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Ausgrenzung mit Begriffen
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Muhammet Mertek

Viele eigentlich sehr fragwürdige Begriffe werden in der Öffentlichkeit benutzt, ohne dass sich jemand groß Gedanken über sie machen würde. Fragwürdig sind sie deshalb, weil sie über ihre eigentliche Bedeutung hinaus unterschwellige Botschaften und Signale aussenden, derer man sich in der Regel kaum bewusst ist. Hinterfragt man solche Begriffe nicht, erscheinen sie harmlos. In Wirklichkeit aber verbergen sich hinter ihnen oft bestimmte (böse) Absichten.

Nehmen wir nur einmal den Begriff Integration. Warum und für wen wird er benutzt? Die Antwort liegt auf der Hand: in erster Linie für die Türken, die doch schon seit einem halben Jahrhundert in Deutschland leben. Und welche Botschaft vermittelt der Begriff den Deutschen? „Da sind ausländische/muslimische Gastarbeiter nach Deutschland eingewandert. Die Kultur, die sie mitgebracht haben, gehört aber nicht zu uns. Daher müssen sie sich weiterentwickeln. Es ist ihre Pflicht, sich uns und unseren Werten anzupassen.“

Obwohl man sich bis heute nicht auf eine präzise Definition des Begriffs Integration einigen konnte, wird schon seit langem munter Politik damit betrieben. Jeder meint zu wissen, dass die deutsche Sprache die Integration der Türken grundsätzlich fördert. Das mag ja sein, aber kaum einer stellt sich die Frage, warum in letzter Zeit immer mehr türkische Akademiker das Land verlassen. In diesen Fällen ist wohl irgendetwas schiefgelaufen mit der Integration. Tatsache ist, dass viele Angehörige der Minderheiten, von denen Anpassung verlangt wird, ganz einfach aus Deutschland vergrault werden. Daran ändert weder die Tatsache, dass der ehemalige Ausländerbeirat nun Integrationsrat heißt, noch die Einführung einer Integrationskonferenz etwas.

Viel angemessener wäre der Begriff Partizipation. Partizipation bedeutet Teilhabe. Aber die Politik sagt lieber: „Pass dich mir an, verinnerliche meine Werte!“, anstatt: „Ich akzeptiere dich als Mensch und auch deine Werte. Was möchtest du für unsere Gesellschaft tun?“ Die Integrationsvereinbarung, die bald in Kraft treten wird, oder vor einigen Jahren der Gesinnungstest haben bzw. hatten sich das Ziel Partizipation jedoch nicht gerade auf die Fahne geschrieben. Trotz mangelnder Partizipation kann allerdings gar kein Zweifel daran bestehen, dass die Türken auch in der Vergangenheit bereits einen großen Beitrag zur Entwicklung Deutschlands geleistet haben. In der aktuellen Integrationsdebatte wird dieser Beitrag jedoch entwertet und herabgewürdigt.

Ein weiterer problematischer Begriff ist die neumodische Formulierung ‚Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund‘. Mit ihr pflegt man die Entfremdung türkischer Kinder und Jugendlicher von der deutschen Gesellschaft zu beschreiben. Aber warum, so frage ich mich, werden Kinder und Jugendliche, die in Deutschland geboren, aufgewachsen und sozialisiert wurden, ihrer Zugehörigkeit nach gekennzeichnet und alle über einen Kamm geschert? Warum werden sie in Bereichen wie Erziehung, Lernen, Gewalt und Religion ohne jede Differenzierung zum Thema gemacht und problematisiert?

Ähnlich dubios ist der Begriff ‚türkischer Herkunft‘. Die türkischen Jugendlichen oder Kinder, die hier in Deutschland aufgewachsen sind, sind nicht Deutsche türkischer Herkunft, sondern sie sind Türken. Denn deutsch-sein bedeutet etwas anderes, als die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen zu haben. Auch ein Türke mit deutschem Pass wird nicht Deutscher, sondern bleibt Türke. Letztendlich sind sowohl die Wurzeln dieser Jugendlichen türkisch als auch sie selber. Wenn man also schon unbedingt Kategorien benutzen möchte, sollte man besser von „Deutsch(Land)-Türken“ sprechen; und wenn man, passend zur deutschen Sprache und Verfassung, die gemeinsame Identität betonen möchte, eignet sich die Formulierung „Türke mit deutscher Staatsbürgerschaft“ wunderbar.

Abgrenzung und Ausgrenzung beschränken sich aber nicht auf diese Begriffe. Die Worte Hartz-4-Kinder, Kopftuch-Mädchen und Integrationsverweigerer basieren auf derselben Logik. Bestimmte Kreise werden nicht müde, Begriffe zu produzieren, die spalten, ausgrenzen und kategorisieren. Fast könnte man ein ganzes Wörterbuch ausgrenzender Begriffe schreiben. Zwangsläufig drängt sich da die Frage auf: Haben diese Leute ein Problem mit dem Menschsein?

Und dann kommt unsere liebe Bundeskanzlerin daher und gießt auch noch Öl ins Feuer, indem sie darauf pocht: „Multi-Kulti ist gescheitert!“ Dieser Spruch hört sich für mich ähnlich absonderlich an wie Nietzsches Spruch: „Gott ist tot!“, oder der eines mittelalterlichen Papstes: „Die Erde ist eine Scheibe!“

Selbst wenn die eingangs erwähnten Begriffe Integration und ‚dieser und jener Herkunft‘ streng genommen auch für andere Bevölkerungsgruppen verwendet werden könnten, müssen sich zu allererst die Türken davon angesprochen fühlen. Denn leider sind wir im Moment die Prügelknaben oder Sündenböcke dieser Gesellschaft. Meiner Meinung nach sollten wir uns an Debatten wie der um die Integration gar nicht mehr beteiligen. Dazu ist alles gesagt, warum also unsere Zeit verschwenden? Wir müssen uns selbst definieren und wissen, wer wir sind, wo wir stehen und was wir wollen. Wenn uns bestimmte Kreise ausgrenzen möchten, und sei es mit Begriffen, sollten wir uns nicht weiter mit diesen Leuten beschäftigen. Viel wichtiger ist es zu versuchen, als Deutsch(Land)-Türken aktiv am gesellschaftlichen Leben zu partizipieren.

16. Februar 2011

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