gegen ihn ins Feld, dann bekanntlich Menschen türkischer Herkunft, und jetzt sind es eben diverse Politiker, die diesen Widerstand anführen, und im Schlepptau haben sie noch den einen oder anderen Schriftsteller und Autor.

Demgegenüber ist zu erkennen, dass sich die Deutschen insgesamt durchaus annähern - den Muslimen, die jahrelang ausgegrenzt wurden, und auch dem Islam, der seit Jahrhunderten falsch eingeschätzt wird. Viele ergreifen immerhin Partei, und das ist eine wichtige positive Entwicklung.

Die Bundesjustizministerin etwa sagt folgendes: „Auch der Vorschlag einer Sicherheitspartnerschaft nimmt den muslimischen Glauben nicht als Teil von Deutschland wahr, sondern als Quelle von Extremismus und Radikalisierung. Islam darf nicht mit Islamismus gleichgesetzt werden.“

Und Renate Künast vom Bündnis 90/Die Grünen sagt: „Diese Konferenz des Bundesinnenministers ist eine Frechheit.“ Klingt ähnlich hart wie in der Schlagzeile oben: „Friedrich legt sich mit den Muslimen und Leutheusser an.“

Wie will man die Muslime und ihre Religion wirklich in die Gesellschaft aufnehmen, wenn immer wieder Angst geschürt wird, Vorurteile produziert werden und allseits Stereotypen dominieren? Mangelnde Akzeptanz fremder Kulturen in den kulturellen Codes dieser Gesellschaft macht das Ganze noch schwieriger.

Lässt sich die Sonne ignorieren? Ist es möglich, die Türken vom Islam zu separieren, mit dem sie doch seit tausend Jahren verschmolzen sind? Um zu zeigen, dass sowohl der Islam als auch die Muslime ein integraler und bleibender Bestandteil Deutschlands sind, reichen folgende Punkte völlig aus:

  • Über 700.000 Muslime sind deutsche Staatsbürger.
  • Mehrere hunderttausend Muslime sind Eigentümer von Immobilien in Deutschland.
  • Ca. 500.000 türkische Kinder besuchen die deutschen Schulen.
  • Es gibt in Deutschland etwa 150 Moscheen mit Minarett.

Die Debatte, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht, ist nichts weiter als eine von vielen Etappen auf dem Weg zu Annahme und Akzeptanz. Und dass die Begriffe Muslime und Gewalt in einem Atemzug genannt werden, ist eine Strategie, die dies zu verhindern sucht. Wie sich die Dinge künftig entwickeln werden, ist offen, doch ist nicht erst in jüngster Vergangenheit kaum zu übersehen, dass bei der Verfechtung der angeblich so unantastbaren Werte des Westens eine gewisse Doppelmoral herrscht. Die oben beschriebene Empfindsamkeit der drei Schüler gegenüber der Ameise dagegen lässt uns einen Blick durch den Türspalt einer ganz anderen Zivilisation werfen.

Kann man für eine Ameise das Totengebet verrichten? Ich weiß es nicht, aber es ist offensichtlich, dass in dieser Frage eine transzendentale Werte-Symphonie mitschwingt, für die der Westen bis heute taub ist.



* Im Islam ist es Pflicht, dass eine Gruppe von Muslimen vor der Beerdigung eines Toten das Totengebet verrichtet.

1 Es besteht ein Konsens, dass Muslime an den Gräbern anderer Muslime die Sure Al-Fatiha (Die Eröffnung, erste Sure im Koran) als Bittgebet sprechen sollten.

 

Weitere Artikel des Autors                                                                                         

Joomla "wookie mp3 player 1.0 plugin" by Sebastian Unterberg
 
 

INID-Autoren

Gastautoren








 

Rechtlicher Hinweis:

Das INID-Institut übernimmt keinerlei Verantwortung für die Inhalte einzelner Artikel. Jeder Artikel spiegelt allein die persönliche Meinung seines Autors bzw. seiner Autorin wider. 

 

Unterstützen Sie uns: